Verhaltensstörungen werden bislang in der Regel als (ungünstiges) Erziehungsverhalten der primären Bezugspersonen, meist der Eltern, angesehen und nur selten mit hirnfunktionellen Störungen in Verbindung gebracht. Die vorliegende Arbeit versucht in drei empirischen Studien prä-, peri- und postnatale Risikofaktoren dahingehend zu überprüfen, inwieweit sie mit später in der Entwicklung auftretenden Verhaltensstörungen in einem Zusammenhang zu sehen sind.
In zwei Studien wird zum einen das Ausmaß der von Erzieherinnen eingeschätzten Verhaltensauffälligkeiten bei 458 Braunschweiger Kindergartenkindern erhoben und differenziert analysiert und zum anderen werden bei 423 Kindern einer Inanspruchnahmepopulation des Sozialpädiatrischen Zentrums Wolfsburg vorhandene Risikofaktoren auf mögliche Zusammenhänge mit Verhaltensstörungen überprüft.
Es konnte gezeigt werden, daß Erzieherinnen Verhaltensstörungen überwiegend nach einem psychosozialen Konzept beurteilen. Weiter konnte gezeigt werden, daß Risikofaktoren wie EPH-Gestose, Infektionen der Mutter, Medikamenteneinnahme während der Schwangerschaft, Geburtsart (insbesondere Sectio), Seh-, Hör- und Sprachstörungen die Wahrscheinlichkeit für spätere Verhaltensstörungen stark erhöhen. Für andere Risikofaktoren wie zum Beispiel Schädel-Hirn-Traumen, vorzeitige Wehen oder Schwangerschaftsblutungen, Alkohol, Nikotin, motorische Störungen war der Einfluß mittelstark bis schwach, während beispielsweise die Zahl der Schwangerschaften und das Alter der Mutter keinen Einfluß zu haben scheinen.
Im letzten Teil der vorliegenden Arbeit wird ein Screening-Verfahren in Form eines Fragebogens vorgestellt, der die Wechselwirkungen zwischen Hirnfunktions- und Verhaltensstörungen im Kindergartenalter erfassen kann und der dazu beiträgt, frühzeitig eine entsprechende weitergehende Diagnostik zu veranlassen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
1.1 Deterministisch-hierarchisches Entwicklungskonzept
1.2 Adaptives, holistisches Entwicklungskonzept
1.3 Konzept der Entwicklungsbahnen
2 Verhaltensstörungen
2.1 Klassifikationssysteme
2.2 Epidemiologie und Prävalenz von Verhaltensstörungen im Kindes- und Jugendalter
2.3 Komorbidität
2.4 Biologische Grundlagen
3 Hirnfunktionsstörungen
3.1 Neuropsychologische Grundlagen
3.2 Motorische Störungen: Infantile Cerebralparese (ICP)
3.3 Wahrnehmungsstörungen
3.3.1 Störungen der visuellen Wahrnehmung
3.3.2 Störungen der auditiven Wahrnehmung
3.4 Sprachstörungen
4 Risikofaktoren
4.1 Pränatale Risikofaktoren
4.1.1 Blutungen / Vorzeitige Wehen
4.1.2 EPH-Gestose
4.1.3 Infektionen
4.1.4 Alkohol
4.1.5 Nikotin
4.1.6 Drogen / Medikamente
4.2 Perinatale Risikofaktoren
4.2.1 Geburtszeitpunkt
4.2.2 Geburtsgewicht
4.3 Postnatale Risikofaktoren
4.3.1 Hirnblutungen
4.3.2 Schädel-Hirn-Trauma
4.3.3 Krampfanfälle
4.3.4 Epilepsien
4.3.5 Asthma bronchiale
4.3.6 Allergien
4.3.7 Sehstörungen im Kindesalter
4.3.8 Hörstörungen im Kindesalter
5 Empirische Untersuchung
5.1 Methode
5.1.1 Empirische Untersuchung: Teil 1
5.1.2 Empirische Untersuchung: Teil 2
5.1.3 Empirische Untersuchung: Teil 3
5.2 Empirische Untersuchung: Teil 1
5.2.1 Durchführung einer Befragung in Wolfsburger Kindertagesstätten
