Der mittelalterliche Fegefeuerglaube - exemplifiziert an einer Beispielgeschichte von Caesarius von Heisterbach


Hausarbeit, 2000

14 Seiten, Note: 2

Martin Kragans (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen

2. Hauptteil
2.1 Leben, Wirken und Werk des Caesarius von Heisterbach
2.2 Das Fegefeuer als kirchliches Dogma
2.3 „... Gebete, Fasten und Almosen ... (können) ... ihre Pein abkürzen ...“ – lässliche Sünden und die mögliche Strafzeitverkürzung

3. Schlussbetrachtung

Bibliographie

1. Einleitung: Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen

Das christliche Mittelalter des 11.-15. Jahrhunderts zeigt eine von der Religion beherrschte und bis in ihre feinsten Windungen von der Religiosität durchdrungenen und definierten Gesellschaft. Die christliche Anthropologie dieser Zeit deutet den Menschen als Geschöpf Gottes, zu dessen Wesen, Herkunft und Schicksal das Alte Testament der Bibel Auskunft gibt: Nach dem Sündenfall Evas durch die Verführung der Schlange ist der Mensch der Sünde verfallen, hat der Teufel Macht über ihn gewonnen. Gott ist stärker, doch der Mensch unterliegt fortan und andauernd seiner Laster- und Sündhaftigkeit. Eitelkeit, Geiz, Völlerei, Wollust, Zorn, Neid und Trägheit sind die Todsünden der Zeit, die der mittelalterliche Mensch häufig in der Gestalt symbolischer Tiere, bedrohlicher Allegorien und verschiedener anderer Verkörperungen darstellt und erblickt. So hat der Teufel seine Töchter mit verschiedenen Gruppen der Gesellschaft verheiratet: die Amtserschleichung mit den beamteten Klerikern, die Heuchelei mit den Mönchen, die Raublust mit den Rittern, die Lästerung mit den Bauern, die Verstellung mit den Schergen, die Wucherei mit den Bürgern, die Putzsucht mit den Patronen und die Wollust, die er „ allen Ständen als gemeinsame Lustdirne anbietet.“[1]

Vor allem vom 7.-12. Jahrhundert bildeten sich solcherlei Vorstellungen heraus. Die Weltsicht des mittelalterlichen Menschen zieht dabei keine Grenze zwischen dem irdischen und dem jenseitigen, transzendentalen Leben. Vielmehr ist es so, dass das Übernatürliche fortlaufend auch in den Alltag einbricht, eigentlich omnipräsent ist. Gott wirkt insofern in allen Bereichen des Lebens, macht die Menschen durch Erscheinungen auf sich aufmerksam. Er gilt als Urheber allen Leids und Glücks, als absolute und unbezwingliche, über allem waltende Macht. Somit bilden Diesseits und Jenseits den untrennbaren Horizont und Kosmos der mittelalterlichen Gefühls- und Gedankenwelt. Infolge der Ursünde ist die pessimistische Sicht des Menschen als eines lasterhaften und schwachen Geschöpfs im gesamten Mittelalter vorherrschend. Vom 4.-10. Jahrhundert ist sie dominierend im allgemeinen Bewusstsein; Dinzelbacher spricht vom ubique diabolus[2], vom Überwiegen eines angstvollen Daseins also. Erste Anzeichen auf einen zum Optimismus hinstrebenden Bewusstseinswandel finden sich im 11.-12. Jahrhundert. Im 12.-13. Jahrhundert behauptet sich tendenziell das optimistische Bild des Menschen in seiner in der Genesis genannten Gottesebenbildichkeit, die die Menschheit zum Heile führen kann.

Das Jenseits ist für den Menschen des Mittelalters ganz nah – es wird im 11.-13. Jahrhundert zum durchdachten System von drei Orten: Hölle und Paradies als schon seit antiken Zeiten auch in anderen Kulturen und Religionen bekannten Ewigkeitswelten. Dazu das Fegefeuer, ein zeitweiliger Aufenthaltsort im christlichen Jenseits, wo sich die mit lässlichen, das heißt vergebbaren Sünden beladenen Toten solange aufhielten, bis durch Gebet, Ablass, Fürbitte usf. durch noch lebende Wohlwollende eine Strafzeitverkürzung und zuletzt eben die Vergebung der noch lastenden und während Lebzeiten ungetilgten Sünden erreicht wurde, womit die Pforte zum Paradies schließlich offenstand. Es handelte sich beim Fegefeuer also um eine Läuterung und Reinigung zur sicheren Erlangung des ewigen Lebens – diese Vorstellung einer intermediären Instanz mit Paradies-Garantie trat im 12. Jahrhundert in das allgemeine Bewusstsein, wenngleich sie schon viel früher angedacht wurde, wie später noch zu sehen sein wird.. Zum Verständnis der mittelalterlichen Ideen- und Mentalitätsgeschichte ist das Fegefeuer, oder Purgatorium, wesentlicher Bestandteil.

