Aspekte der Egoismus-Altruismus-Thematik

Bearbeitet aus: Georg Simmels "Einleitung in die Moralwissenschaft"


Hausarbeit, 2006
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärung
2.1 Egoismus
2.2 Altruismus

3 Logischer Beweis für die Alleinherrschaft des Egoismus

4 Die Leerheit des Egoismusbegriffes

5 Zwei Moralprinzipien
5.1 Das Moralprinzip des Willensmaximums
5.2 Das Moralprinzip des Willensminimums

6 Das Verhältnis von Egoismus und Altruismus als bewusster Triebfedern

7 Mischungen und Übergänge

8 Das Ich und seine Inhalte

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit umfasst einen Ausschnitt aus Georg Simmels „Einleitung in die Moralwissenschaft“. Ziel ist es, einige wichtige Aspekte der Egoismus-Altruismus-Thematik herauszufiltern und auf diese näher einzugehen.

Um überhaupt von Egoismus und Altruismus sprechen zu können, muss zunächst eine Begriffsklärung erfolgen, welche zeigen soll, in welchem Verständnis sich Simmel damals wie heute lesen lässt. Im Anschluss daran steht die Frage, ob es einen logischen Beweis für die Alleinherrschaft des Egoismus gibt. Im weiteren Verlauf wird die Leerheit des Egoismusbegriffes näher beleuchtet. Auch werde ich zwei Moralprinzipien Simmels genauer darstellen, wobei ich anfangs auf das Prinzip des Willensmaximums und daraufhin auf das Prinzip des Willensminimums eingehen werde. Des Weiteren komme ich auch auf das Verhältnis von Egoismus und Altruismus als bewusster Triebfedern und Mischungen und Übergänge zwischen diesen beiden Begriffen zu sprechen. Zum Abschluss werde ich speziell das Ich und seine Inhalte beleuchten.

2 Begriffsklärung

2.1 Egoismus

Im heutigen Gebrauch versteht man unter „Egoismus“ eine menschliche Charaktereigenschaft, die dem Einzelnen zuschreibt, weite Teile seines Handelns auf persönlichen Vorteil zu begründen. So macht ein egoistischer Mensch also alles, um persönlich davon zu profitieren bzw. um sich selbst zu bereichern.

2.2 Altruismus

Altruismus meint hingegen die absichtliche Verfolgung der Interessen anderer. Der Handelnde verspricht sich von seinem Tun keinerlei Gewinn. Ein altruistischer Mensch handelt selbstlos und aus der Überzeugung, Gutes zu tun, ohne sich dabei jeglichen Eigennutz zu verschaffen.

Nachdem ich die Begriffe Egoismus und Altruismus im heutigen und im Simmelschen Sinn definiert habe, ist damit meine Begriffsklärung abgeschlossen und ich widme mich jetzt dem eigentlich zu bearbeitendem Teil von Seite 129 bis 172.

3 Logischer Beweis für die Alleinherrschaft des Egoismus?

Zunächst beginnt Simmel damit, einen logischen Beweis für die „Alleinherrschaft des Egoismus“ zu suchen. Er sagt auf Seite 129, dass alles, was für mich überhaupt in Betracht kommen kann, „meine“ Vorstellung ist, „weil ich im Denken nie über mein Ich hinauskommen kann“.[1] Und wenn ich es im Denken nicht kann, kann ich es laut Simmel auch im Handeln nicht können. Gerade weil alles Vorstellen eben mein Vorstellen ist, „so ist alles Wollen mein Wollen, und ich kann gar nichts anderes als meine Ziele erreichen wollen“.[2] Daraus schlussfolgert er, dass die Interessen anderer mich eben nur dann interessieren, wenn ich sie zu meinen mache und auch nur dann könne mein Wille altruistischen Inhalt erlangen. So stellt er schließlich die These auf, dass alle Handlungen auf Eigeninteresse hinauslaufen und erwähnt gleichzeitig, dass, wenn diese Behauptung wirklich bewiesen werden könne, es keinen Wertunterschied zwischen den einzelnen Handlungen mehr gäbe. Damit würde nach Simmel alles zu einem einzigen egoistischen Streben werden.

