Karl Marx und Andrew Ure: Die menschlichen Kosten der Fabrikarbeit auf die Arbeiterschaft zur Zeit der Industriellen Revolution - Ist Ure der Pindar der automatischen Fabrik?


Hausarbeit, 2003
45 Seiten, Note: 2,5

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Positionen von Ure
2.1 Einleitendes
2.2 Die Fabrik
2.2.1 Der Automat
2.2.2 Die Fabrik – ein Organismus
2.2.3 Arbeitsdisziplin
2.2.4 Das Prinzip der Arbeitsteilung
2.3 Kinderarbeit
2.3.1 Gewalt
2.3.2 Bildung
2.4 Gesundheit des Fabrikpersonals
2.5 Fabrikgesetzgebung
2.6 Gewerkschaften
2.7 Freihandel und Wettbewerb

3 Positionen von Karl Marx
3.1 Einleitendes
3.2 Die Fabrik
3.3 Kinderarbeit
3.3.1 Bildung
3.4 Fabrikgesetzgebung
3.5 Gewerkschaften
3.6 Konkurrenz

4 Fazit
4.1 Pindar
4.2 Vergleich der beiden Autoren
4.3 Ist Ure der Pindar?
4.4 Ausblick

Nachtrag

Gesellschaftliche Hintergründe

Bedeutung der Baumwollindustrie

Entrepreneurial ideal

Bibliographie

1 Einleitung

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die verschiedenen Sichtweisen von Andrew Ure (1778-1857) und Karl Marx (1818-1883) als bedeutenden Exponenten der Industriellen Revolution in England zur ungefähren Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hinsichtlich der Auswirkungen der Fabrikarbeit auf den Menschen zu untersuchen. Andrew Ure ist ein glühender Befürworter der Industrialisierung, deren menschliche Kosten (Armut, Ausbeutung, Arbeitszeiten, Arbeitsunfälle, Rechtlosigkeit) er nicht weiter betrachtet und sich statt dessen völlig auf die technische Seite konzentriert. Hierzu vertritt Karl Marx die maximal entgegengesetzte Betrachtungsweise. Er setzt sich für die Arbeiterschaft ein und versucht, ihr ein Klassenbewußtsein zu vermitteln und somit ihr Schicksal zu verbessern. Doch er teilt auch viele Ansichten Andrew Ures.

Ein besonders wichtiges Problem, das sich bei der Bearbeitung der Literatur aufzeigt, ist die zeitliche Distanz und die sich daraus ergebenden unterschiedlichen Lebensumstände und -gewohnheiten. In heutiger Zeit sind beispielsweise geregelte Arbeitszeiten von 37,5 Stunden für deutsche Leser eine Selbstverständlichkeit, und Gewerkschaften haben ihre klar definierte rechtliche Rolle und Position, besonders in Arbeitskämpfen. Was heutzutage völlig selbstverständlich erscheint, mag um 1830 herum geradezu unvorstellbar gewesen sein. Hieraus können sich massive Verständnisprobleme ergeben. Dies gilt ganz besonders für den ungeheuren Wandel in der gesellschaftlichen Struktur, der Lebens- und Produktionsweise, der zur Zeit der Industriellen Revolution stattfand, den E.P. THOMPSON (207ff) dokumentiert. Aus der hieraus entspringenden zeitgenössischen Unsicherheit und Besorgnis lassen sich viele Ansichten Andrew Ures erklären. Außerdem wird es schwierig sein, nicht parteiisch zu werden, wie THOMPSON (226ff) schildert – die Industrielle Revolution verleitet analog zur Umwälzung der Lebensumstände zu einer gewissen Polarisierung, die sich auch bei der Gegenüberstellung von Marx und Ure geradezu aufdrängt.

