Heideggers Philosophie und die Theologie


Ausarbeitung, 2004

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Heideggers Philosophie und die Theologie

„[So] beschleunigte sich der kleinere Kreislauf des nur Hiesigen immer mehr, der sogenannte Fortschritt wurde zum Ereignis einer in sich befangenen Welt, die vergaß, daß sie, wie sie sich auch anstellte, durch den Tod und durch Gott von vorneherein und endgültig übertroffen war.“

Rainer Maria Rilke am 8.XI. 1915 an L.H.

Die jugend ruft die Götter auf .. Erstandne
Wie Ewige nach des Tages fülle .. Lenker
Im sturmgewölk gibt Dem des heitren himmels
Das zepter und verschiebt den Längsten Winter.

Stefan George, Der Krieg

Heidegger ist ein Philosoph, der aus dem Zerfall heraus geboren wurde. Seine Philosophie findet ihren Spiegel in der Kunst jener Jahre, dem Expressionismus. Das es sich hier um etwas radikal neues handelte, kündigte sich schon in den Namen seiner Zeitschriften an: „Die Aktion“, „Der Sturm“ oder „Die Revolution“. Die Welt schien, mit dem ersten Weltkrieg und der damit erreichten umfassenden Technisierung endgültig aus den Fugen geraten zu sein. Auch in Heideggers Biographie spiegelt sich dieser Umbruch, der gleichzeitig ein Ausbruch war, wieder. Er, der zu Beginn noch katholische Theologie studiert hatte, wendet sich im Laufe der Zeit mehr und mehr vom Katholizismus ab der Philosophie, dem „freien Denken“ zu. Am 9. I. 1919 schreibt er in einem Brief an seinen Freund Engelbert Krebs: „Erkenntnistheoretische Einsichten, übergreifend auf die Theorie des geschichtlichen Erkennens haben mir das System des Katholizismus problematisch und unannehmbar gemacht – nicht aber das Christentum und die Metaphysik, diese allerdings in einem neuen Sinne. [...] Ich glaube, den inneren Beruf zur Philosophie zu haben...“[1]

Die alten Systeme des Christentums sind für Heidegger also nicht mehr relevant – doch geht er weit über die Tradition der Entdeckung der Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts, die durchaus auch antichristliche Züge hatte[2], hinaus: „Ich will mindestens etwas anderes – das ist nicht viel: nämlich was ich in der heutigen faktischen Umsturzsituation lebend als ‘notwendig‘ erfahre, ohne Seitenblick darauf, ob daraus eine ‘Kultur‘ wird oder eine Beschleunigung des Untergangs.“[3] Heidegger geht es um die Wirklichkeit, das „faktische Leben“[4] und um unsere zeitliche Existenz, die historische Faktizität. Er strebt eine Rückführung der Philosophie auf ihre Wurzeln an, die er bei den Vorsokratikern, vor allem bei Parmenides findet.

Gott hingegen ist unbestimmbar, unverfügbar, und im faktischen Leben nicht mehr vorhanden; „man ist nicht [einmal] imstande gewesen, Gott und Tod als bloße Ideen sich im Geistigen fernzuhalten“[5], so schreibt Rilke im schon eingangs zitierten Brief. Heidegger zieht daraus die Konsequenzen. Während der Tod für ihn nach wie vor als endlicher Bezugspunkt eine wesentliche Rolle spielt, denn der Tod bildet den Endpunkt unserer Existenz, bedeutet der Sturz ins faktische Leben das Ende aller metaphysischen Weltfluchten. Diese Verabsolutierung der Faktizität ist für Heidegger mehr als nur ein bloßes „Sollen“. Es ist ein „Müssen“, eine Verpflichtung gegenüber der eigenen Existenz: „Ich mache lediglich, was ich muß und was ich für nötig halte, und mache es so, wie ich es kann – ich frisiere meine philosophische Arbeit nicht auf Kulturaufgaben für ein allgemeines Heute. Ich habe auch nicht die Tendenz Kierkegaards. Ich arbeite aus meinem ‘ich bin‘ und meiner geistigen, überhaupt faktischen Herkunft. Mit dieser Faktizität wütet das Existieren.“[6]

Dies alles bedeutet für Heidegger aber keine Abkehr von Gott, im Gegenteil. „Jede Philosophie, die in dem, was sie ist, sich selbst versteht, muß als das faktische Wie der Lebensauslegung gerade dann, wenn sie dabei noch eine ‘Ahnung‘ von Gott hat, wissen, daß das von ihr vollzogene sich zu sich selbst Zurückreißen des Lebens, religiös gesprochen, eine Handaufhebung gegen Gott ist.“[7] Diese Handaufhebung ist die Trennung des je eigenen Seins in der Zeit, der wirklichen Wirklichkeit – von der Ewigkeit, der Metaphysik – dem, das außerhalb der menschlichen Erfahrungen von Geworfenheit, cura, Tod und Weltflucht liegt. Hier ist der Bereich Gottes angesiedelt, Gott, von dem der Philosoph „nichts weiß“[8].

[...]


[1] zitiert nach: Safranski, Rüdiger: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. München 1995, Seite 133

[2] Das klassische Beispiel ist Ludwig Feuerbach und seine Vorlesungen über „Das Wesen der Religion“, die er in der Hoffnung schließt, „Sie aus Gottesfreunden zu Menschenfreunden, aus Gläubigen zu Denkern, aus Betern zu Arbeitern, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus Christen, welche ihrem eigenen Bekenntnis und Geständnis zufolge ‘ halb Tier, halb Engel ‘ sind, zu Menschen, zu ganzen Menschen zu machen.“ Zitiert aus: Feuerbach, Ludwig: Das Wesen der Religion. Dreißig Vorlesungen. Leipzig 11.-15. Tsd.

[3] so in einem Brief von 1920. Zitiert nach: Löwith, Karl: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht. Stuttgart 1986, Seite 28

[4] siehe Heidegger, Martin: Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles. Einführung in die phänomenologische Forschung. Frankfurt am Main 1994

[5] Zitiert aus: Brief Rilkes vom 8. XI. 1915 an L.H.. Aus: Rilke, Rainer Maria: Briefe aus den Jahren 1914 bis 1921. Leipzig 1938, Seite 90

[6] aus einem Brief an Karl Löwith aus dem Jahre 1921. Zitiert nach: Löwith, Seite 30

[7] Heidegger, Martin: Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles (Anzeige der hermeneutischen Situation). In: Dilthey-Jahrbuch für Philosophie und Geschichte der Geisteswissenschaften. Göttingen 1989, Seite 246

[8] So Heidegger in einem Vortrag vom Juli 1924. Vgl. Löwith, Seite 36

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Heideggers Philosophie und die Theologie
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Rüdiger Bender / Dorothee Elm: Religion und Reflexion
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
10
Katalognummer
V76130
ISBN (eBook)
9783638681391
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heideggers, Philosophie, Theologie, Rüdiger, Bender, Dorothee, Religion, Reflexion
Arbeit zitieren
Jan Schenkenberger (Autor), 2004, Heideggers Philosophie und die Theologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76130

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