Für Gott und Vaterland - Der Bayerische Kurier in München

Die Entwicklung der Zeitung mit zusätzlicher exemplarischer Darstellung ihrer Perspektive auf die Wahlen zum Landtag und zur Weimarer Nationalversammlung 1919 in Bayern


Seminararbeit, 2007
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Entwicklungsgeschichte der katholischen Presse
2.1 Zerfall der mittelalterlichen christlichen Öffentlichkeit
2.2 Einheit von Kirche und Staat
2.3 Eine gesellschaftliche Gruppe unter vielen
2.4 Kulturkampf und Politisierung der Katholiken
2.5 Den Kulminationspunkt erreicht!?

3 Der Bayerische Kurier
3.1 Konservative Gründungsjahre
3.2 Modernisierungsprozess im Kaiserreich
3.3 Der Bayerische Kurier als Übernahmeobjekt
3.4 Schicksalsjahre im Ersten Weltkrieg
3.5 Parteiwerkzeug in der jungen Weimarer Republik
3.6 Kampf gegen Hitler und Untergang

4 Berichterstattung des Bayerische Kuriers im Januar 1919
4.1 Historischer Hintergrund
4.1.1 Revolution von „oben“ und von „unten“
4.1.2 Eisners Münchener Revolution
4.2 Im Vorfeld der Landtagswahlen am 12. Januar
4.2.1 Wahlformalitäten und die Stimme der BVP
4.2.2 Glaube, Konfession und rund um die Revolution
4.3 Zwischen Landtagswahl und Wahlen zur Nationalversammlung

5 Zusammenfassung und Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Unter den Mitteln zur Förderung der katholischen Interessen, zur Wahrung und Verteidigung der Rechte und Freiheiten der Kirche, zur Vertretung der Belange des Katholizismus in der Öffentlichkeit und zur Verbreitung und Stärkung der katholischen Weltanschauung ist die katholische Presse eines der wirksamsten."[1]

Diese Feststellung des Erzbischofs von Hauck von Bamberg bezieht sich in den 1920er Jahren auf die vielen Jahre des publizistischen Kampfes der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit für ihre Belange. An vorderster Front kämpfte in Bayern und München auch der „Bayerische Kurier“, der hier näher betrachtet werden soll. Anschließend an das Seminar „Bayerische Pressegeschichte“ geht diese Arbeit also noch ein Stück weiter auf den Bayerischen Kurier ein, der zuvor eher überblicksartig im Rahmen der so genannten „Schwarzen Presse“ aufgearbeitet wurde.

Um zu einer deutlicheren Charakteristik des Blattes zu gelangen, kann auf einen Rückblick in die Entstehungsgeschichte der katholischen Presse nicht verzichtet werden. Diese reicht bis in das Mittelalter zurück und besaß ihren Höhepunkt gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Manche katholische Presseorgane begleiteten das Schicksal der Katholiken aber noch bis zum Ende der Weimarer Republik. Zu diesen gehört auch der Bayerische Kurier, der mit dem beschriebenen Hintergrund der katholischen Pressegeschichte näher betrachtet wird.

Die Seminararbeit umfasst neben diesen beiden theoretischen Teilen auch einen praktischen Abschnitt, innerhalb dessen der Bayerische Kurier exemplarisch „in Aktion“ betrachtet werden soll. Wie muss man sich die Kommunikation des Kuriers vorstellen? Anhand einiger Beispiele soll die Berichterstattung in den Ausgaben des Bayerischen Kuriers vor der Landtagswahl am 12. Januar und der Wahl zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung am 19. Januar näher beschrieben werden. Die Arbeit beschränkt sich hier lediglich auf exponierte politische bzw. katholisch-politische Themen. Zuvor beschriebene Merkmale der katholischen Presse sind so möglicherweise wieder erkennbar und eventuell können auch neue aufschlussreiche Aspekte entdeckt werden, die den Bayerischen Kurier und seinen Kommunikationsmodus ergänzend beschreiben.

