„Was ist Sprachpolitik?“ „Wer beschäftigt sich wie mit ihr?“ und: „Wie sehen konkrete nationalstaatliche oder supranationale Sprachpolitiken aus?“
Vorliegende Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, das beinah undurchdringliche Dickicht im Bereich der Sprachpolitik(-forschung) etwas zu lichten und die eben aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Dabei bleibt der Fokus der Arbeit auf Europa im Allgemeinen und der EU im Speziellen. Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Während sich der erste Teil der Arbeit (I), mit den beiden ersten Fragen nach einer Definition von Sprachpolitik und dem aktuellen Forschungsstand/-diskurs beschäftigt, beleuchtet der zweite Teil (II) praxisnäher nationalstaatliche und europaweite Sprachpolitiken.
Die im ersten Kapitel (1.) vorgestellte „Sonderstellung Europas in der globalen Sprachenvielfalt“ (Ahrens 2003: 145) begründet schon erwähnten Fokus auf Europa. Das zweite Kapitel (2.) zeigt danach, wie die Teilelemente von Sprachpolitik – namentlich Sprache und Politik – untrennbar miteinander verwoben sind, bevor dann im dritten Kapitel (3.) eine theoretische Diskussion über Definition, Akteure, Ebenen (3.1.) und Ziele (3.2.) von Sprachpolitik eröffnet wird. Im selben Kapitel wird zudem ein Forschungsüberblick, der Aufschluss über Theorieschulen (3.3.) Methoden (3.4.) und Inhalte (3.6.) sprachpolitischer Forschung gibt, erarbeitet.
Der praktische Teil der Arbeit (II) beschäftigt sich zum einen mit einer Kategorisierung der nationalen Sprachpolitiken Europas (Kapitel 4) zum anderen mit der internen sowie externen Sprachpolitik der Europäischen Union (Kapitel 5).
Da der Fokus der Arbeit auf einer theoretischen Diskussion über „die Sprachpolitik(-forschung)“ liegt, will und wird sich die Arbeit – abgesehen der Fallbeispiele im zweiten Teil – nicht mit dem Diskussionsstand innerhalb einzelner vorgestellter Untersuchungsgebiete (wie z.B. Sprache und Identität) beschäftigen. Hier sei auf die ausführlichen Literaturangaben (v.a. in 3.6.) verwiesen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Sprachpolitikforschung
1. Ausgangssituation
2. Sprache als Politikum
3. Sprachpolitik
3.1. Definition, Akteure Ebenen
3.2. Ziele von Sprachpolitik
3.3. Theorieschulen
3.3.1.Die Kritische Methode
3.3.2. Sprachpolitik und Postmoderne
3.3.3. Sprachpolitik und Ökonomie
3.3.4. Sprachpolitik und Politische Theorie
3.3.5. Sprachpolitik und Sprachkultur
3.4. Methodologie
3.4.1. Die historische Methode
3.4.2. Die ethnographische Methode
3.4.3. Die Sprach/ Diskursanalyse
3.4.4. Die geolinguistische Methode
3.4.5. Die psycho-soziologische Methode
3.5. Zwischenfazit
3.6. Inhalte von sprachpolitischer Forschung
II. (supra-)nationale Sprachpolitiken
4. Die nationalen Sprachpolitiken Europas – eine Kategorisierung
4.1. Einsprachigkeit
4.2. Schutz/ Toleranz der sprachlichen Minderheiten (entspricht I)
4.3. sprachliche Autonomie (entspricht II)
4.4. sprachlicher Föderalismus (entspricht III)
4.5. institutionalisierte Mehrsprachigkeit
4.6. weitere Gesetzgebung
5. Die Sprachpolitik der EU – eine Differenzierung
5.1. interne Sprachpolitik
5.1.1. Sprachregelungen
5.1.2. vertragliche Grundlagen
5.1.3. Amts-, Relais- und Arbeitssprache
5.1.4. Probleme und Kritik
5.1.6. de jure vs. de facto EU Sprachenregelungen
5.1.7. Fazit
5.2. externe Sprachpolitik
5.2.1. Grundlagen
5.2.2. Förderung von Sprachen(-lernen)
5.2.3. Minderheitensprachenprogramme
5.2.4. Kritik
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das komplexe Feld der Sprachpolitikforschung zu strukturieren und aktuelle nationalstaatliche sowie supranationale Sprachpolitiken im europäischen Raum zu analysieren, um grundlegende Fragen zur Definition, Akteuren und Zielen von Sprachpolitik zu klären.