Im Folgenden möchte ich zur Illustration des oben schon Ausgeführten, aber auch zum Anstoß weiterführender und präzisierender Erklärung der mittelalterlichen Jenseitsvorstellungen von Himmel, Hölle, Fegefeuer ein sogenanntes Exempel vorstellen. Es stammt aus der Feder des Caesarius von Heisterbach und ist Vom Fegefeuer einer Dame, welche magische Künste getrieben hat überschrieben. Ehe ich aber meine Aufmerksamkeit auf die genauere Untersuchung des Exempels selbst richte, möchte ich Autor und Gattung kurz einführen.

2. Hauptteil

2.1 Leben, Wirken und Werk des Caesarius von Heisterbach

Caesarius von Heisterbach, Predigtschriftsteller und Zisterzienserprior, wurde um 1180 vermutlich in Köln geboren, und starb nach 1240. Seine Ausbildung und sein Theologiestudium machte er am St. Andreasstift sowie auf der Kölner Domschule bei dem Scholasticus Rudolf. 1199 wird Caesarius Novize im Zisterziensterkloster Heisterbach, wo er – als herausragender Gelehrter – rasch zum magister novitiorum und etwa 1227 Prior wird.

Sein literarisches Schaffen ist von erstaunlichen Umfang – 36 Werke bezeichnet er selbst als die eigenen. Sein Gesamtwerk lässt sich in historische und theologische Schriften unterteilen. Neben verschiedenen Vitae in der Tradition der biographischen Geschichtsschreibung sind es aber vor allem die theologischen Werke – Predigten, Sermones, Homilien, Explikationen zu Psamlem usf. – die von bedeutendem Quellenwert sind. Die Bibelauslegung in moralischer und allegorischer Art und Weise steht dabei immer im Mittelpunkt von Caesarius‘ „scholastisch-gelehrten wie mystisch-meditativen Predigten über Perikopen, das Mönchs- und Ordensleben sowie die Pflichten des Predigers.“[3] Als es dazu kam, dass er wegen der Theorie- und Spekulationslastigkeit seiner Erörterungen kritisiert wurde, entschloss er sich dazu, seine Schriften zu exemplifizieren. Resultat waren der Dialogum miraculorum ( aus dem auch das nachfolgende Exempel entstammt) und die Fragment gebliebenen Libri VII miraculorum.

Das Exempel bezeichnet eine besondere Form der vergleichenden Verdeutlichung und Illustration eines bestimmten Sachverhalts. Im Mittelalter bezeichnete man im Allgemeinen solche kurzen Erzählformen wie Fabel, Legende, Gleichnis und andere als Exempel und nutzte sie vor allem in Predigten zur moralischen und religiösen Erziehung und Belehrung. Die Topoi konnten aus sämtlichen Gebieten der Erfahrung und des Wissens stammen, rekurrierten auf Bibel, antike Literatur, historische und theologische Schriften, auf Naturkunde et cetera. Die Exempel schmückten die Predigt, das Massenmedium des 13. Jahrhunderts, aus und wurden auch außerhalb des Gottesdienstes in Kirchen und auf Plätzen von Predigern verbreitet, wussten die christlichen Massen durch ihre volksnahe und realistische Sprache zu bannen. So erfreuten sich diese erbaulichen Anekdoten großer Beliebtheit. Der hohe Stellenwert dieser Gattung und deren Popularität lässt sich an zahlreichen Exempel-Sammlungen, nicht zuletzt eben am Dialogus miraculorum des Caesarius von Heisterbach belegen. Dieser umfasst 746 Kapitel, die in zwei Codices mit je sechs Distinctiones unterteilt sind, in denen verschiedene Themen – Bekehrung, Beichte, Versuchung, Marienwunder, Visionen, Göttliches Gericht über Verstorbene und so weiter – aufgenommen und exemplifiziert werden.

[...]


[1] Le Goff, 1990, S. 36-37.

[2] Dinzelbacher, 1996, S. 276f.

[3] Lexikon des Mittelalter, Band 2, S. 1364.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der mittelalterliche Fegefeuerglaube - exemplifiziert an einer Beispielgeschichte von Caesarius von Heisterbach
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut der mittelalterlichen Geschichte)
Veranstaltung
Einführung in die Geschichte des Mittelalters
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V757
ISBN (eBook)
9783638104937
ISBN (Buch)
9783638755979
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit setzt sich mit den mittelalterlichen Vorstellungen von Sünde Strafe, Tod, Fegefeuer, Auferstehung und Paradies auseinander. Ein Exempel von C.v. Heisterbach dient dabei der Anschauung.
Schlagworte
Mittelalter, Religion, Fegefeuer, Purgatorium, Caesarius von Heisterbach, Exempel, Sünde, Strafe
Arbeit zitieren
Martin Kragans (Autor), 2000, Der mittelalterliche Fegefeuerglaube - exemplifiziert an einer Beispielgeschichte von Caesarius von Heisterbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/757

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