1. Einleitung - Die Europapolitik der USA
Betrachtet man die amerikanischen Reaktionen auf den Schumanplan, so stößt man fast ausnahmslos auf positive bis überschwängliche Anteilnahme1. Das verwundert zunächst, scheint doch die Initiative Frankreichs nicht mit den bisherigen Plänen der USA übereinzustimmen: Bis jetzt hatte man in Amerika eine europäische Einigung ohne Großbritannien schlicht für unmöglich gehalten2, man wollte den Partner aus zwei Weltkriegen nicht vor den Kopf stoßen. Außerdem gab es eine ganze Reihe von Vorbehalten gegenüber einer französischen Führung3. Dann war auch eine der Vorgaben des Marshallplans, daß er sich an alle europäischen Länder wendete, der Schumanplan bedeutete aber faktisch die Zweiteilung Europas. Und schließlich war das Ziel, das Amerika seit dem ersten Weltkrieg zu erreichen suchte, der freie und ungehinderte Zugang zu den europäischen Märkten, durch die Möglichkeit zur Kartellbildung, die im Schumanplan angelegt war, in Frage gestellt4.
Diese Arbeit soll durch eine Untersuchung der amerikanischen Absichten in und mit Europa und der Alternativen, wie diese zu erreichen waren, die Gründe für die scheinbare Abkehr von feststehenden Positionen Amerikas in der Zeit zwischen Sommer 1949 und Frühjahr 1950 und das tatsächlich dahinterstehende Kalkül beleuchten.
Zunächst soll nach möglichen Alternativen der amerikanischen Europapolitik in der Nachkriegszeit gesucht werden, dann muß auf das ,,Problem Deutschland" eingegangen werden, das gerade im untersuchten Zeitraum eine entscheidende Rolle spielt. Schließlich muß das Verhältnis zu den möglichen Partnern bei einer europäischen Einigung, Frankreich und Großbritannien, untersucht werden, um darauf aufbauend die möglichen Lösungsansätze darzustellen.
[...]
1 Klaus Schwabe: ,,Ein Akt konstruktiver Staatskunst" - die USA und die Anfänge des Schuman-Plans, S. 211 - 239 in: Klaus Schwabe (Hrsg.): Die Anfänge des Schumanplans, Beiträge des Kolloquiums in Aachen, 28.-30. Mai 1986, S. 215. Im folgenden: Schwabe, Staatskunst und Seitenzahl.
2 Klaus Schwabe: Die Vereinigten Staaten und die Europäische Integration: Alternativen der amerikanischen Außenpolitik (1950-1955), S. 41 - 54 in: Gilbert Trausch (Hrsg.) u. a.: Die europäische Integration vom Schuman-Plan bis zu den Verträgen von Rom, Baden-Baden 1993.[...]
3 Holger Schröder: Jean Monnet und die amerikanische Unterstützung für die europäische Integration 1950 - 1957, Frankfurt am Main 1994. [...]
4 Schwabe, Staatskunst, S. 228.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Die Europapolitik der USA
1.1. Die Lage nach dem Zweiten Weltkrieg
1.2. Die Truman-Doktrin und die neuen Ziele in Europa
1.3. Mögliche Alternativen der amerikanischen Europapolitik
2. Die Zuspitzung 1949
2.1. Deutschland als zentrales Problem
2.1.1. Das deutsche Wirtschaftspotential
2.1.2. Die Westbindung Deutschlands
2.1.3. Der Verteidigungsbeitrag Deutschlands
2.2. Die britische Sonderrolle
2.2.1. Großbritannien als amerikanischer Hauptverbündeter
2.2.2. Das Verhältnis USA - Großbritannien mit Blick auf Europa
2.3. Frankreich als Führungsmacht
2.3.1. Eine Union unter Frankreichs Führung
2.3.2. Die Botschafterkonferenz und die französische Führung
3. Die Lösungssuche
3.1. Kennan: Das Modell der zwei Säulen
3.2. Die Vorschläge der amerikanischen Botschafter in Europa
3.3. Die Analyse des Policy - Planning- Staffs im Januar 1950
4. Die (Er-)Lösung: Der Schumanplan
4.1. Die Aufnahme des Plans in den USA
4.2. Das Verhalten der USA während der Verhandlungen
5. Ein pragmatisches Vorgehen der Vereinigten Staaten
6. Quellen- und Literaturliste
6.1. Quellenliste
6.2. Literaturliste
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die amerikanischen Absichten gegenüber Europa zwischen Sommer 1949 und Frühjahr 1950 sowie das Ringen der USA um die richtigen Alternativen zur Sicherung ihrer strategischen und wirtschaftlichen Interessen, was schließlich zur Akzeptanz des Schumanplans als Lösungsmittel führte.