- Theoretische Grundlagen und Definitionsansätze von Sprachpolitik
- Methoden und Theorieschulen der Sprachpolitikforschung
- Kategorisierung nationaler Sprachpolitiken in Europa
- Interne Sprachregelungen und Sprachpolitik der Europäischen Union
- Externe Sprachpolitik und Förderprogramme der EU
Auszug aus dem Buch
2. Sprache als Politikum
Sprache ist zu keiner Zeit lediglich ein Mittel der Kommunikation gewesen, sondern sie hat auch immer politische Bedeutung gehabt“ (Haarmann 1993: 80)
Die Schwierigkeit, die politische Dimension von Sprache darzustellen, besteht in der Unmöglichkeit, den Themenkomplex „Sprache als Politikum“ von Feldern wie „Sprachpolitik“ () oder „Sprache und Identität“ genau zu trennen3.
Das Eingangszitat verweist auf den historisch wie aktuellen Zusammenhang von Sprache und Politik. Ein paar Beispiele werden dies näher erläutern:
Die These „politische Konflikte unserer Zeit sind auch Sprachkonflikte, oder sie sind politische Konflikte, weil sie Sprachkonflikte sind“ (Finkenstadt 1990: 19) lässt sich mit einem Blick auf die (teilweise schon historischen) Konflikte im Baskenland, in Belgien, in Katalonien (v.a. zu Zeiten der Franco-Diktatur), außerhalb Europas mit dem Anti-Apartheidskampf des African National Congress in Südafrika, der sich an einer Sprachenfrage (Afrikaans an allen Schulen) entzündete, aber auch am Balkan leicht bestätigen. Ehlich fasst diese Erkenntnis zusammen, indem er sagt:
„Überall, wo im vergangenen halben Jahrhundert Bomben in Europa explodierten, sehen wir die Frage der jeweiligen Nationalsprache beteiligt […]“ (Ehlich 2002: 43)
Abseits der zumeist bewaffneten Konflikte sind Sprachenfragen, wie z.B. die Rechtschreibreform in Deutschland, die Debatte um Sprachkenntnisse/-tests im Hinblick auf die Integration von Migranten, das Rangeln um Amtssprachen in den Internationalen Organisationen (UNO, EU, etc.) ( ) oder die (Völker-)Rechte von Minderheiten immer auch politische Fragen.
„Das Sagen haben, bedeutet Macht haben“ (Ehlich 2002: 208)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit erläutert ihre Zielsetzung, den Fokus auf Europa und die EU sowie den Aufbau der Untersuchung, welche sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil gliedert.
I. Sprachpolitikforschung: Dieses Kapitel widmet sich der Definition und den Grundlagen von Sprachpolitik, einschließlich der Vorstellung relevanter Theorieschulen und Forschungsmethoden.
1. Ausgangssituation: Es wird die konträre Debatte über die Sprachenvielfalt bzw. die Homogenität der Sprachen in Europa beleuchtet.
2. Sprache als Politikum: Die untrennbare Verbindung zwischen Sprache und politischer Macht sowie die Rolle von Sprache in Konflikten werden thematisiert.
3. Sprachpolitik: Eine theoretische Diskussion über Definitionen, Akteure und Ebenen der Sprachplanung sowie ein Überblick über Theorien und Methoden werden erarbeitet.
3.1. Definition, Akteure Ebenen: Hier werden Definitionsvorschläge für Sprachpolitik und die Unterscheidung zwischen Sprachstatus- und Sprachkorpusplanung vorgenommen.
3.2. Ziele von Sprachpolitik: Es wird aufgezeigt, dass Sprachpolitikziele je nach Akteur und Ebene variieren und oft spannungsreich sind.
