Ludwig Tieck, Romantiker und einer der wichtigsten Vertreter des poetischen Realismus im 19. Jahrhundert, ist Mitbegründer der literarischen Gattung „Novelle“, deren Bezeichnung erstmals in Verbindung mit Boccaccios „Decamerone“ (1348/53) verwendet wurde. Im Jahre 1829 formulierte Tieck eine Novellentheorie, in der er auch die für ihn wichtigste Kostituente dieses Genres, den Wendepunkt, charakterisierte. Hierzu äußerte er sich wie folgt:
„Eine Begebenheit sollte anders vorgetragen werden, als eine Erzählung; diese sich von Geschichte unterscheiden, und die Novelle nach jenen Mustern sich dadurch aus allen anderen Aufgaben hervorheben, daß sie einen großen oder kleinern Vorfall ins hellste Licht stelle, der, so leicht er sich ereignen kann, doch wunderbar, vielleicht einzig ist. Diese Wendung der Geschichte, dieser Punkt, von welchem aus sie sich unerwartet völlig umkehrt, und doch natürlich, dem Charakter und den Umständen angemessen, die Folge entwickelt, wird sich der Phantasie des Lesers um so fester einprägen, als die Sache, selbst im Wunderbaren, unter andern Umständen wieder alltäglich seyn könnte. So erfahren wir es im Leben selbst, so sind die Begebenheiten, die, uns von Bekannten aus ihrer Erfahrung mitgetheilt, den tiefsten und bleibendsten Eindruck machen.[...]“
Diese Ausführungen zeigen, dass der Wendepunkt nach Tieck ganz bestimmte Gesetzmäßigkeiten zu erfüllen hat, die mit dem Motiv des Wunderbaren eng verknüpft sind. Das Ziel dieser Arbeit wird es sein, die Beziehung zwischen dem von Tieck formulierten Wendepunkt und seinem Kolorit des Wunderbaren zu verdeutlichen. Hierbei wird zunächst ein kurzer Überblick über die literatur- und gesellschaftsgeschichtlichen Hintergründe der Novellen Tiecks gegeben. Es folgt eine grobe Zusammenfassung verschiedener Rezeptionspositionen von Tieck-Forschern, in der deren Divergenzen und Konformitäten bezüglich der Wendepunkttheorie und der Theorie des Wunderbaren aufgezeigt werden sollen, bevor diese Punkte anhand konkreter Novellenbeispiele diskutiert werden. Am Ende stellt sich heraus, in wiefern die von Ludwig Tieck aufgestellte Wendepunkttheorie repräsentativ ist für seine eigenen Novellen und in welcher Konsequenz er die grundlegenden Reglementierungen selbst eingehalten hat.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Tieck und die Zeit des poetischen Realismus:
2. Zur Rezeption der Wendepunkttheorie und des Wunderbaren im Werke Ludwig Tiecks:
3. Die Gemälde
3.1. Kritik zum Wendepunkt in der Novelle „Die Gemälde“
4. Das Fest zu Kenelworth:
5. Die wilde Engländerin/ Das Zauberschloss:
6. Abschlußanalyse: Hält Ludwig Tieck seine eigenen Regeln ein?
6.1. Revision: Die Gemälde
6.2. Revision: Das Fest zu Kenelworth
6.3. Revision: Die wilde Engländerin/ Das Zauberschloss
7. Fazit:
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die von Ludwig Tieck formulierte Wendepunkttheorie und deren Verknüpfung mit dem Motiv des Wunderbaren in seinen späten Novellen. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, inwiefern Tieck seine eigenen theoretischen Vorgaben in den exemplarisch ausgewählten Werken praktisch umgesetzt hat und wie diese Elemente das Erzählgefüge steuern.
- Die Wendepunkttheorie von Ludwig Tieck im Kontext des poetischen Realismus.
- Die funktionale Rolle des "Wunderbaren" als ergänzendes Element der Novellentechnik.
- Gesellschaftskritik und die Bedeutung zwischenmenschlicher Kommunikation in den Novellen.
- Fallstudien zu "Die Gemälde", "Das Fest zu Kenelworth" sowie "Die wilde Engländerin/Das Zauberschloss".
- Vergleichende Analyse der theoretischen Anforderungen mit der tatsächlichen literarischen Umsetzung.
Auszug aus dem Buch
3. Die Gemälde
Ausgehend vom Wendepunkt der Novelle „Die Gemälde“ lassen sich drei Faktoren bestimmen, die für die dramaturgische Steigerung bis hin zum Höhepunkt elementar sind: Das Kunstgespräch, Gesellschaft und Geselligkeit. Sie beeinflussen den Haupthandlungsstrang, in dessen Verlauf sich der junge und mittellose Eduard vom kleinen Betrüger zum Helden der Novelle entwickelt. Dabei steht weniger die Charakterwandlung Eduards im Mittelpunkt, sondern das Unvermögen der zumeist gebildeten Hauptpersonen, Geselligkeit konstruktiv zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Das kommunikative Mißverhalten11, welchem Ludwig Tieck in dieser Novelle die größte Wichtigkeit beigemessen hat, bestimmt den Gang des Erzählten und führt letztendlich durch die dadurch hervorgerufenen Resultate zum Wendepunkt, der zwar nicht überraschend, aber an gut vorbereiteter Stelle eintritt.