Ferner ist die zeitliche Differenz von zirka dreißig Jahren zwischen Marx und Ure zu berücksichtigen. Andrew Ure schrieb sein Werk ungefähr zum Durchbruch der Fabrikarbeit. Karl Marx Werk datiert ungefähr dreißig Jahre später, zu einer Zeit, als sich Fabrikarbeit als vorherrschende Arbeitsform durchgesetzt hat. Andrew Ure schreibt hauptsächlich noch vor dem Hintergrund der Heimweber, die bei Karl Marx nur noch Bestandteil der Geschichte sind – hier ist die Proletarisierung der Arbeiterschaft schon weit fortgeschritten; ebenso, wie die Fabrikgesetzgebung, die sich zu Andrew Ures Zeiten in den sprichwörtlichen Kinderschuhen befindet.

Der ursprüngliche Plan, die gesellschaftlichen Hintergründe zu durchleuchten, muß leider wegen der dürftigen Sekundärliteratur zu Andrew Ure aufgegeben werden. Statt dessen stelle ich in dieser Arbeit seine Positionen detailliert dar und beschränke mich aus Platzgründen auf einen Vergleich mit Marx Positionen zu Ures Kernthesen, wo dies möglich ist. Das ursprüngliche Anliegen dieser Arbeit und weitere Möglichkeiten der Vertiefung finden sich im Kapitel Ausblick (siehe Kapitel 4.4). Ure ist ein von der Geschichtsschreibung kaum berücksichtigter Autor, dessen Bedeutung John CHODES folgendermaßen beschreibt:

„a lonely pioneer who promoted the great advantages of international free trade and its corollary, unregulated internal industry“

Ure ist für ihn einer der Pioniere des Freihandels, und seine zeitgenössische Bedeutung läßt sich aus der Beachtung, die Marx ihm schenkte, erahnen.

Anmerkung: Zur Terminologie muß noch gesagt werden, daß ich vereinheitlichend den modernen Terminus „Fabrik“ durchgängig verwende, auch wenn Ure und Marx häufig von Manufaktur oder „mill“ sprechen. Vereinheitlichend spreche ich auch von „Fabrikanten“, wenn Marx von Kapitalisten und Ure von „entrepreneur“ oder „manufacturer“ spricht – auch wenn dies im eigentlichen Sinne nicht zutreffend ist. Zur Form: Marx verwendet häufig Fußnoten; diese sind im Text hochgestellt hinter der Seitenzahl in dieser Form aufgeführt: 27498 bedeutet Fußnote 98 auf Seite 274.

2 Positionen von Ure

2.1 Einleitendes

Andrew Ure möchte mit seinem Werk ‚The Philosophy of Manufactures’ das Bewußtsein der Gesetzgeber und der Bevölkerung Großbritanniens zu Gunsten der Industrialisierung beeinflussen. Hierzu zählt maßgeblich sein Engagement für den Freihandel und gegen staatlichen Protektionismus. Er sieht England als führende Industriemacht (URE: 6), deren Interessen jedoch ‚one ancient and powerful order of the commonwealth’ entgegenarbeitet – die sich problemlos als die landbesitzenden Aristokraten identifizieren lassen (siehe Kapitel 2.7).

Andrew Ure sieht in der Industrialisierung eine Möglichkeit, das Leben der Menschheit maßgeblich zu verbessern: ‚The blessings which physico-mechanical science has bestowed on society, and the means it has still in store for ameliorating the lot of mankind’ (URE: 7). Dies kann nur durch die wohlwollende Leitung durch die Industriellen geschehen. Passen sich die Arbeiter an und stellen sie keine übermäßigen Lohnforderungen, so wird sich das Wohl aller in kurzer Zeit verbessern. Kommt es zu Aufruhr und Streiks, so muß der Fabrikant wegen Produktionsausfällen und Gewinnschwundes die Löhne senken und sich gegebenenfalls durch neue Erfindungen von den Arbeitern unabhängig machen.