Die Darstellung der katholischen Pressegeschichte lehnt sich größtenteils an die Ausführungen Hans Wagners an, der in seinem Buch „Das Ende der katholischen Presse“ auch deren Anfänge anschaulich vermittelt. Der Bayerische Kurier ist bis auf kleinere Episoden Paul Hosers und Harrers noch nicht in Gänze aufgearbeitet worden. Zusammengetragen fanden sich aber genügend Hinweise, die ein größeres geschlossenes Bild des Bayerischen Kuriers ermöglichen. Die für den Analyseteil der Seminararbeit genutzten Ausgaben der Januartage 1919 sind größtenteils zusammenhängend und in gutem Zustand erhalten geblieben und konnten so direkt als Quelle genutzt werden. Denn so sind z.B. die Ausgaben des Bayerischen Kuriers Ende der 1920er Jahre nicht verfügbar. Viele der wichtigen Zeitzeugnisse sind häufig durch Wasserschäden im Krieg zerstört worden.

2 Die Entwicklungsgeschichte der katholischen Presse

Geht es um die Charakteristik des Bayerischen Kuriers, sollte dieser innerhalb der katholischen Presse verortet werden. Was aber macht die katholische Presse aus? Um dies ausreichend klären zu können, muss auf ihre Entwicklungsgeschichte hingewiesen werden, denn „es trifft in der Tat zu, dass die Erscheinungsweisen der katholischen Presse, dass die Beziehungsfelder zwischen Kirche und Massenmedien ohne Kenntnis dieser Vergangenheit nicht zu beschreiben, nicht zu erklären oder zu verstehen sind“.[2]

2.1 Zerfall der mittelalterlichen christlichen Öffentlichkeit

Im Mittelalter bildete die christliche Weltanschauung eine für alle verbindliche Norm, welche die Gesellschaft zusammenhielt. Sie bildete die „vollkommene Öffentlichkeit“, die jedem bekannt und sichtbar war.[3] Der Beginn der Frühen Neuzeit im 13. Jahrhundert, aber besonders die italienische Renaissance und der sich ausbreitende Humanismus der folgenden zweihundert Jahre zeugten von gewaltigen sozialen, kulturellen und geistigen Umbrüchen, die das mittelalterliche Öffentlichkeitsbild stückweise einstürzen ließen.

Im 15. Jahrhundert wurde der Buchdruck durch Gutenberg erschwinglich und seine „beweglichen Lettern“ veränderten die Kommunikationsgeschichte. Denn die Tatsache, dass die Meinung eines Individuums nun einfacher publiziert und konserviert werden konnte, veränderten auch den Öffentlichkeitsanspruch der Gelehrten, die „im Laufe der Zeit dazu übergehen, ihre Erkenntnisse und Diskussionen nicht mehr wie bisher in der lateinischen Gelehrtensprache, sondern in ihrer jeweiligen Muttersprache zu veröffentlichen[4].

Einer von ihnen war Martin Luther, der nicht ahnte, welch gewaltigen Stein er mit seiner Reformation ins Rollen brachte. Auch er übersetzte seine berühmten Thesen ins Deutsche, statt sie auf Latein mit Ablasspredigern zu disputieren.[5]

Hier liegen die Wurzeln, die auch die spätere publizistische Haltung der Kirche überhaupt begreifbar machen. Denn als die mittelalterliche christliche Öffentlichkeitskonstellation zerfällt und sich immer mehr absolutistisch geführte National- und Territorialstaaten aus dem sich auflösenden Heiligen Römischen Reich herausbildeten, gewinnt die Kommunikationsgeschichte zusätzlich an Dynamik: Das Interesse an Neuigkeiten und deren Weiterverbreitung stieg rapide an und „treibt auf dem Zusammenprall der konkurrierenden Öffentlichkeitsansprüche sowohl der Obrigkeit mit der privaten Öffentlichkeit wie der verschiedenen Öffentlichkeitsansprüche der bürgerlichen Gruppen, der Parteien, der Fraktionen in der Gesellschaft zu[6].

