„Der Charakter des Menschen bestimmt sein Schicksal“ – so lautet ein bekanntes Sprichwort. Nun lautet allerdings die erste Frage: Wie setzt sich Charakter zusammen? Ist er uns „in die Wiege gelegt“, oder wird er für uns von unserer persönlichen Umwelt wie ein Puzzle Stück für Stück „auferlegt“ und ist somit ein Produkt aus Umwelt und Genen? So kann man sich doch vorstellen, dass ein Mensch, der in der USA aufgewachsen ist, anders geprägt sein und sich somit ganz anders entwickelt haben, als der gleiche, der in Sibirien aufgewachsen ist, oder etwa nicht?
Genau auf diese Fragen bezieht sich die Anlage-Umwelt-Thematik. Allerdings ist nicht nur der Charakter Thema - verschiedenste Fragestellungen sind Gegenstand der Debatte.
Viele Leute behaupten, die Entwicklung der Kinder sei auf den Erziehungsstil der Eltern zurückzuführen- auf der anderen Seite stehen diejenigen Eltern, die ihr Kind einfach für „schwer erziehbar“ erklären, oder erklärt kriegen.
Immer wieder lassen sich dazu verschiedene Meinungen und Theorien finden. Philosophen ließen sich über die Möglich- oder auch Unmöglichkeiten der Vererbung und Erziehung aus, es folgten eine Reihe von Untersuchungen, um diese Frage zu beantworten zu können, wobei es bis heute mehrere Theorien gibt, die dieses Problem zu erklären versuchen.
Aufgrund der Tatsache, dass die Wissenschaft sich weitgehend uneins über das Thema Anlage-Umwelt (allein der Zusatz „Debatte“ bestätigt dies!) ist, beschäftigt sich diese Hausarbeit nicht mit genauen Fragestellungen, sondern stellt einen Querschnitt durch verschiedene Zeiten, Modelle und theoretische Ansätze dar.
Dabei geht es im ersten Teil um grundlegende Begriffe der Anlage-Umwelt-Thematik, im zweiten Teil stelle ich die – teilweise – kontroversen Ansichten und Theorien über diese Debatte dar, um im dritten Teil über die verschiedenen Untersuchungsmethoden überzugehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffe der Anlage-Umwelt-Debatte
2.1 Der Begriff der Anlage
2.1.1 Gene
2.1.2 Geno- und Phänotyp
2.2 Der Begriff der Umwelt
2.3 Umwelteinflüsse
2.4 Auswirkungen von Anlage und Umwelt
3. Theoretische Modelle
3.1 Nativismus
3.2 Milieutheorie
3.3 Interaktionstheorie
3.4 Dialektisches Modell
4. Methoden und Ergebnisse der Vererbungsforschung
4.1 Selektive Zuchtwahl bei Tieren
4.2 Familienstatische Untersuchungen
4.3 Zwillingsforschung
4.4 Ziele der Zwillingsforschung
4.4.1 Verschiedene Methoden der Zwillingsforschung
4.4.2 Der Vergleich von eineiigen und zweieiigen Zwillingspaaren
4.4.3 Der Vergleich von Zwillingen mit anderen Geschwistern
4.4.4 Der Partnervergleich bei eineiigen Zwillingen
4.4.5 Der Vergleich gemeinsam aufgewachsener mit getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das komplexe Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Umwelteinflüssen bei der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit Charakter und Verhalten durch die Anlage vorgegeben oder durch lebenslange Umweltbedingungen geformt werden.
- Grundbegriffe der Anlage-Umwelt-Thematik (Genotyp/Phänotyp)
- Analyse kontroverser theoretischer Erklärungsmodelle
- Überblick über Methoden der Vererbungsforschung (Tierversuche, Familienstatistik)
- Detaillierte Untersuchung der Zwillingsforschung
- Diskussion der Wechselwirkung zwischen Biologie und sozialem Umfeld
Auszug aus dem Buch
4.3.1 Der Vergleich eineiiger, getrennt aufgewachsener Zwillinge
Nun hatten diese Zwillingsstudien bislang ein Manko: Zwillinge wachsen gewöhnlich zusammen auf, was die Erkenntnisse für den Faktor der Umwelt bis dahin nutzlos gemacht hatte. So kam man auf die Idee, eineiige Zwillinge zu betrachten, die nach der Geburt getrennt wurden. „Der Königsweg für Heritabilitätsschätzungen ist die Untersuchung getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge“ 48. Zwar ist es nicht einfach, solche Zwillinge zu finden, doch gelten sie als „Kronzeugen“49 der Anlage-Umwelt-Thematik.
