Entsetzen über Westafrika - Kannibalismus und sexuelle Ausschweifung als koloniales Missverständnis?


Seminararbeit, 2007
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verbot des Sklavenhandels und die frühe Mission ins Niger –Delta

3. Gründe für das verhaltene Vorstoßen der britischen Mission in das westafrikanische Hinterland
3.1. Das African fever
3.2. Die lokalen Mächte Westafrikas
3.3. Probleme innerhalb der Mission
3.4. Politische Schwierigkeiten

4. Das Bild der Sexualität der Afrikanerin

5. Der Vorwurf des Kannibalismus

6. Fazit
6.1. Literaturverzeichnis
6.2. Webverzeichnis
6.3. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Es ist ein sehr dunkles Bild, welches sich die Briten im 19. Jahrhundert vo so unerforschten Westen Afrikas malten. Sexuelle Ausschweifung und Kannibalismus sind nur zwei Greueltaten, welche der afrikanischen Bevölkerung vorgeworfen wurden. Einwandfrei belegt ist der Verzehr von Menschenfleisch indes nur in extremen Hungersituationen - etwa in den zwanziger Jahren im stalinistischen Russland und bei einem Flugzeugabsturz 1972 in den Anden. Oder etwa bei zwanghaften Serienmördern, wie sie in die literarische Figur des Hannibal Lecter ("Das Schweigen der Lämmer") eingegangen sind. Ein gesellschaftlich akzeptierter Kannibalismus ließ sich laut Heidi Peter - Röcher nie zweifelsfrei beweisen[1]. Noch in den siebziger Jahren waren Kannibalenwitze in populären Zeitschriften allgegenwärtig. Im Zentrum der Darstellungen befand sich in der Regel ein Kochtopf, in dem ein „armer Weißer“ von meist dicklippigen Afrikanern zu einer Speise verarbeitet wurde. Afrikaner und Kannibalismus – eine anscheinend untrennbare Verbindung, die sich auch in anderen Bereichen der populären Kultur bis heute erhalten hat[2]. Das Bild der sexuellen Ausschweifung ist – wenn auch in stark abgeschwächter Form – ebenfalls noch immer in etwaigen Kreisen präsent. So kennen vermutlich viele die Geschichten über die vermeintlich großen, männlichen, primären Geschlechtsorgane von Farbigen. Wie aber kann die Entstehung derartige Vorurteile erklärt werden? Im Kapitel 3 wird erörtert werden, welche Faktoren dazu beitrugen, dass britische Händler und Missionare so zögernd in den Westen Afrikas, insbesondere in das Hinterland vorstießen. Die daraus resultierende Unwissenheit ist als eine Grundbedingung für die Herausbildung von Stereotypen zu sehen. In Kapitel 4 wird dann genauer erörtert, wie das Vorurteil der sexuellen Ausschweifung der Afrikanerin durch Wissenschaft, Zweifel am eigenen moralischen Verhalten und letztlich durch die Politik geschürt wurde. In Kapitel 5 wird eine ähnliche Untersuchung zum Kannibalismus zu der Erkenntnis führen, dass dieser Vorwurf häufig nur als Vorwand eingesetzt wurde, um ein Eingreifen in Afrika zu legitimieren. Zunächst führt Kapitel 2 in den historischen Kontext der frühen Mission ein, um erste Erkenntnisse über Motive und Ziele des Eindringens in Afrika zu erhalten.

2. Verbot des Sklavenhandels und die frühe Mission ins Niger-Delta

1807 trat Großbritannien - nachdem es lange Zeit der führende Exporteur für Sklaven gewesen war - für ein rigoroses Verbot ein. Das Niger - Delta war vom 17. Jahrhundert an zum größten Sklavenmarkt der Welt geworden. Die Folgen des transatlantischen Dreieckhandels sind für die afrikanischen Völker unabsehbar. Der Verlust an Menschen war enorm. Rodney vermag auf Grund der stark auseinanderklaffenden Schätzungen von zwölf[3] bis hundert[4] Millionen verschleppten Afrikanern, hierzu keine exakten Angaben geben. 9-10 Millionen Afrikaner sind laut ihm wohl über den Atlantik verschifft worden[5]. Dem immensen Verlust an Arbeitskräften stand eine schier wertlos erscheinende Gegenleistung von Schmuck oder Alkohol entgegen[6].

Trotz des Verbotes des Sklavenhandels und einer eigens an der Küstenlinie Westafrikas eingerichteten anti-slavery patrol verschwand der Sklavenhandel nicht. Philipps vermerkt sogar einen Anstieg des Sklavenhandels bis in die späten 1840er Jahre hinein[7]. Des Weiteren stiegen die britischen Importe aus Afrika von 1,000 Tonnen im Jahre 1810, über 10,000 Tonnen im Jahre 1830 auf letztlich 40,000 Tonnen im Jahre 1855[8]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Britische Importe aus Afrika nach 1807.