2.2 Einheit von Kirche und Staat

Die Kirche sah keine Veranlassung, sich in den verstärkt sichtbaren „publizistischen Tageskampf[7] einzuschalten und beharrte weiter auf ihrem anfänglichen Verständnis von Öffentlichkeit.[8] Denn im Zuge der Gegenreformation sah man das „kaiserlich-katholische“ ausreichend miteinander verschränkt. Die Einheit von Kirche und Staat gab somit noch keinen „Anstoß zu einer oppositionellen publizistischen Meinungsäußerung, auf welche die neuere katholische Presse ja zurückzuführen ist[9]. Bestehende „gnädigst priveligierte Blätter[10] und die mit amtlichen Nachrichten oder mit Hirtenbriefen und Religionsnachrichten gespickten moralischen Wochenschriften können laut Krumbach noch nicht zu den ersten katholischen Zeitungen gezählt werden[11]. Ebenfalls zählt Wagner solche Erscheinungen lediglich zu den „primitiven Frühformen[12] katholischer Presse.

Dann endlich, als das Volk schon von den Freiheitsidealen der Aufklärung und der französischen Revolution angesteckt war, entwickelte sich die katholische Kirche unfreiwillig hin zu einer eigenen gesellschaftlichen Position. Mitverantwortlich für den Weg der Kirche zurück in die Gesellschaft war der Säkularisierungsprozess, der mit dem Reichsdeputationshauptschluss im Jahr 1803 seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Kirchlicher Besitz wurde eingezogen und geistliche Fürstentümer aufgelöst.[13] Nun also wurde auch ganz offiziell der katholischen Kirche „ein Platz unter den konkurrierenden Öffentlichkeitsansprüchen zugewiesen[14].

In diese Rolle zurückgedrängt begann die Kirche nun auch langsam die Instrumente zu nutzen, deren sich auch die Wirtschaft und andere gesellschaftliche Teilbereiche bedienen und es entsteht eine katholische Tagespresse, die nun schon einen gewissen „propagandistischen Zug[15] aufweist. Ein Merkmal, das den Frühformen, die höchsten einen „konfessionellen Einschlag[16] besaßen, völlig fehlte. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts scheiterte die katholische Presse jedoch noch häufig an der Ablehnung und an der Zensur des preußischen Obrigkeitsstaats, der den Druck katholischer Zeitungen höchstens unter harten Auflagen gestattet. Sie erfuhr nun ihre seit dem 15. Jahrhundert geforderten Zensurmaßnahmen und Kontrollen „am eigenen Leibe“.[17]

Zusammenfassend stellt Wagner bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fest: „Der Staat verfügt über die Kirche als gesellschaftliche Gruppe und zwingt sie damit, auch im Kampf um die öffentliche Meinung so zu handeln, als erhebe sie nur einen Öffentlichkeitsanspruch unter vielen[18]. Der Kirche selbst wird ihr Mangel an Öffentlichkeit bewusst und ist nicht gewillt, sich in die „konkurrierenden Öffentlichkeitsansprüche“ der gesellschaftlichen Gruppen einzufügen. Sie entwickelt sich zur reaktionären, konservativen Kirche.