5.2.2 Merkmale der Stichprobe
5.2.3 Analyse der Befragung von Erzieherinnen in Kindertagesstätten der Stadt Braunschweig
5.2.4 Ergebnisse der empirischen Untersuchung zu Teil 1
5.2.5 Diskussion
5.3 Empirische Untersuchung: Teil 2
5.3.1 Analyse der Daten aus dem Zentrum für Entwicklungsdiagnostik und Sozialpädiatrie Wolfsburg (SPZ Wolfsburg)
5.3.2 Merkmale der Stichprobe
5.3.3 Darstellung der erhobenen Anamnesedaten im Sozialpädiatrischen Zentrum Wolfsburg
5.3.4 Anamnesedaten (Gesamtstichprobe)
5.3.4.1 Daten in Bezug auf die Familienanamnese
5.3.4.2 Daten in Bezug auf die Schwangerschaft
5.3.4.3 Daten in Bezug auf die Geburtssituation
5.3.4.4 Daten in Bezug auf die Neugeborenen-Periode
5.3.4.5 Daten in Bezug auf die Krankheits- und Störungsbilder
5.3.4.6 Daten in Bezug auf die Diagnosestellungen im Sozialpädiatrischen Zentrum Wolfsburg
5.3.5 Analyse der Anamnesedaten
5.3.6 Ergebnisse der empirischen Untersuchung: Teil 2
5.3.6.1 Ergebnisse der Daten: Schwangerschaft
5.3.6.2 Ergebnisse der Daten: Geburt
5.3.6.3 Ergebnisse der Daten: Neugeborenen-Periode
5.6.3.4 Ergebnisse der Daten: Krankheits- und Störungsbilder
5.6.3.5 Ergebnisse der Daten: Diagnosestellungen
5.3.7 Diskussion
5.4. Empirische Untersuchung: Teil 3
5.4.1 Entwicklung eines Fragebogens zur Zuordnung von Symptomen von Verhaltensstörungen
5.4.2 Methode
5.4.2.1 Voruntersuchung
5.4.2.2 Ergebnisse
5.4.2.3 Itemselektion
5.4.3 Fragebogeneinsatz in Kindertagesstätten
5.4.3.1 Ergebnisse
5.4.4 Diagnostische Überprüfung der Fragebogendaten
5.4.5 Einzelfalldiagnostik
5.4.5.1 Fallbeispiel 1
5.4.5.2 Fallbeispiel 2
5.4.5.3 Fallbeispiel 3
5.4.6 Diskussion
6 Zusammenfassung und Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit neurogene Risikofaktoren während der Schwangerschaft, der Geburt sowie in der frühen Kindheit die Entstehung kindlicher Verhaltensstörungen beeinflussen. Ziel ist es, Zusammenhänge zwischen biologischen Belastungen und Verhaltensauffälligkeiten aufzuzeigen sowie ein Screening-Verfahren für pädagogische Fachkräfte zu entwickeln, das eine frühe Identifikation von Risikokindern ermöglicht.
- Analyse neurobiologischer und pränataler Risikofaktoren
- Einfluss von Hirnfunktionsstörungen auf das kindliche Verhalten
- Empirische Untersuchung von Verhaltensstörungen in Kindertagesstätten
- Verknüpfung von medizinisch-neurologischen Anamnesedaten mit diagnostischen Auffälligkeiten
- Entwicklung und Evaluation eines Screening-Fragebogens zur Früherkennung
Auszug aus dem Buch
1.1 Deterministisch-hierarchisches Entwicklungskonzept
Das deterministisch-hierarchische Entwicklungskonzept wird durch eine Reihe von Annahmen charakterisiert, die in sich schlüssig sind. Michaelis und Haas (1994) beschreiben diese Annahmen wie folgt:
• Die Entwicklung schreitet von unreifen zu reifen Entwicklungsstadien fort. Das endgültige, reife Stadium ist immer nur dann voll funktionsfähig, wenn die vollständige Reifung des Systems erreicht worden ist.
• Entwicklungsschritte folgen aufeinander in strenger zeitlicher und morphologischer Ordnung.
• Ein vorgeschalteter Entwicklungsschritt kann nicht beliebig später durchlaufen werden, da er die Voraussetzung für die nachfolgenden Entwicklungsschritte bildet.
