Sport und Patriotismus in Deutschland. Die Fußball Weltmeisterschaft 2006


Examensarbeit, 2006
98 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Patriotismus in Deutschland- Chance oder Gefahr?
1.2 Begriffsdefinition

2 Patriotismus in Deutschland
2.1 Historische Entwicklung
2.1.1 Olympia 1936
2.1.2 Das Wunder von Bern 1954
2.1.3 Deutsche Wiedervereinigung
2.1.4 Fußball-Weltmeisterschaft 2006
2.2 Deutscher Patriotismus vor der WM
2.2.1 Stellung Deutschlands im Ausland
2.2.2 Einstellung zum Patriotismus innerhalb der deutschen
Bevölkerung
2.2.2.1 Befürworter
2.2.2.2 Kritiker
2.2.3 Bedeutung des Patriotismus’ für Politik und Wirtschaft
2.3 Meinungen zum Deutschen Patriotismus während der WM
2.3.1 Bevölkerung
2.3.2 Deutsche Presse
2.3.3 Politiker
2.3.4 Ausland
2.4 Deutscher Patriotismus nach der WM
2.4.1 Reaktionen der Politiker
2.4.2 Reaktion der Bevölkerung
2.4.3 Wirtschaftliche und politische Konsequenzen

3 Zusammenfassung

4 Literaturverzeichnis
4.1 Printmedien
4.2 Elektronische Medien

5 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Patriotismus in Deutschland - Chance oder Gefahr?

Dass Sport und Patriotismus untrennbar miteinander verbunden sind, dürfte wohl auch den letzten Zweiflern nach der Fußball Weltmeisterschaft 2006 zur Gewissheit geworden sein. Denn mehr als der Sport selbst stand während und auch nach der WM der neu entbrannte Patriotismus der Deutschen im Fokus der Öffentlichkeit - eine Debatte, die vor allem von der Weltpresse angeheizt und heiß diskutiert wurde. So titelten internationale Zeitungen wochenlang mit Schlagzeilen wie „Oh Schreck, die Deutschen sind sympathisch“, „Niemand fürchtet mehr Deutschland“, „Flaggenparade der WM-Patrioten“ oder „Deutsche zeigen Flagge.“

An dieser Stelle kam unweigerlich die Frage auf, wodurch diese Diskussion ausgelöst wurde, weshalb sie so brisant und inwiefern sie als bedeutsam, ja sogar als richtungweisend für die deutsche Zukunft und das deutsche Image zu sehen ist. Gilt, so fragt man sich vielleicht, ein gewisses Maß an Patriotismus nicht als selbstverständlich - wenn nicht sogar als Garant für die gute Stimmung - innerhalb des Gastgeberlandes einer Fußball WM?

Generell müsste diese Frage bejaht werden, fiele Deutschland aufgrund seiner Geschichte hier nicht eine besondere Rolle zu. Denn Patriotismus hat zweierlei Gesichter.

Zum einen kann er Zeichen nationaler Identifikation, Ausdruck unbeschwerten Miteinanders und damit sogar Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum und politische Neuerungen sein. Zugleich aber kann fehlinterpretierter Patriotismus auch eine große Gefahr darstellen, sofern ein natürliches und gesundes nationales Bewusstsein zu Propagandazwecken missbraucht wird. Als Paradebeispiel für solch missbrauchten Patriotismus’ ist hier in erster Linie das Nationalsozialistische Regime unter Hitler anzuführen, dem Deutschland den Verlust eines natürlichen Patriotismus’ verdankt. „Desillusioniert von einem Regime, das ihnen den Endsieg vorgegaukelt hatte, aus dem großdeutschen Traum erwacht, riss der Verlust des exaltierten Über-Ichs in der Person Adolf Hitlers ein Loch ins deutsche Selbstbewusstsein. Die Psyche der Nation war gebrochen.“(Kasza, 2004, S.35). Doch auch die Reparationszahlungen, die Deutschland nach dem ersten Weltkrieg zu entrichten hatte, begünstigten die Entwicklung eines nationalistisch gefärbten Patriotismus’, worauf in Kapitel 2.1 näher eingegangen werden soll.

Seitdem waren Begriffe wie „Patriotismus“ und „nationale Identität“ im Zusammenhang mit Deutschland unweigerlich negativ konnotiert und existierten in den Köpfen der Deutschen lediglich als Konstrukte. Von daher ist es kaum verwunderlich, dass selbst ein so erfolgreicher Sportler wie Michael Schuhmacher die Frage, ob er stolz sei, ein Deutscher zu sein, verneinte. Als Begründung führte er an, dass man damit die Parole der Nazis zu sehr in den Blickpunkt bringe. Der Slogan „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein“ galt und gilt folglich weiterhin als rechtsextremes Bekenntnis. (Benz und Benz, 2005, S.55)

So implizierte die Kollektivschuld der Deutschen seit 1945 ein kollektives Schuldbewusstsein, das demütig anerkannt und von Generation zu Generation weitergeben wurde.