2.3 Eine gesellschaftliche Gruppe unter vielen

Bis zum Revolutionsjahr 1848 wurden ungefähr zwanzig katholische Tageszeitungen neu gegründet[19] und mehrere Ereignisse sorgten im Vorfeld dafür, dass sich die katholische Kirche und ihre Presse zu jenem „monolithischen Meinungsblock[20] verfestigten, den sie während ihrer symbiotischen Verbindung mit dem Staat noch nicht darstellten: Der Kölner Erzbischof v. Droste-Vischering wurde in der Folge des Mischehenstreits im Jahr 1837 verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Das war „das Signal für die Katholiken – in der glücklichen Erkenntnis, welche fruchtbare Macht die öffentliche Meinung sei – den publizistischen Kampf aufzunehmen[21]. Besonders in Bayern entstand nach den Kölner-Wirren die Auffassung, dass das politische Tagesgeschehen auch von einem konkret katholischen Standpunkt aus beschrieben werden sollte und so stellten sich Blätter wie die „Augsburger Postzeitung“ hinter den Kölner Erzbischof. Die Katholiken selbst beharrten weiterhin auf die Pressefreiheit, die ihnen im Jahr 1848 dann auch gewährt wurde. In der Folge entstanden eine Vielzahl katholischer Zeitungen mit teilweise unterschiedlichen Schwerpunkten[22]. Die Situation der katholischen Presse und ihrer Organisation wurde auf den vielen Katholikentagen verhandelt und man diskutierte Ideen einer breiteren Institutionalisierung.

2.4 Kulturkampf und Politisierung der Katholiken

In der politisch friedlichen Periode von 1848-1870 gelang den katholischen Zeitungen ein sanfter Aufstieg und 1865 geht Nüßler von insgesamt 60.000 Abonnenten katholischer Tageszeitungen aus[23]. Doch ein wichtiges Element fehlte den Katholiken: Sie besaßen keine gemeinsame politische Stimme und „der Bildung einer katholischen Presseorganisation musste die Bildung einer großen politischen Partei vorausgehen[24]. Nach den Wahlen zum ersten Deutschen Reichstag am 3. März 1871 formierte sich – schon unter dem Eindruck der aufkommenden Kulturkampfzeit – die Partei des Zentrums.[25] Der im Mai 1878 gegründete „Augustinus-Verein zur Pflege der katholischen Presse[26] übernimmt die Steuerung und die weitere Vereinheitlichung der katholischen Presse. Er formt sie zur „Zentrumspresse“[27] . Das Zentrum vertrat die Interessen der katholischen Kirche, deren Einfluss Reichskanzler Bismarck als „staatsgefährdend“ ansah. Im spätestens mit der Reichseinigung 1870/71 einsetzenden Kulturkampf, also dem Kampf Bismarcks beziehungsweise des protestantischen Preußens gegen die Katholiken, rückten die Katholiken näher zusammen. Die katholische Presse erblühte, da auch das Informationsbedürfnis der zurückgedrängten Katholiken befriedigt werden wollte[28]. Doch bis auf die „Germania“ in Berlin und der „Kölnischen Volkszeitung“ bleiben die Zeitungen meist wenig Aufsehen erregende Lokalblätter. Da die von Bismarck erlassenen Katholikengesetze wie der Kanzelparagraph von 1871 auch viele Priester ihres Amtes enthoben, wurden diese vielfach zu Redakteuren und die von den Gegnern so genannte „Hetzkaplanpresse[29] war geboren. Diese wirkte optisch oft unprofessionell und da es sowohl an Fachleuten wie an finanziellen Mitteln fehlte, mussten Strategien und Redaktionsplanung oft improvisiert werden. Doch sprach die „Schwarze Presse“ die Sprache des Volkes und ihr waren die Sorgen der Menschen bewusst[30]. Die katholische Presse spielte zumindest auf lokaler Ebene eine wichtige Rolle.

2.5 Kulminationspunkt erreicht?

Obwohl es durch die „Gründerzeit“ der 1880er Jahre zu einer „Entfesselung der Massenkommunikation im Deutschen Kaiserreich[31] kam und die gesamte Presse auf 4.138 Zeitungen anstieg[32], rutschte die katholische Presse mit Ende der Kulturkampfzeit in den späten 1870er und den 1880er Jahren in eine Phase der Konsolidierung, die bis zum Ende der Weimarer Republik anhielt[33]. Die katholische Presse verlor einfach „den Anschluß an den abfahrenden Zug der Massenpresse[34]. Spätestens im 20. Jahrhunderts bildete die Massenpresse für sämtliche politischen Parteien das zentrale Kommunikationsmittel. Denn allein diese konnte die Land- und Stadtbevölkerung erreichen und sie mit Informationen versorgen. Doch die Presse war stark segmentiert: Für die Liberalen waren es die „Münchener Neuesten Nachrichten“ oder die „Augsburger Abendzeitung“, die „Münchener Post“ bediente die Sozialdemokraten und neben der Bauernbundspresse und anderen politischen Richtungen bildeten die „Augsburger Postzeitung“ und der hier im Mittelpunkt stehende „Bayerische Kurier“ das Sprachrohr des bayerischen Zentrums bzw. später das der Bayerischen Volkspartei[35].

