Zwischen HipHop und Kommerz

Identitätskonstruktionen im amerikanischen und im deutschen HipHop


Magisterarbeit, 2006
107 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: „HipHop – and it don’t stop“

2. Über Castells’ Theorie der drei Identitätsformen
2.1 Soziale Bewegungen
2.2 Die Konstruktion von Identität
2.3 Die drei Typen der Identitätsbildung
2.4 Identität in der Netzwerkgesellschaft
2.5 Einordnung in die zeitgenössische Identitätsforschung
2.6 Anmerkungen zum methodischen Vorgehen
2.7 Anmerkungen zur Auswahl und zur Notation der Texte

3. HipHop als Konstruktion von Identität – Definition, Paradigmen und Themen
3.1 HipHop als Form der Konstruktion von Identität
3.2 „Keep it real“ – Authentizität und Wettbewerb in der HipHop-Kultur
3.3 Themen der Rap-Musik
3.4 Definition von HipHop und Rap

4. US-amerikanischer HipHop
4.1 „Ich weiß noch genau, wie das alles begann“ – Die Geburt der HipHop-Kultur
4.1.1 Die Bürgerrechtsbewegung und ihre Folgen
4.1.2 Das Ghetto
4.2 Kurze Geschichte des amerikanischen HipHop
4.2.1 Die Old School
4.2.1.1 Die erste Phase der Old School
4.2.1.2 Die Zulu Nation
4.2.1.3 Die zweite Phase der Old School
4.2.1.4 Von Old School zu New School
4.2.2 Die New School
4.2.2.1 Eastcoast
4.2.2.2 Westcoast
4.2.3 Die neunziger Jahre
4.2.4 Das neue Jahrtausend
4.3 Analysen amerikanischer Rap-Lieder
4.3.1 Grandmaster Flash and The Furious Five – „The Message” (1982)
4.3.2 Public Enemy – „Fight the power” (1989)
4.3.3 Tupac – „Changes“ (1996)
4.3.4 Immortal Technique – „Harlem Streets“ (2003)
4.4 Vergleich der Identitätskonstruktionen im amerikanischen Rap

5. HipHop in Deutschland
5.1 Kulturimport aus den USA
5.2 Kurze Geschichte des deutschen HipHop
5.2.1 Die Alte Schule der deutschen HipHop-Kultur
5.2.2 Deutscher HipHop wird kommerziell erfolgreich
5.3 Analysen deutscher Rap-Lieder
5.3.1 Advanced Chemistry – „Fremd im eigenen Land“ (1992)
5.3.2 Cora E. – „Schlüsselkind“ (1996)
5.3.3 Freundeskreis – „Esperanto“ (1999)
5.3.4 Brothers Keepers – „Adriano (Letzte Warnung)” (2001)
5.3.5 Sido – „Mein Block“ (2004)
5.4 Vergleich der Identitätskonstruktionen im deutschen Rap

6. Schlussbetrachtung: kollektive Identitätskonstruktionen im amerikanischen und im deutschen HipHop

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung: „HipHop - And it don’t stop”

Fährt man mit dem Zug in eine deutsche Großstadt wie Berlin oder Hamburg ein, so kann man nur die Augen verschließen, um der Begegnung mit der HipHop-Kultur zu entgehen: während der Einfahrt stechen dem Reisenden riesige Buchstabengebilde, „Graffiti“, ins Auge, die die Bahnlinie zu beiden Seiten säumen. Graffiti gelten als allgegenwärtige Zeichen der Großstadt und sind der wohl berüchtigtste Ausdruck einer Jugendkultur, die zwischen Kommerzialisierung und Untergrund oszilliert – der HipHop-Kultur.

Diese Kultur, vor mehr als dreißig Jahren in den vor allem von Schwarzen bewohnten Ghettos New Yorks entstanden, bedeutet mehr, als den öffentlichen Raum mit plakativen Schriftzügen oder Figuren zu bemalen. Die Graffiti-Malerei ist nur ein Teil der Bewegung namens HipHop, die sich selbst als Kultur auffasst und bezeichnet und, neben Techno, als „die Jugendbewegung der neunziger Jahre [gilt]. HipHop ist das Lebensgefühl der Großstadtkids“ (Henkel/Wolff 1996:11). Neben Graffiti formen Rap, DJing und Breakdance in der allgemein üblichen Definition von HipHop die anderen Ausdrucksformen dieser Kultur, die untermauert ist von dem oben zitierten, umfassenden Lebensgefühl, das sich nicht nur bei „Großstadtkids“ finden lässt. Die Populärkultur bietet Jugendlichen viele verschiedene Identifikationsmöglichkeiten, doch gibt es „eine kulturelle Zeitströmung, die als neuer Mainstream das Leben in den und außerhalb der Musikcharts wesentlich prägt: der HipHop als Lebensentwurf, der Rap als die dazugehörige Artikulationsform“ (Wagner 1999:231).

Seit der Entstehung des HipHop in den 70er Jahren in der South Bronx, einem Stadtteil New Yorks, findet man diese Kultur nach über dreißigjähriger Geschichte nahezu global verbreitet wieder. Kaum ein anderes musikalisches Genre hat eine solche Persistenz auf dem Musikmarkt bewiesen wie Rap, die Musikform der HipHop-Kultur. Oft wurde sie für tot erklärt, doch Rap-Musik zeigte sich immer wieder fähig, neue Stile und Themen zu finden und auf diese Weise dem Puls der Zeit nahe zu bleiben.

Nicht nur auf dem Musikmarkt ist die HipHop-Kultur allgegenwärtig, sondern auch als weitverzweigte Jugendkultur mit eigenen Ritualen, Normen und Praktiken: mittlerweile finden sich weltweit verschieden ausgeprägte HipHop-Kulturen, die ihre landesspezifischen Eigenheiten ausgebildet haben, aber auch immer noch aus dem gleichen Fundus schöpfen, und zwar aus der Herkunft und Geschichte dieser Musik und Kultur aus New York. Vor allem die Popularität des Breakdance in den frühen Achtzigern, transportiert von Filmen wie „Wild Style“ oder „Beatstreet“ sowie von zahlreichen Show-Auftritten verschiedener Tänzer in Film, Fernsehen und auf öffentlichen Veranstaltungen, sorgten für ein weitreichendes Interesse Jugendlicher verschiedenster Bevölkerungsgruppen an der HipHop-Kultur. Es gibt Ausprägungen dieser Kultur im Iran, in Nigeria, in Japan, in südamerikanischen Ländern und an vielen anderen Orten der Welt, die alle den aus New York kommenden HipHop in sich aufgenommen und mit ihren eigenen kulturellen Traditionen vermengt haben. So entstand weltweit das facettenreiche Bild der verschiedenen Szenen des HipHop, die sich historisch der Herkunft dieser Kulturform aus den USA bewusst sind, aber auch auf eine eigene Weise neu definieren. In Europa haben sich in fast allen Ländern beachtliche eigenständige HipHop-Szenen entwickelt und vor allem in Frankreich, Italien und Deutschland ist die landesspezifische Weise dieser Kultur mittlerweile sehr stark ausgeprägt und hat vom kommerziellen Erfolg her auf den nationalen Musikmärkten zu den amerikanischen Produktionen aufgeschlossen. Seitdem Rap-Musik in der Populärkultur eine wichtige Strömung darstellt, bewegt sich die HipHop-Kultur in dem Spannungsfeld zwischen dem Mainstream, dessen Teil sie mittlerweile ist, und dem Untergrund, aus welchem sie stammt. Anders ausgedrückt: HipHop bewegt sich zwischen Widerstand und Kommerz.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Aspekt der Identitätskonstruktion im musikalischen Medium der HipHop-Kultur, der Rap-Musik. Sie untersucht, wie sich verschiedene Gruppen und Einzelkünstler inszenieren, auf welches kulturelle Material sie zurückgreifen und welche Inhalte und Themen behandelt werden. Ich möchte hierzu auf verschiedene Vertreter verschiedener Zeitspannen und Örtlichkeiten innerhalb der Geschichte des HipHop zurückgreifen, sie in ihren Aussagen, Meinungen und ihren Selbstbildern vergleichen und Gemeinsamkeiten und Differenzen herausarbeiten. Ich werde mich auf einige Vertreter der amerikanischen und der deutschen HipHop-Szene beschränken, sie in ihren Texten untersuchen und herausstellen, wie sie sich selbst in ihren Liedern darstellen, gegen wen sie sich wenden und wofür sie einstehen bzw. welche Forderungen, Kritiken oder Anregungen sie ihren Zuhörern geben wollen - kurz gesagt: wie und woraus wird in diesen Liedern Identität konstruiert?

