Kennzahlensysteme bei mehrfacher Zielsetzung im Logistikbereich


Diplomarbeit, 2007

61 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Anhangsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Grundlagen der Logistik
2.1.1 Der Logistikbegriff
2.1.2 Logistische Funktionen im Unternehmen
2.1.3 Planungs- und Entscheidungsfelder der Logistik
2.2 Entscheidungstheoretische Grundlagen
2.2.1 Die Entscheidungstheorie
2.2.2 Ziele und Zielsysteme
2.2.3 Das Grundmodell der Entscheidungstheorie
2.2.4 Entscheidungsmethoden bei multikriteriellen Entscheidungsproblemen

3 Das Zielsystem der Logistik
3.1 Herleitung des Zielsystems
3.2 Die Logistikleistung
3.3 Die Logistikkosten
3.4 Die Logistikeffizienz

4 Kennzahlensysteme als entscheidungsbezogenes Informationsinstrument
4.1 Der Kennzahlenbegriff
4.2 Kennzahlensysteme
4.2.1 Begriffsabgrenzung
4.2.2 Funktionen von Kennzahlensystemen

5 Logistik-Kennzahlensysteme in der Praxis
5.1 Anforderungen an Logistik-Kennzahlensysteme
5.2 Ansätze zur Ableitung der Logistik-Kennzahlen
5.2.1 Der top-down Ansatz
5.2.2 Der bottom-up Ansatz
5.2.3 Das Gegenstromverfahren
5.3 Vorstellung und Bewertung ausgewählter Kennzahlensysteme
5.3.1 Das Logistik-Controlling-Kennzahlensystem nach Reichmann
5.3.2 Das LogiBEST Kennzahlensystem
5.3.3 Das ganzheitliche Logistik-Kennzahlensystem nach Weber
5.3.4 Logistik-Balanced Scorecards
5.4 Kritische Reflektion in Hinblick auf das Entscheidungsmodell

6 Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis

Anhang 1: Logistik-Controlling-Kennzahlensystem nach Reichmann

Anhang 2: Beispielhafte Ursache-Wirkungsbeziehung der Logistik für die Wettbewerbsstrategie der Kostenführerschaft

Anhang 3: Ermittlung der Gewichtungsfaktoren im AHP-Verfahren

Anhang 4: Aufbau des Logistik-Kennzahlensystems nach Weber

Anhang 5: Bewertung der Beispielkennzahlensysteme

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Beziehungsgefüge logistischer Aktivitäten

Abbildung 2: Funktionelle Logistik-Subsysteme nach Aufgabeninhalt

Abbildung 3: Die Elemente des Entscheidungsmodells

Abbildung 4: Das Zielsystem der Logistik

Abbildung 5: Kennzahlenarten nach statistisch-methodistischen Gesichtspunkten

Abbildung 6: Vorgehensweise der top-down Ableitung

Abbildung 7: Vorgehensweise der bottom-up Ableitung

Abbildung 8: Kennzahlensystem für die Distributionslogistik nach LogiBEST

Abbildung 9: Ziele und Kennzahlenkatalog einer Logistik-BSC

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Der Unternehmensbereich der Logistik ist für viele Betriebe ein bedeutender Wettbewerbsfaktor geworden. Die Logistik ist zwar kostenintensiv, aber eine Voraussetzung um am Wettbewerb teilzunehmen. Dabei können die anfallenden Logistikkosten bis zu 35% des Umsatzes ausmachen.[1] Um die Logistik eines Unternehmens effizient zu gestalten und sie als Wettbewerbsfaktor optimal zu nutzen muss das Logistik-Management zielgerichtete Entscheidungen treffen. Das Ziel muss dabei sein das Verhältnis von Input und Output der Logistik, die Logistikeffizienz, unter Berücksichtigung der Unternehmensstrategie zu optimieren. Die Problematik im Bereich der Logistik liegt dabei darin, dass es schwierig ist dessen komplexe serviceorientierte Leistungsziele durch Kennzahlen einheitlich zu bewerten.[2] Daher rührt auch das multikriterielle Zielsystem der Logistik. Um dennoch durch Entscheidungen zu einer optimalen Zielereichung zu gelangen ist es daher nötig die mehrdimensionale Zielsetzung der Logistik durch die Artikulation einer Artenpräferenz in einer Zielgröße abzubilden und bewertbar zu machen. Im Rahmen dieser Arbeit soll untersucht werden wie die Ziele der Logistik in Form von Kennzahlen und Kennzahlensystemen operationalisiert werden können und wie Logistik-Kennzahlensysteme (KZS) zur Entscheidungsfindung, vor allem im Kontext der Entscheidungstheorie, genutzt werden können. Zu diesem Zweck wird evaluiert wie ausgesuchte Beispiele für Logistik-KZS dort einzuordnen sind und wie sie die allgemeinen Anforderungen an Logistik-KZS erfüllen.

