Geschichtskonstruktion in Umberto Ecos "Der Name der Rose"


Seminararbeit, 2006

25 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtskonstruktion in Umberto Ecos Der Name der Rose
2.1 Geschichte als Prozess
2.1.1 Das Vorwort
2.1.2 Die Funktion des historischen Romans
2.2 Das Mittelalter kommt selbst zu Wort
2.2.1 Der Ich-Erzähler Adson von Melk
2.2.2 Die Collagetechnik
2.3 Das 14. Jahrhundert im Roman
2.3.1 Die Gestalt des William von Baskerville
2.3.2 Ein bestimmtes Bild des Mittelalters
2.4 Einflechten von Zeitgeschichte
2.4.1 Die Auseinandersetzung zwischen Ludwig dem Bayern und Papst Johannes
2.4.2 Der Armutsstreit
2.4.3 Ketzerbewegungen

3. Schluss

4. Quellenverzeichnis

Literaturquellen

Internetquellen

1. Einleitung

1980 erscheint Umberto Ecos Il nome della rosa. Der Roman verzeichnet einen herausragenden Erfolg und wird in zahlreiche Sprachen übersetzt, 1982 unter dem Titel Der Name der Rose auch ins Deutsche. Obwohl im Kern eine Detektivgeschichte, ermöglicht der Roman auch eine historische Lesart oder kann als Lehrstück in Semiotik betrachtet werden, um nur einige Möglichkeiten zu nennen. Vielleicht ist es gerade seine Vielschichtigkeit, die ihn so interessant macht.

Die Handlung spielt in Italien im Jahre 1327. Ort des Geschehens ist ein fiktives Benediktinerkloster irgendwo in den Apenninen. Ausführlich legt Eco die geschichtlichen Umstände im Italien dieser Zeit, die Wirren in der Auseinandersetzung zwischen Papst und König, sowie die verschiedenen Ketzerbewegungen und deren Verfolgung dar.

„Geschichte ergibt sich bekanntlich aus „Geschichten“, und die sollen möglichst unterhaltend erzählt werden. Geschichtsschreibung war und ist eine literarische Gattung und mit der Kunst des Erzählens auf engste verwandt. Geschichtswissenschaft und historischer Roman stehen sich daher auch näher als man denkt, unterscheiden sich nur graduell, nicht prinzipiell. Beide operieren mit einer gelenkten, disziplinierten Einbildungskraft.“[1]

Die Lücken in der Geschichte versucht der Historiker logisch zu füllen und stellt Hypothesen auf. Diese sind nicht wahr oder falsch, sondern nur mehr oder weniger wahrscheinlich. Der Historiker versucht nach Wahrheit zu streben, erfindet, beziehungsweise konstruiert aber im engeren Sinne auch, genau wie der Autor historischer Romane. Denn wie bei allen Erfahrungswissenschaften können auch bei der Geschichte die Erkenntnisse nur vorläufige sein.[2]

Dies sollte bei der Analyse Ecos Roman im Auge behalten werden, der, obwohl Fiktion, den Anspruch erhebt, so realistisch wie möglich zu sein.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Der Name der Rose als historischen Roman. Hierbei steht Umberto Ecos Geschichtskonstruktion im Vordergrund.

2. Geschichtskonstruktion in Umberto Ecos Der Name der Rose

Umberto Ecos Anspruch an sich selbst war es, einen historischen Roman zu schreiben, der möglichst authentisch ist. Im Folgenden soll zuerst auf sein Verständnis von Geschichte eingegangen werden, das die Grundlage, für eine historische Herangehensweise an Der Name der Rose bildet. Eco war es wichtig, dass nicht über die Zeit erzählt wird, sondern aus der Zeit heraus, was der nächste Punkt sein wird. Anschließend soll die Wahl des 14. Jahrhunderts als Zeit des Geschehens näher beleuchtet werden. Zuletzt werden die geschichtlichen Hintergründe und ihre Einflechtung in den Roman genauer betrachtet.

2.1 Geschichte als Prozess

Im Nachwort zu seinem Roman Der Name der Rose bezeichnet Umberto Eco das Mittelalter als „la nostra infanzia a cui occorre sempre tornare per fare l’anamnesi“[3]. Dies beschreibt sein Verständnis von Historizität. Denn er betrachtet Geschichte als einen Prozess, der Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Als unsere Kindheit ist das Mittelalter eine Epoche, die für die Moderne immer noch Bedeutung hat. Ecos Ziel ist es zu demonstrieren, dass bereits im Mittelalter Modernes gedacht und auch gesagt wurde, und es somit die Moderne schon vorbereitet hat.

„Ein solches Verständnis von Hitorizität ermöglicht und rechtfertigt dann auch die ‚Modernismen’, die im Roman aufscheinen (wie Wittgensteinsche und Nietzscheanische Sätze): Die gärenden Ideen und Widersprüche des Mittelalters werden weitergedacht und verweisen so auf den Prozess der Entwicklung.“[4]

Bereits im Vorwort schlägt Eco eine Brücke ins Mittelalter. Doch vor allem geschieht dies im Hauptteil des Romans, in dem sich eine enorme Zitatenmontage findet.