3.3. Theorieschulen: Verschiedene wissenschaftliche Ansätze wie die kritische Methode, postmoderne Ansätze und ökonomische Perspektiven werden kurz dargestellt.
3.3.1.Die Kritische Methode: Vorstellung der (Neo-)Marxistisch geprägten Schule und ihrer normativen Analyse von Machtverhältnissen.
3.3.2. Sprachpolitik und Postmoderne: Erläuterung, wie diese Perspektive Sprachpolitik im Kontext wirtschaftlicher und politischer Veränderungen kartiert.
3.3.3. Sprachpolitik und Ökonomie: Analyse des Einflusses ökonomischer Prozesse und Variablen auf Sprachdynamiken.
3.3.4. Sprachpolitik und Politische Theorie: Untersuchung von Sprachpolitik durch das Prisma philosophischer Ideengeschichte und aktueller politischer Theorien.
3.3.5. Sprachpolitik und Sprachkultur: Darstellung der angenommenen Untrennbarkeit zwischen Sprachpolitik und kulturellen Überzeugungen.
3.4. Methodologie: Fokus auf die methodische Herangehensweise zur Erforschung von Sprachpolitiken.
3.4.1. Die historische Methode: Diskussion über die Erforschung der Vergangenheit zur Begründung aktueller Politiken.
3.4.2. Die ethnographische Methode: Erforschung der Mikroebene und interpersoneller Beziehungen in einem lokalisierten Kontext.
3.4.3. Die Sprach/ Diskursanalyse: Vorstellung von Methoden wie Argumentationsanalysen zur Untersuchung von Diskursen in Gesetzgebung und Öffentlichkeit.
3.4.4. Die geolinguistische Methode: Fokus auf die Erhebung von empirischem Zahlenmaterial zu Sprachstatus und Demographie.
3.4.5. Die psycho-soziologische Methode: Untersuchung von Einstellungen gegenüber Sprachen und Sprachgebrauch.
3.5. Zwischenfazit: Feststellung, dass keine einheitliche Definition oder ein einheitlicher wissenschaftlicher Zugang zu Sprachpolitiken existiert.
3.6. Inhalte von sprachpolitischer Forschung: Überblicksartige Darstellung der zentralen Themenfelder in der aktuellen Forschung.
II. (supra-)nationale Sprachpolitiken: Übergang zum praktischen Teil, der nationale und EU-Sprachpolitiken analysiert.
4. Die nationalen Sprachpolitiken Europas – eine Kategorisierung: Vorstellung eines Kategorisierungsvorschlags für nationale Sprachpolitiken basierend auf Anerkennungsprinzipien.
4.1. Einsprachigkeit: Analyse von Staaten, die Einsprachigkeit als politisches Ziel verfolgen.
4.2. Schutz/ Toleranz der sprachlichen Minderheiten (entspricht I): Untersuchung von Ländern mit einer Nationalsprache bei gleichzeitigem Schutz von Minderheiten.
4.3. sprachliche Autonomie (entspricht II): Kopplung der sprachlichen an eine politische Autonomie in bestimmten Regionen.
4.4. sprachlicher Föderalismus (entspricht III): uneingeschränkte gesetzliche Anerkennung von Minderheitensprachen auf staatlicher Ebene.
4.5. institutionalisierte Mehrsprachigkeit: Mehrsprachigkeit auf personaler Ebene in zentralistischen Staaten.
4.6. weitere Gesetzgebung: Kurze Erwähnung von Instrumenten zur Förderung der Nationalsprache.
5. Die Sprachpolitik der EU – eine Differenzierung: Unterscheidung zwischen interner und externer Sprachpolitik der Europäischen Union.
5.1. interne Sprachpolitik: Analyse der Sprachregelungen innerhalb der EU-Institutionen.
5.1.1. Sprachregelungen: Diskussion der drei Arten der Sprachregelung in internationalen Organisationen.
5.1.2. vertragliche Grundlagen: Darstellung des egalitären Prinzips und rechtlicher Eckpfeiler.