In dieser Arbeit sollen dazu in Kapitel 2 zunächst die Charakteristika der Logistik und die Entscheidungstheorie beschrieben werden. Daran anschließend folgt eine Herleitung und Beschreibung des logistischen Zielsystems, vor allem um die Besonderheiten und die Schwierigkeiten bei dessen Operationalisierung herauszustellen. In Kapitel 4 wird weiterhin auf Kennzahlensysteme als entscheidungsbezogenes Informations- und Managementinstrument eingegangen. Kapitel 5 bildet den Hauptteil dieser Arbeit. Dort werden zunächst aus den allgemeinen Ansprüchen an Kennzahlensysteme und den Besonderheiten des Logistiksystems die Anforderungen an Logistik-KZS hergeleitet und weiterhin Generierungsmöglichkeiten für Logistikkennzahlen bzw. -kennzahlensysteme beschrieben. Anschließend erfolgt dann, nach der Vorstellung ausgewählter Beispiele und deren Bewertung, eine kritische Einordnung der KZS in die Entscheidungstheorie. Den Schluss dieser Arbeit bildet dann ein abschließendes Fazit.

2 Theoretische Grundlagen

Dieses Kapitel gibt zur Abgrenzung des Themenbereichs einen Überblick über die theoretischen Grundlagen. Dazu soll neben der Logistik auch auf die Entscheidungstheorie eingegangen werden.

2.1 Grundlagen der Logistik

Um den Gegenstand der Logistik abzustecken wird zunächst auf den Begriff der Logistik sowie auf dessen Funktionen eingegangen. Dabei sollen vor allem die systembezogene und die prozessbezogene Sichtweise hervorgehoben werden. Weiterhin werden kurz die Entscheidungsbereiche der Logistik erläutert, für die Logistik-Kennzahlensysteme Informationen bereitstellen sollen.

2.1.1 Der Logistikbegriff

Der Ursprung des Begriffs Logistik liegt im militärischen Bereich, wo er zur Beschreibung der Aufgaben zur Unterstützung der Streitkräfte, sowohl in Belangen der Versorgung als auch der Truppendisposition und der Besoldung, genutzt wurde.[3] Im Kontext der Betriebswirtschaftslehre wurde der Logistikbegriff in den 60er Jahren in den USA etabliert.[4] Die Unternehmenslogistik beschrieb damit erstmals die Logistik als eigenständige Funktion im Rahmen der Betriebswirtschaftslehre.[5] Sie ist dort meist flussorientiert definiert, als Planung, Steuerung, Realisierung und Kontrolle des kosteneffizienten Warenflusses und der Lagerung einschließlich der dazugehörigen Informationsflüsse und mit dem Ziel, die Kundenwünsche zu befriedigen.[6] Die Kundenwünsche werden beschrieben als: richtiges Produkt, Menge, Zeitpunkt und Ort (die sog. vier „R’s“[7]), mit den daraus abzuleitenden Anforderungen an die Logistik zur Auftragserfüllung, Mengenanpassung, sowie Zeit- und Raumüberbrückung.[8] Neben der flussorientierten Definition existieren diverse weitere, so unter anderem auch der lebenszyklusorientierte Ansatz.[9] Dieser Arbeit soll jedoch ausschließlich die flussorientierte Definition der Logistik zu Grunde liegen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Beziehungsgefüge logistischer Aktivitäten[10]

Aufgabe des Logistik-Managements ist es generell die logistischen Aktivitäten, sowohl im Logistiksystem, als auch im Gesamtunternehmen und in der Unternehmensumwelt, also in der Wettbewerbssituation, zielführend zu koordinieren.[11] Um diese Aufgabe zu verdeutlichen sind die logistischen Aktivitäten im Beziehungsgefüge eines Unternehmens in Abbildung 1 vereinfacht dargestellt. Das Beziehungsgefüge enthält dabei die wichtigsten Aktivitäten, Variablen und Ziele des Logistiksystems.