Vom dem Moment an, als die verschollene Gemäldesammlung von Eduards Vater zum ersten mal erwähnt wird, spätestens aber nach einer von Eulenböck erzählten Geschichte über einen verzweifelten Jungen, der beim Versuch der Selbsttötung zufällig ihn rettenden Reichtum in Form von Goldstücken findet, wird klar, dass die Gemälde irgendwann gefunden, und dass der Fund zu einer völligen Umkehrung der Geschichte führen wird12. Der Weg dahin gliedert sich in drei Stationen, die vom geselligen Fehlverhalten der jeweils partizipierenden Personen geprägt sind.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Novellentheorie Ludwig Tiecks ein und definiert die Zielsetzung, die Beziehung zwischen dem Wendepunkt und dem Wunderbaren zu untersuchen.
1. Tieck und die Zeit des poetischen Realismus: Dieses Kapitel beleuchtet den literatur- und gesellschaftsgeschichtlichen Kontext, in dem Tieck Elemente der Romantik nutzt, um den Herausforderungen der beginnenden Industrialisierung entgegenzuwirken.
2. Zur Rezeption der Wendepunkttheorie und des Wunderbaren im Werke Ludwig Tiecks: Das Kapitel analysiert die unterschiedlichen Kritiken und Interpretationsansätze zur Novellentheorie des Autors sowie deren Einordnung in die Tradition Cervantes.
3. Die Gemälde: Hier wird die Novelle "Die Gemälde" im Hinblick auf das kommunikative Scheitern der Protagonisten und die daraus resultierende dramaturgische Steigerung zum Wendepunkt untersucht.
3.1. Kritik zum Wendepunkt in der Novelle „Die Gemälde“: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Mehrschichtigkeit des Wendepunkts und der Charakterentwicklung Eduards in dieser speziellen Novelle.
4. Das Fest zu Kenelworth: Die Analyse konzentriert sich auf die zwei Wendepunkte in der Geschichte um William Shakespeare und deren Bedeutung für den Weg des Protagonisten zum Dichter.
5. Die wilde Engländerin/ Das Zauberschloss: Dieses Kapitel betrachtet die Interaktion zwischen Musternovelle und Rahmennovelle bezüglich der Kontrastierung des Wunderbaren.
6. Abschlußanalyse: Hält Ludwig Tieck seine eigenen Regeln ein?: Eine zusammenfassende Untersuchung, inwiefern Tieck seine eigenen theoretischen Postulate in den analysierten Werken tatsächlich zur Anwendung bringt.
6.1. Revision: Die Gemälde: Ein abschließender Blick auf die Einhaltung der theoretischen Vorgaben in der Novelle "Die Gemälde".
6.2. Revision: Das Fest zu Kenelworth: Ein abschließender Blick auf die Einhaltung der theoretischen Vorgaben in der Novelle "Das Fest zu Kenelworth".
6.3. Revision: Die wilde Engländerin/ Das Zauberschloss: Ein abschließender Blick auf die Einhaltung der theoretischen Vorgaben in der Novelle "Die wilde Engländerin/ Das Zauberschloss".
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Liebe und Leidenschaft die entscheidenden Motive sind, die in den analysierten Novellen Wendepunkt und Wunderbares verbinden.
Schlüsselwörter
Ludwig Tieck, Wendepunkt, Novellentheorie, Wunderbares, poetischer Realismus, Literaturanalyse, Novelle, Gesellschaftskritik, Romantik, Charakterwende, Motivik, Erzähltechnik, Geselligkeit, William Shakespeare, Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen des von Ludwig Tieck definierten Wendepunkts in der Novellengattung und dessen enge Verzahnung mit dem Motiv des Wunderbaren.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die literarische Novellentheorie des 19. Jahrhunderts, die Rolle der Gesellschaft und Geselligkeit in Tiecks Texten sowie die Analyse der Rezeptionsgeschichte seiner Werke.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Ziel ist es zu verdeutlichen, wie Tieck die Beziehung zwischen einem strukturellen Wendepunkt und dem "Kolorit des Wunderbaren" gestaltet und inwiefern diese Gestaltung in seinen späten Novellen konsequent eingehalten wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Definitionen des Autors mit einer exemplarischen Untersuchung spezifischer Novellentexte abgleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse von "Die Gemälde", "Das Fest zu Kenelworth" und "Die wilde Engländerin/Das Zauberschloss" sowie einer abschließenden Revision der Einhaltung von Tiecks eigenen Regeln.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem Kernbegriff des Wendepunkts sind Begriffe wie poetischer Realismus, Wunderbares, Charakterwende und Novellentechnik für das Verständnis der Arbeit essentiell.
Warum wird im Rahmen der Analyse besonders die "Liebe" als verbindendes Element hervorgehoben?
Wie im Fazit dargelegt, erweist sich die Liebe – sei es zu einem Menschen oder zur Kunst – als der entscheidende Motor, der in den analysierten Novellen den Wendepunkt und das Wunderbare für den Leser nachvollziehbar miteinander verknüpft.
Was macht "Die wilde Engländerin" nach Einschätzung des Autors zur Musternovelle?
Die Novelle gilt als Musternovelle, weil sie alle von Tieck geforderten Faktoren des Wendepunkts in idealem Maße erfüllt und den Aspekt des Wunderbaren vorbildlich aus der Erwartungshaltung der Personen heraus entwickelt.
- Quote paper
- B.A. Ingo Schmidt (Author), 2005, Ludwig Tieck, Die Theorie des Wendepunkts und des Wunderbaren - Eine Analyse seiner späten Novellen anhand ausgewählter Beispiele, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76207