Bereits Gustav Heinemann sprach in seiner Antrittsrede im Jahre 1969 von „dem schwierigen Vaterland der Deutschen“ – eine Tatsache, an der sich bis heute nicht viel geändert hat. (Moersch, 1982, S.66)

Bis heute fällt es den Deutschen schwer, sich mit ihrem Land zu identifizieren. Eine Gelegenheit, sich von diesen Identitätsproblemen zumindest kurzfristig zu lösen, bietet der Sport. Denn Sport als Massenphänomen kann heutzutage zweifellos identitätsstiftend sein, wie der amerikanische Sozialwissenschaftler Andrei Markovits in einem Interview mit dem Fußballmagazin „Rund“ anführte. In ihm sehen die Deutschen die offizielle Legitimierung, ihren unterdrückten Nationalstolz zu zelebrieren und wieder Flagge zu zeigen.

Dazu bieten sich vor allem Großereignisse wie Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften an, wie das aktuelle Beispiel der Fußball WM 2006 eindrucksvoll belegte. Einmal mehr bekam Deutschland auf internationaler Bühne die Gelegenheit, sich endgültig zu rehabilitieren und zu beweisen, dass sich der einst gefährliche Nationalismus in einen nunmehr friedlichen Patriotismus gewandelt hatte, den der Rest der Welt nicht länger fürchten musste. Zu diesem Zweck warb die Fifa bereits vor der WM mit dem Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“.

Aber handelte es sich hierbei nicht doch erneut wieder um einen Trugschluss? Wurde der Sport abermals, wie bereits bei den Olympischen Spielen 1936, als politisches Instrument missbraucht, um einen Patriotismus heraufzubeschwören, der sich später unter Umständen als Gefahr entpuppen würde?

Diese und folgende weitere Fragen sollen im Verlauf der Arbeit erörtert und geklärt werden:

1. Welche historischen Ereignisse haben die Entwicklung eines deutschen Pat-
riotismus beeinflusst?
2. Welchen Einfluss hat Patriotismus oder mangelnder Patriotismus in
Deutschland auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft?
3. Welche Rolle spielt die Fußballweltmeisterschaft hinsichtlich der aktuellen
Patriotismusdebatte in Deutschland?
4. Was sind die nachhaltigen Effekte der Fußballweltmeisterschaft im Hinblick

auf einen neuen deutschen Patriotismus?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen zunächst zentrale Daten der deutschen Geschichte, die in unmittelbarem Zusammenhang mit Patriotismus und Sport stehen, näher beleuchtet und beurteilt werden.

Anschließend wird auf die Bewertung des deutschen Patriotismus durch Presse, Bevölkerung, Politiker, Experten und das Ausland vor, während und nach der WM eingegangen, wobei in erster Linie aktuelle Studien, Umfragen und Zeitungsartikel Gegenstand der Untersuchung waren. Im Sinne einer fundierten und in sich schlüssigen Arbeit muss dabei auch auf Ereignisse eingegangen werden, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der WM 2006 stehen.

Um Missverständnisse zu vermeiden, wird eine Begriffsdefinition vorangestellt, welche eindeutig festlegen soll, wie der Begriff „Patriotismus“ im Rahmen dieser Arbeit zu verstehen ist.

1.2 Begriffsdefinition

Patriotismus, Nationalismus, Nationalstolz, nationale Identität, all dies sind Be-

griffe, mit der die Verbundenheit zum eigenen Vaterland ausgedrückt werden kann. Allerdings muss mit der entsprechenden Wortwahl kein Volk behutsamer umgehen als das deutsche, das aufgrund seiner Geschichte bis heute hartnäckig mit den Konsequenzen seiner Vergangenheit zu kämpfen hat.

Da vor allem der Begriff Nationalismus stark an den Nationalsozialismus im Dritten Reich erinnert, der als Paradebeispiel eines übersteigerten, intoleranten Nationalegoismus gilt, ist er bis heute unweigerlich negativ belegt.

So assoziiert man mit Nationalismus „…eine auf Erwählungs- und Sendungsbewusstsein beruhende, streitbare, zur Selbstüberhebung gesteigerte politische Haltung, die im Nationalen ein wertsetzendes Prinzip für alle Lebensbereiche sieht.“ (Bayer und Wende, 1995, S. 389)

Dies ist der Hauptgrund dafür, dass man als Deutscher, will man seiner Vaterlandsverbundenheit dennoch Ausdruck verleihen, gut daran tut, den gemäßigten Begriff des Patriotismus zu wählen. Dieser ist definiert als Vaterlandsliebe und gilt damit als „idealistisch gefärbter Ausdruck des Nationalbewusstseins, [der vom] Nationalismus durch die Betonung des defensiven Charakters und die Respektierung anderer Nationen geschieden…“ (Bayer und Wende, 1995, S.425) ist. Und obwohl dem Patrioten spätestens seit dem Nationalsozialismus der Ruch des Chauvinisten anhaftet, präferiert auch der deutsche Politologe und Patriotismusforscher Volker Kronenberg weiterhin den Begriff des Patriotismus, den er als ein sozialpolitisches Verhalten analysiert,