2.1.2 Logistische Funktionen im Unternehmen

Zur weiteren Unterteilung der Unternehmens-Logistik wird meist eine Abgrenzung in funktionelle Teilbereiche vollzogen um die logistischen Entscheidungsfelder zu konkretisieren.[12] Diese funktionelle Abgrenzung kann auf zwei Arten erfolgen. Auf der einen Seite lassen sich die Subsysteme nach dem Inhalt der von ihnen verrichteten Aufgaben unterteilen, auf der anderen Seite können sie in Bezug auf die Phasen des Güterflusses differenziert werden.[13] Güterflussbezogen können weiterhin die drei klassischen Bereiche der Beschaffungs-, Produktions- und Distributionslogistik voneinander abgegrenzt werden.[14] In der Literatur hat sich dazu mittlerweile die Entsorgungslogistik als übergreifender, vierter Teilbereich der Logistik etabliert.[15] Aufgabe der Beschaffungslogistik ist die Koordination des Warenzulaufs vom Lieferanten bis zum Übergang in ein eigenes Zwischenlager oder direkt in den Produktionsprozess.[16] Die zweite Phase des Güterflusses, die Produktionslogistik,[17] befasst sich mit der Versorgung der Produktionslinien aus dem Beschaffungslager und der Einlagerung der Fabrikate in weitere Zwischen- oder Absatzlager.[18] Die Distributionslogistik, als die dritte Phase des logistischen Güterflusses und Übergang zum Markt, wird beschrieben als „alle Tätigkeiten, durch die Transport- und Lagervorgänge […] zur Auslieferung der Fertigprodukte […] gestaltet, gesteuert oder kontrolliert werden“[19]. Sie beginnt dabei mit der Auslagerung der Waren aus dem Fertigwarenlager und endet mit der Verbuchung der Anlieferung beim Kunden.[20] Im Gegensatz zu den drei anderen Phasen stellt die Entsorgungslogistik einen umgekehrten, übergreifenden Güterfluss dar.[21] Sie hat dabei die „Entwicklung, Gestaltung, Lenkung und Realisation effektiver und effizienter Reststoffflüsse“[22] zur Aufgabe. Jedem dieser physischen, güterflussbezogenen Prozesse ist analog ein informationsflussbezogener Prozess zuordenbar, der zur Koordination des Güterflusses notwenig ist.[23] Wie bereits angesprochen kann auch das Vornehmen einer Abgrenzung in Bezug auf den Aufgabeninhalt der Logistik-Subsysteme sinnvoll sein. In diesem Sinne kann von fünf verrichtungsspezifischen Teilsystemen gesprochen werden, dem Lagerhaltungssystem, dem Transportsystem, dem Verpackungssystem, dem Lagerhaussystem sowie dem Auftragsabwicklungssystem.[24] Diese Abgrenzung innerhalb des Logistiksystems ist zusammenfassend in Abbildung 2 dargestellt, wobei die Pfeile die Interdependenzen zwischen den Teilsystemen abbilden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Funktionelle Logistik-Subsysteme nach Aufgabeninhalt[25]

Als Input können dabei die in Form von Kosten bewerteten Einsatzfaktoren angesehen werden. Der Output des Logistiksystems kann durch die vier „R’s“ beschrieben werden und stellt die Logistikleistung in Form eines Services bzw. dessen Niveau dar.[26]

2.1.3 Planungs- und Entscheidungsfelder der Logistik

Generell behandeln die Entscheidungsfelder der Logistik allesamt „die Gestaltung und Lenkung des Güterstroms von der Rohstoffquelle […] zu den Verbrauchern“[27]. Es geht also bei logistischen Entscheidungen um die Gestaltung der Logistikprozesse im Unternehmen.[28] Die einzelnen Entscheidungsfelder lassen sich dabei einer strategischen, einer taktischen oder einer operativen Ebene zuordnen. Die strategische Planung hat zum Ziel Entscheidungen zu treffen, die langfristige Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Entwicklung des Unternehmens schaffen, während operative Entscheidungen zur optimalen Ausnutzung der Leistungspotentiale beitragen sollen. Diese Leistungspotentiale wurden im Rahmen taktischer Entscheidungen zur Realisierung der strategischen Ziele geschaffen.[29] Als klassische Entscheidungsbereiche der Logistik lassen sich vor allem folgende nennen:[30]

