Die historische Entwicklung des ethischen Intuitionismus im 20. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2 Franz Brentano - Intuition als Ursprung sittlicher Erkenntnis
2.1 Die Intention der Ethik
2.2 Der Ursprung des Guten und des Wahren
2.3 Moralische Entscheidungskriterien
2.3.1 Das oberste Sittengesetz
2.3.2 Sekundäre moralische Regeln

3 G. E. Moore - Die Prinzipien der Ethik
3.1 Der naturalistische Fehlschluss
3.2 Welche Dinge sind gut an sich ?
3.3 Was sollen wir tun?
3.3.1 Welche Dinge sind gut als Mittel ?
3.3.2 Die Regeln des Common sense

4 W. D. Ross - Intuition als moralisches Risiko
4.1 Der Konflikt der Pflichten
4.2 Prima facie Pflichten
4.3 Die Rolle der Reflexion

5 Robert Audi - Intuitionismus als Form des Reflexionismus
5.1 Der ethische Intuitionismus nach Ross
5.2 Systematisierung der Intuitionen
5.2.1 Zwei Arten von Selbstevidenz
5.2.2 Zwei Arten von Rechtfertigung
5.3 Ethischer Reflexionismus

6 Schlussbetrachtungen

Literatur

1 Einleitung

Der ethische Intuitionismus bezeichnet eine Klasse im einzelnen voneinander abweichender erkenntnistheoretischer Auffassungen, nach denen Moralurteilen und -prinzipien objektive moralische Eigenschaften zugrunde liegen. Diese können wir unmittelbar zur Kenntnis nehmen.

Im 18. Jahrhundert herrscht die Lehre vom moral sense vor, nach der es ein inneres Organ zur Wahrnehmung moralischer Eigenschaften einer Handlung gibt. Diese löst in Abhängigkeit ihrer sittlichen Qualität eine Empfindung der Lust oder Unlust aus, die das moralische Urteil leitet und das Motiv für weiteres Handeln darstellt.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfährt der britische Intuitionismus eine Erneuerung, die sich vor allem gegen die empiristische Begründung [1] des Utilitarismus [2] wendet. Im deutschen Sprachraum entwickelt Franz Brentano mit Hilfe deskriptiver psychologischer Methoden eine Wertethik, bei der utilitaristische Rücksichten maßgebend sind. Nach Brentano gibt es drei Klassen psychischer Phänomene: Vorstellungen, Urteile und Gemütsbewegungen. Urteile kennzeichnen Akte des Bejahens bzw. Verneinens eines Vorstellungsinhalts. Gemütsbewegungen werden in Analogie zu den Urteilsakten gesehen; sie sind entweder bejahend (Liebe) oder verneinend (Hass) und sie sind richtig oder unrichtig. Demgemäss ist die Liebe richtig, wenn sie einem Gegenstand gilt, der es wert ist, geliebt zu werden. Diese Vorgehensweise ermöglicht Brentano, die Ethik parallel zur Logik zu konzipieren.

Von Brentano stark beeinflusst, knüpft auch G. E. Moore an die normativen Grundüberzeugungen des Utilitarismus an. Die wesentliche Intention Moores ist, die Grundfragen der Ethik zu beantworten: 1. Was bedeutet gut ?

2. Welche Dinge sind gut an sich ?

3. Welche Handlungen als Mittel zum Guten sollen wir tun?

Eine begründete Antwort auf die erste Frage wird verneint, weil gut eine einfache, nicht analysierbare Qualität ist. Die zweite Frage lässt sich beantworten, insofern wir mittels evidenter, intuitiv einleuchtender Urteile erfassen können, welche Dinge gut an sich sind. Eine Antwort auf die dritte Frage versucht Moore durch genaue Unterscheidung der Werte menschlichen Verhaltens zu geben und die Problematik vor allem durch Rückgang auf den Common sense zu klären.

Obwohl Moores Konzeption eine starke Wirkung auf ihn ausübt, entwickelt W. D. Ross eine intuitionistische Ethik, die sich weit von utilitaristischen Anschauungen entfernt. Nach Ross’ Ansicht gibt es eine Reihe sogenannter prima facie Pflichten, die, obwohl gleich mathematischen Axiomen begriffen, in besonderen moralischen Situationen zu einander widersprechenden Entscheidungen führen können. Jeder Entschluss bleibt damit ein moralisches Wagnis.