„…in dem nicht die eigenen, die individuellen Interessen- oder die einiger weiniger Mitglieder einer politischen Gemeinschaft- handlungsleitend sind, sondern das Wohl aller Mitglieder, das bonum commune, das Gemeinwohl als Inbegriff der Bedingungen des Leben- und Sich- entfalten Könnens der Menschen als einzelne, in sozialen Gemeinschaften und als politisch organisierte Gemeinschaft.“ (Kronenberg, 2005, S.32)

Da eine klare Abgrenzung jedoch äußerst schwierig und die Grenze eines Patriotismus, wie ihn Kronenberg definiert, zu einem übersteigerten Nationalismus oft fließend ist, soll im Verlauf dieser Arbeit auf eine strikte Trennung der beiden Begriffe verzichtet werden. Stattdessen soll der unbestritten negativ konnotierte Begriff des Rechtsextremismus einem, innerhalb dieser Arbeit durchweg als positiv empfundenen Patriotismus, gegenübergestellt werden.

2 Patriotismus in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Stadionbild WM 2006

2.1 Historische Entwicklung

Um die Diskussionen über einen neuen Patriotismus, die im Anschluss an die Fußballweltmeisterschaft entbrannten, nachvollziehen zu können, ist es zunächst notwendig, zentrale Ereignisse der Geschichte Deutschlands näher zu beleuchten. Denn es ist eben unsere Geschichte, in der diese fortwährende Debatte begründet liegt.

So fiel es den Deutschen aufgrund historischer Verbrechen von jeher schwer, sich mit ihrem Land zu identifizieren und unbeschwerten Nationalstolz zu empfinden.

Bei der Suche nach den Ursprüngen deutschen Patriotismus’ möchte ich daher bis zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zurückgehen und die historischen Gründe seiner Höhen und Tiefen ab diesem Zeitpunkt bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges möglichst prägnant darstellen. Dieser Rückblick dient unter anderem auch dazu, im Verlauf der Arbeit stets auf diese historischen Ereignisse verweisen zu können.

Anschließend sollen als zentrale Punkte der letzen 70 Jahre lediglich die Olympischen Spiele 1936, das Wunder von Bern 1954 und die Wiedervereinigung

1990 detailliert erläutert werden, bevor ich auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, den Schwerpunkt meiner Arbeit, zu sprechen komme. Bei diesen Daten handelt es sich um ausgewählte Ereignisse, die in meinen Augen identitätsstiftend und damit ausschlaggebend für einen neuen deutschen Patriotismus waren.

Der Schwerpunkt dieses historischen Überblicks soll dabei auf den sportlichen Ereignissen, der Olympiade und dem „Wunder von Bern“ liegen, thematisiert diese Arbeit doch den Sport im Allgemeinen und den Fußball im Besonderen.

Die Bewegung des Patriotismus, die während der Aufklärung im 18. Jahrhundert entstand, war in ihren Ursprüngen äußerst fortschrittlich. Sie galt zunächst als reine Elitebewegung, der es um die Reformierung und Modernisierung des Staates ging. Die Vision eines deutschen Patriotismus war im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das um 1780 aus mehr als 300 Einzelstaaten bestand, geradezu revolutionär. Eine Vision, die Josef von Sonnenfels in seiner Schrift „Über die Liebe des Vaterlands“ 1771 mit der demokratischen Vision eines Bürgers verband, der Anteil an der Gesetzgebung habe und so einen gewissen Stolz fühle und deshalb „mit Freude in die Beratschlagung der Nation“ (Emons, 2006, S.4) eintrete.

Folglich war der Patriotismus zur Zeit der Aufklärung, die als Beginn der bürgerlichen Emanzipation vom Feudalabsolutismus galt, das Gegenbild zum absolutistischen Gottesgnadentum, weshalb der Theologe und Philosoph Peter Vilaume 1794 in seiner Schrift an die deutschen Fürsten schrieb:

„Aber ihr möchtet es nicht, dass wahrer Patriotismus unter den Völkern entstünde. Dazu kennt ihr eure eigenen Vorteile viel zu gut. Ihr fühlt wohl, dass wahre Vaterlandsliebe mit eurem Despotismus unverträglich ist. Ihr begreifet wohl, dass Bürger, vermöge der Vaterlandsliebe, aneinander hängen, nicht leicht zu beherrschen sein mögen und sich andere Anschläge als Gemeinwohl sicher nicht gefallen lassen würden.“ (Emons, 2006, S.4)

Zwar fielen die Ereignisse der Französischen Revolution in der aufgeklärten deutschen Bildungsgesellschaft zunächst auf fruchtbaren Boden, doch führte der französische innenpolitische Terror und Einmarsch in deutsche Staaten anschließend zu einer nationalpolitischen Krise in Deutschland.

Als Reaktion auf die napoleonische Herrschaft 1799 entstand unter preußischer Führung eine deutsche Patriotismus- und Nationalbewegung und obwohl der deutsche Patriotismus mit Blick auf die Überwindung der napoleonischen Fremdherrschaft eine nationalistische Färbung erhielt, blieb er doch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts der Hoffnungsträger für eine Einheit Deutschlands unter den Vorzeichen von Freiheit und politischer Mitbestimmung.