• Eine strenge zeitliche Korrelation aller für die Entwicklung notwendigen morphologischen, biologischen, funktionellen und neuronalen Voraussetzungen ist essentiell, da anderenfalls ein normaler Ablauf der Entwicklung nicht garantiert werden kann.
• Eine solche notwendige, rigide Kontrolle von Entwicklungsvorgängen kann nur durch eine genetische Festlegung aller Entwicklungsschritte garantiert werden.
• Entwicklungsschritte müssen in starker gegenseitiger Abhängigkeit linear und hierarchisch geordnet sein.
• Die Störung eines der frühen Entwicklungsschritte muß zur Störung des gesamten Systems führen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Diese Einleitung thematisiert die Zunahme von Verhaltensstörungen bei Kindern und weist auf die bisher vernachlässigte Bedeutung neurobiologischer Einflussfaktoren hin.
2 Verhaltensstörungen: Das Kapitel differenziert zwischen primären und sekundären Störungen und erläutert die Bedeutung von Risikomodellen sowie neuropsychologischer Funktionen für die Verhaltensprägung.
3 Hirnfunktionsstörungen: Hier werden neurophysiologische Grundlagen und spezifische Störungsbilder wie die Infantile Cerebralparese sowie Wahrnehmungsstörungen detailliert erläutert.
4 Risikofaktoren: Dieser Teil kategorisiert pränatale, perinatale und postnatale Gefährdungen und ihre Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung, etwa durch Infektionen, Alkohol oder Hirntraumen.
5 Empirische Untersuchung: Dieser Hauptteil beschreibt die Durchführung und Ergebnisse einer Befragung in Kindertagesstätten sowie die Analyse von Patientendaten aus einem Sozialpädiatrischen Zentrum zur Validierung der Forschungsfrage.
6 Zusammenfassung und Diskussion: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer mehrdimensionalen Betrachtungsweise von Verhaltensauffälligkeiten unter Einbeziehung neurobiologischer Aspekte.
Schlüsselwörter
Verhaltensstörungen, neurogene Ursachen, Frühdiagnostik, Risikofaktoren, Kindesalter, Entwicklungsdiagnostik, Hirnfunktionsstörungen, Prävalenz, Komorbidität, Screening-Verfahren, kindliche Entwicklung, Sozialpädiatrie, motorische Störungen, Wahrnehmungsstörungen, Sprachentwicklungsstörung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Dissertation im Kern?
Die Arbeit untersucht neurogene Ursachen für kindliche Verhaltensstörungen und entwickelt ein Screening-Verfahren, um diese Zusammenhänge frühzeitig zu identifizieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die neuropsychologischen Grundlagen der kindlichen Entwicklung, verschiedene Risikofaktoren (pränatal bis postnatal) und deren Einfluss auf Verhaltensauffälligkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das primäre Ziel ist es, Zusammenhänge zwischen biologischen Risikofaktoren und späteren Verhaltensstörungen empirisch nachzuweisen und pädagogischen Fachkräften ein Werkzeug zur Früherkennung an die Hand zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Literaturanalyse mit einem empirischen Teil, bestehend aus quantitativen Befragungen in Kindertagesstätten und der Analyse von Anamnesedaten eines Sozialpädiatrischen Zentrums.
Was umfasst der Hauptteil der Untersuchung?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Befragung von Erzieherinnen zu deren Verständnis von Verhaltensstörungen, eine statistische Auswertung von Patientendaten sowie die Entwicklung eines Screening-Fragebogens.
Welche Keywords prägen die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Verhaltensstörungen, Entwicklungsdiagnostik, Risikofaktoren, neurogene Ursachen, Hirnfunktionsstörungen und Früherkennung.
Warum ist das "deterministisch-hierarchische" Konzept laut Autorin problematisch?
Es erklärt die kindliche Entwicklung als rein genetisch festgeschrieben und linear, was laut Autorin nicht der beobachtbaren Variabilität und den individuellen Unterschieden bei Kindern gerecht wird.
Welche Rolle spielt die "Sozialpädiatrie" in dieser Arbeit?
Sie dient als medizinischer Hintergrund für die diagnostische Erfassung von Risikokindern und liefert die empirische Basis für die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Diagnosen und anamnestischen Risikodaten.
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- Dr.phil. Klaus Heimann (Author), 2001, Neurogene Ursachen kindlicher Verhaltensstörungen - Entwicklung eines Screening-Verfahrens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75585