Den soziologischen Zugang zu dieser Thematik möchte ich mit der Theorie von Manuel Castells nehmen, wie sie im zweiten Band seiner Trilogie „Netzwerkgesellschaft“ zu finden ist. Diese Theorie wird in ihren Grundaussagen im zweiten Kapitel vorgestellt werden, gefolgt von einigen methodischen Bemerkungen. Daran anschließend möchte ich das theoretische Modell der Identitätskonstruktion, wie Castells es entwickelt hat, in den weiteren Kapiteln verschiedenen Liedtexten von Rap-Musikern zugrundelegen und in den dort getroffenen Aussagen die Konstruktionen von Identität mit dem Modell von Castells zu fassen versuchen.

Diese Arbeit kann sich von ihrem Umfang her nur einer gezielten Auswahl von HipHop-Liedern widmen. Die mittlerweile existierende Fülle an Liedmaterial, die dieser Kultur zuzuschreiben ist, erfordert eine Auswahl einiger herausragender Gruppen bzw. Lieder. Ich möchte nicht auf die Masse der Rap-Lieder eingehen, sondern mich mit einer kleinen Auswahl begnügen, die mir in ihrer Aussagekraft und in ihrer Wichtigkeit für die gesamte Kultur relevant erscheinen. Diese Auswahl wird Gruppen aus verschiedenen Phasen der Rap-Musik behandeln, sowohl amerikanische Rapper und Rap-Gruppen (Kap. 3), als auch Künstler, die in Deutschland ansässig sind (Kap. 4), sollen untersucht und in ihrer Selbstinszenierung und ihren Identitätskonstruktionen analysiert und untereinander zu verglichen werden.

Den Schlusspunkt dieser Arbeit bildet der Vergleich der amerikanischen Rap-Texte mit den Texten der deutschen Rap-Musik: hier sollen die Identitätskonstruktionen der verschiedenen Künstler in ihren Unterschieden oder auch Ähnlichkeiten dargestellt werden. Meine Hypothese, mit der ich mich dieser Arbeit zugewendet habe, lautete, dass in den meisten Texten Identitäten konstruiert werden, die entweder Widerstand gegen die herrschenden Institutionen und Normen der Gesellschaft ausdrücken oder eine Veränderung der Gesellschaft anstreben.

2. Über Castells’ Theorie der drei Identitätsformen

Die Theorie zur Konstruktion von Identität, wie sie Manuel Castells im zweiten Band seiner Trilogie „Die Macht der Identität“ vorgestellt hat, erscheint mir in seiner dargestellten Typologie der verschiedenen Ursprünge von Identität ein gutes Instrumentarium zur Anwendung auf die Rap-Musik zu sein. Ich möchte die in den von mir gewählten Liedern getroffenen Aussagen mit Hilfe der Typologie von Castells untersuchen und herausfinden, welchen Typus von Identität der jeweilige Künstler konstruiert. Hierzu möchte ich vorneweg die Theorie von Castells in ihren Grundzügen vorstellen.

Nachdem Castells im ersten Band mit dem Titel „Das Informationszeitalter I – Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“ die historische Entwicklung der Technologie nachzeichnet, münden seine Überlegungen in der These, dass sich die Kommunikation und damit die Kultur der Menschen grundlegend verändert haben: „Es lässt sich als historische Tendenz festhalten, dass die herrschenden Funktionen und Prozesse im Informationszeitalter zunehmend in Netzwerken organisiert sind. Netzwerke bilden die neue soziale Morphologie unserer Gesellschaften, und die Verbreitung der Vernetzungslogik verändert die Funktionsweise und die Ergebnisse von Prozessen der Produktion, Erfahrung, Macht und Kultur wesentlich.“ (Castells 2001:527) Zwar habe es Netzwerke auch schon vorher gegeben, doch der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft mache die soziale Organisation in Form von Netzwerken für die gesamte gesellschaftliche Struktur maßgeblich. Die Teilnahme oder Nicht-Teilnahme an Netzwerken und die Dynamik und Hierarchisierung der Netzwerke untereinander sind für Castells die entscheidenden Ursprünge von Machtverhältnissen und sozialem Wandel. Die Netzwerkgesellschaft ist aber nicht nur durch diese Transformation gekennzeichnet, sondern auch durch das Aufleben sozialer Gegenbewegungen. Diese Gegenbewegungen, die Castells in der Konstruktion von kollektiven Identitäten verortet, bilden einen Gegenpol zu der Machtverschiebung hin zum Raum der Ströme der Netzwerke, der exklusiv von den Eliten genutzt wird und einen Großteil der Menschen in die Peripherie verbannt und marginalisiert.

Im zweiten Buch seiner Trilogie, das den Titel „Die Macht der Identität“ trägt, fokussiert Castells seinen Blick auf die sozialen Bewegungen und auf die Politik, wie sie sich aus dem Zusammenspiel von Globalisierung, der Macht der Identität und den staatlichen Institutionen ergeben. Neben der kapitalistischen Globalisierung und dem Aufstieg der Netzwerkgesellschaft sei ebenso „der Aufschwung machtvoller Ausdrucksformen kollektiver Identität“ (Castells 2003:4) ins Rollen geraten, welche sich gegen Globalisierung und Kosmopolitismus stemmen und auf ihren Ansprüchen der kulturellen Eigenart und der Eigenverantwortlichkeit für ihr Leben und ihre Lebenswelt beharren. Castells geht von einem Konflikt zweier entgegen gesetzter Trends in der global-gesellschaftlichen Sphäre aus: auf der einen Seite der Trend zur Globalisierung und auf der anderen Seite der Trend zur Konstruktion von Identität aus Sinn-Quellen, welche dem Trend der Globalisierung kritisch oder sogar ablehnend gegenüberstehen (vgl. ebd.:3). Die zunehmende Polarisierung von Netzwerk und Identität stellt die Kernthese der Theorie von Castells dar.

In diesem Feld nähert sich Castells dem Hauptthema dieses zweiten Bandes: verschiedene Ausdrucksformen kollektiver Identität werden untersucht und im Kontext der Netzwerkgesellschaft analysiert. Die Bandbreite der Untersuchungsgebiete reicht von progressiven Bewegungen wie des Umweltschutzes bis hin zu stark reaktiven Bewegungen, wie etwa christlicher oder islamischer Fundamentalismus. Im Folgenden möchte ich kurz die Definition von sozialen Bewegungen wiedergeben.