Allerdings sollten diese Hoffnungen durch die Entwicklung im Anschluss an den Wiener Kongress 1815, in dem über die politische und territoriale Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen und die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen beraten wurde, nach und nach enttäuscht werden. Die in den Befreiungskriegen gegen Napoleon erwachte Nationalbewegung in den deutschen Staaten erwartete die Überwindung der Zersplitterung Deutschlands und den Abbau der absoluten Herrschaft der Fürsten, doch war das Ergebnis des Kongresses lediglich ein loser Staatenbund mit 35 souveränen Fürsten und vier freien Städten.

Dieser Bewegung gehörte unter anderem Turnvater Friedrich Ludwig Jahn an, der als deutscher Nationalist und Begründer des Deutschen Turnens gilt. Er sah im Turnen ein geeignetes Mittel, die körperliche Ertüchtigung für den Freiheitskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft mit einer nationalistischen Erziehung zu verbinden. Als deutscher Patriot und Mitglied des Lützowschen Freikorps verband Jahn die Entwicklung des Turnens mit folgenden politischen Zielen: die Befreiung Deutschlands von der napoleonischen Herrschaft, die Entstehung eines künftigen Deutschen Reiches unter preußischer Führung und ein Mitbestimmungsrecht der Bürger. So entwickelte er das Turnen zur patriotischen Erziehung zur Vorbereitung auf den Befreiungskrieg. Als Reaktion auf die Enttäuschung durch den Wiener Kongress fand 1817 auf Jahns Initiative als Höhepunkt der Turnbewegung in Deutschland das Wartburgfest statt. Infolge der dortigen, von Jahn initiierten Bücherverbrennung kam es zur Berliner und Breslauer Turnfehde, worin erstmals Kritik am Turnen und an seiner religiös-patriotischen Richtung laut wurde. 1819 wurde infolge der Karlsbader Beschlüsse, die der Überwachung und Bekämpfung liberaler und nationaler Tendenzen im Deutschland des 19. Jahrhunderts dienten, eine gänzliche Turnsperre erwirkt.

Sowohl die burschenschaftlichen Studenten, die sich 1817 auf der Wartburg versammelten, als auch die Teilnehmer des Hambacher Festes 1832, die sich als Patrioten verstanden, sahen sich von der Restauration der deutschen Einzelstaaten um ihr Recht auf nationale Einheit und Freiheit betrogen und machten sich in Demonstrationen dafür stark. Wie das folgende Bild zeigt, führte man anlässlich des Hambacher Festes erstmals die deutsche Flagge in den Farben Schwarzrotgold – allerdings in umgekehrter Reihenfolge - als Symbol des gemeinsamen Willens zu nationaler Einheit mit sich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 : Zug zum Hambacher Fest

Diese Farben bezogen sich auf die Uniformen des Lützowschen Freikorps (schwarze Uniform, rote Aufschläge, goldene Knöpfe), der sich in erster Linie aus Studenten zusammensetzte und gegen die napoleonische Fremdherrschaft gerichtet war. Am 9. März 1848 wurde das Schwarzrotgold in Frankfurt am Main dann offiziell zu den Farben der deutschen Flagge erklärt.

Und obwohl die Bürger in den Revolutionen von 1832 ihre Forderungen nach Freiheit, Bürgerrechten, Pressefreiheit, einer gemeinsame Verfassung, nationaler Einheit und den gemeinsamen Kampf der Völker Europas gegen aristokratische Willkür und Unterdrückung nicht gänzlich durchsetzen konnten, gewannen die patriotische Opposition, bzw. der nationale Gedanke im Verlauf der 30er und zu Beginn der 40er Jahre infolge des Hambacher Festes erheblich an Gewicht.

„In dem Maße, in dem sich die nationale Entwicklung verstärkte, kam es parallel zu wichtigen und zukunftsweisenden Differenzierungen: Während sich auf der radikal-rechten Seite des politischen Spektrums der Einheitsgedanke zunehmend mit Toleranz allem „Undeutschen“ gegenüber füllte und während die Publizisten […] dem Nationalgefühl eine gänzliche Absage erteilten – damit also an beiden Flanken des politischen Spektrums der Patriotismus pervertiert wurde – hielt sich die liberale und demokratische Intelligenz ebenso von chauvinistischer Enge wie von revolutionärer Fortschrittseuphorie frei, indem sie die Verbindung von Vaterlands- und Freiheitsgedanken bewahrte.“ (Kronenberg, 2005, S.133)

Als Folge gingen nationale mit liberalen Bewegungen bis zur deutschen Revolution 1848/49 einher, jedoch konnte auch diese den Ruf nach einem geeinten deutschen Staat und einer Verfassung nicht erfüllen. Gemeinhin können zwar nicht allgemeingültige Trägerschichten des Nationalismus bestimmt werden, dennoch erfasste er bis 1870 nahezu durchweg Männer der gebildeten und ökonomischen Lebenswelt, zu der sich nur allmählich kleinbürgerliche Bereiche und die junge deutsche Arbeiterbewegung gesellten, die das Ziel eines konstitutionellen Nationalstaates mit freien gleichberechtigten Bürgern teilten.