An dieser Stelle macht er deutlich, dass es unbedingt notwendig sei, klar zwischen einem Egoismus „im weiteren Sinne“ von einem Egoismus „im engeren Sinne“ zu unterscheiden. Denn zwar verfolgt hiernach jeder im Grunde seine eigenen Interessen, doch auch die, die ihre Interessen in der Realisierung der Interessen anderer sehen, müsse man altruistisch nennen. Von Beachtung sei laut Simmel: „das Verhältnis der Handlungen untereinander, bleibt das gleiche und zeigt phänomenal die Unterschiede zwischen Egoismus und Altruismus wieder auf, auch wenn das ganze Handeln, das beide umfasst, als egoistisch bezeichnet wird“.[3] Simmel gibt aber zu bedenken, dass der Begriff des Egoismus immer im Gegensatz zum Begriff des Altruismus gesehen werden müsse, denn nur so bekomme der Egoismus einen Sinn. Damit widerlegt er seine Anfangsthese, dass alle Handlungen auf Eigeninteresse hinausliefen, denn wenn alles als egoistisch bezeichnet würde, würde der Altruismus unmöglich und logisch ausgeschlossen; und in logischer Konsequenz bliebe damit auch der Egoismus leer und lediglich ein bloßer Name. Man kann also sagen, dass beide Begriffe aufeinander angewiesen sind und eine Tautologie sich ergebe, wenn gelte: „Egoismus + Altruismus = Egoismus“. Simmel verdeutlicht diese Thematik am Beispiel des Begriffes „Gott“ im Pantheismus.

Im Folgenden ist Simmel der Ansicht, dass es für die Dehnbarkeit logisch-erkenntnistheoretischer Voraussetzungen sehr bezeichnend ist, dass „derselbe subjektive Idealismus, der den Egoismus als allein mögliche Handlungsweise begründen sollte, auch zur Unterlage der gerade entgegengesetzten Tendenz gemacht worden ist“.[4] Sinngemäß drückt Simmel aus: Würden alle anderen Personen und deren Gefühle nur in meinen Vorstellungen existieren, wären sie ein Teil von mir und somit nicht mehr von denen zu unterscheiden, die ich im engeren Sinne die meinigen nenne. Daraus ergibt sich, dass ihre Empfindungen in mir sind und würde ich ihnen absichtlich Leid zufügen, fügte ich es auch mir selbst zu. Andererseits würde aber auch die Befriedigung der Wünsche und Bedürfnisse anderer (die ja laut Simmels Überlegung ein Teil von mir sind), zur Befriedigung meines Ichs führen, was dann nicht altruistisch wäre, sondern lediglich zur ausgedehntesten Befriedigung des Egoismus führen würde. Diese Deutung schließt, nach Meinung Simmels, aus derselben Tatsache, wie die des früheren Idealismus, nämlich, dass es keinen Altruismus gäbe. Diese Darstellung finde ich einleuchtend und ich kann mich dem Standpunkt Simmels anschließen, wenn er berechtigterweise zu dem erneuten Schluss kommt, dass monistische Vorstellungen uns also nicht zu realen Erkenntnissen verhelfen; „es bleibt alles beim Alten, [...], und es ist nur eine Sache der Betonung, durch welchen der verschiedenen in dieser Alleinheit inbegriffenen Bestandtheile ich ihm die Färbung nach der einen oder der anderen Seite hin ertheilen will“.[5]