Philipps erkennt in dem Verbot des Sklavenhandels auch ein innenpolitisches Problem für England, stellte sich laut ihr doch alsbald die Frage, was mit den sich in Großbritannien befindlichen Sklaven fortan geschehen solle[9]. Diese Frage verstärkte den Wunsch nach kolonialen Märkten. Viele der ehemaligen Sklaven sollten direkt in Afrika eingesetzt, oder schlicht beheimatet werden. Daher entwickelten die Briten als logische Konsequenz dann auch - besonders in Nord-Nigeria - so genannte slave villages,. Nicht alle Briten teilten den wirtschaftlichen Wunsch, sahen sie vielmehr andere Beweggründe für ein Eingreifen in Afrika. Die “Society for the Extinction of the slave trade and for civilization of Africa” erkannte im Sklavenhandel den Grund für den “verkümmerten Intellekt”, die “verdorbene Ordnung[10]” der Afrikaner. Buxton führte die Ziele der gerade genannten Society - innerhalb derer sich 21 Members of Parliament fanden - deutlich auf. Er fügte folgende Forderung an: „Let missionaries and schoolmasters, the plough and the spade, go together and agriculture will flourish; the avenues to legitimate commerce will be opened, confidence between man and man inspired, whilst civilization will advance as the natural effect and Christianity operate as the proximate cause of this happy change[11]”. Das hier in Auszügen präsentierte Konzept der Society vermochte einen Teil der Überzeugungskraft leisten, welche die britische Regierung dazu bewog, 1841 die erste Niger-Expedition zu starten, „always with the purpose of spreading civilisation and combating the slave trade[12] “.

Die Mission scheiterte völlig, da bei Lokoja eine Fieber - Epedemie ausbrach und innerhalb von zwei Monaten etwa die Hälfte der Missionsteilnehmer starb. Dieses Fiasko bließ folglich in der Folge Wind in die Segel der humanitarians. Verschiedenste, führende Politiker verwiesen allerdings weiterhin auf den aus der Sklaverei entstandenen white man’s burden[13]. Es dauerte 13 Jahre, bis 1854, ehe die britische Regierung den Kaufmann Macgregor Laird mit einer erneuten Expedition ins Landesinnere beauftragte[14]. Der Erfolg dieses Unternehmens wurde drei Jahre später gar ein weiteres Dampfschiff, welches Kurs Richtung Westafrika nahm, subventioniert[15]. Der vermeintliche Erfolg dieser zweiten Expedition ist nicht unumstritten, sieht Porter doch bis ins Jahr 1865 eine aus britischer Perspektive desillusionierende Entwicklung des Vorgehens im Niger-Delta, insbesondere für die Missionare[16]. Trotzdem legten diese ersten Missionen den Grundstein, die Macht der afrikanischen Mittelsmänner zu brechen und im Landesinneren direkt Handel zu treiben.

An allen drei Niger-Expeditionen hatten Angehörige der Church Missionary Society teilgenommen, und 1857 war die erste Missionsstation bei Onitsha eröffnet worden. Maßgebend und Richtung weisend in der durch Spenden finanzierten Missionsgesellschaft war Henry Venn, unter dessen Geschäftsführung die Society zu einer der führenden evangelikalen Gesellschaften aufstieg[17]. Für nähere Informationen zu dem durchaus bemerkenswerten Lebenslauf Venns und dessen Einfluss in die britische Kolonialpolitik sei der interessierte Leser zum einen auf die Ausführungen Ajayis[18] - welcher sich in mehreren Aufsätzen mit dieser Person auseinandergesetzt hat - und zum anderen auf Shenk[19] verwiesen. Venns Konzeptionen für das Vorgehen innerhalb der Mission gingen von der Überzeugung aus, dass der neue Handel, verbunden mit christlicher Erziehung rasch einen afrikanischen Mittelstand hervorbringen könne, welcher selbst wiederum Führungspositionen in Politik, Handel und Kirche übernehmen könne[20]. Sein erklärtes Ziel war es, eine sich selbst verwaltende, finanzierende und selbst ausbreitende Kirche der einheimischen Bevölkerung zu initiieren[21]. Den Missionaren fiel hierbei die Aufgabe zu, durch landessprachige Predigten, Bibelübersetzungen und Erziehungsarbeit eine entsprechende Grundlage zu schaffen. Die finanzielle Belastung für die Society sollte möglichst gering gehalten werden. Shenk subsummiert Venns diesbezügliche Forderungen wie folgt: „Do not let them lean too much on the Society[22].”“Draw out their native resources. Let them feel their own powers and responsibilities.[23] Sein Konzept sah ferner vor, den missionierten Afrikanern eigenständige Aufgaben zukommen zu lassen. So sollten die geschaffenen Pfarrbezirke durch Einheimische selbst verwaltet und Evangelisationsaufgaben übernommen werden. Somit wären die europäischen Missionare frei, um die christliche Botschaft in andere - noch nicht evangelisierte - Gebiete zu tragen[24]. In Venns Ausführungen nahm die Niger-Mission eine Sonderposition ein, war sie doch von Anfang an fast ausschließlich von Afrikanern durchgeführt worden, da die schwierigen klimatischen Verhältnisse nichts anderes zuließen[25]. Diese klimatischen Verhältnisse sind einer der Gründe, warum die Vorstöße ins Hinterland Westafrikas so schleppend vorangingen. Im nachfolgenden Kapitel sollen weitere Gründe hierfür aufgezeigt werden.