Doch auch der anschließende Patriotismus der Paulskirche, der, wie schon 1841 von Hoffmann von Fallersleben im „Lied der Deutschen“ besungen, nach Einigkeit und Recht und Freiheit strebte, hatte mit dem nationalistischen und militaristischen Patriotismus des Wilhelminischen Kaiserreiches ab 1870/71, das unter Wilhelm II unter anderem mit Kolonialpolitik und Flottenrüstung Deutschland einen Platz an der Sonne sichern wollte, nichts zu tun. Vielmehr nutzten die herrschenden Eliten den Nationalgedanken zur Rechtfertigung konservativer und demokratiefeindlicher Interessen.

Das Ergebnis war der „obrigkeitsstaatlich gelenkte Hurra-Patriotismus eines wirtschaftlich erfolgreichen, aber politisch machtlosen Bürgertums, der alle universalistischen Züge hinter sich ließ und sich rasch zu einem übersteigerten, intoleranten Nationalegoismus entwickelte“ (Emons, 2006, S.4), der 1914 zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte und in ihm seinen Höhepunkt fand.

Die deutsche Niederlage bedeutete zwar zunächst den endgültigen Absturz des übersteigerten Kriegsnationalismus, doch die durchgängige Ächtung des als unzumutbares Diktat empfundenen Friedens von Versailles bildete wiederum das Fundament für einen Nationalismus, der diese vermeintliche Demütigung kontinuierlich kultivierte. Die zumeist katastrophalen wirtschaftlichen Bedingungen und die hohen Reparationszahlungen, unter denen die Weimarer Republik in ihrer Entwicklung schwer zu leiden hatte, boten dieser Kultivierung den idealen Nährboden, auf dem die radikalnationalistische Massenbewegung des Nationalsozialismus gedeihen konnte.

Dies und die gescheiterten Revolutionen 1848/49 und 1918, in denen die Hoffnungen auf Veränderung des politischen Systems nicht erfüllt wurden, ermöglichte erst die Pervertierung des Patriotismus, die, wie im Folgenden näher erläutert werden soll, von den Nationalsozialisten auf die Spitze getrieben wurde. Die Tatsache, dass dieser Missbrauch eines ursprünglich auf Frieden und Freiheit gründenden Patriotismus als Einzelfall in der Geschichte der Menschheit gilt, erklärt, weshalb es für Deutschland bis heute so schwierig ist, dieses Bild zu revidieren.

2.1.1 Olympische Spiele 1936

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3,4: Offizielle Plakate zu den Olympischen Spielen 1936

Die Olympischen Spiele in Berlin 1936 gelten bis heute als Paradebeispiel für die erfolgreiche Instrumentalisierung des Sports durch die deutschen Faschisten auf der Basis ihrer Ideologie:

„Wer jemals die Olympischen Spiele mitgemacht hat, weiß, daß es - von Kriegen abgesehen - kein besseres Mittel gibt, vaterländische Begeisterung zu entflammen, als diesen Wettkampf der Nationen, bei dem Sieg und Niederlage ganz anders in die Augen springen als beispielsweise im Wettkampf auf Weltausstellungen, Kongressen usw. Dazu kommt, dass die Olympischen Spiele bereits solche Bedeutung gewonnen haben, daß der Erfolg für das internationale Ansehen mitspricht. Wie ein tüchtiges deutsches Kriegsschiff Deutschlands Ansehen mehrt, so auch ein ehrenvolles Abschneiden bei den Olympischen Spielen.“ (Lenk, 1972, S.14-15)

Und eben diese Tatsache wusste Hitler geschickt für seine Zwecke zu missbrauchen. Durch gezielte Propaganda entwickelten sich so bereits im Vorfeld Vorstellungen einer nationalistisch- militaristischen Funktionalisierung der im Grundsatz humanistischen Olympischen Idee. Ziel dieser Instrumentalisierung war vor allem eine nationale Gesinnungsschule, die später einen entscheidenden Beitrag zum tendenziell nationalistisch orientierten Bewusstsein großer Teile der Bevölkerung leisten sollte.

Dieses Vorhaben suchte man, zumindest innerhalb der deutschen Bevölkerung, nicht zu verbergen, wie der Denkschrift „Was erwarten wir?“ des Generalsekretärs der DRA, Carl Diem, bereits 1932 zu entnehmen ist: „Wir glauben nicht fehlzugehen, wenn wir die Olympischen Spiele des Jahres 1936 als das größte internationale Fest, aber auch als das größte Deutschtumsfest erwarten.“ (Meier, 1970, S.11)

Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass die Olympischen Spiele 1936 von langer Hand vorbereitet und bis ins kleinste Detail geplant wurden. Während sich die Inlandspropaganda der Olympischen Spiele also bereits auf die Zeit nach der Berliner Olympiade konzentrierte und die politisch propagandistische Vorbereitung letztlich als Mittel dienen sollte, der Bevölkerung noch intensiver die ideologischen Positionen des Faschismus und des faschistischen Sports einzuimpfen, versuchte man die Olympiade gegenüber dem Ausland als Weltfriedensfest darzustellen. Wichtiges Mittel dabei war der Olympische Pressedienst (OPD), der amtliches Mitteilungsblatt des Olympischen Komitees, wichtige Informationsquelle und wirksames Werbeinstrument war.