Des Weiteren führt Simmel an, dass diese Lehre verkennt, dass es sich in der gesamten Ethik nur um das Verhältnis des empirischen Ich zum empirischen Du drehe, welche immer im Gegensatz gesehen werden müssen, wobei es vollkommen irrelevant sei, „ob beide in einem absoluten Ich eingeschlossen sind“.[6] Auch die Alleinheitslehre begehe diesen Fehler von der entgegengesetzten Seite, denn für sie gibt es keinen Unterschied zwischen dem Ich und dem Du, weil für sie das Ich absolut nicht ist. Dieses Wechselspiel der Erscheinungen scheint das Ich und das Du voneinander zu trennen und laut Simmel liegt in dieser getrennten Erscheinung das ganze Problem des Egoismus und Altruismus: alles, worauf es in der Praxis ankäme (z.B. Bestrebungen, Handlungen, Empfindungen), knüpft sich an den empirischen Unterschied zwischen dem Ich und dem Du. „Auch an dieser Gleichheit der Folgerungen zeigt es sich, dass die Alleinheitslehre methodisch nichts anderes ist als der Idealismus in objektiver Wendung“.[7]

Nun bringt Simmel Schopenhauer mit ein, welcher behauptet, dass man nicht mehr egoistisch sein könne, sobald man einmal den Zusammenhang aller Wesen durchschaut habe, denn jedes Leid würde man auch sich selbst zufügen (wie bereits oben schon einmal erwähnt). Simmel selbst ist anderer Meinung: wenn man keinen Unterschied zwischen meinen und den Empfindungen anderer machen würde, „so ist doch auch mein Glück das ihre“[8] und es würde sich nur noch namentlich unterscheiden, an wen sich die Förderung heftet. Mit der Aufhebung des Gegensatzes würden sowohl Egoismus wie auch Altruismus unmöglich. Diese Betrachtung Simmels finde ich gelungen und sehr plausibel.

Im nächsten Abschnitt kommt Simmel noch einmal genauer auf die Empfindungen zu sprechen. Meiner Meinung nach sagt er korrekterweise, dass man die Empfindungen des Anderen nur nach der Analogie der eigenen Empfindungen versteht. Dabei empfinde man stärker und intensiver mit jemandem mit, wenn man bereits selbst von einem bestimmten Vorfall betroffen war. Hier kommt eine große Aktualität Simmels zum Vorschein, denn aus eigener Erfahrung kann ich dies nur bestätigen. Ich möchte an dieser Stelle kurz ein Beispiel dafür anbringen: Beim Verlust eines geliebten Menschen, verspürt man eine große Trauer. Wenn zu einem späteren Zeitpunkt ein anderer Mensch stirbt, kann man die Traurigkeit der Hinterbliebenen sehr gut nachempfinden; man versetzt sich regelrecht in die betroffenen Personen hinein und denkt automatisch an den Schicksalsschlag, der einem bereits selbst wiederfahren ist.

Simmel führt aber auch an, dass man notwendigerweise auch die abstumpfende Wirkung der Gewöhnung mit einbeziehen muss (z.B. muss sich ein Bestatter an den Anblick vieler Trauernder gewöhnen, da er sonst unfähig wäre, seinen Beruf zu verüben) und man manchmal sogar das Entgegengesetzte will oder fühlt. Auch hier gehe ich mit Simmel mit. So kann ein eintretender Reiz uns „leicht sowohl nach der Seite des Egoismus wie nach der Seite des Altruismus anregen [...], wie uns eine ausgesprochene Behauptung, noch ganz abgesehen von der sachlichen Dignität ihres Inhaltes, einerseits von vornherein zur Einstimmung, andrerseits zum Widerspruch zu reizen vermag“.[9] Wichtig sei laut Simmel hierbei die Quantität des Reizes nach den Seiten: bis zu einem gewissen Punkt folgen wir dem Reiz in seiner Richtung, aber dann schlägt er direkt in sein Gegenteil, sodass die Erfahrung scheinbar die entgegengesetzten Folgen mit den gleichen Ausgangspunkt verbunden zeigt. Manchmal entwickele sich ein Reiz aber auch umgekehrt, so Simmel.[10] Daher kann es durchaus passieren, dass schwache Naturen von den Empfindungen anderer leicht mitgerissen werden und erst, wenn die eigenen Interessen darunter zu leiden beginnen, schlägt der scheinbare Altruismus in ein „schroffes Zurückziehen in sich selber um“[11] Dabei sei die Art der Entwicklung des Empfindungsschicksals abhängig von persönlichen und äußeren Verhältnissen, denn – und da stimme ich Simmel wiederholt zu – großes Leid kann das Herz gegenüber anderen ebenso hart machen, wie es diesem gegenüber mitfühlend und weich machen kann.

