Narration ist ein Grundelement in den Medien. Besonders im Film spielt sie eine bedeutende Rolle. Der Film erzählt eine Geschichte, die zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort spielt und die wir meist in eine logische Abfolge bringen können. Laut Bordwell/Thompson ist Narration „a chain of events in cause-effect relationship occurring in time and space.“
Die Kausalität innerhalb einer Narration ergibt sich aus verschiedenen Faktoren, zu denen auch die Motivation gehört. Ein Charakter oder die Handlungsweise einer Figur wird durch bestimmte Ereignisse aus der Vergangenheit motiviert. Ein traumatisches Ereignis in der Backstory einer Figur, die Backstorywound, wird zum Argument für das Handeln derselben.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Narration in Orson Welles’ Citizen Kane und der Frage, ob im Fall der Figur Charles Foster Kane eine klassische Motivation im Sinne einer Backstorywound vorliegt. Erfüllt Citizen Kane die zuvor aufgeführten Kriterien oder ergeben sich Widersprüche? Kann ein Gegenstand aus der Kindheit des Protagonisten sein gesamtes weiteres Verhalten motivieren? Liegt des Rätsels Lösung sozusagen auf der Hand oder forscht die Filmwissenschaft seit Jahrzehnten nach etwas, das nicht existiert? Ist ‚Rosebud‘ der Schlüssel zu Kanes Leben oder nur ein künstlich kreiertes ‚plot gimmick‘?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung – Backstorywound als Narrationskonzept
2 Narration im Film
2.1 Story und Plot
2.2 Kausalität, Zeit und Ort
3 Backstory und Backstorywound
3.1 Definition und Funktion
3.2 Backstorywound als narrative Konvention
3.3 Typische Backstorywounds
4 Narration in Citizen Kane
4.1 Story und Plot in Citizen Kane
4.2 Kausalität, Zeit und Ort in Citizen Kane
4.3 Kanes Backstory
4.4 ‚Rosebud‘ – Backstorywound oder plot gimmick?
5 Fazit - ‚Rosebud‘ als Enigma
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das filmtheoretische Konzept der „Backstorywound“ auf seine Anwendbarkeit auf Orson Welles' Klassiker Citizen Kane. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob die Figur Charles Foster Kane durch eine klassische, aus der Kindheit resultierende Motivation definiert wird oder ob das Mysterium „Rosebud“ eine andere narrative Funktion erfüllt.
- Grundlagen der filmischen Narration (Story vs. Plot)
- Konzeptualisierung der Backstorywound als narrative Konvention
- Analyse der Zeit- und Erzählstruktur in Citizen Kane
- Kritische Auseinandersetzung mit interpretativen Schablonen in der Filmwissenschaft
Auszug aus dem Buch
3.3 Typische Backstorywounds
Betrachtet man die verwendeten Backstorywounds, sowohl in klassischen als auch in aktuellen Hollywoodfilmen, so lässt sich feststellen, dass bestimmte Formen regelmäßig wiederkehren. Der Verlust einer geliebten Person beispielsweise kann als Motivation für viele ungewöhnliche Verhaltensweisen fungieren. Hierbei kann der Verlust sowohl aus der bloßen Trennung von einem bedeutenden Menschen bestehen, aber auch durch den Tod desselben ausgelöst werden.
Eine weitere typische Backstorywound ist die Gewalterfahrung, welche die Gewalterfahrung am eigenen Leib, aber auch die Beobachtung von Gewalt einschließt. Letzteres kann noch verstärkt werden, wenn es sich hierbei um eine geliebte Person handelt, mit der sich die Hauptfigur eventuell in einem Abhängigkeitsverhältnis befindet.
Ebenfalls häufig verwendet wird menschliches Versagen, im beruflichen wie im privaten Bereich, wobei sich die Hauptfigur in diesem Falle häufig nur subjektiv als Versager sieht, in Wirklichkeit jedoch möglicherweise keinerlei Schuld am Geschehen trägt. Dennoch versucht sie, ihr Versagen wieder gut zu machen, was wiederum ihr Handeln in der Gegenwart der Narration stark beeinflussen kann. Michaela Krützen fasst diese am häufigsten verwendeten Backstorywounds beispielhaft zusammen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung – Backstorywound als Narrationskonzept: Einführung in das Thema der filmischen Motivation und Vorstellung der zentralen Forschungsfrage bezüglich Citizen Kane.
2 Narration im Film: Erläuterung grundlegender filmwissenschaftlicher Begriffe wie Story, Plot, Kausalität, Zeit und Raum.
3 Backstory und Backstorywound: Definition der Backstory als produktionstechnischer Begriff und Herleitung der Backstorywound als narrative Konvention zur Charaktermotivation.
4 Narration in Citizen Kane: Praktische Anwendung der zuvor erarbeiteten Kategorien auf das Beispiel Citizen Kane und kritische Prüfung der „Rosebud“-Symbolik.
5 Fazit - ‚Rosebud‘ als Enigma: Zusammenfassende Erkenntnis, dass sich der Film nicht in die untersuchten Konzepte pressen lässt und das Mysterium absichtlich unaufgelöst bleibt.
Schlüsselwörter
Citizen Kane, Narration, Backstorywound, Backstory, Story, Plot, Motivation, Orson Welles, Rosebud, Filmtheorie, Klassisches Kino, Neoformalismus, narrative Konvention, Filmwissenschaft, Enigma.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Anwendbarkeit des Konzepts „Backstorywound“ auf die Charakterentwicklung der Hauptfigur im Film Citizen Kane.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die filmische Narration (Story/Plot), die Bedeutung von Traumata als erzählerisches Motiv und die Analyse komplexer Filmstrukturen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu prüfen, ob die Figur Charles Foster Kane durch eine klassische Backstorywound motiviert ist oder ob „Rosebud“ lediglich ein interpretatives „Plot Gimmick“ darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin bedient sich der neoformalistischen Filmanalyse und setzt sich kritisch mit gängigen dramaturgischen Modellen auseinander.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Narration und der Backstorywound sowie eine anschließende detaillierte Filmanalyse von Citizen Kane.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Narration, Backstorywound, Kausalität, Plot-Analyse und die kontextuelle Bedeutung von „Rosebud“.
Kann „Rosebud“ eindeutig als traumatische Kindheitserfahrung klassifiziert werden?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass dieser Interpretationsansatz zwar möglich ist, aber das widersprüchliche Verhalten der Figur Kane nicht vollständig motivieren kann.
Warum wird Citizen Kane als Fallbeispiel für eine „unpassende“ Narration gewählt?
Weil der Film durch seine komplexe Zeitstruktur und die bewusste Verweigerung einer klaren Auflösung die Grenzen klassischer narrativer Muster sprengt.
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- Eva Tüttelmann (Author), 2007, Raising Rosebud - Das Narrationskonzept Backstorywound am Beispiel von Citizen Kane, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75803