Die Standortplanung

Die Konfigurationsplanung

Die Transport- und Tourenplanung

Das Lagerbestandsmanagement

Die Pack- und Beladungsplanung

Die Standortplanung beinhaltet die Festlegung der Anzahl und Standorte der Betriebsstätten. Dabei kann es sich sowohl um Lager als auch um Produktionsstandorte handeln. Die Kriterien bei der Standortplanung sind vor allem die Entfernung zum Kunden, die sich in der Lieferdauer niederschlägt, sowie die Transport- und Lagerhauskosten die dabei anfallen.[31] Bei der Problematik der Konfigurationsplanung sind sowohl die Auswahl und Anordnung der Produktionssysteme[32] als auch die Lagergestaltung in Hinblick auf das Layout[33] und die verwandten Systeme[34] zu berücksichtigen. Der Bereich der Transport- und Tourenplanung umfasst die Planung der inner- und außerbetrieblichen Transportmittel sowie der Transportwege. Es sind also Entscheidungen zur Gestaltung und Nutzung des Fuhrparks, der Routenplanung, sowie der möglichen Fremdvergabe von Transportaufträgen zu treffen. Das Lagerbestandsmanagement soll Probleme der Losgrößenplanung, also Bestellmenge und -zeitpunkt, sowie die Gestaltung der Sicherheitsbestände lösen.[35] Die Pack- und Beladungsplanung beschäftigt sich dagegen mit der Kommissionierung, also der Auftragszusammenstellung, von Waren und der Beladung der Transporteinheiten mit bereits kommissionierten Waren. Weiterhin sind ihr auch Entscheidungen zur Lagerplatzzuteilung zuzuordnen.[36] Entscheidungen in jedem dieser Bereiche haben Auswirkungen auf die jeweils anderen, so dass bei allen Entscheidungen sowohl Interdependenzen zwischen den Zielen der einzelnen Entscheidung, als auch solche zwischen den Zielen unterschiedlicher Entscheidungsfelder zu berücksichtigen sind. Dies kommt vor allem in der Tatsache zum Ausdruck, dass tendenziell alle Entscheidungen Einfluss auf die Kosten und die Leistungen, bzw. das Leistungsvermögen des Logistiksystems und der -prozesse nehmen. Die Entscheidungen sind daher so zu treffen, dass sie im Hinblick auf das Erreichen der Gesamtheit der Logistikziele optimal sind.

2.2 Entscheidungstheoretische Grundlagen

Entscheidungen im Unternehmen zu beschreiben und zu modellieren ist Aufgabe der Entscheidungstheorie, die im Folgenden erläutert wird. Dabei soll vor allem auf Ziele als ein Hauptbestandteil von Entscheidungsmodellen eingegangen werden, sowie das Thema dieser Arbeit entscheidungstheoretisch eingeordnet werden. Weiterhin sollen dann entsprechende Lösungsmethoden aufgeführt werden.

2.2.1 Die Entscheidungstheorie

Unter dem Begriff der Entscheidung wird allgemein „die […] bewusste Auswahl einer von mehreren möglichen Handlungsalternativen“[37] beschrieben. Mit der Theorie der Entscheidung bzw. der Beschreibung der Entscheidungsfindung befasst sich die Entscheidungstheorie deren Gegenstand Sieben/Schildbach folgendermaßen definieren: „Entscheidungstheorie befasst sich […] systematisch mit […] Wahlhandlungen oder Entscheidungen“[38]. Entscheidungen sind dabei immer zielgerichtet, das heißt es soll durch sie, an Hand von Zielvorstellungen, ein Ziel oder ein Bündel von Zielen möglichst optimal erreicht werden. In der wissenschaftlichen Disziplin der Entscheidungstheorie gibt es dazu zwei grundsätzliche Ansätze, den beschreibenden (deskriptiven) und den vorschreibenden (präskriptiven) Ansatz.[39]