Insgesamt kann darauf hingewiesen werden, dass “zwischen 1848 und 1935 jene Epochen der katholischen Pressegeschichte liegen, die zu den erfolgreichsten überhaupt gezählt werden, […] in denen ein Pressewesen erblüht, dem der Begriff ‚katholische Presse’ wie ein Ehrenkranz verliehen wurde[36]. Blätter wie der Bayerische Kurier waren es, welche die Fahne der katholischen Presse bis zum Schluss aufrecht hielten.

3 Der Bayerische Kurier

3.1 Konservative Gründungsjahre

Der Bayerische Kurier wurde am 1. Januar 1856 vom Buchhändler Lentner in München gegründet. Um der konservativen Sache „mit vereinten Kräften[37] dienen zu können, wurde das Blatt im November 1867 mit dem „Neuen Bayerischen Kurier für Stadt und Land“ zusammengelegt. Seine nun vergrößerte Leserschaft bestand sowohl aus dem konservativen katholischen Adel als auch aus dem ebenfalls konservativen Bürgertum. 1869 kauften der Großhändler Jakob Steiner und Magistratsrat Josef Radspieler gemeinsam mit dem Privatier Franz Göttner das Blatt um es im Sinne des von ihnen ein Jahr zuvor gegründeten „Münchner Patriotischen Vereins“ umzuwandeln.[38]

Der Bayerische Kurier wurde 1869 dann auch zum Sprachrohr der katholischen und partikularistischen „Bayerischen Patriotenpartei“, die gegen die Reichseinigung kämpfte. Es war nun wichtig, einen katholischen konservativen Gegenpol zu den Liberalen und ihrer Presse und hier besonders den Münchener Neuesten Nachrichten zu bilden[39]. Doch der Bayerische Kurier stellte sich zunehmend auf die Seite der Gemäßigten innerhalb der Patriotenpartei, die später das Zentrum bildeten[40]. Die Auflage der Zeitung betrug in diesem Jahr über 10.000 Exemplare.[41]

3.2 Modernisierungsprozess im Kaiserreich

Bis zum 31. Januar 1871 dauerte der Kampf der Patriotenpartei für ein selbständiges Bayern an. Dann verabschiedete sich der leitende Redakteur Steiner jr. von den Lesern und beschwor im Bayerischen Kurier noch einmal den großen partikularistischen Kampf der vergangen Jahre. Der Verein brach nach der Reichsgründung und dem Anschluss Bayerns auseinander und man verkaufte den Bayerischen Kurier an den katholischen Drucker und Verleger Max Huttler[42] (1823-1887).[43] Nach 1871 gelang es zwar, die Auflage des Bayerischen Kuriers zu steigern, jedoch erreichte die Zeitung keine überregionale Bedeutung. Für die Zukunft trauten manche aber dem Bayerischen Kurier durchaus den Status eines Haupt- oder Zentralorgans zu, denn die „mit Umsicht und Frische[44] redigierte Zeitung besaß 1880 bereits 12.000 Abonnenten.[45] Das Blatt, „das auf dem Boden des neuen Deutschen Reiches die Interessen der Katholiken schützend vertrat[46] gewann mehr und mehr an Bedeutung – besonders in der Kulturkampfzeit[47]. Im April 1885 erschienen erstmalig eine Morgen- und eine Abendausgabe und man bezog Depeschen nun direkt, was die Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung merklich beeinflusste.[48]

