Binnentourismus in Entwicklungsländern - Marginale Größe oder kommender touristischer Markt?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

38 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einführung

2 Grundlegende Aspekte und geographischer Bezug
2.1 Definition und Abgrenzung der Begriffe ‚Binnentourismus’ und ‚Entwicklungsland’
2.2 Binnentourismus im Spiegel kulturgeographischer Forschung
2.3 Endogener Tourismus als Indikator des Entwicklungsstandes

3 Reisemotive der Binnentouristen im Wandel der Zeit
3.1 Religions- und Pilgertourismus
3.2 Körperliche Erholung: Sommerfrische und Heilquellen
3.3 Verwandten- und Freundesbesuche
3.4 Tourismusformen westlichen Musters

4 D ie quantitative Dimension des Binnentourismus in Entwicklungsländern
4.1 Probleme der Erfassung des Binnentourismus
4.2 Einflussgrößen auf den Umfang des Binnentourismus
4.2.1 Naturräumliche Ausstattung
4.2.2 Wirtschaftliche Entwicklung
4.2.3 Sozio-kulturelle Faktoren
4.3 Binnentourismus-Aufkommen in Entwicklungsländern
4.4 Ökonomische Aspekte
4.4.1 Binnentourismus und Bruttoinlandsprodukt
4.4.2 Regionale Auswirkungen und Ausgleichseffekte in Raum und Zeit

5 Sozio-kulturelle Auswirkungen
5.1 Verhältnis der Binnentouristen zu den internationalen Touristen
5.2 Verhältnis der Binnentouristen zum eigenen Land

6 Ökologische Aspekte

7 Binnentourismus in Entwicklungsländern – marginale Größe oder kommender touristischer Markt?

8 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Hinduistische Pilger am Ganges in Varanasi

Abb. 2 Ort und Anzahl der Moussem in Marokko 1985

Abb. 3 Tansanisches Hotel für einheimische Geschäftsreisende und Erholungsu­chen­­de im Luftkurort Lushoto in den Usambarabergen

Abb. 4 Entwicklung des Binnentourismus und des internationalen Tourismus in China von 1985 bis 1999

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Übersicht der Arten des Tourismus durch inländische Nachfrage

Tab. 2 Die Entwicklung des Binnentourismus in Entwicklungsländern im Kontext des Wirtschaftstufenmodells von W.W. Rostow (1960)

Tab. 3 Übernachtungen von Binnentouristen in Hotels oder ähnlichen Einrichtungen in ausgewählten Entwicklungsländern

Tab. 4 Verhältnis von internationalen und Binnentouristen in ausgewählten Entwicklungsländern

Tab. 5 Wirtschaftliche Rolle von internationalem und Binnentourismus in ausgewählten Entwicklungsländern

1 Einführung

Bei der Wahl des jährlichen Hauptreiseziels spielen gerade in unseren Breiten Faktoren wie Sonne, Sandstrand und tropische Vegetation eine dominante Rolle. Vie­le Ent­wick­lungs­län­der verfügen in hohem Maße über jene naturräumliche Aus­stattung und konnten infolge dessen ei­ne große Zahl von Touristenankünften aus In­dust­rie­ländern verbuchen. Als Reisender oder Ur­lauber gewinnt man leicht den Ein­druck, für die Tourismusbranche in den Ländern der Drit­ten Welt die einzige bestim­men­de Grö­ße darzustellen.

Doch lassen die touristischen Attraktionen, salopp gefragt, die Einheimischen völ­­lig kalt? Rei­sen sie überhaupt und wenn ja, welchen Motivationen folgen sie? Der Bin­­nentourismus, falls vorhanden, ist ein kaum beachtetes Forschungsfeld. Es gilt dem­­nach, dem quantitativen Um­fang, sowie Motiven und Auswirkungen des Frem­den­ver­­kehrs der Einheimischen nach­zu­spü­ren und der Frage nachzugehen, inwie­fern der Bin­nentourismus in Entwicklungsländern le­dig­lich eine marginale Größe dar­stellt oder (bereits) einen nicht zu vernachlässigenden Rang im ge­samten Touris­mus­aufkommen ein­genom­men hat.