Ziel der Industrialisierung muß eine stetige Verbesserung der Maschinerie sein. Dank der Mechanisierung der Arbeit ist es jetzt grundsätzlich möglich, Produkte herzustellen, die es zuvor nicht gab. Außerdem kann ein Arbeiter in gleicher Zeit viel mehr produzieren als zuvor – bei gleichbleibender Qualität und gleichem Arbeitseinsatz. Des weiteren kann auf diese Weise mehr Arbeit für ungelernte Arbeiter geschaffen werden, da die siebenjährige Ausbildungsdauer zum Gesellen entfällt (30).

2.2 Die Fabrik

Ure beschreibt zunächst, wie sich eine Gesellschaft bei geänderten Produktionsverhältnissen ändert: so hatten ihm zufolge die früheren „nomadisierenden Wilden“, als sie Bürger wurden, gewisse Freiheiten und Vergnügungen zu opfern, um Ruhe und Schutz genießen zu können. Analog haben dann auch die Handwerker im Austausch von harter Arbeit und schwankenden Löhnen mit leichterer und besser bezahlter Fabrikarbeit ihr altes Vorrecht, die Arbeit nach Belieben ruhen zu lassen, aufzugeben (278f). Also müssen sich die Arbeiter für sichere Arbeitsplätze und gleichmäßige Löhne an die Vorschriften halten, um in den unten beschriebenen Organismus (siehe Kapitel 2.2.2) hineinzupassen.

Anschuldigungen, daß Fabrikarbeit ermüdend, langweilig, belastend und unablässig ist, widerspricht Ure vehement. Ganz im Gegenteil wird die ganze schwere Arbeit von Maschinen übernommen, so daß die Arbeiter praktisch keine schwere Arbeit zu verrichten haben. Dies kann beispielsweise das Flicken gerissener Fäden oder das Auswechseln der Spindeln sein. Da die Maschine die ganze Arbeit erledigt, ist nicht die Arbeit unablässig, sondern nur die Bewegung der Maschine. Mag die Arbeit auch etwas langweilig sein, so sei es doch nichts im Vergleich zum Heimweben, wo wesentlich schlechtere Arbeitsbedingungen herrschen; dies gilt im besonderen für die Kinderarbeit. In einer Fabrik wird während zwölf Stunden Arbeit neun Stunden nichts gemacht, die Pausen zwischen den Arbeitsgängen betragen bis zu vier Minuten. Dies läßt den Kindern Zeit zum Spielen, und den Webern Zeit zum Lesen (309f).

Ure betont ganz besonders den Wegfall schwerer körperlicher Arbeit in der Fabrik. Er bezeichnet zudem von Dampfmaschinen unterstützte Arbeiten als eine höhere Art von Arbeit, weil geistige die körperliche Arbeit ersetzt. Hier folgt die Bezahlung noch nach dem Muster der Arbeitsteilung (siehe Kapitel 2.2.4): gelernte Arbeit bringt mehr Lohn als ungelernte. Aus diesem Grunde ist die Fabrikarbeit auch eine relativ hochbezahlte, und im Vergleich zum Heimweben eine recht gesunde dazu (311).

2.2.1 Der Automat

Um sich Ures Vorstellung einer Fabrik anzunähern, ist die Funktionsweise eines Automaten hilfreich. Unter Automaten versteht Ure mechanische Imitationen natürlicher Lebewesen (S. 10), also Gerätschaften, die wie natürliche Lebewesen funktionieren. Er gibt verschiedene zeitgenössische Beispiele erstaunlicher technischer Spielereien. Beispielsweise den Flötenspieler Vaucansons: eine menschliche Gestalt normaler Größe, die auf einem Stein sitzt und durch Bewegungen der Lippen, Finger und Zunge die Töne der Flöte beeinflußte und zwölf verschiedene Melodien spielen kann. Oder eine Ente vom selben Künstler, die nicht nur die natürlichen Bewegungen einer Ente imitiert, sondern auch deren Ernährung: sie kann dem Anschein nach sowohl trinken als auch Körner fressen, die im Magen verkleinert und danach ausgeschieden wurden. Der ganze Körper wurde Knochen für Knochen nachgebildet.