Der deskriptive, empirisch-realistische Ansatz, versucht das tatsächliche Handeln in Entscheidungssituationen durch Gesetzmäßigkeiten zu beschreiben.[40] Diese begründet er mit empirisch belegten Hypothesen und ist so in der Lage Entscheidungen zu prognostizieren.[41] Das Ziel des präskriptiven Ansatzes hingegen ist es, eine Antwort auf die Frage zu geben „was ein Entscheider in unterschiedlichen Entscheidungssituationen tun soll“[42]. Dieser soll dem Entscheider logische Ratschläge für die Findung der besten Alternative geben wobei ein rationales Handeln des Entscheiders unterstellt wird, so dass dieser Ansatz auch als wertend oder normativ bezeichnet wird. Der Ansatz der präskriptiven bzw. normativen Entscheidungstheorie teilt sich weiterhin in zwei Richtungen. Von der praktisch-normativen Entscheidungstheorie spricht man, wenn dem Entscheider die Wahl des konkreten Zieles überlassen und dieses nicht vorgegeben wird. Der bekennend-normative Zweig hingegen trifft zusätzlich Aussagen über das konkret anzustrebende Ziel. Im Gegensatz zu den allgemeinen Aussagen der praktisch-normativen Entscheidungstheorie trifft die bekennend-normative nur Aussagen für eine ganz bestimmte Zielsetzung.[43]

Wie oben angeführt ist es das Ziel einer Entscheidung eine Zielstellung bestmöglich zu erreichen. Daher stellen Ziele und Zielsysteme, die eine solche Zielstellung abbilden, ein wichtiges Element jeder Entscheidungssituation und die Grundvoraussetzung für jede Entscheidung dar. In der Realität kommt es dabei meistens zu multikriteriellen Entscheidungen, für deren Existenz folgende Gründe aufzuführen sind:[44]

Die explizite Berücksichtigung mehrerer Zielgrößen.

Die Existenz eines nicht operationalen übergeordneten Zieles, so dass ersatzweise ein multikriterielles Entscheidungsproblem formuliert werden muss.

Das formal begründete Ersetzen eines übergeordneten Zieles durch Unterziele.

2.2.2 Ziele und Zielsysteme

Ein Ziel im Rahmen eines Unternehmens definiert Heinen als einen zukünftigen, erstrebenswerten Zustand eines Unternehmens.[45] Dazu sind für die verschiedenen relevanten Dimensionen eines Ziels Angaben zu machen. Als Dimensionen können in diesem Sinne der Zielinhalt, das Zielausmaß, sowie der zeitliche und sachliche Geltungsbereich angesehen werden.[46] Ziele sind die Grundvoraussetzung für das Treffen einer unternehmerischen Entscheidung. Sie liefern die Grundlage für eine Beurteilung möglicher Entscheidungsalternativen die potentiell zu einem verbesserten Zustand führen können. Erst dadurch ist eine rationale Planung und Unternehmenssteuerung überhaupt möglich.[47] Es kann in der Praxis, bei der Zielkonzeption in Unternehmen, in der Regel von der Existenz mehrerer Ziele ausgegangen werden.[48]

In der Literatur wird zwischen Sach- und Formalzielen unterschieden, wobei weitere Quellen diese um Sozialziele ergänzen. Die Sachziele stellen Leistungsziele, zum Beispiel in Bezug auf Menge und Qualität eines erstellten Gutes oder einer Dienstleistung dar, während Formalziele ökonomische Ziele wie Gewinn oder Liquidität beschreiben.[49] Werden die Ziele sowie deren Beziehungen in Gesamtheit betrachtet, lässt sich der Systembegriff übertragen und man kann von einem so genannten Zielsystem sprechen.[50] Ein System ist dabei definiert als eine „Menge von geordneten Elementen mit Eigenschaften, die durch Relationen verknüpft sind“[51]. Die angesprochenen Beziehungen zwischen den Zielen können dabei komplementärer, konkurrierender oder indifferenter Art sein.[52] Als wesentliche Anforderungen an ein Zielsystem sind dessen Einfachheit und die Klarheit zu nennen, die vor allem durch eine hierarchische Struktur und ein entsprechendes Spitzenziel zustande kommen.[53] Das Controlling hat dabei sicherzustellen, dass in einem Unternehmen, das sich auf eine Grundstrategie festgelegt hat, auch für jeden Teilbereich ein Zielsystem entwickelt wird, das die gewählte Unternehmensstrategie bestmöglich unterstützt. Dazu muss die Strategie und damit das Zielsystem eines jedes Teilbereichs des Unternehmens widerspruchsfrei aus der Unternehmensstrategie erstellt werden.[54] Das heißt auch, dass die verfolgten Ziele zur Erfüllung der Unternehmensziele beitragen.[55] Als die unternehmerischen Grundstrategien können dabei die von Porter definierten angesehen werden.[56] Das Zielsystem stellt also die angestrebten Ziele des Entscheiders und damit die wichtigste Determinante einer jeden Entscheidungssituation dar.[57] Diese können in Form von Modellen formuliert und abgebildet werden.[58]