3. Gründe für das verhaltene Vorstoßen der britischen Mission in das westafrikanische Hinterland

Im der Einleitung wurde darauf hingewiesen, dass die zurückhaltenden Vorstöße ins westafrikanische Hinterland als ein Grund zu deuten ist, warum sich die Gerüchte über Greueltaten der Einheimischen und von unterentwickelten Afrikanern so lange halten konnten. Die schlichte Unwissenheit über diese Gebiete führte zur Herausbildung von Stereotypen und Klischees, wie sie in den Kapiteln 4 und 5 näher beschrieben werden. In den Unterkapiteln 3.1 bis 3.4 werden vier Gründe genauer betrachtet, welche das zurückhaltende Vorstoßen ins Hinterland zu erklären suchen.

3.1. Das African fever

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Klimatische Verhältnisse in Britisch-Westafrika

Die Gefahr des African fever, welches die Ärzte in London zu jener Zeit nicht adäquat einzuordnen wussten, sorgte immer wieder für Todesfälle im Kreise der Missionare. Insbesondere die klimatischen Verhältnisse mit dem Tropical rainforest and den Swamp Areas[26] an um die Küsten waren ein Nährboden für verschiedenste Krankheiten, unter anderem Malaria. Die hohen Sterberaten zeigten sich nicht nur zu Beginn der Missionierung, sondern sie blieben für lange Zeit eine große Behinderung der Kolonialisierung. Exemplarisch seien hier als Beleg die Vermerke John Langdons’[27] in seinen Reisetagebüchern genannt. Genauere Studien zum African fever finden sich in Carlsons Schrift, wo auch Versuche der Behandlung des Fiebers aufgezeigt werden. Es wird explizit formuliert, dass die Angst vor Erkrankungen, als ein Grund für den so lasch durchgeführten Vormarsch in das nigerianische Hinterland gesehen werden kann[28].

[...]


[1] Ulrich Eberl: Kannibalismus- uraltes Erbe oder Mythos? http://www.wissenschaft.de/wissen/hintergrund/172917.html (last review 14.02.2007).

[2] http://www.kopfwelten.org/download/kopfwelten_faltblatt.pdf (last review 14.02.2007).

[3] Jojo Cobbinah: Senegal, Gambia (4. Auflage), Stuttgart 2002, S.36-38.

[4] http://www.state.gov/r/pa/ei/bgn/5459.htm (last review 14.02.2007).

[5] Walter Rodney: How Europe underdeveloped Africa, London 1972, S.73.

[6] Frieder Ludwig: Kirche im kolonialen Kontext. Anglikanische Missionare und afrikanische Propheten im südöstlichen Nigeria, 1879-1918, S.42.

[7] Anne Philipps: The Enigma of Colonialism. British Policy in West Africa, Bloomington, Indianapolis 1989, S.19.

[8] ebd, siehe auch Tabelle 1.

[9] ebd.

[10] Thomas Fowell Buxton: The African Slave Trade and its remedy, London 1839/1840, S.460.

[11] Buxton, S.502.

[12] Bernard Porter: Critics of empire. British Radical attitudes to colonialism in Africa 1895-1914, New York 1968, S.23.

[13] ebd., S.23f.

[14] Ludwig, S.47.

[15] ebd.

[16] Porter, S.25.

[17] Ludwig, S.48.

[18] Jeffrey .F.A. Ajayi: Henry Venn and the Policy of Development, in: Journal of the Historical Society of Nigeria, No 4, 1959, S.342-441.

[19] Wilbert R. Shenk: Henry Venn – Missionary Statesman, Mary Knoll, 1983.

[20] Ludwig, S.49.

[21] Jeffrey F.A. Ajayi: Christian Missions in Nigeria 1841-1891. The Making of a New Elite, Bristol 1965, S.43.

[22] Shenk, S.31

[23] zit. nach: ebd. S.109.

[24] Ludwig, S.49.

[25] ebd.

[26] siehe Abbildung 1.

[27] Martin Lynn (Ed.): John Langdon. Three voyages to the west coast of Africa 1881-1884, in: Travel, trade and power in the atlantic 1765-1884 (Camden Miscellany, 25), S.212, 217,225, 240, 241, 246, 247, 268, 277.

[28] Dennis G. Carlson: African Fever. A Study of British Science, Technology, and Politics in West Africa, 1787-1864, Canton 1984, S.85.

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Details

Titel
Entsetzen über Westafrika - Kannibalismus und sexuelle Ausschweifung als koloniales Missverständnis?
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V75642
ISBN (eBook)
9783638755740
ISBN (Buch)
9783638803267
Dateigröße
752 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entsetzen, Westafrika, Kannibalismus, Ausschweifung, Missverständnis
Arbeit zitieren
Patrick Hehmann (Autor), 2007, Entsetzen über Westafrika - Kannibalismus und sexuelle Ausschweifung als koloniales Missverständnis?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75642

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