Dennoch war es schwierig, die antijüdische Gesinnung vor dem Ausland zu verbergen. Um keine Verlegung der Spiele oder gar einen Boykott zu provozieren, versuchte man daher, die Unterdrückung der Juden gegenüber dem Ausland zu verschleiern. Anhand zahlreicher formaljuristischer Maßnahmen gelang es, den Eindruck einer realen Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung im Allgemeinen und der jüdischen Sportler im Besonderen vorzutäuschen.

Zu diesem Zweck gab die oberste SA-Führung im Juli 1936 bekannt, dass sie

„…in diesen Wochen der Olympiade dem Ausland beweisen [wolle], daß es Lüge [sei], wenn dort immer wieder behauptet [werde], daß in Deutschland Judenverfolgungen an der Tagesordnung [sei] […] Daher [seien] auch Lieder aus der Kampfzeit vor der Machtübernahme, soweit aus ihnen eventuell ein falscher Eindruck in dieser Hinsicht entstehen [könne], nicht zu singen “ ( Bohlen, 1979, S.89).

So kam es, dass die Spiele am 1. August 1936 in Berlin eröffnet wurden, ohne dass die Amerikaner sie boykottierten.

Bei der Eröffnungsfeier hisste man unter den Klängen des Deutschland- und des Horst-Wessel-Liedes, das ab 1930 offiziell als Parteihymne der faschistischen Bewegung galt, die Nationalfahne. Da diese Lieder jedoch eine Verherrlichung von SA und Nationalsozialismus beinhalteten, stellten sie eindeutig einen Verstoß gegen das olympische Reglement und zugleich eine politische Provokation der Öffentlichkeit dar. So wurde bereits bei der Eröffnungsfeier „…die in der Vorbereitungszeit von den Nationalsozialisten zur Schau getragene politische Neutralität der Olympischen Spiele 1936 […] in offener Weise als propagandistische Manipulation verdeutlicht “( Bohlen, 1979, S.90).

Lediglich die Mitglieder der englischen und japanischen Mannschaft verweigerten bei dieser Eröffnungszeremonie den faschistischen Gruß, was als öffentlicher Protest gegen das faschistische Herrschaftssystem in Deutschland zu sehen war.

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Abb. 5, 6: Deutsche erheben bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Berlin die Hand zum Hitler-Gruß

Wie bereits das Beispiel der Eröffnungsfeier zeigt, missbrauchte Hitler die Olympischen Spiele in Berlin von Beginn an dazu, die Überlegenheit der arischen Rasse über das Mittel der körperlichen Ertüchtigung zu erzielen. Anhand möglichst zahlreicher Siege der Deutschen im internationalen Wettkampf wollte Hitler seinem Volk die Überlegenheit der arischen Rasse demonstrieren - eine Maßnahme, die es ihm später erleichtern sollte, das deutsche Volk von einem Endsieg zu überzeugen.

Ähnliche Überlegungen äußerte auch der OK - Generalsekretär Carl Diem vor Beginn der Spiele, indem er Folgendes veröffentlichte:

„Bei aller wirtschaftlichen und technischen Höhe wird es uns gelingen, nur so weit voranzukommen, als wir überlegene Menschen züchten […] Wir müssen also im Gegensatz zu unserer bisherigen Intellektschule zu einer höheren Bewertung unserer körperlichen Erziehung im Allgemeinen kommen“ (Bohlen, 1979, S.95).

Folglich waren die Olympischen Spiele, die Hitler als Propagandainstrument regelrecht in den Schoß fiel, ein willkommener Anlass zur Demonstration deutscher Überlegenheit, die sich sogar in der Architektur widerspiegelte. So diente bei den baulichen Maßnahmen des Olympiastadions die Antike als Vorbild. Obwohl die Größe des monumentalen Steinbaus und die damit verbundenen Kosten ökonomisch begründet wurden, indem man vorgab Arbeitsplätze zu schaffen, stand allein die seitens der faschistischen Staatsführung angestrebte positive optische Wirkung im Vordergrund. Die Welt sollte vor der Macht Deutschlands im Schatten eines riesigen Olympiastadions regelrecht erblassen.

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Abb. 7: Besucher strömen vor der Eröffnungsfeier durch das Osttor des Olympiastadions in Berlin

Allerdings bemühte man sich während der Olympischen Spiele durch stetige Betonung der Friedensliebe und Völkerverständigung die reale Aufrüstung Deutschlands zu verschleiern. So heuchelte Carl Diem in seiner Eröffnungsrede: „Wir Deutschen wollen der Welt auch auf diesem Wege zeigen, daß wir die Olympischen Spiele getreu dem Befehl unseres Führers und Reichskanzlers, zu einem wahren Fest des Friedens und der aufrichtigen Verständigung unter den Völkern gestalten werden “( Bohlen, 1979, S.103).