2.1 Soziale Bewegungen

Eine soziale Bewegung definiert Castells als „zielgerichtete soziale Handlungen, deren Ergebnis in Sieg oder Niederlage die Werte und Institutionen der Gesellschaft transformiert“ (Castells 2003:5). Castells kategorisiert soziale Bewegungen durch drei Prinzipien:

Erstens: Soziale Bewegungen geben sich ihre Identität selbst: dies bezeichnet die Selbstdefinition der Bewegung, also als was sie sich darstellt und wen sie repräsentiert. Sie müssen in ihren eigenen Begriffen verstanden werden: „sie sind, was sie sagen, dass sie sind. Ihre Praxen – vor allem ihre Diskurspraxen – sind ihre Selbstdefinition.“ (ebd.:77; Hervorheb. i.O.). Dieser Ansatz entlastet Castells davon, die Aussagen interpretieren zu müssen und sich eine Darstellung des Bewusstseins der sozialen Bewegungen anzumaßen. Worin die Beziehung zwischen der Bewegung, ihrer Praxis und ihrer Werte einerseits und den sozialen Prozessen andererseits, in welche die soziale Bewegung eingebettet ist, besteht, ist eine weitere zu erkundende Sache.

Zweitens: Soziale Bewegungen haben einen Gegner: der Hauptfeind der Bewegung wird bezeichnet und ausdrücklich kenntlich gemacht.

Drittens: Soziale Bewegungen verfolgen ein gesellschaftliches Ziel; hiermit ist die Vision einer sozialen Ordnung oder Organisation, also eine Transformation der aktuellen Gesellschaft, gemeint, welche die Bewegung durch kollektives Handeln erreichen möchte.

Zudem folgen soziale Bewegungen keiner vorbestimmten Richtung, sie können sowohl revolutionär als auch konservativ sein, oder beides gleichzeitig oder keins von beidem. Nach Castells gibt es aus Sicht der Analyse keine „guten“ oder „schlechten“ sozialen Bewegungen: sie sind als „Symptome unserer Gesellschaften“ (ebd.:77) zu verstehen, sie sind Anzeichen für soziale Konflikte und Widerstände und auch für sozialen Wandel. Sie haben Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Strukturen, mit verschiedener Intensität und verschiedenen Ergebnissen.

2.2 Die Konstruktion von Identität

Castells setzt die Definition, dass „Identität […] die Quelle von Sinn und Erfahrung für die Menschen“ (Castells 2003:8) sei. Identität ist für Castells der Prozess „durch den ein sozialer Akteur sich erkennt“ (Castells 2001:23): gemeint ist die Sinnkonstruktion der sozialen Akteure aufgrund eines oder mehrerer kultureller Attribute, die Priorität vor anderen Attributen haben und so soziale Beziehungen auf der Grundlage dieser Attribute definieren. Hierdurch unterscheidet sich der Identitätsbegriff von dem der Rolle: Rollen ergeben sich aus normativen Arrangements von Individuen und Gesellschaft. Identitäten hingegen sind für die Handelnden viel stärkere Quellen von Sinn dadurch, dass diese Quellen im Zuge der Individuation konstruiert und internalisiert werden – „einfach gesagt organisieren Identitäten Sinn, während Rollen Funktionen organisieren“ (Castells 2003:9). Die Konstruktion von Identität ist nach Castells also vor allem von der Eigenleistung der Individuen abhängig. Nur durch diese individuelle Selbstkonstruktion im Verlauf der Individuation, also der eigenen Persönlichkeitsentwicklung, ist es möglich, dass Identitäten „für die Handelnden selbst und aufgrund ihrer selbst Quellen von Sinn“ (ebd.) sein können.

Sinn versteht Castells als „die symbolische Identifikation des Ziels einer Handlung durch die sozial Handelnden“ (ebd.); er stellt die Hypothese auf, dass in der Netzwerkgesellschaft der zentrale Bezugspunkt von Sinn eine primäre Identität ist, eine Identität, die den anderen Identitäten einen Rahmen vorgibt und über Zeit und Raum hinweg selbsterhaltend ist. Mit diesem Ansatz folgt er teilweise der Identitätstheorie Eriksons, jedoch hat Castells dabei vor allem kollektive Identitäten im Blickfeld, um welche sich Menschen gruppieren.

Für Castells steht es außer Frage, dass aus soziologischer Perspektive alle Identitäten konstruiert sind. Gefragt werden muss viel mehr nach den Bausteinen und Materialien, aus denen Identität konstruiert wird, also welche spezifischen kulturellen Grundlagen, traditionellen Überlieferungen oder auch individuellen Visionen in die Bildung von Identität einfließen. Diesem schließt sich die weit interessantere Frage an, wie diese sozialen Determinanten in je spezifischer Weise von Individuen und Gruppen ausgewählt, verarbeitet und angeordnet werden. Castells formuliert die Hypothese, dass „im Allgemeinen der symbolische Inhalt einer Identität und ihr Sinn für diejenigen, die sich damit identifizieren oder sich außerhalb von ihr verorten, weitgehend dadurch bestimmt wird, wer eine kollektive Identität zu welchem Zweck konstruiert“ (ebd.). Identitätskonstruktionen sind demnach immer von Machtverhältnissen geprägt, sie müssen immer im Zusammenhang mit ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Stellung, aus der heraus sie sich konstruieren, gesehen werden. Der symbolische Inhalt und der Sinn einer Identität werden zu einem bestimmten Nutzen der Ein- und Ausgrenzung konstruiert. Nach diesen Vorüberlegungen geht Castells zum wichtigsten Teil seiner Theorie über, in welchem er drei Pole der Macht und damit drei Ursprünge für Identität vorschlägt.

2.3 Die drei Typen der Identitätsbildung

Castells schlägt drei als idealtypisch anzusehende Identitätsursprünge vor, die verschiedene Identitätstypen formen (vgl. Castells 2003:10ff.):

- Legitimierende Identität: Ursprung sind die bestimmenden Institutionen der Gesellschaft, die ihre Macht ausweiten und rationalisieren wollen
- Widerstands-Identität: Quelle sind stigmatisierte und marginalisierte soziale Akteure, die Schutz und Widerstand aufbauen wollen
- Projektidentität: Neuaufbau der Identität mit neuer Lagebestimmung ihrer selbst innerhalb der Gesellschaft mit dem Ziel der gesellschaftlichen Transformation

Diese Identitätstypen sind nicht als wesensmäßig zu verstehen, sondern unterliegen einer Dynamik, die beispielsweise aus einer widerständigen Identität eine Projektidentität entstehen lassen kann, welche sich dann wiederum dem Typus einer legitimierenden Identität zurechnen lassen kann, falls sie in die herrschenden Institutionen einer Gesellschaft eindringt. Die Typologie soll also nicht starre Pole suggerieren, die Identitäten eindeutig bestimmbar machen, sondern bietet Idealtypen an, zwischen denen sich die Wirklichkeit aufspannen lässt. Identität ist für Castells ein dynamischer Prozess, der ohne Rücksicht auf die historischen Gegebenheiten und ohne Beachtung der prägenden Machtverhältnisse nicht betrachtet und bewertet werden kann. Verschiedene Folgen ergeben sich aus diesen verschiedenen Identitätstypen für die Konstitution von Gesellschaften:

- Die legitimierende Identität bringt eine Zivilgesellschaft hervor, welche sich im Zusammenspiel von Organisationen/Institutionen und Akteure in ihrer Identität reproduziert. Vorraussetzung ist der „Doppelcharakter“ der Zivilgesellschaft, der eine Eroberung des Staates durch den sozialen Wandel erlaubt, da beiden eine ähnliche Vorstellung vom Aussehen der Zivilgesellschaft (Bürgerrechte, Demokratie, Akzeptanz des staatlichen Gewaltmonopols) zugrunde liegt.
- Der zweite Typus, die Widerstands-Identität, führt zur Herausbildung von Kommunen oder Gemeinschaften („communities“), die eine Form von kollektivem Widerstand gegen sonst unerträgliche Unterdrückung durch die herrschenden Machtverhältnisse aufbauen, meistens auf Grundlage von scheinbar klar definierten Identitäten, die es leicht machen, „den Grenzziehungen des Widerstands wesensmäßigen Charakter zuzuschreiben“ (Castells 2003:11). Sie sind (i.S.d. herrschenden Institutionen und Ideologien) defensive Identitäten, die Werturteile umkehren und Abgrenzungen verschärfen. Widerständige Identitätskonstruktionen betreiben „den Ausschluss der Ausschließenden durch die Ausgeschlossenen“ (ebd.; Hervorheb.i.O.). Im widerständigen Typus sieht Castells die wichtigste Quelle für den sozialen Wandel im Kontext der Netzwerkgesellschaft, nachdem Globalisierung und Machtverluste der Regierungen und Institutionen die legitimierenden Identitätsquellen ausgehöhlt haben. Hier stellt sich für Castells die Frage nach der Kommunizierbarkeit zwischen diesen ausschließenden und ausgeschlossenen Identitäten. Die Antwort wird darüber entscheiden, ob sich Gesellschaft zunehmend tribalistisch fragmentiert oder eine Gesellschaft bleibt, welche in ihren Teilen miteinander kommuniziert.

