Was sind Geschichtsbilder und wer ist Götz von Berlichingen?
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Geschichtsbildern im Theater, namentlich denen in Goethes ´Götz von Berlichingen`. Zunächst möchte ich einige einleitende Worte und Erklärungen zu den beiden zentralen Begriffen, bzw. Thematiken meiner Ausarbeitung liefern: Geschichtsbilder und ´Götz von Berlichingen`.
Wenn die vorliegende Untersuchung nach solchen Geschichtsbildern in Goethes `Götz von Berlichingen` sucht, so wird es darum gehen müssen zu zeigen, was an Goethes Darstellung der besagten Theaterfigur und ihrem Leben historisch-kritisch nicht ganz richtig, verzerrt, einseitig oder schlichtweg falsch (weil vielleicht erfunden) ist. Ausschlaggebend dafür können die oben schon angesprochenen besonderen Erkenntnismöglichkeiten Goethes, seiner Zeitgenossen und den Verfassern möglicher Quellen ( auf die Goethe zurück gegriffen hat) sein, ebenso besondere Deutungswünsche oder lebensweltliche Fragestellungen der Goetheschen Gegenwart. Schließlich wird es von nicht unerheblicher Bedeutung sein, das Genre des Geschichtstheaters mit seiner besonderen Prägekraft, Form und Ausgestaltung unseres Schauspiels betreffend, zu berücksichtigen. Das Theater nimmt sich größte Freiheiten darin, ad libitum zu spielen, also zu dichten. Darauf wird im Hauptteil der Arbeit ausführlicher eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung - Was sind Geschichtsbilder und wer ist Götz von Berlichingen?
2 Die Entstehung des Schauspiel-Götz – Goethe schreibt seine Geschichte
2.1 Zur Validität der Hauptquelle
2.2 Goethes Impetus als Dichter – Geschichte im Theater
2.3 Der vermeintlich selbstlose Ritter
2.4 Götzens und Goethes Kampf um Freiheit – ein ungleiches Paar
3 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie historische Ereignisse und Persönlichkeiten im Theater zu einem subjektiven „Geschichtsbild“ geformt werden, wobei das Drama „Götz von Berlichingen“ von Johann Wolfgang von Goethe als primäres Fallbeispiel dient, um die Diskrepanz zwischen historischer Realität und dichterischer Konstruktion aufzuzeigen.
- Unterscheidung zwischen Geschichtsbewusstsein und Geschichtsbild
- Analyse der Entstehungsgeschichte von Goethes Schauspiel
- Kritische Überprüfung der historischen Korrektheit der Vorlage
- Untersuchung der Beweggründe und des Freiheitsbegriffs des jungen Goethe
- Identifikation von literarischen Anpassungen und fiktionalen Elementen
Auszug aus dem Buch
2.3 Der vermeintlich selbstlose Ritter
Damit verengt sich der Blick auf historische Tatsächlichkeiten zusehends, der historische Götz bleibt auf der Strecke. An einem Beispiel wird das besonders deutlich. Götz erscheint als der selbstlose, allein um das Wohl anderer, armer und benachteiligter Zeitgenossen sich sorgender Ritter. Für Goethe war es ein Muss, den Helden so unbefleckt ehrenvoll darzustellen. So heißt es im ´Götz von Berlichingen`, als es darum geht, dass Götz berechtigte Forderungen wegen eines ihm widerfahrenen Meineids an Fürsten und Bischöfe stellen könnte, wozu ihm Sickingen rät : „Ich bin von jeher mit wenigem zufrieden gewesen.“12 Sickingen malt Götzens Charakter in diesem Kontext als eine ehrlichen, rechtschaffenen und durch und durch altruistischen. Und nicht nur er tut dies: Das Buch ist voll von solchen Lobpreisungen auf den tadellosen, weil ehrlichen, selbstlosen und gerechten Charakter Götzens. An anderer Stelle sagt Götz über sich selbst: „Nicht um des leidigen Gewinsts willen, nicht um Land und Leute unbewehrten Kleinen wegzukapern, bin ich ausgezogen. Meinen Jungen zu befreien, und mich meiner Haut zu wehren! Seht ihr was Unrechts dran?“13 Ja, das kann man durchaus tun. Denn nebenher wurde dazu noch eifrig geraubt. Also zielt diese Darstellung geradewegs an der Realität vorbei. Helgard Ulmschneider schreibt genau dazu in einem Kapitel seiner Biografie:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung - Was sind Geschichtsbilder und wer ist Götz von Berlichingen?: Das Kapitel führt in die theoretische Unterscheidung zwischen Geschichtsbewusstsein und Geschichtsbild ein und stellt die historische Figur Götz von Berlichingen kurz vor.