Nach dieser Erläuterung kommt Simmel zu dem Schluss, dass man den Sachverhalt der Empfindungen des Anderen durch Analogie der eigenen Empfindungen nicht mit einem Wort erschöpfen kann und es deshalb auch nicht aus dem bloßen Ich-Begriff deduzieren kann.

4 Die Leerheit des Egoismusbegriffes

Für ihn ist der Ich-Begriff so formal, dass „die entgegengesetztesten Strebungen daran geheftet und darin verkörpert werden“.[12] Im Folgenden unterscheidet er zwei Seiten des Ichs und beschreibt diese kurz. Einmal sieht er das Ich als gutes Prinzip, als die Sittlichkeit in uns: Nach Simmels Verständnis besitzt der Unsittliche kein rechtes Ich und „das Gute erscheint als das eigentliche Ich, dem das Böse als äussere Gewalt eines Nicht-Ich gegenübersteht“.[13] Zum zweiten sieht er die sittliche Forderung als Macht, die dem eigentlichen Inhalt des Ich entgegentritt und das Ich in Bahnen zwingt, die es sonst nicht gehen würde.

Laut Simmel stammen diese Zweideutigkeiten v. a. aus der Unklarheit, „die den Begriff des Ich in theoretischer wie in praktischer Hinsicht umgiebt“.[14]

Hinsichtlich des Theoretischen haben Hume und Kant nachgewiesen, dass das Ich oder die Seele auch nur Vorstellungen sind, mit denen wir gewisse Erscheinungen zusammenfassen.

„Der Ichbegriff muss aber desshalb so leer sein, weil er den Raum für die divergentesten Einzelheiten gewähren muss. Der Mensch ist ein so wenig einheitliches Wesen, so viele Triebe, Bedürfnisse, Ideale, erfüllen ihn jeden Augenblick, dass der Egoismus schlechthin ein ganz hohler Allgemeinheitsbegriff ist. Wie die Einsicht in jenen Charakter des Ich die theoretische Philosophie zu dem Verzichte darauf geführt hat, aus dem Begriff des Ich irgend eine reale Eigenschaft der denkenden Substanz erschliessen zu wollen, so muss sie uns auch zeigen, dass kein reales Ziel der praktischen Bestrebung aus ihm heraus zu erkennen ist“.[15] Im Anschluss daran gibt er zu bedenken, dass mit der bloßen Vorstellung Ich noch gar nichts Bestimmtes gesagt oder gegeben sei; wenn der Egoist seinen eigenen Interessen nachgeht, hieße das im Prinzip nur, dass er will, was er will. Somit stellt Simmel fest, dass sich eine Definition des Egoisten nie aus dem leeren, formalen, unbegreifbarem Ich ergibt.

[...]


[1] SIMMEL 1989, S.129

[2] SIMMEL 1989., S. 129

[3] ebd., S. 130

[4] ebd., S. 131

[5] SIMMEL 1989., S. 132

[6] ebd., S. 132

[7] ebd., S.133

[8] ebd., S. 133

[9] SIMMEL 1989, S. 134f.

[10] vgl., S. 135

[11] ebd., S.135

[12] ebd., S. 136

[13] ebd., S. 136

[14] ebd., S. 136

[15] SIMMEL 1989, S. 137

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Egoismus-Altruismus-Thematik
Untertitel
Bearbeitet aus: Georg Simmels "Einleitung in die Moralwissenschaft"
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Hauptseminar: Georg Simmels "Einleitung in die Moralwissenschaft"
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V75790
ISBN (eBook)
9783638883597
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit ohne Sekundärliteratur (Anm. der Red.)
Schlagworte
Aspekte, Egoismus-Altruismus-Thematik, Hauptseminar, Georg, Simmels, Einleitung, Moralwissenschaft
Arbeit zitieren
Nicole Pilz (Autor), 2006, Aspekte der Egoismus-Altruismus-Thematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75790

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