2 Grundlegende Aspekte und geographischer Bezug

2.1 Definition und Abgrenzung der Begriffe ‚Binnentourismus’ und ‚Entwicklungsland’

Im Vorfeld der Beschäftigung mit dem Binnentourismus ist es unerlässlich, sich zu­nächst mit der Definition und Terminologie der relevanten Schlüsselbegriffe aus­ei­nan­­der zu set­zen. Die Vielfalt der geprägten Begriffe, vor allem im Kontext des Tou­­ris­mus, erfordert eine ge­naue Abgrenzung, um Verwechslungen und Fehlinter­pre­tationen zu vermeiden.

Da sich diese Arbeit mit dem Binnentourismus befasst, soll die Mannigfal­tig­keit der un­ter­schiedlichen Definitionen von ‚Tourismus’ außer Acht gelassen werden, um sich gleich dem wesentlicheren Begriff des ‚Binnentourismus’ zuzuwenden. Die World Tou­rism Organization (W­TO) (1993) definiert einen Binnentouristen als

„any person residing in a country , who travels to a place within the country out­side his/her usual environment, for a period not exceeding 12 months and whose main pur­pose of visit is other than the exercise of an activity remunerated from within the place visited“ (Ghimire 2001, S. 4).

Neben den angeführten Bedingungen muss eine Person außerdem eine mini­male Auf­ent­haltsdauer von 24 Stunden aufweisen, um als Binnentourist und nicht als ‘same-day visitor’ zu gelten. Als mögliche Reiseabsichten kommen laut WTO in Frage:

- Freizeit, Erholung und Urlaub
- Besuchen von Freunden und Verwandten
- Geschäftliches und Berufliches
- medizinische Versorgung
- Religiöses und Pilgerreisen
- Sonstiges

Anhand dieser Auflistung werden sofort die Schwächen dieser Definition offensicht­lich: Die zu weit gefassten Reisemotivationen (sprich alle) führen dazu, dass jeder, der für mehr als 24 Stun­den seine gewohnte Umgebung verlässt, als Binnentourist zu zählen ist. Außerdem ist es mit die­ser Definition nicht möglich, eine Aufschlüs­se­lung der Bin­nen­touristen nach ihrer Reise­ab­sicht durchzuführen, die gerade im Ver­gleich zu den west­lichen Ländern interessant wäre (Ghimire 2001, S. 4).

Dem ‚Binnentourismus’ stehen noch weitere Synonyme oder inhaltsverwandte Begriffe zur Seite. Der nationale Tourismus untergliedert sich nach UN und WTO (1994) in den ‚In­lands­tourismus’ (engl. ‚domestic tourism’), der mit dem Binnen­tou­ris­mus gleichzusetzen ist, und den ‚Auslandstourismus’ (engl. ‚outgoing tourism’), des­sen im Inland generierte Nachfrage durch Reisen ins Ausland befriedigt wird. Der Aus­lands­tourismus ist aber wegen des grenz­über­schreitenden Reisens zugleich Teil des inter­nationalen Tourismus (Mundt 2001, S. 5).

Der Ausdruck ‚endogener Tourismus’ „bezeichnet die touristische Nachfrage­sei­te eines Lan­des (…) [, also] den in einem Lande selbst entstehenden Tourismus, der (…) nicht von au­ßen (exogen) hineingetragen wird“ (Schlenke und Stewig 1981, S. 6). Diese nur auf die Nach­frage des Tourismus ausgerichtete Definition impliziert eine weitere Unterscheidung in ‚en­do­genen Binnentourismus’ (Reise verläuft im Land der Nachfrage) und ‚endogenen Aus­lands­tourismus’ (Reise ins Ausland) (Schlenke und Stewig 1981, S. 6). Der allgemeinere Be­griff des endogenen Tourismus darf also auf keinen Fall mit dem Binnentourismus gleich­ge­setzt werden; der Binnentou­ris­mus um­fasst lediglich die im Inland durch die touristische Nach­fra­ge durchge­führ­ten Reisen (vgl. Tab. 1).