2.2.3 Das Grundmodell der Entscheidungstheorie

Da Erkenntnisse über die Auswirkungen einzelner Handlungsalternativen auf die Ziele in aller Regel nicht durch Experimente an einem realen Betrieb gewonnen werden können, ergibt sich die Notwendigkeit der Verwendung von Modellen. Ein Modell dient dabei immer der vereinfachten Abbildung der Realität und ist aus verschiedenen Elementen, sowie ihren Eigenschaften und Verbindungen aufgebaut.[59] Für die Entscheidungstheorie existiert dazu ein Grundmodell, das versucht alle Entscheidungsprobleme prinzipiell auf eine gemeinsame Grundstruktur zurückzuführen. Entscheidungstheoretische Modelle versuchen dabei mehr oder weniger komplexe Entscheidungssituationen formal abzubilden.[60] Durch die rationale Auswahl der optimalen Alternative und die Prämisse der freien Wahl der Ziele durch den Entscheider, lässt sich das nachfolgend dargestellte Modell auch als praktisch normatives Grundmodell bezeichnen.[61]

Als Basiselemente des Modells sollen zunächst das Entscheidungsfeld und das Zielsystem erläutert werden. Das Entscheidungsfeld enthält Informationen über die Handlungsalternativen, die möglichen Umweltzustände und deren Einfluss sowie die bewerteten Konsequenzen der Entscheidungen.[62] Der Aktionsraum, der die Handlungsalternativen abbildet, ist als „Menge aller Aktionen, die dem Entscheidungsträger offen stehen“[63] definiert, wobei dabei immer die Unterlassungsalternative mit eingeschlossen ist. Dabei beschreibt erst die Menge aller Ausprägungen der Aktionsparameter eine Aktion umfassend. Das Modellelement des Zustandsraumes beschreibt die für das Entscheidungsproblem relevanten Umweltfaktoren und deren Ausprägung.[64] Besteht der Fall, dass der wahre Umweltzustand unbekannt ist, spricht man von einer unsicheren Situation, im Gegensatz zur Situation der Sicherheit in der dieser bekannt ist.[65] Die jeweils von einer bestimmten Aktion und einem Umweltzustand determinierte Handlungskonsequenz bringt dann die entsprechende Ergebnisfunktion zum Ausdruck.[66] Die Gesamtheit der Elemente des Entscheidungsfeldes und ihrer möglichen Ausprägungen kann dann in Form einer Ergebnismatrix aufgestellt werden. Sie bildet für jede Alternative bei jedem möglichen Umweltzustand das zu erwartende Ergebnis ab.[67] Das Basiselement „Zielsystem“[68] umfasst den Zielraum, der die für die jeweilige Entscheidungssituation relevanten Ziele des bereits erläuterten Zielsystems, sowie die Entscheidungsregeln, in Form der Präferenzen des Entscheiders, abbildet.[69] Aus der an Hand der Präferenzen mit einem Nutzen bewerteten Ergebnismatrix lässt sich dann die Entscheidungsmatrix ableiten und eine Entscheidung treffen.[70] Die Elemente des Entscheidungsmodells und ihre Verknüpfung werden in Abbildung 3 schematisch veranschaulicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die Elemente des Entscheidungsmodells[71]