- Die Projektidentität stellt den dritten Ursprung für die Konstruktion von Identität dar. Aus diesem Konstruktionsprozess entstehen Subjekte: „Subjekte sind keine Individuen. […] Sie sind die kollektiven sozialen Akteure, durch die die Individuen in ihrer Erfahrung zu ganzheitlichem Sinn gelangen“ (ebd.:12). Die Konstruktion von Identität speist sich in diesem Fall aus dem Projekt eines andersartigen Zusammenlebens, aus der Vision einer grundsätzlichen Veränderung der Gesellschaft.

2.4 Identität in der Netzwerkgesellschaft

Wie schon erwähnt, lassen sich diese Identitätstypen nicht abstrakt, sondern nur in einem konkreten sozialen und historischen Zusammenhang als Untersuchungsinstrumentarium anwenden; dieser spezifische Kontext ist die „Entstehung der Netzwerkgesellschaft“ (Castells 2003:12), welche bisherige Prozesse der Identitätskonstruktion aushöhlt und so die Formen des sozialen Wandels verändert. Die Globalisierung als Oberbegriff einer Vielzahl von neben- und untergeordneten Prozessen beeinflusst die Identitätsbildungen in einer Weise, die bisherige Identitätskonzeptionen wie z.B. von Giddens, der von einem „reflexiven Projekt“ ausgeht, in Frage stellen (vgl. ebd.:13). Identitäten dieser Art seien allenfalls für die weltbürgerlichen Eliten, die er als „identitätslose Individuen“ (Castells 2003:379) bezeichnet, zutreffend, für den Großteil der Menschen jedoch besitze die „systemische Trennung des Lokalen und des Globalen“ (ebd.), und damit die Trennung von Erfahrung und Macht, immer noch Gültigkeit. Der Großteil der Menschen lebt immer noch im Reich der Orte, die Macht jedoch verläuft, nicht greifbar, im Raum der Ströme – dies mache eine reflexiv angelegte Lebensplanung unmöglich für den Großteil der Menschen.

Unter diesen Bedingungen der Netzwerkgesellschaft verliert die Zivilgesellschaft als Identitätsursprung und als Quelle von Sinn zunehmend an Bedeutung: eine Legitimitätskrise der herrschenden Institutionen und der damit einhergehende Verlust von gemeinsamen Identitäts- und Sinnquellen führt zu einer „Auflösung der Gesellschaft als sinngebendes soziales System“ (ebd.:378).

An diese Leerstellen treten in der Suche nach Sinn „kraftvolle Widerstands-Identitäten“, welche autonom gegenüber der Vernetzungslogik der Globalisierung bleiben wollen und sich „den globalen Strömen und dem radikalen Individualismus“ (ebd.:379) verwehren. Für Castells ist dieser Typus der Identitätsbildung die wichtigste Quelle zur Analyse des sozialen Wandels in der Netzwerkgesellschaft.

Castells behauptet, dass Projektidentitäten, die eine Transformation der Gesellschaft vor Augen haben, vor allem als Verlängerung aus diesen kommunalen Widerständen entstehen, und kaum noch aus der Identität stiftenden Rekonstruktion der Zivilgesellschaft, wie dies noch in der Moderne der Fall gewesen sein mag (vgl. ebd.:380). Hieraus ergebe sich die Krise, so Castells, in der Staat und Zivilgesellschaft stecken.

Die fundamentale Krise der Zivilgesellschaft und das Entstehen der Widerstands-Identitäten gehen beide auf die Eigenschaften der Netzwerkgesellschaft zurück. Während die Zivilgesellschaft zunehmend entmachtet wird durch die Aushöhlung ihrer Legitimation, gibt die Netzwerkgesellschaft ebenso der Macht von Widerstands-Identitäten Vorschub, welche sich gegen die Vereinnahmung durch die Mächte der Globalisierung richten: „Demnach löst die herrschende Logik der Netzwerkgesellschaft ihre eigene Herausforderung aus“ (ebd.:382).

Zum Schlüssel für die Netzwerkgesellschaft werden damit Projektidentitäten, welche eine Veränderung der Gesellschaft im Ganzen als Ziel haben und dabei gegen die Werte der herrschenden Interessen des Raums der Ströme stehen. Diese Identitätsprojekte entstehen jedoch vorwiegend aus Widerstands-Identitäten, falls sie überhaupt entstehen – die Entwicklung einer Kommune vom Widerstand hin zur Projektidentität ist nicht zwingend, sie kann auch in ihrer Defensivität verharren oder sich der Logik des Aushandelns und damit der Netzwerkgesellschaft anschließen.

In der Netzwerkgesellschaft werden Machtverhältnisse dezentral und diffus – und Identitäten entscheidend für die Gruppierung von Macht. Für Castells ergeben sich daraus düstere Aussichten:

„Das Auftreten von Projektidentitäten unterschiedlicher Art ist keine historische Notwendigkeit. Es kann durchaus sein, dass der kulturelle Widerstand innerhalb der Grenzen der Kommunikation eingeschlossen bleibt. Wenn dies geschieht […] wird der Kommunitarismus den Kreis seines latenten Fundamentalismus um seine eigenen Bestandteile herum schließen und so einen Prozess auslösen, der Himmel von Kommunen in himmlische Höllen verwandeln könnte“ (ebd.:73).

2.5 Einordnung in die zeitgenössische Identitätsforschung

Folgt man der Einleitung des Buches „Identität“ von Eickelpasch und Rademacher (2004), so ist sich der Mehrzahl der Sozialwissenschaftler darüber einig, dass „Identität“ als Dauerthema in Alltag und Wissenschaft deshalb so stark vertreten ist, weil die Diskussion um den Begriff der Identität „Ausdruck tief greifender gesellschaftlicher Veränderungsprozesse in den letzten Jahrzehnten“ (Eickelpasch/Rademacher 2004:5) ist. Das Wegbrechen der tradierten sozialen und kulturellen Grundlagen der Identität wird vor allem von zwei sich wechselseitig verstärkenden Prozessen ausgelöst, die von den Autoren mit den „Sammelbegriffen ‚Postmoderne’ bzw. ‚Globalisierung’“ (ebd.:6) überschrieben werden.

Die „Postmoderne“, oft auch als „zweite Moderne“ oder „Spätmoderne“ beschrieben, beschreibt die Prozesse der Differenzierung und der Individualisierung sowie der Enttraditionalisierung und der Pluralisierung, welche die bisherigen Formen der Vergemeinschaftung mehr und mehr auflösen. Die Individuen sehen sich zunehmend freigesetzt und losgelöst aus den „vertrauten Bindungen von Klasse, Beruf, Nachbarschaft, Familie und Geschlechterverhältnissen“ (ebd.). So wird die Planung der eigenen Biografie zunehmend auf die Schultern der Individuen selbst gelegt – „das Individuum wird in der Spätmoderne zum Baumeister seines eigenen Selbst“ (ebd.:7). Die Aufgabe der Konstruktion von Sinn wird eine permanente Eigenleistung des Individuums.