Tab. 1 Übersicht der Arten des Tourismus durch inländische Nachfrage

(Quelle: eig. Entwurf nach Schlenke und Stewig 1981, S. 6 und Mundt 2001, S. 5)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grötzbach (1981, S. 11) merkt an, dass der semantische Gehalt von ‚Touris­mus’ und ‚Tourist’ in Entwicklungsländern lediglich auf den internationalen Tourismus be­­zo­gen ist und den Binnentourismus völlig außer Acht lässt. Auch spricht der glei­che Au­tor (1981, S. 12) im All­gemeinen von ‚Binnenreiseverkehr’; erst wenn dieser „ge­wis­se moderne Züge“ trägt, zum Bei­spiel hinsichtlich der Art der Unterkunft und Wahl der Ver­kehrsmittel, dürfe man von ‚Bin­nen­tourismus’ sprechen.

Ebenso wie beim ‚Tourismus’ gibt es auch für den Begriff ‚Entwicklungsland’ kei­ne all­ge­meingültige Definition. Verschiedene Organisationen ziehen unterschiedli­che Kriterien heran, um Staaten in Entwicklungsländer, Schwellenländer und Indust­rie­län­der einzuteilen. Erstes Kenn­zeichen von Entwicklungsländern ist ihre Unter­ent­wick­lung, die sich in exogenen (zum Bei­spiel die Einbindung in den Weltmarkt) oder en­do­ge­nen (zum Beispiel Einkommen oder Le­bens­erwartung) Merkmalen manifes­tiert (Noh­len 2002, S. 234).

Während die Weltbank ausschließlich das Pro-Kopf-Einkommen zur Klassifi­zie­rung von Entwicklungsländern heranzieht (Nohlen 2002, S. 683), bezieht das UN-De­ve­lopment Pro­gram (UNDP) mit dem 1990 eingeführtenHuman Development In­dex (HDI), der den „Stand menschlicher Entwicklung“ (Nohlen 2002, S. 365) misst, auch so­ziale Komponenten und relative Indikatoren mit ein. Da nach Sicht des Ver­fas­sers der HDI zur Beschreibung der Ent­wicklung eines Landes am aussagekräf­tigs­ten ist, soll dieser im Folgenden maßgeblich sein.

2.2 Binnentourismus im Spiegel kulturgeographischer Forschung

Mit dem Aufkommen von Fernreisen in Entwicklungsländer ab Anfang der 1960er Jah­re, an denen wegen der besseren und günstigeren Flugverbindungen auch zu­nehmend die Mit­tel- und Unterschichten der Industrienationen beteiligt waren (Vor­lau­fer 1996, S. 17ff.), wuch­sen sowohl die Einflüsse westlicher Touristen in den Rei­se­destinationen als auch die Zahl der Arbeiten, die sich aus geographischer Sicht mit dem Phänomen des internationalen Tou­ris­mus in Entwicklungsländern aus­ei­nander setz­ten. Die wissenschaftlichen Untersuchungen kon­zent­rierten sich auf volks­wirt­schaftliche und kulturelle Auswirkungen, verursacht durch Tou­risten aus dem ‚reichen Nor­den’, wohingegen der Tourismus innerhalb der Entwicklungsländer weit­­gehend un­ter den Tisch gefallen ist und auch wenige Studien existieren, die die Aus­wir­kungen von Inlands- und internationalem Tourismus gegeneinander abgren­zen (Ghimire 2001, S. 2f.).