Solche selbsttätigen Erfindungen sind zwar bewundernswerte Beispiele der Anwendung mechanischer Wissenschaften, doch sind sie wenig geeignet, menschliche Bedürfnisse nach Kleidung, Nahrung, Brennstoffe und Unterkunft zu befriedigen. Die zugrundeliegenden Prinzipien sind aber diejenigen der automatischen Fabrik. Aus Vaucansons mechanischen Erfindungen, der in Frankreich mit der Einführung eines Fabriksystems gescheitert ist, zieht Ure die Lehre, daß technische Entwicklung nicht gleichbedeutend mit der Schaffung eines erfolgreichen Fabriksystems ist.

2.2.2 Die Fabrik – ein Organismus

Für Ure ist das technologische Hauptmerkmal einer Fabrik (S. 13) ein zentrale Kraft. Diese Kraft muß ununterbrochen von seiner Quelle zu den ausführenden Maschinen übertragen werden, an denen viele Arbeiter unterschiedlichen Geschlechts, Alters und Geschicks gemeinsam arbeiten. Unter Fabrik im engeren Sinne versteht er jedoch die Funktionsweise eines Automaten, der aus mechanischen (Maschinen) und intelligenten (Menschen) Teilen besteht, die ununterbrochen ein gemeinsames Objekt produzieren, angetrieben von einer übergeordneten selbstregulierenden Kraft.

In heutiger Begrifflichkeit läßt sich sagen, daß er eine Mensch-Maschine-Metapher benutzt, die seine eigene Faszination technologischen Fortschritts widerspiegelt. Eine Fabrik ist im Grunde genommen ein kybernetischer Organismus aus organischen und künstlichen Bestandteilen, der einem Orchester gleich ein Konzert aufführt.

Ure gibt seinen Lesern einen Einblick in die Anatomie einer Fabrik am Beispiel einer Fabrik in Stockport: sie hat ein zweifaches Herz bestehend aus zwei Dampfmaschinen, das so für eine gleichbleibende Kraftverteilung sorgt. Auf diese Weise gibt es kein arterielles Beben, das sich verletzend auf die Arbeit der empfindlichen Maschinen auswirkt. Etwas weiter unten (S.36) beschreibt er Achsen als kleine sehnige Arme, die die Kraft der Dampfmaschine durch die ganze Fabrik tragen.

2.2.3 Arbeitsdisziplin

Grundlage eines funktionierenden Fabriksystems ist, wie bereits oben beschrieben, nicht nur die technische Seite, es müssen auch die sozialen Voraussetzungen stimmen. Dies bedarf zweier Komponenten:

1. es müssen die gesetzgeberischen Grundlagen geschaffen werden (siehe Kapitel 2.7)
2. die Arbeiter müssen einer fabrikgemäßen Arbeitsdisziplin unterworfen werden

Das Hauptproblem, die für die damalige Zeit ungeheure Produktivkraft der Fabriken ausnutzen zu können, ist nach Ures Darstellung weniger die Anzahl an Erfindungen. Vielmehr ist die Schaffung eines kooperativen Körpers (siehe Kapitel 2.2.2) und die Aufgabe der individualistischen Arbeitsgewohnheiten zugunsten einer Identifikation mit dem unvariierbaren Arbeitsablauf des Automaten notwendig. Die Schaffung der Fabrikdisziplin gesteht Ure dem Produzenten Richard Arkwright zu, der damit eine herkulische Arbeit (S. 15) geleistet hat.

Ure vertritt den Standpunkt, daß es fast unmöglich ist, Arbeiter jenseits der Pubertät zu nützlichen Fabrikarbeitern zu machen, ungeachtet, ob sie agrarischer oder handwerklicher Herkunft sind. Sie mögen eine zeitlang mit ihren ‚lustlosen und bockigen’ Gewohnheiten kämpfen, aber dann verlassen sie die Fabriken häufig wieder von selbst oder sie werden von den Vorarbeitern wegen Unachtsamkeit entlassen. Ures Ansichten über die englische Arbeiterschaft und ihre Organisation werden im Kapitel Gewerkschaften (siehe Kapitel 2.6) näher erläutert.