In der Sozialwissenschaft wird dieser neuen Form der Identitätsarbeit eine Gewinn- und eine Verlustseite zugesprochen: den erweiterten Wahlmöglichkeiten und Handlungsspielräumen für ein „eigenes Leben“ steht der Verlust kollektiver Sicherheit und Zugehörigkeit gegenüber. Der „Individualisierungszwang“, wie ihn z.B. Habermas (1988) beschreibt, birgt die gesellschaftliche Forderung, sich eine eigene, eine individuelle Biografie und Identität zu konstruieren und zu verantworten – Identität wird in hohem Maße reflexiv. Dies kann ein anstrengendes, störungsanfälliges, riskantes Unterfangen darstellen.

Die erwähnten Individualisierungsprozesse werden durch den Prozess der Globalisierung noch verstärkt. Globalisierung wird vor allem mit den Worten von Giddens durch die „Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen“ (Eickelpasch/Rademacher 2004:8) charakterisiert, aber auch durch die kulturelle Globalisierung. Beide haben beträchtliche Auswirkungen auf die Identitätsbildung der Menschen: Durch den weltweit möglichen Austausch von Symbolen und Ideen wird die eigene Selbst- und Weltdeutung relativiert vor dem Hintergrund der vielen anderen alternativen Deutungsmöglichkeiten; so wird die Orientierungslosigkeit der freigesetzten Individuen der Postmoderne durch die Globalisierung und die damit verbundene Mobilisierung der Menschen noch verstärkt.

Für die postmoderne Identitätsforschung gilt, dass sie sich von der modernen Idee eines autonomen, einheitlichen Subjekts verabschiedet und die Formulierung allgemeiner Theorien der Identität aufgegeben hat. Stattdessen erzwinge die Erfahrung einer pluralisierten und widersprüchlichen Alltagswelt Identitätskonzepte, die der Fragmentierung nur gerecht werden können, wenn sie sich selbst fragmentieren zu terminologischen Werkzeugen einer Identitätsanalyse. Postmoderne Sozialwissenschaftler habe die gemeinsame Grundannahme, dass eine fragmentierte Sozialwelt die Sinngebung und Identitätsfindung zu einer privaten Angelegenheit im Leben des Einzelnen macht; die Rede ist von „Bastlern“, „Patchwork-Identität“ oder dem „flexiblen Menschen“ (vgl. ebd.:11f.)

Von der postmodernen Forschungsrichtung unterscheiden sich Ansätze, welche den Prozess einer fortschreitenden Dezentrierung von kollektiven Identitäten beschreiben, ausgelöst durch Globalisierung und Migrationsströme. In diesen Ansätzen wird Identität in Zusammenhang mit jenen Prozessen der Globalisierung gesehen, welche die großen kollektiven Zugehörigkeiten wie Nation, Kultur, Ethnie oder Geschlecht in Frage stellen. Die (Neu-) Konstruktion von Identität findet laut diesen Ansätzen immer in „umkämpften Räumen“ statt, Identitätskonstruktionen artikulieren sich demnach immer politisch und sind Ausdruck einer als ungerecht empfundenen Situation, die verändert werden soll. (ebd.:12) Als Schauplätze dieser Identitätspolitik werden Nation und Nationalkultur, Rasse und Ethnie sowie auch die Diskussion um die Kategorie „Geschlecht“ genannt.

Betrachtet man die Erläuterungen von Eickelpasch und Rademacher, so scheint die Theorie zur Identitätskonstruktion von Manuel Castells teilweise an die allgemeine Diskussion um Verstehen und Analysieren der Identität anzuknüpfen; in vielen Punkten wird sie aber auch überwunden zugunsten neuer Aspekte der Konstruktion von Identität. Castells umfassende Untersuchungen sind darauf angelegt, den Aufstieg der Netzwerkgesellschaft zur maßgeblichen Organisationsform des menschlichen Zusammenlebens mit dem Auftreten neuer Formen kollektiver Identität zu verknüpfen und so eine Analyse dieser gegeneinander gerichteten Trends zu verwirklichen. Er folgt den Autoren in der Annahme, dass die Globalisierung die Probleme der Orientierungslosigkeit bei der Konstruktion von Identität „dramatisch ergänzt und verstärkt“ (Eickelpasch/Rademacher 2004:7f.). Auch die Felder der „großen kollektiven Zugehörigkeiten – Nation, Kultur, Ethnie, Geschlecht“ hat Castells auf ihre Zersplitterung und Auflösung im Rahmen der Netzwerkgesellschaft hin untersucht und er sieht ebenfalls die Formen der (Neu-) Konstruktion von Identität immer im Rahmen einer „Identitätspolitik“ (ebd.:12): Inhalt und Sinn einer Identität werden dadurch bestimmt, „wer eine kollektive Identität zu welchem Zweck konstruiert.“ (Castells 2003:9)

Doch ergibt bei Castells die Netzwerkgesellschaft als Form des globalisierten Zusammenlebens neue Formen der Identitätskonstruktion, die mit postmodernen Theorien nur noch in geringem Maße übereinstimmen, nämlich nur in Bezug auf die Eliten. Plurale Identitäten, wie sie von Autoren der postmodernen Identitätsforschung gefordert werden („Bastler“, „Patchwork“ etc.), stellen für Castells „eine Quelle von Spannung und Widerspruch“ (ebd.:8) dar, für die meisten Menschen sei „der zentrale Bezugspunkt von Sinn eine primäre Identität“ (ebd.:9). Im Kontext des Aufkommens der Netzwerkgesellschaft werden Identitätsmodelle wie beispielsweise Giddens „reflexives Projekt“ in Frage gestellt und zwar aus dem Grund, „dass die Netzwerkgesellschaft auf der systemischen Trennung des Lokalen und des Globalen beruht, die für die meisten Individuen und sozialen Gruppen Gültigkeit besitzt“ (ebd.:13). Castells stimmt der Beschreibung des Identitätsaufbaus von Giddens zu, doch nur in der Periode der Spätmoderne, die er an ihr Ende gekommen zu sein glaubt (vgl. ebd.:12). Die reflexive Lebensplanung sei nur für die Eliten möglich, nicht aber für den Großteil der Menschen.

Dieser Großteil der Menschen wehrt sich gegen die Logik der Netzwerkgesellschaft und leistet „der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Entrechtung“ (ebd.:380) Widerstand in Form von Kommunen, die sich um Widerstands-Identität herum bilden – „demnach löst die herrschende Logik der Netzwerkgesellschaft ihre eigene Herausforderung aus“ (ebd.:382). Dieser Widerstand kann reaktiv-defensiv verbleiben oder sich zu einer offensiv-progressiven sozialen Bewegung entwickeln; in jedem Fall steht hier der Widerstand gegenüber der herrschenden Logik der Netzwerkgesellschaft im Mittelpunkt der Konstruktion von Identität und wird durch diese Gesellschaftsform ausgelöst.

Diese kommunalen Widerstands-Identitäten bilden für Castells eine weitere Ebene der sozialen Dynamik der Netzwerkgesellschaft neben Institutionen, Netzwerken und selbstzentrierten Individuen (vgl. ebd.:380). Diese Ebene der Widerstands-Identitäten kann man als durchaus neu betrachten in der Identitätsforschung unserer Zeit, ebenso die von Castells entworfene Typologie der drei Ursprünge von Identität. Castells entwirft ein Szenario, in welchem seinem dritten Typus der Konstruktion von Identität, der Projektidentität, eine Schlüsselstellung im weiteren Verlauf des sozialen Wandels zukommt: diese Identitäten könnten eine neue Art von Zivilgesellschaft begründen. Doch sind Castells Aussichten auf eine reale Umsetzung dieses Gedankens eher pessimistisch.

