Aus rassistichen Vorurteilen wuchsen Vorwürfe, die sich teilweise hartnäckig bis in die Gegenwart gehalten haben. Woher kommen die ethnischen Vorurteile und welchen Einfluss hatten sie auf die Kolonialpolitik Englands? Woher kam das Unwissen über das Innenland Westafrikas? Was war die Hottentottenvenus und gibt es tatsächlich Indizien, die für Kannibalismus oder ausschweifende Sexualpraktiken der Westafrikaner im 19. Jahrhundert sprechen? Diese und andere Fragen werden in der vorliegenden Arbeit geklärt.
Struktur der Arbeit
1. Einleitung
2. Verbot des Sklavenhandels und die frühe Mission ins Niger –Delta
3. Gründe für das verhaltene Vorstoßen der britischen Mission in das westafrikanische Hinterland
3.1. Das African fever
3.2. Die lokalen Mächte Westafrikas
3.3. Probleme innerhalb der Mission
3.4. Politische Schwierigkeiten
4. Das Bild der Sexualität der Afrikanerin
5. Der Vorwurf des Kannibalismus
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie durch das begrenzte Wissen britischer Akteure über das westafrikanische Hinterland im 19. Jahrhundert stereotype Bilder von afrikanischer Sexualität und Kannibalismus konstruiert wurden, um koloniale Eingriffe zu legitimieren.
- Historische Kontexte der britischen Mission im Niger-Delta
- Klimatische und politische Barrieren für die koloniale Expansion
- Wissenschaftliche und gesellschaftliche Konstruktion des Bildes der Afrikanerin
- Die instrumentelle Nutzung des Kannibalismus-Vorwurfs
- Psychologische Mechanismen der moralischen Abgrenzung ("Uns" vs. "Die Anderen")
Auszug aus dem Buch
5. Der Vorwurf des Kannibalismus
Namentlich in ihren weit verbreiteten populären Zeitschriften (über)zeichneten viele Europäer die kolonialen Gebiete als Länder der Sklaverei, Barbarei und Kriminalität, des Kannibalismus und der Menschenopfer, des Kindesmordes, der Unterdrückung von Frauen und Mädchen und ständiger Stammesfehden. Der afrikanische (bzw. chinesische) Charakter war für sie gleichbedeutend mit Lügen, Stehlen, Heuchelei, Leichtfertigkeit, Materialismus, Egoismus, Trunk- bzw. Opiumsucht, Unsittlichkeit und sexueller Ausschweifung – sittliche Defekte aufgrund ihrer Gottesferne66. Nicht zu übersehen ist in diesem Kontext, dass die negativen Urteile über die Eingeborenen oft im Kontext ihres politischen oder religiösen Widerstandes gegen die koloniale, bzw. missionarische Beherrschung standen. Darüber hinaus haben zahlreiche Missionare den Fleiß, die Gastfreundlichkeit, den Gerechtigkeitssinn, den Kollektivgeist und selbst die Intelligenz, weniger den Charakter und Willen der Afrikaner gerühmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt das Fundament für die Untersuchung, indem sie die verbreiteten Vorurteile gegenüber der afrikanischen Bevölkerung im 19. Jahrhundert aufzeigt und die Zielsetzung der Arbeit sowie das methodische Vorgehen skizziert.
2. Verbot des Sklavenhandels und die frühe Mission ins Niger –Delta: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Übergang vom Sklavenhandel zur missionarischen Tätigkeit und analysiert die wirtschaftlichen sowie religiösen Motive hinter der britischen Präsenz in der Region.
3. Gründe für das verhaltene Vorstoßen der britischen Mission in das westafrikanische Hinterland: Hier werden die vier wesentlichen Hürden – klimatische Gefahren, lokale Machtstrukturen, interne Missionsprobleme und politische Zurückhaltung – untersucht, die den britischen Vormarsch ins Hinterland verzögerten.
4. Das Bild der Sexualität der Afrikanerin: Das Kapitel analysiert, wie wissenschaftliche Diskurse und rassifizierte Schönheitsideale, insbesondere das Bild der "Hottentottenvenus", zur Stigmatisierung afrikanischer Frauen und zur moralischen Abgrenzung der Europäer beitrugen.
5. Der Vorwurf des Kannibalismus: Diese Analyse zeigt auf, dass der Vorwurf des Kannibalismus häufig als politisches Instrument zur Diskreditierung einheimischer Gesellschaften und zur Rechtfertigung imperialistischer Interventionen diente.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Konstruktion dieser negativen Stereotype eng mit der mangelnden Kenntnis der Region und dem Bedarf an moralischer sowie politischer Selbstlegitimation der britischen Akteure verknüpft war.
Schlüsselwörter
Westafrika, Kolonialismus, Britische Mission, Niger-Delta, Kannibalismus, Sexuelle Ausschweifung, Stereotype, Rassismus, Kulturideologie, Imperialismus, Missionierung, Identitätsbildung, Fremdbild, Sklaverei, Henry Venn
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Proseminararbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung kolonialer Vorurteile und Stereotype gegenüber afrikanischen Gesellschaften im 19. Jahrhundert, speziell mit Blick auf die Vorwürfe des Kannibalismus und der sexuellen Ausschweifung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die thematischen Schwerpunkte liegen auf der britischen Missionsgeschichte im Niger-Delta, der wissenschaftlichen Konstruktion rassifizierter Fremdbilder und der politischen Instrumentalisierung von Moralvorstellungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu ergründen, wie das Unwissen der Briten über das Hinterland Westafrikas und der Bedarf an moralischer Abgrenzung dazu beitrugen, stereotype Feindbilder zu erschaffen, die koloniales Handeln legitimierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische und kulturwissenschaftliche Analyse, die auf der Auswertung primärer Quellen, zeitgenössischer Reiseberichte und wissenschaftlicher Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Expansionshemmnissen, die diskursive Konstruktion der "Afrikanerin" sowie die kritische Analyse des Kannibalismus-Vorwurfs als Mittel der Politik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Kolonialismus, Missionierung, kulturelle Stereotype, Identitätsbildung und die spezifischen historischen Phänomene in Westafrika.
Welchen Einfluss hatte das "African fever" auf die koloniale Mission?
Das als "African fever" bekannte Krankheitsbild sorgte für hohe Sterberaten unter den Missionaren, was als wesentlicher Faktor für das zögerliche Vordringen ins westafrikanische Hinterland identifiziert wird.
Warum wurde das Bild der "Hottentottenvenus" im 19. Jahrhundert so einflussreich?
Die wissenschaftliche Ausstellung und pathologische Vermessung dienten dazu, physische Unterschiede zur weißen Frau zu konstruieren, um die afrikanische Frau als moralisch minderwertig und sexuell zügellos darzustellen.
Inwiefern diente der Vorwurf des Kannibalismus politischen Zwecken?
Kannibalismus wurde als "satirischer Topos" und politisches Instrument genutzt, um die koloniale Unterdrückung als zivilisatorische Notwendigkeit zu tarnen und das Eingreifen der "Royal Niger Company" oder anderer Akteure zu rechtfertigen.
- Quote paper
- Patrick Hehmann (Author), 2007, Entsetzen über Westafrika - Kannibalismus und sexuelle Ausschweifung als koloniales Missverständnis?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75642