2.2.4 Das Prinzip der Arbeitsteilung

Integraler Bestandteil zeitgenössischer Produktion ist die Arbeitsteilung. Adam Smith (1723-1790) entwickelte das Prinzip der Arbeitsteilung als grundlegende Neuerung des Manufakturzeitalters: jeder Handwerker hat nur noch eine Funktion im Herstellungsprozeß eines Objektes auszuführen. Auf diese Weise kann schneller und günstiger produziert werden, als das bei der Herstellung eines Objektes in vielen kleinen Einzelschritten der Fall ist. Ein Beispiel hierfür ist die Herstellung von Stecknadeln: wurde eine Stecknadel ursprünglich von einem einzigen Handwerker hergestellt, so wurde nach dem Prinzip der Arbeitsteilung der Herstellungsprozeß in zwei Teile zerlegt, das Zuschneiden der Stifte und das Formen und Anbringen der Köpfe. Das Zuschneiden der Stifte ist einfacher und deswegen auch geringer bezahlt als das schwierigere Formen und Anbringen der Stecknadelköpfe. Nebeneffekt der Arbeitsteilung ist also eine Arbeiterhierarchie mit schlechtbezahlten einfacher und gutbezahlten schwerer zu erlernenden Spezialisierungen – jeder Tätigkeit wird ein Arbeiter entsprechenden Wertes zugeordnet.

Ure bestreitet jedoch, daß das Prinzip der Arbeitsteilung im industriellen Zeitalter begrüßenswert ist. Das Prinzip der Arbeitsteilung paßt genaugenommen die Arbeit den Fähigkeiten der Arbeiter an, was in einer Fabrik jedoch wenig Sinn macht. Dort wird jede qualifizierte Arbeit von Maschinen erledigt, die sogar Kinder überwachen können. Das Prinzip der Fabrikarbeit ist es, gelernte Arbeit durch mechanische Wissenschaft zu ersetzen, und einen Arbeitsprozeß in seine konstituierenden Bestandteile zu zerlegen. Hierdurch wird ermöglicht, ausgebildete Arbeiter komplett durch Maschinerie zu ersetzen, Menschen zu reinen Maschinenaufsehern zu machen und erwachsene männliche Arbeiter durch Kinder und Frauen zu ersetzen (21). Maschinenarbeit ist leicht erlernbar und erfordert keine lange Ausbildung zu Gesellen. Hierdurch ist es auch möglich, die Arbeiter schnell von einer leicht erlernbaren Tätigkeit zu einer anderen zu schicken. Auf Seite 23 wird Ure deutlicher:

„It is, in fact, the constant aim and tendency of every improvement in machinery to supersede human labour altogether, or to diminish its cost, by substituting the industry of women and children for that of men; or that of ordinary labourers, for trained artisans.”

Diese neue Art der Arbeitsteilung sorgt also für niedrigere Löhne und de facto eine Schwächung der Arbeiterschaft.

2.3 Kinderarbeit

Gegenstand heftiger zeitgenössischer Diskussion ist die Frage der Kinderarbeit. Lange Arbeitsstunden, geringe Löhne, ungesunde und deformierende Arbeit und Gewalt gegen Kinder sind die hauptsächlichen Anschuldigungen. Ure sagt über die Gegner der Kinderarbeit: „they artfully introduced the tales of cruelty and oppression to children“ (298). Für ihn ist Fabrikarbeit eine sehr leichte Form von Arbeit. Die niedrigen Löhne für Frauen- und Kinderarbeit verteidigt er im Anhang seines Buches: die meisten Frauen heiraten bis zum 26. Lebensjahr, und bei niedrigen Löhnen haben sie einen höheren Anreiz, zu Hause zu bleiben und sich um ihre familiären Pflichten zu kümmern. Ähnlich argumentiert er bei den Löhnen für Kinder: wegen niedriger Löhne fällt es den Eltern leichter, ihre Kinder zur Schule zu schicken (475). Da er sich allerdings auch dafür ausspricht, die Männerlöhne an das Niveau der Kinder- und Frauenlöhne anzupassen und zudem Männer- durch Frauen- und Kinderarbeit zu ersetzen (23), bleibt er die Antwort schuldig, wie eine Familie zu ernähren sein soll. Die Kinderarbeit wird von Ure unter zwei Aspekten diskutiert: Gewalt gegen Kinder während der Fabrikarbeit und die Bildung der Kinder.

