„Die Kunst hat die Tendenz wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach Massgabe ihrer jedweiligen Reproduktionsbedingungen und deren Handhabung“.
Mit diesem von Arno Holz so formulierten „Kunstgesetz“ ist die Auffassung, Sprache sei ein bloßes Reproduktionsmittel, das eine unverstellte Darstellung der Geschehnisse mehr hemmt als ihr förderlich zu sein, untrennbar verbunden. Für zeitgenössische Kritiker war dies wahrlich „schwere Kost“. Eine konsequente Umsetzung wurde anfangs aus stilistischen Prinzipien abgelehnt oder für unmöglich gehalten. 1889 legte Arno Holz in dem Werk Neue Gleise sieben, in Zusammenarbeit mit Johannes Schlaf entstandene, Prosaskizzen vor. Waren dies die Resultate einer ungebrochenen Umsetzung solcher Stilprinzipien? Schnell entbrannte darüber ein immenser Gelehrtenstreit.
Die dieser Interpretation zu Grunde liegende Skizze Papa Hamlet erregte dabei besonderes Aufsehen. Inhaltlich scheint sie mehr ein Verlegenheitswerk zu sein: Ein alternder, verarmter Schauspieler kann sich in der Realität nicht zurechtfinden, erschlägt im Affekt seinen Sohn und stirbt schließlich im Alkoholrausch. Auf sprachlicher Ebene aber etabliert Holz eine neue Darstellungsart, die, glaubt man seinen Kritikern, entweder den Weg in die Zukunft oder den in die Steinzeit weise.
Die vorliegende Arbeit soll vor dem Hintergrund dieser Wertungen die Funktionalität von Sprache in Papa Hamlet näher beleuchten. Erscheint sie tatsächlich nur als grobes Mittel Bild und Abbild zur vollständigen Deckung zu bringen, oder flechtet Holz vielleicht in der Art der „Reproduktion“ weitere Bedeutungsebenen mit ein?
Zur vollständigen Klärung dieser Frage werden zuerst die wörtliche Figurenrede und die Besonderheiten der Erzählersprache untersucht; besondere Berücksichtigung findet dabei die Sprache des verarmten Schauspielers Niels Thienwiebel. Hiernach sollen die im Vorangegangen festgestellten Phänomene auch auf den Berichtsstil der Gegenstands- und Naturdarstellungen übertragen werden. Den Abschluss der Betrachtungen wird ein kurzer Blick auf die sprachliche Ausformung des letzten Kapitels bilden.
Inhaltsverzeichnis
I. Vorwort
II. Analyse der Einzelcharakteristika
1.) Die Alltagssprache – suggeriert sie wirklich Authentizität?
2.) Erzählen auf naturalistische Art – eine kurze Vorbemerkung
3.) Die sprachliche Ausgestaltung der Berichtspassagen
5.) Die Beschreibung der Gegenstände und der Natur
6.) Die Sonderstellung des letzten Kapitels
III. Schlussbemerkungen
VI. Literaturverzeichnis
1.) Quellen
2.) Darstellungen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionalität und Bedeutung der Sprache in Arno Holz’ Prosaskizze Papa Hamlet. Dabei wird analysiert, wie Holz durch den bewussten Einsatz von Alltagsjargon, Bühnenrhetorik und perspektivierten Erzählweisen über eine bloße naturalistische Reproduktion hinausgeht, um psychologische Zustände und die Diskrepanz zwischen Sein und Schein darzustellen.
- Analyse der Alltagssprache und deren Auswirkung auf die Authentizität.
- Untersuchung der Erzähltechnik und der sprachlichen Ausgestaltung von Berichtspassagen.
- Bedeutung der Bühnenrhetorik am Beispiel der Figur Niels Thienwiebel.
- Funktion der Objektbeschreibung und Naturschilderungen im naturalistischen Kontext.
- Die formale Sonderstellung des letzten Kapitels innerhalb der Skizze.