2.6 Anmerkungen zum methodischen Vorgehen

Mit der dargestellten Theorie der Identitätskonstruktion als Hintergrund und Grundlage meiner Überlegungen möchte ich nun kurz auf die Methodik eingehen, mit welcher ich mich der Analyse und Interpretation der Texte der Rap-Lieder nähern möchte. Jeder der untersuchten Rap-Texte soll dabei zuerst Strophe für Strophe in ihren Aussagen erläutert und die verschiedenen Themen und Unterthemen dargestellt werden; die untersuchten Rap-Texte stellen das zu analysierende Datenmaterial dar, wobei die „Analyse gleichbedeutend mit der Interpretation der Daten“ (Strauss 1998:28) ist. Aus diesen Aussagen und Themen möchte ich daraufhin die Konstruktion von individueller und kollektiver Identität nachzeichnen und sie den oben erläuterten Typen der Identitätskonstruktion, wie sie von Castells entwickelt wurden, zuordnen und untereinander vergleichen.

Ein solches Vorgehen kann nur qualitativ geartet sein: die Analysen der Texte sind im gewissen Sinne Einzelfallstudien, denen ich aber eine gewisse Repräsentativität für große Teile und Strömungen der HipHop-Kultur nicht absprechen möchte. Methodisch möchte ich mich dabei der Instrumentarien der Grounded Theory, der Inhaltsanalyse und der dokumentarischen Methode bedienen. Diese erscheinen mir weitestgehend als geeignete Methoden, sich mit den Inhalten und ihren diese fundierenden Weltsichten zu beschäftigen und zu erklären. Bei der Untersuchung der Texte werde ich eine Mischung aus diesen verschiedenen Methoden anwenden, je nachdem, welche Art und Weise mir sinnvoll erscheint, mich einem Text als Ganzem oder in seinen Teilen zu nähern.

Die Grounded Theory ist dabei mehr als Stil denn als spezifische Methode oder Technik zu verstehen (vgl. Strauss 1998:30). Hiermit wird klar, dass es keine starren Regeln im Umgang mit dem Datenmaterial geben kann, da sich viele Möglichkeiten und Probleme erst während der Befassung mit den Texten ergeben, die durch zu starke Regelhaftigkeit unterdrückt werden würden. Vielmehr sind die vorgeschlagenen Methoden für mich Leitlinien, an welchen ich meine Interpretation der Texte ausrichten werde, nicht ohne mir die Freiheit zu lassen, diese Leitlinien, falls erforderlich, zu durchbrechen.

Ich gehe insofern von einem deduktiven Standpunkt meiner Betrachtungen aus, da ich die Theorie von Castells bei der Untersuchung der Texte immer schon zugrunde lege und herausfinden will, wie sich die in den Texten dargestellten Inhalte, Positionen und Selbstdarstellungen mit der Theorie von Castells beschreiben und einordnen lassen. Meine Hypothese zu Beginn der Arbeit lautete, dass in den meisten Texten Identitäten konstruiert werden, die dem zweiten Typus von Identität, der Widerstands-Identität, oder dem Typus der Projektidentität zuzuordnen sind. Dies ist ein Unterschied zu dem Forschungsparadigma der Grounded Theory, die, wie der Name schon vermuten lässt, bedeutet, dass „die Theorie ihre Grundlagen in empirischen Daten hat, die systematisch und intensiv analysiert werden, oft Satz für Satz oder Abschnitt für Abschnitt“ (ebd.:51) und daraus dann Kategorien entwickelt. Die Schlüsselkategorien haben sich für diese Arbeit aus der Identitätstheorie von Castells und seinen drei Typen von Identität bereits von vorneherein ergeben, da ich ja die Anwendbarkeit dieser Theorie auf die HipHop-Kultur unternehmen möchte. Dennoch ist auch ein induktives Moment in dieser Forschung vertreten, da die Ergebnisse meiner Interpretationen in keiner Weise von vorneherein klar sind, sondern sich erst aus der Beschäftigung mit dem Datenmaterial ergeben. Hier schließt sich der Schritt der Verifikation der Daten an, welcher die aufgestellte Hypothese teilweise oder ganz bestätigt oder sie verwirft. In diesem Schritt wird das Kontextwissen bedeutsam, das sich aus den „Daten, die der Forscher ‚im Kopf’ hat“ (ebd.:48), also aus eigenem Wissen und aus der Kenntnis der Fachliteratur, ergibt.

Das methodische Vorgehen bei der Analyse der Texte wird vor allem von der dokumentarischen oder rekonstruktiven Methode, wie sie Bohnsack (1999/2001) vorgestellt hat, geleitet; teilweise möchte ich auch Methoden der Inhaltsanalyse einfließen lassen, wie sie von Lamnek (1995) vorgestellt wurde.

„Rekonstruktiv“ bedeutet, dass „unsere Beziehung zum Gegenstand der Forschung eine rekonstruktive ist“, d.h. es geht darum, „den schöpferischen Prozeß nachzuzeichnen“ (Bohnsack 1999:34f.), in welchem sich die Aussagenden in ihren Orientierungen darstellen. Diese Forderung nach geistiger Mit- und Neugestaltung in der Rezeption lässt sich auf Karl Mannheim zurückführen, der immer wieder von Bohnsack zitiert wird (vgl. v.a. Bohnsack et al. 2001:12). Gefordert wird die Einstellung eines virtuellen Teilnehmers, durch die sich die Ursachen und Gründe für Äußerungen finden lassen können. Andererseits wird auch eine Distanz gefordert in dem Sinne, dass Äußerungen nicht auf ihren faktischen Wahrheitsgehalt hin interpretiert und kritisiert werden, sondern welche Orientierungen sich in den Äußerungen über den Urheber der Äußerung dokumentieren und welchen Stellenwert sie für ihn einnehmen. „Der Interpret muß also einerseits in der Lage sein, die Erlebnisprozesse derjenigen, die Gegenstand der Forschung sind, erlebnismäßig [und sei es virtuell; J.D.] nachzuvollziehen, er muß diese aber andererseits zugleich objektivieren, zum Gegenstand begrifflich-theoretischer Explikation nehmen und [...] zu einer spezifischen, von der des Teilnehmers unterschiedlichen ‚Einstellung’ gelangen können.“ (Bohnsack 1999:145) In ähnlicher Weise geht die Grounded Theory vor (vgl. Titscher et al. 1998:94) und auch Castells schließt sich diesem Punkt an, wenn er sagt, dass soziale Bewegungen „sind, was sie sagen, dass sie sind. Ihre Praxen – vor allem ihre Diskurspraxen – sind ihre Selbstdefinition.“ (Castells 2003:77; Hervorheb.i.O.)

Ähnlich fasst die Inhaltsanalyse ihre Aufgabe: sie ist „eine Form wissenschaftlich kontrollierten Fremdverstehens“ (Lamnek 1995:202), sie versucht den Inhalt selbst sprechen zu lassen, um dann daraus die Analyse des Textes zu entwickeln. Die Aufgabe der Inhaltsanalyse ist es, Material zu analysieren, „das auf irgendeine Weise menschliches Verhalten oder soziales Handeln repräsentiert“, vor allem Texte sind Gegenstand der Inhaltsanalyse; explizit werden auch „Liedertexte“ genannt, die sich mit der Inhaltsanalyse erfassen lassen (vgl. ebd.:176). Diese Dokumente erlauben „indirekte Rückschlüsse auf die sozio- und psychokulturelle Realität, deren Produkt diese Aussagen sind und in der sie wirken“ (ebd.:178). Zum tieferen Verständnis eines Textes dürfen auch andere Dokumente des Gesamtwerkes herangezogen werden.