2.3.1 Gewalt

Ure erkennt zwar an, daß es in den Fabriken Gewalt gegen Kinder gibt, und daß sie ausgebeutet werden; für ihn sind die Verantwortlichen jedoch nicht die Unternehmer, sondern vielmehr die „gierigen Fabrikarbeiter und die bedürftigen Eltern“ (289). Ganz im Gegenteil ist es nach Ure im Interesse der Unternehmer, gute Arbeitsbedingungen für die Kinder, die als Zusammensetzer und Sammler von Garnresten eingesetzt werden, zu schaffen, damit sie eine gleichbleibend gute Garnqualität liefern können. Somit ist sogar eine Kontrolle gegen Ausbeutung der Kinder gegeben: die Weber stellen die Kinder ein, und wenn sie eine schlechte Garnqualität abliefern, wird ihnen dies vom Lohn abgezogen. Also gibt es gegen Überarbeitung einen Kontrollmechanismus, da Vorarbeiter und Unternehmer über uneffektive Fabrikarbeiter informiert werden, was zu Lohnabzug, Bußgeldzahlungen bis hin zur Kündigung führen kann. Außerdem unterstehen die Kinder nicht dem Fabrikbesitzer, sondern dem jeweiligen Fabrikarbeiter, der sie einstellt. Die Fabrikbesitzer sind vielmehr Wohltäter (299), die sogar das Schlagen von Kindern unter Strafe stellen (300).

Ure selbst sah bei seinen unangekündigten Besuchen in den Fabriken niemals irgendeine Art von Gewaltanwendung – ihm fielen im Gegenteil die gutgelaunten, glücklichen Kinder auf:

„always cheerful and alert, taking pleasure in the light play of their muscles, enjoying the mobility of their age.“ (301)

Ihm zufolge haben die Kinder nur ein paar Sekunden zu arbeiten und können sich danach wieder amüsieren. „Consequently, if a child remains at this business twelve hours daily, he has nine hours of inaction.“ (310) Für ihn sind die arbeitenden Kinder „lively elves“, die nach ihrer Arbeit noch genug Energie haben, auf dem Spielplatz zu spielen; genau wie Kinder, die gerade aus der Schule kommen. In den Fabriken geht es ihnen sogar besser, als in ihren schlecht belüfteten, feuchten und kalten Wohnungen.

Ganz im Gegenteil sieht Ure die Bewegung gegen Kinderarbeit bzw. für die Beschränkung des Arbeitstages auf zehn Stunden als einen Propagandatrick der Arbeiterschaft. Den Arbeitern gehe es dabei nicht im geringsten um das Wohl der Kinder, sondern nur um eine Beschränkung des eigenen Arbeitstages bei einem erhofften vollen Lohnausgleich. Durch einen kürzeren Arbeitstag wird weniger produziert, dadurch wird der Stückpreis höher und die Löhne steigen.

„That I am certain is their general opinion.” (303)

In einem nicht näher beschriebenen Interview konstatiert eine nicht benannte Person, daß kein Arbeiter für eine Verkürzung des Arbeitstages kämpfen würde, wenn es weniger Lohn gäbe, und daß erst recht niemand sich dabei um das Wohl der Kinder schert. Hieraus folgert Ure: „The operatives, blinded by envy, and misled by phantoms of gain, need, in fact, defence against their self-defamation.“ Das Engagement der Arbeiter für eine Verkürzung der Arbeitszeit der Kinder ist in Ures Augen rein egoistischer Natur.