Robert Audi rekonstruiert und erweitert Ross’ Konzeption, um davon ausgehend Möglichkeiten zu finden, wie sich dessen Theorie mit utilitaristischen Grundsätzen vereinbaren ließe. Des weiteren versucht Audi, die Überzeugungskraft des Intuitionismus durch die Methode des ethischen Reflexionismus gegenüber anderen erkenntnistheoretischen Ansätzen zu stärken

Im nachfolgenden Text sollen zunächst die Grundgedanken der einzelnen Autoren in chronologischer Reihenfolge dargestellt werden, um sie sodann miteinander vergleichen und allgemeine Probleme des ethischen Intuitionismus aufdecken zu können.

2 Franz Brentano - Intuition als Ursprung sittlicher Erkenntnis

2.1 Die Intention der Ethik

„...gibt es eine [...] durch die Natur selbst gelehrte sittliche Wahrheit? gibt es ein natürliches Sittengesetz in dem Sinne, daß es, seiner Natur nach allgemeingültig und unumstößlich, für die Menschen aller Orte und aller Zeiten, ja für alle Arten denkender und fühlender Wesen Geltung hat, und fällt seine Erkenntnis in den Bereich unserer psychischen Fähigkeiten?“ (Brentano, 1969, S.99).

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Franz Brentano in seinem Werk Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis.

Er beschränkt sich zunächst auf die Ermittlung eines natürlichen Rechts oder Gesetzes. Der Ausdruck natürlich bedeutet nicht, dass es sittliche Vorschriften gebe, die uns angeboren seien, sondern meint, dass wir fähig sind, ein moralisches Gesetz seiner Natur nach als richtig und bindend zu erkennen. Brentanos Ansicht nach ist eine ethische Regel sodann als verpflichtend anzusehen, wenn wir zu der inneren Überzeugung gelangen, dass sie richtig ist. Wir ziehen also bestimmte sittliche bestimmten unsittlichen Handlungen aus einer innerlichen Richtigkeit, quasi intuitiv, vor. Das Urteil beinhaltet seine Evidenz bzw. Klarheit als ein natürliches Merkmal. Brentano zieht hier Parallelen zur Logik, in der man der einsichtigen Entscheidung der blinden gegenüber den Vorrang gibt.

Dass wir z.B. das Töten eines Menschen für schlecht halten, liegt nicht daran, dass wir aus einer zufälligen Gemütsverfassung heraus gerade dies empfinden und auch nicht, weil uns Gesetze unter Strafandrohung vorschreiben, keinen Mord zu begehen. Wir lehnen eine solche Tat aus innerer Überzeugung ab. Brentano betont: „...wie der Drang eines Gefühls und die Furcht und Hoffnung auf Vergeltung, so kann auch ein Willensgebot unmöglich die natürliche Sanktion für recht und sittlich sein“ (Brentano, 1969, S.12).

Um zu erfahren, wie wir zu derartiger Erkenntnis fähig sind, ist es nötig, unseren Willen näher zu untersuchen. Laut Brentano ist das Subjekt des Moralischen bzw. Unmoralischen der Wille, der zugleich Wille zu einem bestimmten Zweck ist, der wiederum Mittel zu einem ferneren Ziel sein kann. In dieser Relation von Mittel und Zweck muss es ein eigentliches letztes Ziel geben, das um seiner selbst willen gewünscht wird und schließlich die Triebkraft für unser Handeln darstellt. In der Wahl der Mittel sind diejenigen zu bevorzugen, die wirklich zu dem ausgesuchten Zweck führen. Die Bestimmung der eigentlichen Ziele, nach denen sich unser Handeln richten soll, ist nach Brentanos Erachten die Intention der Ethik.

„...auch die letzten Zwecke sind verschieden; auch zwischen ihnen schwebt die Wahl; und sie ist - da der letzte Zweck ein für alles maßgebendes Prinzip ist - die wichtigste unter allen. Was soll ich erstreben? Welcher Zweck ist richtig, welcher unrichtig? Das ist darum [...] die eigentlichste und hauptsächlichste Frage der Ethik“ (Brentano, 1969, S.15).