Eine der bekanntesten Studien ist die Minnesota Study of Twins Reared Apart unter der Leitung von BOUCHARD, bei der Wissenschaftler über 7000 Zwillingspaare aufgespürt haben, die getrennt voneinander aufgewachsen sind und nicht einmal wussten, dass die Teil eines Zwillingspaares sind. Ein Zwillingspaar davon besteht aus Jim Springer und Jim Lewis50. Sie wurden bei der Geburt getrennt und trafen sich erstmals im Alter von 39 Jahren wieder. Die Überraschung war groß: Sie waren beide 1,83m groß und 82 Kilo schwer, sie glichen s wie „ein Ei dem anderen“; Fremde konnten sie kaum auseinanderhalten. Dies konnte noch der Anlage zu Lasten gelegt werden, doch als die beiden miteinander ins Gespräch kamen, fanden sie weitere, verblüffende Ähnlichkeiten heraus:
beide waren zweimal verheiratet, die erste Frau hieß jeweils Lind, die zweite Betty,
die Vornamen ihrer Söhne glichen sich auffällig: der eine hieß James Allen, der andere James Alan,
sie hatten beide als Kinder einen Hund, der jeweils Toy hieß
sie rauchten beide die gleiche Zigarettenmarke und hatten die gleiche Lieblingsbiermarke.51
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Problemstellung ein, wie sich der menschliche Charakter zusammensetzt, und umreißt die Struktur der Arbeit.
2. Begriffe der Anlage-Umwelt-Debatte: Dieses Kapitel definiert die grundlegenden Termini der Debatte, insbesondere die Unterschiede zwischen Genotyp und Phänotyp sowie das Verständnis von Umwelt.
3. Theoretische Modelle: Hier werden unterschiedliche Erklärungsansätze wie Nativismus, Milieutheorie, Interaktionstheorie und das dialektische Modell gegenübergestellt und diskutiert.
4. Methoden und Ergebnisse der Vererbungsforschung: Dieses Kapitel erläutert wissenschaftliche Methoden zur Erforschung von Vererbung, darunter Tierstudien, Familienstatistik und insbesondere die Zwillingsforschung.
Schlüsselwörter
Anlage-Umwelt-Debatte, Vererbung, Persönlichkeitsentwicklung, Genetik, Nativismus, Milieutheorie, Interaktionstheorie, Dialektisches Modell, Zwillingsforschung, Erziehung, Phänotyp, Genotyp, Verhaltensforschung, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit befasst sich mit der grundlegenden Frage, ob und wie weit die Entwicklung des Menschen durch die Anlage (Gene) oder durch die Umwelt (Erziehung/Erfahrungen) bestimmt wird.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die biologischen Grundlagen der Vererbung, die Einflüsse des Milieus sowie verschiedene theoretische Erklärungsmodelle für menschliches Verhalten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, einen fundierten Querschnitt über die Anlage-Umwelt-Debatte zu geben und kritisch zu hinterfragen, welche Faktoren die menschliche Identität maßgeblich beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse, um verschiedene Theorien, psychologische Modelle und empirische Studien, wie etwa Zwillingsuntersuchungen, vergleichend darzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition zentraler Fachbegriffe, die Darstellung unterschiedlicher wissenschaftlicher Theorien (z.B. Behaviorismus, Nativismus) und die Analyse empirischer Forschungsmethoden.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird besonders durch Begriffe wie Anlage-Umwelt-Debatte, Zwillingsforschung, dialektisches Modell und Verhaltensgenetik geprägt.
Was besagt die Milieutheorie nach Watson?
Die Milieutheorie nach Watson geht davon aus, dass der Mensch ein Produkt seiner Umwelt ist und durch Erziehung nahezu jede gewünschte Richtung einschlagen kann, wobei die Anlagen in den Hintergrund rücken.
Warum gilt der Vergleich getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge als "Kronzeuge"?
Da eineiige Zwillinge genetisch identisch sind, ermöglicht ihr getrenntes Aufwachsen in unterschiedlichen Umwelten eine sehr präzise Unterscheidung zwischen dem Einfluss der Gene und dem Einfluss der Umweltfaktoren.
- Arbeit zitieren
- Rebecca Buch (Autor:in), 2006, "Der Charakter des Menschen bestimmt sein Schicksal?" - Die Anlage-Umwelt-Debatte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76027