Wie erwähnt erfolgt die Bewertung der Ergebnismatrix an Hand der Präferenzen des Entscheiders, dazu muss der Entscheidungsträger seine Präferenzen im Hinblick auf die Dimensionen des Zielsystems formulieren. Bis zu vier Präferenzen sind dabei in Abhängigkeit von der Art des Entscheidungsproblems relevant, die Höhen-, die Arten-, die Zeit- und die Risikopräferenz.[72] Die Höhenpräferenz besagt, dass die Höhe der Zielgröße über die Vorziehungswürdigkeit der Alternative entscheidet.[73] Je nach Art des Ziels kann dies zum Beispiel die Alternative mit der minimalen Zielausprägung, wie bei der Zielgröße Kosten, oder der maximalen Zielausprägung sein. Die Artenpräferenz ist erst relevant, wenn es um die Zielbildung bei mehrkriteriellen Entscheidungsproblemen geht. Sind im Zielsystem konfliktäre Ziele enthalten, so ist es notwendig eine relative Vorziehenswürdigkeit der Ziele durch eine Artenpräferenz festzulegen.[74] Diese Gewichtung sollte sich aus der Strategie ableiten. So wird beim Anstreben einer Kostenführerschaft die Gewichtung der Kosten größer sein als das Gewicht der Servicequalität wohingegen beim strategischen Ziel der Qualitätsführerschaft die Kosten in den Hintergrund geraten. Zeitpräferenzen sind dann aufzustellen, wenn es sich um mehrperiodische Entscheidungen handelt, Risikopräferenzen hingegen dann, wenn es sich um Entscheidungen bei Unsicherheit oder Ungewissheit handelt. Dabei gibt eine Zeitpräferenz an, wie der Entscheider die relative Vorziehenswürdigkeit in Bezug auf den Zeitpunkt des Ergebnisses beurteilt. Bei der Risiko- oder auch Sicherheitspräferenz beurteilt der Entscheider seine Risikoeinstellung so, dass er die relative Vorziehenswürdigkeit der Alternativen an der Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens festmacht.[75]

[...]


[1] Vgl. Bowersox/Closs (1996), S. 5.

[2] Vgl. Wildemann (2003), S. 44; Weber/Kummer/Großklaus/et al. (1997), S. 438.

[3] Vgl. Ihde (2001), S. 22f.

[4] In der Literatur wird dazu Morgenstern (1955) als erster Beitrag zur Beschreibung der Logistiktheorie als wissenschaftliche Disziplin genannt; vgl. dazu u. a. Weber (1999), S. 4.

[5] Vgl. Isermann (1998), S. 21.

[6] Vgl. Pfohl (2004), S. 12.

[7] Vgl. Pfohl (1972), S. 28ff.

[8] Vgl., Gudehus (2000), S. 9.

[9] Vgl. dazu Coyle/Bardi/Langley (1992) die den Gedanken verfolgen, dass die Logistik, im Sinne des Produktlebenszyklus, die Maßnahmen von der Planung und Entwicklung, über die Benutzung bis zur Entsorgung eines Produktes umfasst.

[10] Eigene Darstellung in Anlehnung an Bertram (1995), S. 30.

[11] Vgl. Bertram (1995), S. 30.

[12] Vgl. Pfohl (2004), S. 77.

[13] Vgl. Pfohl (2004), S. 17ff.

[14] Vgl. Darr (1992), S. 1; Bowersox/Closs (1996), S. 3.

[15] In Pfohl (2004), S. 19 sowie Gudehus (2000), S. 11f . ist die Entsorgungslogistik als Teilsystem genannt, in Bowersox/Closs (1996) und Darr (1992) hingegen findet sie keine Erwähnung.

[16] Vgl. Gudehus (2000), S. 12.

[17] Die Produktionslogistik ist nur in produzierenden Betrieben zu berücksichtigen. In reinen Handels- oder Logistikunternehmen besteht die Logistik ausschließlich aus den Teilsystemen der Beschaffung und der Distribution.

[18] Vgl. Pfohl (2004), S. 16.

[19] Pfohl (1972), S.17ff.

[20] Vgl. Darr (1992), S. 11ff.; In älterer Literatur wird die Distributionslogistik nach den Ausführungen in Darr (1992), S. 1, auch synonym als Marketing-Logistik bezeichnet.

[21] Vgl. Pfohl (2004), S. 17.

[22] Vgl. Göpfert (2000), S. 205f.

[23] Vgl. dazu die Ausführung zur Distributionslogistik in Darr (1992), S. 2, die jedoch auch auf die anderen Logistik-Subsysteme anwendbar sind.

[24] Da die Namen der Teilsysteme bereits den Aufgabeninhalt widerspiegeln soll hier auf eine weitere Ausführung verzichtet werden. Ausführungen dazu in Pfohl (2004), S. 77.

[25] Entnommen aus Pfohl (2004), S. 20.

[26] Vgl. ebd., S. 19.

[27] Bertram (1995), S. 199.

[28] Vgl. Strigl (2001), S. 78.

[29] Vgl. Günther/Tempelmeier (2000), S. 25.

[30] Arnold/Isermann/Kuhn/et al. (2002) führen die genannten Felder als Planungsbereiche logistischer Systeme an, wobei sie den fünften Bereich als Paletten- und Containerbeladung bezeichnen.