Für die Entscheidung zwischen den Zwecken steht für ihn fest: „...wähle das Beste unter dem Erreichbaren!“ (Brentano, 1969, S.16). Dieses Auswahlkriterium bedeutet, dass man das Ziel ins Auge fassen soll, das nicht nur am wahrscheinlichsten zu realisieren, sondern zudem noch das beste unter den möglichen ist.

2.2 Der Ursprung des Guten und des Wahren

Bezüglich jenes Leitsatzes ergeben sich erneute Fragen: Was heißt eigentlich gut ? Was heißt besser ? Und wie gelangen wir zu der Erkenntnis, dass etwas gut, ein anderes diesem aber vorzuziehen ist? Franz Brentano legt den Ursprung des Guten in konkreten Vorstellungen unseres Bewusstseins fest, „d.h. in einem subjektischen Verhalten, in einer [...] intentionalen[3] Beziehung zu etwas, was vielleicht nicht wirklich, aber doch innerlich gegenständlich gegeben ist“ (Brentano, 1969, S.16).

Brentano unterscheidet zwischen drei Grundklassen psychischer Phänomene: Vorstellungen, Urteile und Gemütsbewegungen. Die Klasse der Vorstellungen umfasst sowohl die bildhaften Vorstellungen, d.h. durch unsere Sinne vermittelte, als auch abstrakte Begriffe, z.B. die der Mathematik. In der Gruppe der Urteile kommt zu dem Vorstellen eine intentionale Beziehung des Anerkennens oder Verwerfens hinzu, d.h. wir haben nicht nur das Bewusstsein fassbarer oder ideeller Gegenstände, sondern bewerten diese positiv oder negativ. In der Klasse der Gemütsbewegungen ist die intentionale Beziehung ein Lieben oder Hassen bzw. ein Gefallen oder Missfallen.

Die zwei letzten Gruppen zeigen eine Analogie, die bei der ersten fehlt: man stellt einen Gegensatz der intentionalen Beziehungen fest. Man kann das eine anerkennen bzw. lieben, das andere verwerfen bzw. hassen. Bei den Vorstellungen ist dieser Gegensatz nicht möglich, man kann z.B. die unmittelbare Vorstellung von einem Pferd oder von einem mathematischen Axiom nicht richtig oder falsch nennen. Wohl kann der Inhalt eines Gedanken sich als fehlerhaft erweisen, niemals aber die Vorstellung selbst. „Von den zwei entgegengesetzten Verhaltensweisen des Liebens und Hassens, Gefallens und Mißfallens ist in jedem Falle eine, aber nur eine, richtig, die andere unrichtig“ (Brentano, 1969, S.19).

Der Verfasser glaubt an dieser Stelle, den Ursprung von wahr und falsch, nämlich in der Klasse der Urteile, und die Herkunft von gut und schlecht, nämlich in der Gruppe der Gemütsbewegungen, gefunden zu haben. „Wir nennen etwas gut, wenn die darauf bezügliche Liebe gut ist“ (Brentano, 1969, S.19). Gut meint hier in sich selbst gut und nicht gut um eines anderen willen.[4]

Es ist darauf hinzuweisen, dass nicht alles, was wir anerkennen, deshalb wahr, oder alles, was wir lieben, daher gut ist. So wie wir aus einer einfachen Wahrnehmung heraus Vorurteile entwickeln, beispielsweise indem wir glauben, von dem Aussehen eines Menschen auf dessen Charakter schließen zu können, könnten wir aus einem Trieb heraus etwas lieben, z.B. den Geschmack von Wein. Diese Arten von Urteilen bzw. Gemütsbewegungen sollen jedoch ausgeschlossen werden, denn sie sind durch nichts als richtig charakterisiert. Sie können sowohl richtig als auch falsch sein.