Nachdem der Bayerische Kurier nach Huttlers Tod in den Besitz von Conrad Fischer wechselte, war die Konkurrenz besonders in Form des „Münchener Fremdenblatts“ Ende der 1880er Jahre sehr groß – die Auflage brach auf die Hälfte ein. Inhaltlich stand man nach wie vor dem Zentrum als Nachfolgepartei der Patriotenpartei nahe. Aber die Agitation gegen Preußen und für den Partikularismus in der Anfangszeit wich nun nach und nach der Akzeptanz für den Einheitsstaat[49]. Für Bayern bezog der Bayerische Kurier dennoch immer wieder patriotisch Stellung man pries nach wie vor die Wittelsbacher Dynastie.[50]

Unter der Leitung des langjährigen Redakteurs Athanasius Degenhardt wurde das Blatt modernisiert: Im Jahr 1890 tauschte man das Oktavformat der 1870er Jahre gegen das Quart-Format (25 x 35 cm) einer modernen Zeitung aus und führt eine zweispaltige Aufmachung ein. Der Umfang der Zeitung beträgt nun acht Seiten. Ein oft beigefügtes zweites Blatt enthielt Gerichtsberichte, Magistratsnachrichten, Lokales, Inserate sowie Nachrichten aus aller Welt. Das „Feuilleton[51] und bunt gemischte kleine Nachrichten las man jetzt unter dem Strich, der über die beiden ersten Seiten des Hauptblatts sowie der Beilagen verlief.[52] Inhaltlich übernahm man Meldungen jetzt nicht mehr allzu häufig aus anderen Zeitungen, wie beispielsweise der „Augsburger Abendzeitung“ und die Artikel beginnen in den 1890er Jahren zunehmend mit: „Unser Correspondent in Washington meldet…[53].

[...]


[1] Erzbischof Dr. von Hauck von Bamberg gelegentlich der Einweihung des neuen Hauses des St. Otto-Verlages 1925. (Katholische Presse-Aktion 1927: 8)

[2] Wagner 1974: 11

[3] vgl. ebd.: 16

[4] ebd.: 17

[5] vgl. ebd.: 19f.

[6] ebd.: 22

[7] ebd.: 23

[8] vgl. ebd.: 22f.

[9] Krumbach 1932: 204

[10] ebd.: 205

[11] vgl. ebd.: 205

[12] Wagner 1974: 25

[13] vgl. ebd.: 26f.

[14] ebd.: 27

[15] Krumbach 1932: 205

[16] ebd.: 203

[17] Hans Wagner (1974: 34f./38f.) analysierte die Einstellung der Kirche zur Pressefreiheit und er verneint die Behauptung, dass die Kirche Jahrhunderte lang gegen die Pressefreiheit gekämpft habe. So musste sich die Kirche der „papierenden Invasion der Privatinteressen“ erwehren um die gesellschaftliche Kommunikation mit ihr im Zentrum aufrechtzuerhalten. Aber in den 1840er Jahren befinden sich die Katholiken in einem Dilemma: Aus ihrer eigenen Vergangenheit sind sie sich selbst zwar einer Notwendigkeit von Zensur und Kontrolle bewusst, dennoch muss die Zensur, die diesmal auf Seiten des Obrigkeitsstaates gelagert ist, abgelehnt werden um an der verbliebenen Öffentlichkeit partizipieren zu können. So fordern viele katholische Wortführer nun ebenfalls die politische Pressefreiheit.

[18] ebd.: 29

[19] vgl. ebd.: 27

[20] ebd.: 26

[21] Krumbach 1932: 206

[22] vgl. Wagner 1974: 40f.: Es entstanden diverse Fachblätter mit literarischen, theologischen und seelsorglichen Inhalten, aber auch Kirchen- und Sonntagsblätter sowie katholische Schulzeitschriften.