Dennoch offenbarte sich bei der Frage der Teilnahme jüdischer Athleten ein ernsthafter Konflikt zwischen Staats- und Sportführung. Letztlich entschloss man sich, um einen Boykott zu vermeiden und kein internationales Misstrauen zu erregen, der Teilnahme jüdischer Sportler an den Spielen begrenzt zuzustimmen.

Trotz aller Anzeichen waren nur wenige in der Lage, hinter die Fassade dieser perfekt inszenierten Propagandamaschinerie zu blicken. Einer von ihnen war der Schriftsteller Thomas Mann, der in der Emigration in Paris schrieb: „Diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren - Gefangene und Spaßmacher des Diktators, der sich bereits als Herr der Welt fühlt “(Scherer, 1995, S.177).

Eine Einschätzung, die sich rückblickend bewahrheiten sollte.

Berlin war für die deutsche Bevölkerung nationale Emphase, internationale Ermutigung und olympische Emotion, ein Gefühl, das aufgrund des überlegenen Sieges in der Medaillenwertung noch bestärkt wurde.

Lediglich das Versagen der deutschen Fußballnationalmannschaft im Spiel gegen Norwegen und die Tatsache, dass Jesse Owens, Farbiger und Amerikaner, zum Star der Spiele wurde, stellten für Hitler eine böse Überraschung dar. Ansonsten gingen seine Pläne auf und diese lagen keineswegs im Sportlichen begründet. Denn Hitler hatte „zu keiner Minute seines Lebens eine Beziehung zum Sport oder der olympischen Idee gehabt […], wohl aber zu einer Medienpolitik, die ihm mit den Olympischen Spielen in den Schoß fiel “( Scherer, 1995, S.181).

Somit belegt das Beispiel der Olympischen Spiele 1936 eindrucksvoll, wie leicht Nationalstolz und Patriotismus missbraucht und damit sogar zum Fundament eines Krieges werden können - ein Krieg, den Deutschland verlieren sollte.

Dass deutscher Patriotismus in Verruf geriet, haben die Deutschen vor allem Hitler zu verdanken. Bis heute werden wir immer wieder daran erinnert, welche Verbrechen das deutsche Volk im Namen seines Führers begangen hat, getrieben von dem propagierten Glauben, anderen Völkern überlegen zu sein.

Deutschland hatte sein Gesicht vor der Welt verloren und es folgte ein langwieriger Prozess, um dieses Bild zu revidieren - ein Prozess, der bis heute andauert und in dessen Verlauf nur noch drei weitere Ereignisse zu nennen sind, die als identitätsstiftend galten. Das erste davon war das Wunder von Bern.

2.1.2 Das Wunder von Bern 1954

Als 1954 das Endspiel der Fußball Weltmeisterschaft in Bern, die Begegnung zwischen Westdeutschland und Ungarn, angepfiffen wurde, sprach der Kommentator Bernd Zimmermann nicht umsonst von einem Tag, an dem es „…um nicht weniger als das Schicksal unserer Nation ging “(Kasza, 2004, S.7).

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Abb.8: Die Deutsche Mannschaft vor dem Spiel

Es war ein historischer Tag in der Geschichte Deutschlands, der nicht allein in dem sportlichen Erfolg der deutschen Mannschaft zu sehen war.

Manch einer sprach sogar vom eigentlichen Gründungsakt der Bundesrepublik. Womit aber lassen sich solche und ähnliche Aussagen begründen?

Um diese Fragen beantworten zu können, muss etwas weiter ausgeholt werden.

Nicht nur Deutschland, sondern auch der deutsche Sport hatte unter den Folgen des nationalsozialistischen Hitler – Regimes zu leiden. Da nicht nur die Athleten, wie am Beispiel der Olympischen Spiele 1936 bereits dargestellt wurde, sondern auch die Fußballer Teil des Propagandafeldzug der Partei waren, standen Entnazifizierung, Demokratisierung, Dezentralisierung und Entmilitarisierung im Mittelpunkt alliierter Nachkriegspolitik, so dass Entmilitarisierung gleichzusetzen war mit einem strikten Sportverbot in Deutschland ab 1945.

Der Grund dafür lag darin, dass Hitler den Sport, ebenso wie die Menschen, für seine Zwecke instrumentalisierte und die Sportvereine als paramilitärische Erziehungsanstalt missbrauchte. „Die Parallele von Soldatentum und Leibesübungen - das war common sense unter den Nazis “ (Kasza, 2004, S.37).

So galt es zur damaliger Zeit als weit verbreitete Meinung, dass ein guter Fußballer zugleich ein guter Soldat sei - eine Einschätzung, aufgrund derer die Alliierten äußerst sensibel waren, wenn es um Sport ging.

„Denn ihnen war in guter Erinnerung geblieben, wie deutsche Sportler bei der Olympiade 1936 auf dem Siegerpodest den rechten Arm zum deutschen Gruße erhoben hatten, genauso wie die deutsche Fußballnationalmannschaft zu Beginn ihrer Spiele “(Kasza, 2004, S.37).

Es galt den Ungeist des instrumentalisierten Sports zu vertreiben, eine Maxime, die die Alliierten strikt verfolgten und rigoros umsetzten. Sie lösten den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) auf und verboten jegliche Sportgroßveranstaltung, vor allem eine Nationalmannschaft, um keine Basis für einen erneuten ungesunden Nationalismus zu schaffen.