Ure kommt zu dem Schluß, daß Fabrikkinder nicht generell überarbeitet und geschädigt sind. Dafür spricht vor allem, daß die Fabrikbesitzer ihre eigenen Kinder in ihrer Fabrik arbeiten lassen (304), denen die Arbeit nichts auszumachen scheint. Und wenn ein Fabrikbesitzer seine eigenen Kinder in seiner Fabrik arbeiten läßt, dann kann es doch wirklich nicht schlimm sein, schließlich hat ja auch ein Fabrikbesitzer väterliche Gefühle – hieraus zieht Ure die Schlußfolgerung, daß die Geschichten der Mühsal der Kinder entweder unbegründet sind, oder daß die betroffene Arbeiterschaft absolut frei von Verständnis, Menschlichkeit und elterlicher Fürsorge ist. Für ihn sprechen sämtliche Statistiken und Fakten dagegen, daß es den Fabrikkinder schlecht geht. (306) Er betrachtet das alles als Unsinn: „so much nonsense has been uttered about the deformities and diseases of factory children...“ (350); ganz im Gegenteil sind die jungen Arbeiterinnen in Hyde besonders hübsch mit grazilen Bewegungen, die sie der Bedienung der Maschinen verdanken.

2.3.2 Bildung

Eine große Errungenschaft stellt für Ure die Schaffung von Schulen dar. Diese Schulen werden entweder von den Fabrikbesitzern betrieben, oder es handelt sich um kirchliche Sonntagsschulen. Der Fabrikakt von 1833 sieht vor, daß die betroffenen Kinder ein Schulgeld bezahlen müssen (352), um ihnen das nötige Bewußtsein für den Wert des Wissens zu schaffen. Da es kein staatliches Schulsystem gibt, obliegt es der Verantwortung der Fabrikherren, den Unterricht zu gestalten. Ure sagt, es handelt sich um die „most liberal principles“, geht aber nicht weiter ins Detail. Für ihn muß auch der Rahmen stimmen: die Beschulung der Kinder findet in schönen Gebäuden statt, und auch auf körperliche Hygiene wird Wert gelegt. In den Fabrikbezirken soll sich eine neue Klasse von Engländern heranbilden:

„It is, in fact, in the factory districts alone that the demoralizing agency of pauperism has been effectually resisted, and a noble spirit of industry, enterprise, and intelligence, called forth.” (354).

[...]

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Karl Marx und Andrew Ure: Die menschlichen Kosten der Fabrikarbeit auf die Arbeiterschaft zur Zeit der Industriellen Revolution - Ist Ure der Pindar der automatischen Fabrik?
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
2,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
45
Katalognummer
V76183
ISBN (eBook)
9783638815178
ISBN (Buch)
9783638816618
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Hausarbeit habe ich dereinst sehr viel Zeit und Energie in die Primärlektüre investiert ("Das Kapital Bd. 1" von Marx ist nicht eben kurz - ebenso wie "The Philosphy of Manufactures") und daher weniger die gesellschaftlichen Hintergründe erörtert. Das hat leider zur Punktabwertung geführt. Einige zentrale Aspekte habe ich schließlich als Nachtrag eingefügt, aber nicht mehr abgegeben. Dies hier ist die Version mit Nachtrag!
Schlagworte
Karl, Marx, Andrew, Kosten, Fabrikarbeit, Arbeiterschaft, Zeit, Industriellen, Revolution, Pindar, Fabrik
Arbeit zitieren
M.A. Thorsten Witting (Autor), 2003, Karl Marx und Andrew Ure: Die menschlichen Kosten der Fabrikarbeit auf die Arbeiterschaft zur Zeit der Industriellen Revolution - Ist Ure der Pindar der automatischen Fabrik? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76183

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