[23] vgl. Nüßler 1954: 7

[24] Wagner 1974: 44

[25] Zwar gab es in den in den einzelnen Länderparlamenten konfessionelle Parteien, aber erst als sich Ende November 1852 die „Katholische Fraktion“ im Preußischen Abgeordnetenhaus bildete, waren die Grundlagen geschaffen, auf die eine spätere katholische Politik aufbauen konnte. Denn ab 1859 nannte man sich „Fraktion des Centrums“, was zum einen der Position im Abgeordnetenhaus geschuldet war und zum anderen daraus resultierte, dass die Regierung Probleme mit dem „aufs Religiöse hinweisenden Namen“ (Kisky 1928: 33) der Katholischen Fraktion hatte. (vgl. ebd.: 32f.)

[26] s. zum Augustinus-Verein z.B. Weber 1932: 250ff.

[27] vgl. Kisky 1928: 35/Wagner 1974: 48/56f.

[28] vgl. Nüßler 1954: 7f.: Als nach dem Krieg 1866 Österreich ausschied, waren die Katholiken in der Minderheit. Das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma des 1. Vatikanischen Konzils von 1870 heizte die öffentliche Debatte über den Katholizismus zusätzlich an und führte direkt in den Kulturkampf.

[29] Wagner 1974: 51

[30] vgl. ebd.: 50f.

[31] Wilke 2000: 259

[32] vgl. ebd.: 261: Sämtliche statistischen Zahlenangaben leiden z.B. darunter, dass es so genannte „Stammzeitungen“ gab, die in einem jeweiligen lokalen Bezugsraum einen anderen Titelkopf bzw. auch einen ausgetauschten Lokalteil erhielten. 1914 ergaben sich z.B. aus 627 Stammzeitungen bereits 1.052 Lokalausgaben.

[33] vgl. Wagner 1974: 54f.: Bezüglich der katholischen Presse warnt Wagner hier vor Fehlinterpretationen der Statistik, die ein stetes Anwachsen der Presse auch nach dem Kulturkampf zu bezeugen scheint. Die erfolgreichere Zeit der katholischen Presse war bereits Vergangenheit, als der Erste Weltkrieg ausbrach.

[34] ebd.: 53

[35] vgl. Hochberger 1991: 154f.

[36] Wagner 1974: 37

[37] Harrer 1940: 111

[38] vgl. Hoser 2007: 1

[39] vgl. Harrer 1940: 111

[40] s. Kap. 2.4

[41] vgl. Harrer 1940: 111

[42] Dem literarischen Institut des Dr. Huttler gehörten ebenfalls die „Augsburger Postzeitung“ und die „Neue Augsburger Zeitung“ (vgl. Hoser 2007: 1).

[43] vgl. Harrer 1940: 111f.

[44] Löffler 1924: 63

[45] vgl. Löffler 1924: 63

[46] Harrer 1940: 112

[47] s. Kap. 2.4

[48] vgl. Harrer 1940: 112

[49] vgl. Hoser 2007: 2

[50] vgl. Hoser 2007: 2/Harrer 1940: 113

[51] Harrer (1940: 113f.) bezeichnet das Feuilleton des Bayerischen Kuriers bis Ende 1890 als „ziemlich minderwertig“. Erst als die Manz AG Ende September 1890 das Blatt übernahm, widmet man dem Feuilleton größere Aufmerksamkeit und steigerte besonders die Qualität von Theater- oder Musikberichten und die der Unterhaltungsbeilage.

[52] vgl. Harrer 1940: 112f.

[53] Harrer 1940: 113

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Für Gott und Vaterland - Der Bayerische Kurier in München
Untertitel
Die Entwicklung der Zeitung mit zusätzlicher exemplarischer Darstellung ihrer Perspektive auf die Wahlen zum Landtag und zur Weimarer Nationalversammlung 1919 in Bayern
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Bayerische Pressegeschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
31
Katalognummer
V75627
ISBN (eBook)
9783638798228
ISBN (Buch)
9783638797481
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gott, Vaterland, Bayerische, Kurier, München, Pressegeschichte
Arbeit zitieren
Karsten Linde (Autor), 2007, Für Gott und Vaterland - Der Bayerische Kurier in München, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75627

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