Auszug aus dem Buch
3.) Die sprachliche Ausgestaltung der Berichtspassagen
Bereits Martini konstituiert in der von ihm so bezeichneten „Dialogsprache“ einen „analytischen Psychologismus“, welcher die inneren Beweggründe des Aktanten in den Fokus rücke. Zur Verdeutlichung des Gedankenganges sei eine Passage aus Kapitel IV zitiert:
„Aber der kleine verstockte Fortinbras wollte nicht. Er hatte sich in Ermangelung des Gummipfropfens, den ihm die reizende Ophelia verbummelt hatte, seinen großen Zeh in den Mund gesteckt und sog nun, dass es ihm aus den kleinen, mattrosa Mundwinkelchen nur so tropfte. Die ersten Elemente der Gesangskunst ließen ihn heute augenscheinlich noch kälter als sonst.“ (40)
Durch die Nachahmung individueller Sprachmuster verfügt der Erzähler über die Fähigkeit, den Leser in die Seh- und Erlebniswelt der handelnden Person mit einzubinden. Ohne auf das Wissenspotential eines auktorialen Erzählers zurückgreifen zu müssen, kann die Wiedergabe halbbewusster psychischer Vorgänge allein durch die sprachliche Ausgestaltung des Berichts erfolgen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Vorwort: Dieses Kapitel führt in das „Kunstgesetz“ von Arno Holz ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, die Funktionalität von Sprache in Papa Hamlet zu beleuchten.
II. Analyse der Einzelcharakteristika: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen sprachlichen Gestaltungsmittel wie Alltagsjargon, Erzählerperspektive, Dingbeschreibung und Bühnenrhetorik.
III. Schlussbemerkungen: Hier werden die Ergebnisse zusammengefasst und die These untermauert, dass Holz Sprache als Fundament nutzt, um subjektive Wirklichkeit erfahrbar zu machen.
VI. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Sekundärliteratur zur Arbeit.
Schlüsselwörter
Arno Holz, Papa Hamlet, Naturalismus, Bühnenrhetorik, Alltagsjargon, Perspektivismus, Sprachgestaltung, Niels Thienwiebel, Literaturanalyse, Erzähltechnik, Subjektivität, ästhetische Theorie, Kunstgesetz, Moderne, Prosaskizze.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Einsatz und die Funktion von Sprache in Arno Holz' naturalistischem Werk "Papa Hamlet".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Verwendung von Alltagssprache, Bühnenrhetorik, die Erzähltechnik und die Art und Weise, wie Gegenstände und Natur beschrieben werden.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Es soll geklärt werden, ob Sprache in Papa Hamlet lediglich als Mittel der realistischen Reproduktion dient oder ob Holz durch verschiedene Stilebenen neue Bedeutungsebenen schafft.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine textanalytische Methode, die zentrale Textpassagen auf ihre sprachliche Struktur und deren psychologische Wirkkraft hin untersucht.
Welche Aspekte werden im Hauptteil vertieft?
Der Hauptteil behandelt die imitierte Alltagssprache, die Funktion von Bühnenzitaten bei Niels Thienwiebel und die perspektivische Gestaltung des Erzählerberichts.
Was charakterisiert die Sprache in der Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch die Auseinandersetzung mit Begriffen wie "konsequenter Naturalismus", Multiperspektivität und der Entlarvung von Subjektivität aus.
Welche Rolle spielt das Shakespeare-Drama für die Figur Thienwiebel?
Die Shakespeare-Zitate dienen Thienwiebel als eine Art Lebensrolle, in der er versucht, seiner Realität zu entfliehen, was jedoch meist an der harten Wirklichkeit scheitert.
Warum nimmt das letzte Kapitel eine Sonderstellung ein?
Das letzte Kapitel bricht mit den vorherigen sprachlichen Kunstgriffen wie Collage und Perspektivismus und setzt stattdessen auf eine unmittelbare, sekundenstilgetreue Wiedergabe des dramatischen Endes.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Objekten im Text?
Die Arbeit zeigt, dass Objekte entweder neutral, als Spiegelbild innerer Zustände oder zur Erzeugung einer atmosphärischen Idylle eingesetzt werden.
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- Claudia König (Author), 2007, Bühnenrhethorik und Alltagsjargon - Sprache in "Papa Hamlet", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76274