Die dokumentarische Methode schlägt vier Arbeitsschritte im Umgang mit Texten vor, um diese zu interpretieren (vgl. Bohnsack 1999:148ff.). Die ersten beiden Schritte sind als zusammenfassende Textinterpretation zu verstehen: die formulierende Interpretation, welche einen Text textimmanent betrachtet und die verschiedenen Aussagen paraphrasiert und Themen sammelt; und die dokumentarische bzw. reflektierende Interpretation, in welcher die zuvor formulierten Gedanken reflektiert und abstrahiert werden und versucht wird, den Rahmen zu rekonstruieren und zu erklären – also wie ein Thema behandelt wird. Hier wird die dokumentarische Methode stark abhängig vom Standort des Interpreten (vgl. ebd.:151ff.). In meinen Analysen werde ich jedoch diese beiden Schritte zusammenziehen.

Die beiden daran anschließenden Schritte bei Bohnsack sind die Fallbeschreibung und die Typenbildung, die ich ebenfalls gemeinsam behandeln werde. Die Fallbeschreibung nimmt den ganzen Fall, hier: den ganzen Text, in den Fokus und hat „primär die Aufgabe der vermittelnden Darstellung, Zusammenfassung und Verdichtung der Ergebnisse“ (ebd.:155); in diesem Schritt bleibt der gesamte Fall immer noch Bezugspunkt der Interpretation. Ähnliches fordert auch die Grounded Theory ein, wenn sie jeden Fall als eigenständige Untersuchungseinheit ansieht, von welchem aus dann theoretische Konzepte erarbeitet werden können (vgl. Titschler et al. 1998:94), oder auch die Methode der Inhaltsanalyse, welche die Kernaussage des Textes feststellen will, von der aus sich dann die Einzelheiten des Textes erschließen (vgl. Lamnek 1995:205ff.).

Die Typenbildung als der letzte Schritt der dokumentarischen Methode bildet in meiner Arbeit den Ausgangspunkt, von welchem aus ich mich den behandelten Texten zugewendet habe. Mit der Theorie von Manuel Castells als Ausgangspunkt meiner Überlegungen möchte ich diesen Schritt modifizieren: in dieser Arbeit werden keine Typen generiert, sondern eine vorhandene Typologie wird überprüft bzw. werden die untersuchten Fälle in diese Typologie eingeordnet.

Die einzelnen Lieder behandeln verschiedene Themen, oft begleitet von Verweisen auf andere Neben- oder Unterthemen, welche Aufschluss geben können über die Position des Künstlers innerhalb der HipHop-Kultur und der Gesellschaft. Die Aussagen in den Texten sollen in ihren verschiedenen Dimensionen erfasst und kategorisiert werden, um sie anschließend sowohl untereinander vergleichbar zu machen als auch sie einer der drei Typen der Identitätskonstruktion zuordnen zu können.

2.7 Anmerkungen zur Auswahl und zur Notation der Texte

Zur Auswahl

Aus der Fülle der existierenden Rap-Lieder auszuwählen stellte sich als keine leichte Aufgabe dar, weil es eine unüberschaubare Masse von Liedern dieser Musikrichtung gibt.

Ich habe mich bei meiner Auswahl vor allem von einem Kriterium leiten lassen: von der Repräsentativität des/der Künstler für die HipHop-Kultur und, damit verknüpft, vom Bekanntheitsgrad des Künstlers.

Ein weiteres Kriterium war die Thematik des Liedes: Battle-Texte, also Texte, die als Hauptaufgabe das Zeigen der eigenen Reimfertigkeiten und des eigenen Stils haben, und bloße Party-Texte, fielen von vorneherein heraus, da man in diesen wenig Aussagen über den Künstler und sein Leben finden kann.

So habe ich Lieder ausgewählt, die das eigene Leben und die umgebende Gesellschaft thematisieren, also sozialkritische, politische und/oder biographische Rap-Lieder.

Zudem habe ich versucht, Repräsentanten aus verschiedenen Phasen der HipHop-Bewe­gung zu finden, um eventuelle zeitliche Veränderungen oder Gleichheiten der Themen aufzuzeigen.

Das Kriterium der Repräsentativität beinhaltet einerseits die beispielhafte Darstellung einer Strömung innerhalb des Raps (z.B. Gangsta Rap, Message Rap etc.) durch das gewählte Lied, andererseits sind die ausgewählten Künstler auch in Deutschland bekannt geworden, was ich mit dem Einstieg dieser Künstler (und nicht unbedingt des betreffenden Liedes) in die deutschen Charts belegen möchte. Leider fallen durch diese Kategorisierung ein Großteil der Gruppen von vorneherein weg, vor allem der amerikanischen Gruppen, die dem Untergrund zuzurechnen sind. Um dieses Manko aufzuheben, habe ich mich auch mit einem Künstler befasst, der zumindest in Deutschland ziemlich unbekannt ist. Ob dieser „Repräsentant des Untergrundes“ jedoch wirklich dem amerikanischen Untergrund angehört, ist zweifelhaft, da ich im Besitz seiner Platte bin. Dass heißt, dass dieser Künstler zumindest in den USA relativ bekannt sein muss, um erstens überhaupt eine Platte zu veröffentlichen, die dann zweitens auch noch den Weg zu mir findet.

Natürlich ist die Auswahl dieser Lieder in hohem Maße subjektiv und beruht vor allem auf meinen Vorkenntnissen, die ich durch das langjährige Hören dieser Musik erworben habe. Man hätte auch anderen Liedern oder Künstlern den Vorzug geben können, auch hätte ich weitere Lieder zur Verfügung gehabt. Dies aber hätte den Rahmen dieser Arbeit gesprengt. Die Texte habe ich entweder einschlägigen Seiten des Internets entnommen oder aus existierenden Textbüchern abgeschrieben, nicht ohne jede Transkription der Lieder noch einmal genau zu hören, um eventuelle Fehler, die mir aufgefallen sind, zu korrigieren.

Zur Notation

Die Verschriftlichung der Texte führt dazu, dass man sich auf ein gut zu analysierendes Datenmaterial stützen kann. Man darf jedoch nicht vergessen, dass der Text nur Teil des Liedes und sogar nur Teil des Rap ist. Rap-Lieder sind Musik, und ebenso wie in anderen Musikrichtungen ist diese Musik auch davon beeinflusst, wie etwas vorgetragen wird. Der Text ist nicht die alleinige Hauptsache eines Rap-Liedes, sondern es kommt auch stark auf Akzentuierung, Vortragsweise und Geschwindigkeit an. Was auf dem Papier noch recht ungelenk wirken kann, wird erst durch die Vortragsweise des Rappers zu einem kunstvollen Sprechgesang. Man muss sich die Lieder anhören, um das Zusammenspiel von Musik, Text und Vortrag zu erfahren.

Oft wird der Text von mehreren Rappern abwechselnd oder gleichzeitig vorgetragen. Einen Sprecherwechsel innerhalb einer Strophe kennzeichnet kursive Schrift und umgekehrt, gleichzeitiges Rappen wird durch Fettdruck symbolisiert. Zudem habe ich mich für die Kleinschreibung der Texte entschieden, da nicht immer klar ist, ob das Wort als Nomen, Verb oder Adjektiv gebraucht wird.

3. HipHop als Konstruktion von Identität – Paradigmen, Themen und Definition

3.1 HipHop als Form der Konstruktion von Identität

Die HipHop-Kultur kann als ein Netzwerk im Sinne Castells’ verstanden werden, das sich, vor allem im US-amerikanischen Bereich, durch einen Widerstand gegen viele Aspekte der herrschenden Institutionen auszeichnet und durch diese ablehnende Haltung eine soziale Gegenbewegung bildet. Aber auch in Deutschland ist diese Ablehnung, jedoch etwas weniger wutentbrannt, in den Texten der Rap-Musik zu finden. Man kann die HipHop-Kultur mit ihren weltweit existierenden lokalen Szenen als eine soziale Bewegung ansehen, die „eine vernetzte, dezentrierte Form der Organisation“ (Castells 2003:386) haben, welche die Hauptinstanz für das Entstehen von Projektidentitäten darstelle, so Castells.