2 Die Entstehung des Schauspiel-Götz – Goethe schreibt seine Geschichte: Hier wird der Entstehungsprozess des Dramas im Jahr 1771 beleuchtet und Goethes persönliche Motivation im Kontext seiner eigenen Lebenssituation analysiert.
2.1 Zur Validität der Hauptquelle: Dieses Kapitel kritisiert die mangelnde historische Genauigkeit, da Goethe sich primär auf die subjektive, rechtfertigende Autobiographie des Ritters stützte.
2.2 Goethes Impetus als Dichter – Geschichte im Theater: Der Fokus liegt darauf, wie Goethe historische Realität zugunsten seiner eigenen künstlerischen Zwecke und zur Konstruktion einer Integrationsfigur anpasste.
2.3 Der vermeintlich selbstlose Ritter: Die Untersuchung entlarvt den im Stück als altruistisch dargestellten Götz als historisch agierenden „Raubunternehmer“, der primär eigene ökonomische Interessen verfolgte.
2.4 Götzens und Goethes Kampf um Freiheit – ein ungleiches Paar: Hier wird aufgezeigt, dass Götzes Ringen um standesrechtliche Privilegien nicht mit Goethes modernem, subjektivem Freiheitsbegriff gleichzusetzen ist.
3 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass der Schauspiel-Götz ein bewusst konstruiertes Geschichtsbild darstellt, das mehr über den jungen Goethe und seine Zeit aussagt als über die reale historische Gestalt.
Schlüsselwörter
Geschichtsbild, Geschichtsbewusstsein, Götz von Berlichingen, Johann Wolfgang von Goethe, Sturm und Drang, Literaturdidaktik, Historische Authentizität, Geschichtsdrama, Selbstbild, Identitätsstiftung, Raubritter, Freiheitsbegriff, Rezeption, Quellenkritik, Literarische Konstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung, wie historische Figuren in literarischen Werken dargestellt werden und inwiefern diese Darstellungen als „Geschichtsbilder“ von den realen historischen Fakten abweichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Differenz zwischen historischer Realität und dichterischer Freiheit, der Rolle von Goethes Jugendbiografie als Quelle sowie der psychologischen Motivlage des jungen Goethe bei der Gestaltung seiner literarischen Helden.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Goethes „Götz von Berlichingen“ kein akkurates historisches Porträt ist, sondern eine subjektiv konstruierte Projektionsfläche für die Bedürfnisse und Wertvorstellungen des Dichters und seiner Generation.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine historisch-kritische Methode, indem sie Goethes Theaterstück mit gesicherten historischen Erkenntnissen über die Lebenswirklichkeit des Ritters Götz von Berlichingen vergleicht und die literarische Gestaltung hinterfragt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Entstehungsgeschichte des Stücks, die mangelnde Validität der Hauptquellen, die Verzerrung des Charakters im Hinblick auf Selbstlosigkeit und der unterschiedliche Freiheitsbegriff von Ritter und Dichter detailliert erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Geschichtsbild, Literaturdidaktik, Quellenkritik, Sturm und Drang, historische Authentizität sowie Identitätsstiftung.
Wie unterscheidet sich der historische Götz von der Goetheschen Figur?
Während Goethe den Ritter als selbstlosen, ehrenvollen Helden idealisiert, belegen historische Quellen, dass der reale Götz eher als rational kalkulierender „Raub- und Kriegsunternehmer“ handelte.
Warum spielt der „Kampf um Freiheit“ im Stück eine zentrale Rolle?
Der Kampf wird als Projektionsfläche für Goethes eigene Sehnsucht nach Befreiung von gesellschaftlichen Konventionen genutzt, obwohl der historische Götz lediglich um den Erhalt seines eigenen sozialen Status quo kämpfte.
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- Martin Kragans (Author), 2000, Geschichtsbilder im Theater - Eine Erarbeitung am Beispiel des "Götz von Berlichingen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/756