Erst ab 1945 begann langsam eine „…Reorganisation des Sports, [die sich] zwischen einer stillschweigenden Duldung und einer kleinlichen, dazu uneinheitlichen Kontroll- und Anweisungspraxis der Besatzungsbehörde bewegte […]“ (Kühnst, 1982, S.15).

1950 durfte die neue Fußballnationalmannschaft unter dem Trainer Sepp Herberger wieder ihr erstes Länderspiel gegen die Schweiz bestreiten, nachdem der DFB voller Stolz die Wiederaufnahme Deutschlands in die FIFA verkündet und ihr eine politische Dimension zugeschrieben hatte. „Der Fußball hatte die erste Brücke in die Welt für die Besiegten geschlagen: eine Brücke des Friedens, der Freundschaft und Verständigung, wie die Zukunft lehren sollte “ (Kasza, 2004, S.97).

Das einzig Ungewöhnliche an dem Spiel war, dass es ohne die deutsche Nationalhymne begann, da weiterhin nicht nur nationalsozialistische Lieder, sondern auch jegliche Art deutscher Nationalhymnen verboten waren. Der Sportreporter Robert Ludwig schilderte diese Situation später im „Sportmagazin“ folgendermaßen:

„Totenstille herrschte im Bund der 15.000, die entblößt und gesenkten Hauptes dastanden. Die ganzen schweren Ereignisse der letzten Jahre zogen wie ein Film an unseren geistigen Augen vorüber. Wir dachten voller Trauer daran, dass bei diesem Länderspiel ja nur das halbe Deutschland vertreten war “ (Kasza, 2004, S.74).

Obwohl Deutschland das Spiel gewann, kam deswegen keine nationale Begeisterung, allerhöchstens Genugtuung darüber auf, dass man wieder mit Deutschland spielte.

Erst nachdem es laut „Spiegel“ der sanfte Tyrann Sepp Herberger geschafft hatte, eine Nationalmannschaft zusammenzustellen, die bei der Weltmeisterschaft 1954 entgegen aller Erwartungen ins Endspiel einzog, entstand so etwas wie Nationalgefühl, das als neudeutsch bezeichnet werden konnte, da der Weltmeistertitel erstmals seit dem verlorenen Krieg eine Legitimation für den Ausdruck deutschen Nationalgefühls war.

Der Sieg über Ungarn und der Weltmeistertitel bescherten den Menschen ein verloren geglaubtes Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit und auch der Identifikation mit ihrem Staat. Nach Kasza (2004) hätten die Deutschen „weniger ein neues Selbstbewusstsein, als vielmehr ein neues Bewusstsein von sich selbst […] bekommen“, (S.10) urteilte der Journalist, Zeitzeuge und Historiker Joachim Fest.

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Abb.9: Das Siegtor für Deutschland in der 84. Minute Abb.10: Siegesjubel der Deutschen Mannschaft

So galt dieser Sieg in Bern als Fundament für ein neues deutsches Selbstbewusstsein und rief nach langer Zeit ein Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit hervor.

Vor allem hierin war der Grund zu sehen, dass „…diese elf Sterne ewig am Fußballhimmel Deutschlands strahlen“ (Kasza, 2004, S.165), wie eine Sportzeitung einen Tag nach dem Erfolg prophezeite und sie sollte Recht behalten.

So ging das Wunder von Bern als identitätsstiftendes Nachkriegsereignis in die deutsche Geschichte ein und als nach dem Spiel das erste Mal seit neun Jahren die Deutschlandhymne erklang, stimmte Deutschland inbrünstig in den Gesang mit ein.

Vorsichtig bemerkte auch die „Süddeutsche Zeitung“ am darauf folgenden Tag: „Eines tun wir dennoch - und das darf uns niemand übel nehmen: Wir gehen etwas aufrechter, unsere Brust schwillt ein wenig vor Stolz “ (Kasza, 2004, S.170).

Allerdings vermochte der Klang der deutschen Hymne allein die Deutschen zu Tränen zu rühren, das Ausland reagierte mit unverhohlenem Argwohn. Dies lag wohl hauptsächlich daran, dass die Deutschen die alte Hymne mit der ersten anstelle der neuen dritten Strophe anstimmten, was jedoch nicht aus Böswilligkeit oder gar wieder erstarktem Nationalismus geschehen sein dürfte, sondern allein aufgrund der banalen Tatsache, dass die neue Hymne der Mehrzahl der Deutschen noch nicht geläufig war.

[...]

Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Sport und Patriotismus in Deutschland. Die Fußball Weltmeisterschaft 2006
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Sport und Sportwissenschaft Heidelberg)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
98
Katalognummer
V75587
ISBN (eBook)
9783638722162
ISBN (Buch)
9783638725736
Dateigröße
1752 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Patriotismus, Deutschland, Beispiel, Fußball, Weltmeisterschaft
Arbeit zitieren
Anne Hessel (Autor), 2006, Sport und Patriotismus in Deutschland. Die Fußball Weltmeisterschaft 2006, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75587

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