[31] Vgl. Pfohl (2004), S. 128f.

[32] Die Konfigurationsplanung der Produktion ist in Arnold/Isermann/Kuhn/et al. (2002), A3-15ff., ausführlich erläutert, soll jedoch in dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt werden.

[33] Vgl. Günther/Tempelmeier (2000), S. 25.

[34] Ausführungen zu möglichen Lagersystemen sind umfassend beschrieben in Martin (2004), S. 336f.

[35] Vgl. Bowersox/Closs (1996), S. 243ff.

[36] Vgl. Pfohl (2004), S. 132.

[37] Laux (2006), S. 1.

[38] Sieben, Schildbach (1994), S. 1.

[39] Vgl. Laux (2005), S. 2ff.

[40] Vgl. Saliger (2003), S. 1.

[41] Vgl. Sieben/Schildbach (1994), S. 3.

[42] Laux (2005), S. 2.

[43] Vgl. Sieben/Schildbach (1994), S. 1ff.

[44] Vgl. ebd., S. 24, Laux (2005), S. 65f.

[45] Vgl. Heinen (1976), S. 18.

[46] Vgl. Gritzmann (1991), S. 49.

[47] Vgl. Adam (1996), S. 99.

[48] Vgl. Gritzmann (1991), S. 35; Hummel/Kurras/Niemeyer (1980), S. 94, Heinen (1976), S. 53.

[49] Vgl. Heinen (1976), S. 89f.; Weitere Quellen sind in Gritzmann (1991), S. 55 aufgeführt.

[50] Vgl. Syska (1990), S. 30;

[51] Vgl. Alisch (2005), S. 2874.

[52] Vgl. Adam (1996), S. 106f.; Heinen (1976), S. 94ff.

[53] Vgl. Küpper (2005), S. 367.

[54] Vgl. Weber/Großklaus/Kummer/et al. (1995), S. 23; Kramer (2003), S. 11.

[55] Vgl. Küpper/Helber (1995), S. 50.

[56] Vgl. Porter (1980), S. 35ff.

[57] Vgl. Sieben/Schildbach (1994), S. 15.

[58] Vgl. Saliger (2003), S. 2.

[59] Vgl. Bamberg/Coenenberg (2004), S. 13.

[60] Als Begründer in der deutschen Literatur kann Schneeweiß (1966) angesehen werden, der mit seiner Adaption des Entscheidungsmodells von Savage den Begriff „Grundmodell der Entschei- dungstheorie“ geprägt hat.

[61] Vgl. Sieben/Schildbach (1994), S. 1ff.

[62] Vgl. ebd., S. 15.

[63] Sieben, Schildbach (1994), S. 16.

[64] Vgl. Saliger (2003), S. 4ff.

[65] Vgl. Laux (2005), S. 22.

[66] Vgl. Bamberg/Coenenberg (2004), S. 23.

[67] Vgl. Laux (2005), S. 35.

[68] Im Gegensatz zu der Bedeutung des Begriffs Zielsystem als systematische Anordnung der Ziele, ist hier das Zielsystem im Sinne von Bamberg/Coenenberg (2004), S. 30, als „Menge der verfolgten Zielgrößen sowie der Präferenzrelationen des Entscheiders“ zu verstehen.

[69] Vgl. Bamberg/Coenenberg (2004), S. 28.

[70] Vgl. Sieben/Schildbach (1994), S. 30f.

[71] In Anlehnung an Sieben/Schildbach (1994), S. 16.

[72] Vgl. Adam (1996), S. 104.

[73] Vgl. Sieben/Schildbach (1994), S. 25.

[74] Vgl. Adam (1996), S. 105.

[75] Vgl. Sieben/Schildbach (1994), S. 27f.

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Kennzahlensysteme bei mehrfacher Zielsetzung im Logistikbereich
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Betriebswirtschaftslehre - Lehrstuhl für Internes Rechnungswesen und Controlling)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
61
Katalognummer
V75556
ISBN (eBook)
9783638716550
ISBN (Buch)
9783638718783
Dateigröße
1556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kennzahlensysteme, Zielsetzung, Logistikbereich
Arbeit zitieren
Dipl. Wirtschaftsing. Guido Krebs (Autor), 2007, Kennzahlensysteme bei mehrfacher Zielsetzung im Logistikbereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75556

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