Soziale Bewegungen folgen keiner vorbestimmten Richtung, sie können sowohl revolutionär als auch konservativ sein, oder beides gleichzeitig oder keins von beidem. Gerade dieses Schillern zwischen verschiedenen Standpunkten zeichnet die HipHop-Kultur aus: die Haltungen, die von den verschiedenen Akteuren eingenommen werden, lassen sich nicht in ihren politischen oder sozialen Positionen vereinheitlichen, ja stehen oft konträr zueinander. Im Lauf der Zeit hat sich die Rap-Musik zu einer vielseitigen und komplexen Musikform entwickelt. Verschiedene Unter- und Seitenströmungen dieser Kultur verhindern eine generalisierende Kategorisierung der Rap-Musik. Dennoch sind einige Hauptströmungen gut zu erkennen, die weiter unten kurz nachgezeichnet werden sollen. Nach Castells gibt es aus Sicht der Analyse keine „guten“ oder „schlechten“ sozialen Bewegungen: sie sind als „Symptome unserer Gesellschaften“ (ebd.:77) zu verstehen, sie sind Anzeichen für soziale Konflikte und Widerstände und auch für sozialen Wandel.

Die drei Prinzipien sozialer Bewegungen lassen sich auch in der HipHop-Kultur finden:

Die HipHop-Kultur hat sich ihre Identität selbst gegeben und eigene Formen der Kommunikation in den Ausdrucksmöglichkeiten der Musik, des Tanzes und der Malerei entwickelt, über welche sie sich definiert. Auch hat die HipHop-Kultur verschiedene Gegner, die mehr oder weniger deutlich kenntlich gemacht werden. Häufig sind vor allem die marginale Position innerhalb der Gesellschaft oder die Lebensumstände im Allgemeinen Gegen­stand der Gegnerschaft; in manchen Fällen wendet sich Rap-Musik aber auch direkt gegen Institutionen oder Personen. Und auch der dritte Aspekt einer sozialen Bewegung ist im HipHop zu finden: viele Rapper verfolgen mit ihren Liedern ein gesellschaftliches Ziel und haben die Vision einer andersartigen Gesellschaft, welche die Lebenssituation und das Selbstbewusstsein der Angesprochenen verändern soll.

Die erste Generation der HipHop-Kultur, verbannt in die Peripherie der Gesellschaft, schuf einen unabhängigen Lebensstil, der auf der kulturellen Eigenart dieses Lebensstils beharrte. Dessen Ausdruck ist die HipHop-Kultur, und der Geist dieser Kultur ist bis heute geprägt durch sein Entstehen aus dieser marginalisierten Bevölkerungsgruppe. Weitestgehend isoliert und unbemerkt von der restlichen Gesellschaft schufen sich die jugendlichen Bewohner der Ghettos Ausdrucksmöglichkeiten, die sich über Rap, DJing, Graffiti und Breakdance artikulieren. Mit diesen neuen Ausdrucksmöglichkeiten, getragen von HipHop als Kultur und als Lebensgefühl, entstand eine neue Identität, die sich zwischen dem Widerstand gegen die Lebensumstände und dem Bemühen, diese Umstände zu überwinden, bewegt. „HipHop als urbane Jugendkultur ist ein Mittel der kulturellen Selbstbestimmung und der Repräsentation Unterprivilegierter“ (Kage 2004:127). In der Öffentlichkeit von den Medien unter- oder nicht repräsentiert, schufen sie eigene Ausdrucksformen, um sich im öffentlichen sozialen Raum bemerkbar zu machen. Sie schufen eigene kulturelle Codes, die zum Aufbau einer eigenen gemeinsamen Identität beitragen, wie es beispielsweise der Slang als Kommunikationsform ist.[1]

Die HipHop-Kultur „baut Formen kollektiven Widerstands gegen sonst unerträgliche Unterdrückung auf“ (Castells 2003:11) und hat damit einen defensiven Charakter: sie wendet sich gegen die Ausweglosigkeit, in die sie durch den sozialen Verfall ihrer Viertel, durch Rassismus oder andere Formen der Benachteiligung gebracht wurden, und sie wendet sich auch gegen das Vergessen ihrer Existenz. Die marginalisierte Position, in der sich die Jugendlichen der South Bronx, des Geburtsortes der HipHop-Kultur, befanden, schuf die Grundlage für die kollektive Identität der HipHop-Kultur, in welcher die Beteiligten eine Möglichkeit fanden, sich zu artikulieren, sich kulturell und kreativ zu betätigen und Gemeinschaft zu finden; dies gilt insbesondere für die Zulu Nation, von der weiter unten noch die Rede sein wird. Doch ist diesem Widerstand von Anfang an ein „Projekt eines andersartigen Lebens“ (ebd.:12) eingeschrieben: die HipHop-Aktivisten hatten von Anfang an die Vision, mit ihrer Kultur die Lebensumstände des Ghettos und vor allem die Gewalt und die Drogensucht zu überwinden und zudem die Deutungsmacht ihrer eigenen, kollektiven wie individuellen, Identität zurück zu gewinnen. Die Rapper schlüpfen in die „Rolle des Priesters“ (Kage 2004:63), des „Reporters aus dem Ghetto“ oder des „Lehrers“, der der Jugend eine andere Sichtweise auf Geschichte und Kultur nahe bringt. Sie bilden die „Subjekte“, „die kollektiven sozialen Akteure“ (Castells 2003:12) der HipHop-Kultur, sie sind „die Propheten“ (ebd.:385), die durch den Rap dieser Kultur und seinen Anhängern eine Stimme und ein Gesicht verleihen.

[...]


[1] Die Funktion des Slangs ist die Abgrenzung durch Sprache zu den Orten der Gesellschaft, die den marginalisierten Menschen den Zutritt verweigern. Ganz im Sinne von Castells wird hier der „Ausschluss der Ausschließenden durch die Ausgeschlossenen“ betrieben: Slang bildet den kulturellen Code, mit dem sich die Angehörigen der HipHop-Kultur, selbst ausgegrenzt, eine eigene Identität zulegen, der die Ausgrenzenden wiederum ausgrenzt, qua einer eigenen Sprache. Der Slang und die damit einhergehende Umkodierung der Sprache fungieren aber nicht nur als Grenze zwischen den Zugehörigen und den Außenstehenden, diese kommunikative Grenzziehung erweckt auch Interesse und Aufmerksamkeit. Das Wort „Nigger“ beispielsweise hat durch die Selbststigmatisierung vieler schwarzer Aktivisten und Rapper einen neuen Bedeutungsgehalt bekommen „durch die Umkehr der Terminologie des unterdrückerischen Diskurses“ (Castells 2003:11). So wird die Ausgrenzung und Beschimpfung durch diesen Begriff nicht nur entschärft, sondern, durch die Attraktivität der Kulturform HipHop, umkodiert: „’Nigger’ zu sein wird zu einer begehrten Form der Identität. Es ist nicht mehr Stigma, sondern Adel.“(Kage 2004:130)

Ende der Leseprobe aus 107 Seiten

Details

Titel
Zwischen HipHop und Kommerz
Untertitel
Identitätskonstruktionen im amerikanischen und im deutschen HipHop
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Soziologie)
Note
2,5
Autor
Jahr
2006
Seiten
107
Katalognummer
V75629
ISBN (eBook)
9783638716796
ISBN (Buch)
9783638774369
Dateigröße
760 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwischen, HipHop, Kommerz
Arbeit zitieren
Johannes Doll (Autor), 2006, Zwischen HipHop und Kommerz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75629

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