Ein Grund, der für das konsequente Ignorieren des Binnentourismus in unter­ent­­wic­kel­ten Ländern verantwortlich ist, stellt die unzureichende, wenn überhaupt vor­han­dene Datenlage zum Umfang des Binnentourismus dar. Dies kann sogar so weit ge­hen, dass die Existenz eines Bin­nentourismus grundsätzlich verneint wird (Popp 2001, S. 20). Wichtig erscheint in diesem Zu­sammenhang auch die geringere Finanz­kraft der nationalen Touristen in südlichen Ländern (ver­glichen mit Touristen aus In­dust­rienationen), die auf weniger Interesse seitens der In­ves­to­ren sowie der Re­gie­run­gen in den Zielländern stößt, welche ihrerseits nur wertbeständigen, west­lichen Devi­sen Beach­tung ver­lei­hen. Zudem sitzen die meisten Nongovernmental Or­ga­ni­za­tions (NGOs) und For­schungs­institutionen in den Industrieländern und neigen daher in ih­ren Un­ter­su­chun­gen dazu, lediglich die eigenen Reiseverhaltensmuster und die Tou­ris­muspolitik der Re­gierung zu berücksichtigen (Ghimire 2001, S. 3). Ein weiterer Grund für die Ver­nach­läs­si­gung des Binnentourismus in Drittwelt-Ländern sind nach Kamp (1995, S. 138) die „selfish in­terests“ derjenigen, die für Entwicklungsprogram­me, als wel­ches ja auch der Tourismus be­trach­tet wird, werben und die Entwick­lungs­län­der le­dig­lich als „ready mar­kets“ für den in­ter­na­tio­nalen Fremdenverkehr ansehen. Außer­dem kommt der Bin­nen­tourismus häufig in anderen Tou­rismusstilen zum Ausdruck, findet oft räumlich ge­trennt vom internationalen Tourismus statt und er­scheint „weniger spektakulär“, so dass er, auch wegen der „eurozentrischen Orien­tie­rung“ (Grötzbach 1988, S. 10) der For­schung bisher kaum Beachtung gefunden hat. Ins­ge­samt gesehen sieht die be­ste­hen­de Literatur der Tourismusforschung den ‚Touristen’ „as being au­to­ma­tically a ‚Northerner’, with leisure activity being his or her privileged prac­ti­ce“ (Ghimire 2001, S. 3).

2.3 Endogener Tourismus als Indikator des Entwicklungsstandes

„Sowohl zur Beurteilung des Entwicklungsstandes eines einzelnen Landes als auch zum Län­dervergleich eignet sich der endogene Tourismus, weil in ihm das Abbild des In­dus­tria­li­sie­rungs­prozesses als dessen komplexe Struktur erhalten geblie­ben ist“. Die­se interessante These stel­len Schlenke und Stewig (1981, S. 13) auf und gehen da­von aus, dass durch den Ent­wick­lungs­stand und die Ausprägung des en­dogenen Tou­rismus, also der im Inland generierten tou­ris­tischen Nachfrage, auf den Ent­wick­lungs­grad eines Landes geschlossen werden kann. Der durch den im Land ver­blei­ben­den endogenen Tourismus angezeigte Fortschritt ist nicht nur wirt­­schaft­licher Natur, son­dern schließt ebenso „die zunehmenden Anteile der im sekun­dä­ren und tertiären Sek­tor Beschäftigten“, „ den raumstrukturellen Wandel in Gestalt der Ver­städte­rung“, den „Ablauf des demographischen Transformationsprozesses“, den „soziostrukturellen Wan­­del“, die „infrastrukturelle Entwicklung“ sowie die „Zunah­me der Frei­zeit“ (Schlenke und Stewig 1981, S. 11ff.) mit ein. Das Modell erhebt also den An­spruch, den Industria­li­sie­rungs­prozess mit Hilfe des endogenen Touris­mus als „qua­li­ta­tive[m] Gradmesser“ (Schlenke und Stewig 1981, S. 13) in seiner Ent­fal­tung ver­glei­chend erfassen zu können. Zur Unter­glie­de­rung des Indust­rialisierungsprozesses wird das Modell von W.W. Rostow herangezogen, des­sen fünf Stufen (von der „tra­di­tio­nal society“ zum „high mass consumption“) jeweils un­ter­schied­liche Arten und Teil­neh­mer des endogenen Tourismus zugeordnet werden.

Dieses Modell erscheint zunächst plausibel, steht doch mit zunehmender In­dust­­ria­li­sie­rung tatsächlich mehr Zeit und Geld für den Tourismus zur Verfügung; um­ge­kehrt fördern auch die technischen Errungenschaften die touristischen Aktivitä­ten. Doch gibt es wirklich eine so en­ge Korrelation zwischen endogenem Tourismus und der Stufe der industriellen Entwicklung ei­nes Landes bzw. weisen beide Größen eine der­artige Parallelität und Linearität auf?