- Amerikanische Europapolitik und deren strategische Zielsetzungen
- Das "Problem Deutschland" als zentraler Ausgangspunkt
- Die Rolle Großbritanniens und das Konzept der "special relationship"
- Frankreich als potentielle Führungsmacht der europäischen Integration
- Die Entwicklung von Lösungsmodellen im US-Außenministerium
Auszug aus dem Buch
2.2. Die britische Sonderrolle
Bis ins Jahr 1949 hinein war eine Einigung Europas ohne die Führung der Briten für Amerika schlicht unvorstellbar. Zwar gab es in Washington kaum noch Illusionen über die britische Stärke und die special relationship war für die Amerikaner in Europa vor allem ein Werkzeug, um ihre eigenen Ziele durchzusetzen Dennoch kann die besondere Qualität der Beziehung zu dem Partner zweier Weltkriege nicht geleugnet werden. Mit Verschärfung des Kalten Kriegs fanden es die Amerikaner sogar wünschenswert, daß ein starkes Commonwealth unter britischer Führung gegen den Expansionsdrang des Kommunismus an der Seite der Vereinigten Staaten stände. Die USA waren zwar von der britischen Zögerlichkeit bei der Durchsetzung einer europäischen Föderation enttäuscht, gleichzeitig wurde aber auch versucht, die britischen Schwierigkeiten, sich als ein Teil Europas zu sehen, zu verstehen.
Großbritannien blieb somit ein Sonderfall und wurde als intakter und handlungsfähiger als die Partner auf dem Kontinent angesehen. Darauf konnten die Briten ihre Politik der special relationship aufbauen, und das war auch die Grundlage für die Idee einer atlantischen Achse USA - Kanada - Großbritannien, eng assoziiert mit einer kontinentaleuropäischen Union.
Die Quellenuntersuchung beleuchtet zunächst die Sonderbeziehung zwischen dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten aus amerikanischer Sicht, dann die Auswirkungen dieser special relationship für Europa und Amerikas Bestreben, das britische Verhalten in Europa zu verstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung - Die Europapolitik der USA: Einführung in die amerikanische Europapolitik und die Untersuchung der US-Absichten während der Zuspitzung 1949-1950.
2. Die Zuspitzung 1949: Analyse der akuten Probleme wie der deutschen Integration, des britischen Zögerns und der Suche nach einer französischen Führungsrolle.
3. Die Lösungssuche: Darstellung der internen amerikanischen Beratungen, insbesondere der Vorschläge von George F. Kennan und der Botschafter in Europa.
4. Die (Er-)Lösung: Der Schumanplan: Untersuchung der amerikanischen Reaktion auf den Schumanplan und die Steuerung der Verhandlungen zur Durchsetzung eigener Ziele.
5. Ein pragmatisches Vorgehen der Vereinigten Staaten: Fazit über die erfolgreiche, pragmatische Umsetzung der amerikanischen Integrationspolitik als Mittel zur Hegemonie.
6. Quellen- und Literaturliste: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Europapolitik, USA, Schumanplan, Integration, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, special relationship, Kalter Krieg, Marshallplan, Hegemonie, Außenpolitik, Europa, Westbindung, Containment
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die amerikanische Außenpolitik gegenüber Europa zwischen Sommer 1949 und Frühjahr 1950 und wie die USA versuchten, ihre strategischen Ziele durch europäische Integration zu erreichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Mittelpunkt stehen die amerikanische Strategie zur Einbindung Deutschlands, das schwierige Verhältnis zu Großbritannien, die Rolle Frankreichs sowie der Prozess, der schließlich zum Schumanplan führte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, das Kalkül hinter der amerikanischen Abkehr von bisherigen Positionen und die Suche nach alternativen Lösungsmodellen für eine europäische Einigung in der Nachkriegszeit zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quellenkritischen Analyse offizieller Dokumente, insbesondere der "Foreign Relations of the United States" (FRUS) und weiterer diplomatischer Berichte aus der damaligen Zeit.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Zuspitzung der Lage im Jahr 1949, die verschiedenen Lösungsversuche innerhalb des US-Außenministeriums (z. B. durch den Policy Planning Staff) und die letztliche Aufnahme des Schumanplans durch die USA.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Europapolitik, USA, Integration, Deutschland, Großbritannien, special relationship, Schumanplan, Hegemonie und Containment.
Warum war Großbritannien für die USA anfangs unverzichtbar?
Die USA hielten eine europäische Einigung ohne Großbritannien lange Zeit für unmöglich, da sie das Land als zentralen Hauptverbündeten betrachteten und seine Stabilität für die europäische Sicherheit als notwendig erachteten.
Welche Rolle spielte der Schumanplan für die amerikanische Strategie?
Der Schumanplan bot den USA einen Ausweg aus ihrer Sackgasse, da er die deutsch-französische Aussöhnung unter französischer Führung ermöglichte, ohne die Integration Deutschlands in den Westen zu gefährden.
- Quote paper
- Stefan Seidendorf (Author), 1997, Großbritannien und Frankreich als Faktoren der Europapolitik der Vereinigten Staaten 1949-50, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7583