5.1.3. Amts-, Relais- und Arbeitssprache: Definition und Unterscheidung der Sprachrollen innerhalb der EU.
5.1.4. Probleme und Kritik: Diskussion des Spannungsfeldes zwischen Egalität, Effizienz und hohen Kosten.
5.1.6. de jure vs. de facto EU Sprachenregelungen: Aufzeigen der Diskrepanz zwischen offizieller Gleichheit und der Praxis.
5.1.7. Fazit: Zusammenfassung zum intergouvernementalen Stillhalteabkommen bei EU-Sprachregelungen.
5.2. externe Sprachpolitik: Untersuchung des Ziels „Einheit in der Vielfalt“ durch Förderprogramme.
5.2.1. Grundlagen: Vorstellung des Aktionsplans zur Förderung des Sprachenlernens.
5.2.2. Förderung von Sprachen(-lernen): Überblick über SOKRATES-Programme wie ERASMUS und COMENIUS.
5.2.3. Minderheitensprachenprogramme: Rolle des EBLUL und des MERCATOR Netzwerks bei der Förderung von Minderheitensprachen.
5.2.4. Kritik: Zusammenfassende Kritik an der fehlenden kohärenten Sprachpolitik für Europa.
Schluss: Synthese der Ergebnisse, die die untrennbare Verbindung von Theorie und Praxis sowie die Notwendigkeit differenzierter Betrachtungen unterstreicht.
Schlüsselwörter
Sprachpolitik, Sprachplanung, Europa, Europäische Union, Sprachenvielfalt, Mehrsprachigkeit, Minderheitensprachen, Sprachkonflikt, Sprachstatus, Korpusplanung, Identität, Diskursanalyse, Sprachförderung, Soziolinguistik, Sprachprestige
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Bereich der Sprachpolitikforschung, untersucht die theoretischen Grundlagen sowie die verschiedenen nationalen und supranationalen Ansätze der Sprachgestaltung in Europa.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen die Definition und Methoden der Sprachpolitikforschung, die Kategorisierung nationaler Sprachpolitiken und eine detaillierte Analyse der internen und externen Sprachpolitik der Europäischen Union.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Hauptziel besteht darin, das undurchdringliche Dickicht der Sprachpolitikforschung zu strukturieren und Fragen zur Definition, zu den Akteuren sowie zur praktischen Umsetzung von Sprachpolitiken in Europa zu beantworten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine interdisziplinäre Herangehensweise, die theoretische Diskussionen mit einer deskriptiven Analyse von Modellen und praktischen Fallbeispielen verbindet, um die Vielschichtigkeit des Forschungsgegenstandes abzubilden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung von Sprachpolitikforschung (Theorien und Methoden) sowie einen praktischen Teil, der nationale Sprachpolitiken kategorisiert und die spezifische Sprachpolitik der EU differenziert betrachtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sprachpolitik, Sprachplanung, Sprachenvielfalt, Europäische Union, Minderheitensprachen, Sprachstatus, Identität sowie verschiedene methodische Zugänge wie Diskursanalyse oder geolinguistische Analysen.
Wie unterscheidet die EU zwischen interner und externer Sprachpolitik?
Die interne Sprachpolitik betrifft die Sprachregelungsverfahren der EU-Organe selbst (z.B. Amtssprachenregelung), während die externe Sprachpolitik die Bemühungen der EU zur Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt in den Mitgliedstaaten umfasst.
Warum existiert laut der Arbeit keine „einheitliche“ Sprachpolitik für Europa?
Die Arbeit stellt fest, dass aufgrund der Vielzahl an beteiligten Disziplinen, den widersprüchlichen Zielen und der nationalstaatlichen Souveränität im Bildungsbereich keine kohärente und einheitliche Sprachpolitik existiert.
Welche Rolle spielt das „egalitäre Prinzip“ in der EU-Sprachpolitik?
Es bildet die vertragliche Grundlage dafür, dass grundsätzlich alle Amtssprachen der Mitgliedstaaten auch Amtssprachen der Union sind, was jedoch in der Praxis zu erheblichen Herausforderungen bei der Umsetzung und Effizienz führt.
- Quote paper
- Christoph Koch (Author), 2006, Sprach(en)politik - Definition, Forschungsstand und Analyse (supra-)nationaler Sprachpolitiken im europäischen Raum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/75810