Beim Entwurf eines Modells muss sich die Realität gewissen Abstraktionen un­ter­­werfen. So auch in diesem Falle, in dem landestypische Besonderheiten, wie zum Bei­spiel die natur­räum­liche Ausstattung, die Größe oder bestimmte Sozialfor­men, und ent­wicklungsfördernde oder -hemmende Faktoren (wie zum Beispiel Krie­ge) außer Acht gelassen werden. Beispielhaft kann in diesem Zusammenhang die Ar­beit von Standl (1988, S. 120f.) über Ägypten he­ran­ge­zo­gen werden, in dem der wach­sende en­do­ge­ne Tourismus als Folge des verfügbaren Ein­kom­mens eines Teils der Be­völ­ke­rung gesehen wird, dieses Einkommen jedoch nicht nur auf die In­dust­­rialisierung im Lan­de zurückzuführen ist, sondern auf die „Arbeitsmigration in die ara­bi­schen Erdöl­staa­ten“. Ganz im Sinne der Modernisierungstheorie werden im Modell außer­dem die Grün­de der Entwicklung oder Unterentwicklung eines Landes zu ein­sei­tig bzw. gar nicht be­­trach­tet; Entwicklung wird mit Industrialisierung gleichgesetzt und davon aus­ge­gangen, dass der „Unterschied zwischen Industrie- und Entwick­lungs­ländern kein prinzipieller, son­dern nur ein gradueller ist“ und sich beide „“nur“ durch den unter­schied­lich weit vo­ran­geschrittenen Ver­lauf“ (Schlenke und Ste­wig 1981, S. 2, 11) der Industrialisierung un­terscheiden. Wie­ter­hin geht das Mo­dell implizit nur von Touris­mus­for­men einer ‚klas­sischen’ Industrie- bzw. Frei­zeit­ge­sell­schaft aus, traditionelle Formen des Reisens wie der Pilgertourismus, der Aufent­halt in Sommerfrischen oder Fami­lien­be­suche, die auch in noch präindustriell ge­präg­ten Ländern eine Rolle spielten und spie­len, ver­nach­lässigt das Modell gänzlich. Zwar stellt Kagermeier (2001, S. 58) einen statis­ti­schen Zusammenhang zwischen Binnentourismus und Wirtschafts­kraft her, der sich in ei­nem Korrelationskoeffizienten von 0,83 (hohe gegenseitige Abhän­gig­keit, Maxi­mal­wert 1) niederschlägt, her, nur sind diese Daten lediglich auf den Mit­tel­meerraum be­­schränkt und der Autor selbst warnt vor einer „Scheinkorrelation“ (2001, S. 58), da mit zu­neh­mender wirtschaftli­cher Entwicklung nur die Zahl derregistrierten, da in höher ka­te­go­ri­sier­ten Unterkünf­ten absteigenden Binnentouristen steigt.

Das Modell von Schlenke und Stewig eignet sich also, gerade durch den in­formellen Cha­rakter des endogenen Tourismus in weniger entwickelten Ländern und des­­sen schwieriger Er­hebung, nur sehr bedingt, um von der touristischen Nachfrage den Stand der In­dus­tria­li­sie­rung ableiten zu können. Auch muss bemängelt werden, dass die Individualitäten ein­­zelner Län­der sowie politische Einflussgrößen keinen entsprechenden Niederschlag finden und keine Aus­sagen über die Tourismusformen getroffen werden.

3 Reisemotive der Binnentouristen im Wandel der Zeit

Wie auch die Gesellschaft in ihren sozialen und wirtschaftlichen Dimensionen ei­nem zeit­lichen Wandel unterworfen ist, so haben sich auch im Tourismus und Rei­se­ver­kehr die Be­weg­gründe, im wahrsten Sinne des Wortes, und Motivationen geän­dert und diversifiziert. Eine glo­bal geltende Charakteristik dieser Entwicklung ist nicht mög­lich, da sie von verschiedenen Pa­rametern wie Religion oder der Einbindung in den in­ter­nationalen Tourismus beeinflusst wird und sich auch traditionelle Formen des Rei­sens, die sich je nach untersuchter Region stark un­terscheiden können, in der heu­ti­gen Ausprägung des Fremdenverkehrs in Ent­wick­lungs­län­dern noch nie­der­schlagen. Den­noch soll versucht werden, die Grundtendenzen der Veränderung der Rei­se­mo­ti­va­tionen in Anlehnung an das Wirtschaftsstufenmodell von W.W. Rostow grob zu be­schreiben (vgl. Vorlaufer 1996, S. 48ff.), obgleich dieses Modell mit der Zuordnung ge­wis­ser Tourismusarten suggeriert, es handle sich um einen linearen, kon­ti­nu­ier­li­chen Prozess der Weiterentwicklung, was natürlich der Realität widerspricht. Viel­mehr kön­nen auch mehrere Er­holungsarten im Sinne der „Gleichzeitigkeit der Un­gleich­zei­tig­keit“ (Vorlaufer 1996, S. 48) ne­beneinander existieren, d.h. auch der Um­kehr­schluss verspricht nicht immer Eindeutigkeit.