Das Gewicht soll auf unmittelbar einleuchtenden und evidenten Erkenntnissen liegen, die als Vernunftwahrheiten apodiktisch [5] einleuchten. Brentanos Meinung nach sollen jene etwa so offensichtlich sein wie die Axiome der Mathematik, die aufgrund ihrer Klarheit keine Begründung benötigen. Analog ist die Erkenntnis, dass die betreffende Liebe richtig sei, ebenfalls eine apodiktische. „[...] wir erkennen, daß sie nichts anderes als richtig sein kann, die Liebe und der Haß selbst haben einen dem apodiktischen Urteil verwandten Charakter [...]“ (Brentano, 1969, S.152).

Doch Brentano gesteht sich ein:

„[...] wir haben keine Gewähr dafür, daß wir von allem, was gut ist, mit einer als richtig charakterisierten Liebe angemutet werden. Wo immer dies nicht der Fall ist, versagt unser Kriterium, und das Gute ist für unsere Erkenntnis und praktische Berücksichtigung soviel wie nicht vorhanden“ (Brentano, 1969, S.24).

2.3 Moralische Entscheidungskriterien

2.3.1 Das oberste Sittengesetz

Anhand jenes vorläufigen Kriteriums muss das bessere dasjenige sein, was mehr geliebt werde als ein anderes, was dem anderen deshalb vorgezogen werde. Das Phänomen des Vorziehens entstammt der Klasse der Gemütsbewegungen, d.h. wir ziehen etwas einem anderen Guten um seiner selbst willen aus einer als richtig charakterisierten Liebe vor.

Brentano schildert dazu drei Fälle, die jeweils an einem Beispiel erläutert werden sollen.

Erstens ziehen wir etwas als gut Erkanntes etwas Schlechtem vor, indem wir es z.B. im allgemeinen befürworten, uns ein Fahrrad auszuleihen anstatt es zu stehlen.

Zweitens ziehen wir die Existenz eines als gut Erkanntem seiner Nichtexistenz vor, d.h. wir halten es z.B. für besser, einem Freund zu helfen als es nicht zu tun.

Drittens ziehen wir ein Gutes, dem wir weiteres Gutes zugefügt haben, einem anderen Guten vor. Wir sind überzeugt, dass es besser ist, unsere Großmutter sowohl zum Arzt zu bringen als auch Medikamente zu besorgen, als nur das erste zu tun.

In diesen Fällen scheint eine Art Addition eine wichtige Rolle zu spielen, d.h. bei Gutem ist die Summe immer besser als der einzelne Summand.

Aus dem Satz der Summierung folgt sodann für das höchste praktische Gut:

„Das Gute [...] nach Möglichkeit zu fördern, das ist offenbar der richtige Lebenszweck, zu welchem jede Handlung geordnet werden soll; das ist das eine und höchste Gebot, von dem alle übrigen abhangen“ (Brentano, 1969, S.30).

Diesen Grundsatz nennt Brentano „das oberste Sittengesetz“ (Brentano, 1969, S.112). Er ist allgemeingültig bzw. universal, d.h. er gilt für jeden Menschen in jeder Situation und zu jeder Zeit.

[...]


[1] Der utilitaristischen Ethik, besonders von J. S. Mill, wird der Vorwurf gemacht, aus der Tatsache, daß Menschen nach einem bestimmten Gut streben, abzuleiten, dass dieses Gut erstrebenswert sei, und damit den Unterschied zwischen erstrebbar und erstrebenswert nicht hinreichend zu berücksichtigen.

[2] Position der Ethik, welche die Richtigkeit einer Handlung nach der Nützlichkeit ihrer Folgen bewertet

[3] Brentano bezeichnet mit Intentionalität die Eigenart psychischer Phänomene, im Unterschied zu physischen, auf etwas gerichtet zu sein, d.h. immer Bewusstsein von etwas zu sein.

[4] Würde man z.B. den Ausdruck gut im Sinn von nützlich gebrauchen, wäre er gut um eines anderen willen bzw. nützlich für einen anderen Zweck und nicht in sich selbst gut.

[5] Apodiktisch bedeutet, dass eine Erkenntnis unzweifelbar richtig bzw. eindeutig evident ist.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die historische Entwicklung des ethischen Intuitionismus im 20. Jahrhundert
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V7577
ISBN (eBook)
9783638147972
ISBN (Buch)
9783656204923
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Intuitionismus, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Nina Strehle (Autor), 2002, Die historische Entwicklung des ethischen Intuitionismus im 20. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7577

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