Tab. 2 Die Entwicklung des Binnentourismus in Entwicklungsländern im Kontext des Wirtschaftstufenmodells von W.W. Rostow (1960)

(Quelle: leicht verändert nach Vorlaufer 1996, S. 49)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1 Religions- und Pilgertourismus

Sicherlich eine der ältesten Formen des Reisens stellt der Religionstourismus dar, „jene Tou­rismusart, bei der die Teilnehmer auf ihrer Reise und während ihres Auf­ent­haltes am Zielort aus­schließlich oder stark religiös motiviert sind“ (Rinschede 1990, S. 14). In vielen Ent­wick­lungs­ländern gehört er zu den wichtigsten Formen des Tou­ris­mus, war er doch früher für viele Be­völ­kerungsschichten die einzige Mög­lich­keit, die Hei­matregion zu verlassen (Rinschede 1999, S. 197, 220). Der Besuch von Pil­ger- und Wall­fahrtsorten spielt vor allem für die tra­di­tio­nel­le Gesellschaft eine do­mi­nante Rolle (Vor­laufer 1996, S. 48ff.). Bezüglich des Bin­nen­tou­ris­mus ist das reli­giös motivierte Rei­sen freilich nur interessant, wenn es im Land selbst statt­fin­det; hier gibt es jedoch be­züglich des Umfangs zum Teil beträchtliche Unterschiede: im tra­di­­tionell durch Pri­mär­religionen geprägten subsaharischen Afrika spielt der Reli­gions­tourismus mit Si­cher­heit, wenn überhaupt vorhanden, eine wesentlich geringere Rol­le als in flä­chen­mä­ßig gro­ßen Entwicklungsländern vornehmlich buddhistischer (Thai­land), hin­duis­ti­scher (Indien), mus­limischer (Saudi-Arabien, Iran, Afghanistan) oder christlicher (Brasi­lien) Religion (Rinschede 1990, S. 16, 1999, S. 206; Ghimire 2001, S. 10; Grötzbach 1981b, S. 167).

Eine Sonderposition im Aufkommen des religiösen Binnentourismus nehmen si­cher­lich die Länder Indien und China ein. Vor allem in Indien ist diese Form des Tou­ris­mus sehr aus­ge­prägt, da der Hinduismus, die vorherrschende Religion, fast aus­schließ­lich hier vorkommt und da­her auch alle Pilgerzentren (z.B. Badrinath, Praya­ga, Va­ranasi) und heiligen Orte (Ganges) in In­dien liegen (vgl. Abb. 1). Neben den konti­nu­­ier­­lichen Pilgerströmen kommt es zu bestimmten re­ligiösen Festen im Abstand meh­re­­rer Jahre zu Besucherzahlen, die eine zweistellige Mil­lio­nen­höhe erreichen (bis zu drei Millionen Menschen bei der alle drei Jahre stattfindenden Khumb Mela), infra­struk­tu­rell jedoch relativ wenig bedeutsam sind, da oft einfache Reisemittel und Un­ter­künfte be­vorzugt werden (Kamp 1995, S. 142; Rinschede 1999, S. 208f.; Bender 1993, S. 130).

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Binnentourismus in Entwicklungsländern - Marginale Größe oder kommender touristischer Markt?
Hochschule
Universität Bayreuth  (Lehrstuhl für Stadtgeographie und Geographie des ländlichen Raumes)
Veranstaltung
Tourismus in Entwicklungsländern
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
38
Katalognummer
V76023
ISBN (eBook)
9783638884976
Dateigröße
1053 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "sehr gut"
Schlagworte
Binnentourismus, Entwicklungsländern, Marginale, Größe, Markt, Tourismus, Entwicklungsländern
Arbeit zitieren
Christoph Schmidt (Autor), 2006, Binnentourismus in Entwicklungsländern - Marginale Größe oder kommender touristischer Markt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76023

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