2.1.1 Das Vorwort

Der Name der Rose beginnt mit einem Vorwort, indem ein fiktiver Ich-Erzähler in der Gegenwart von einer alten Handschrift berichtet, die er gefunden hat, über die er – keine ergiebigen – Recherchen anstellt, und deren Inhalt er veröffentlichen will. Er befindet sich auf einer Reise und fertigt unterwegs bereits eine Rohübersetzung des Manuskripts an. Die Handschrift verschwindet schließlich auf mysteriöse Weise, weshalb er nur noch seine eigenen Aufzeichnungen hat.

Idealerweise glaubt der Leser in der fiktiven Person Eco wieder zu finden, was ihn irritiert und dazu führt, dass er nicht unterscheiden kann, ob der Prolog ein Vorwort des Autors ist oder bereits Teil des Romans. Die Geschichte gewinnt den Anschein einer wahren Begebenheit, wobei Wahrheit und Fiktion ineinander verschwimmen. Im Vorwort wird erklärt, um was es sich bei dem vorliegenden Roman angeblich handelt, nämlich um

„die deutsche Übersetzung meiner [des fiktiven Erzählers] italienischen Fassung einer obskuren neugotische-französischen Version einer im 17. Jahrhundert gedruckten Ausgabe eines im 14. Jahrhunderts von einem deutschen Mönch auf lateinisch verfassten Textes.“[5]

Auf diese Art und Weise schützt sich Eco vor Kritik, da ein derart oft bearbeiteter Text nicht mehr authentisch sein kann. Der Text, hätte er sich einmal auf eine wirkliche historische Quelle bezogen, könnte nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand erhalten und somit kein Abbild der Vergangenheit sein. Dennoch soll der Eindruck entstehen, er stünde dem Mittelalter zumindest näher als ein Text aus der Moderne.

Das Vorwort trägt die Überschrift Natürlich eine alte Handschrift. Die Idee der Handschrift greift Eco von Alessandro Manzoni auf, von welchem 1827 I Promessi Sposi erscheinen, ein historischer Roman mit durchschlagendem Erfolg, in dem sich ein fiktiver Herausgeber auf eine alte Handschrift bezieht, die er veröffentlichen will.[6] Ecos Überschrift wirkt dabei gleichzeitig ironisch, indem er das Wort natürlich benutzt.

Der aufmerksame Leser wird mit der Anspielung auf Manzoni von Anfang an darauf hingewiesen, dass es sich um einen historischen Roman handelt, während sich die weiteren Lesarten erst mit der Zeit offenbaren. Der fiktive Ich-Erzähler erklärt im Vorwort:

„[…] es erscheint mir stärkend und tröstlich, daß sie [die Geschichte des Adson von Melk] so unendlich fern in der Zeit ist […], so herrlich fern von allen Bezügen zur Gegenwart […]“[7]

Während dem Leser von einer Geschichte aus dem fernen Mittelalter berichtet wird, weiß dieser gleichzeitig, dass eine derartige Lesehaltung bei einem historischen Roman nicht möglich ist. Denn er handelt nicht nur von der historischen Zeit, in der er spielt, sondern auch immer von der, in der er geschrieben wird.[8] Denn Texte, also auch historische Romane, sind von ihrem Urheber, dessen Erfahrungshorizont, Persönlichkeit, sozialem und kulturellen Hintergrund beeinflusst – in diesem Fall handelt es sich um Umberto Eco, der im ausgehenden 20. Jahrhundert schreibt.

Diese Thematik greift Eco im Vorwort noch einmal selbst auf. Der fiktive Erzähler lässt den Leser an seinen Überlegungen teilhaben, wie er den Text für die Veröffentlichung aufbereiten soll. Er denkt zum Beispiel über den Stil und die Sprache nach, die er verwenden sollte, um möglichst authentisch zu sein. Entscheidungen in der Gegenwart sind also dafür verantwortlich, wie der Leser einen auf einer alten Handschrift beruhenden Text präsentiert bekommt, genauso wie in Der Name der Rose ein Mittelalterbild entsteht, das von Ecos Art und Weise herrührt, mit seinen Rechercheergebnissen über diese Zeit umzugehen.

2.1.2 Die Funktion des historischen Romans

Eco selbst unterscheidet in seinem Nachwort drei Arten historischer Romane. Zuerst nennt er die Romanze, in der die Historie lediglich den Hintergrund bildet, vor dem sich eine Handlung abspielt, die nicht an die Geschichte gebunden ist. Im Mantel-und-Degen-Roman erscheinen bereits historische Figuren, jedoch auch fiktive Personen, die es genauso in einer anderen Zeit geben könnte. Die dritte Art bildet der wahre historische Roman, in dem die Personen so denken und handeln wie es in der historischen Zeit, in der er spielt, möglich gewesen wäre. Historische Personen müssen nicht genau das sagen, was sie wirklich gesagt haben, sondern das, was sagbar gewesen wäre. Gerade das Fiktive soll bei Eco helfen, die Geschichte besser zu verstehen.[9] Eco schreibt:

„Quello che i personaggi fanno serve a far capire meglio la storia, ciò che è avvenuto. Vicende e personaggi sono inventati, eppure ci dicono sull’Italia dell’epoca cose che i libri di storia non ci avevano mai detto con altrettanta chiarezza.”[10]

Den Prozess, der dem vorausgeht, beschreibt Eco im Vorwort in der Geschichte des Finders der alten Handschrift. Der Leser wird in ihm an die Arbeit des Historikers erinnert. Dieser muss die verschiedensten Dokumente auswerten und es ist durchaus wahrscheinlich, nicht immer mit Originalen arbeiten zu können, sondern mit Übersetzungen von Handschriften und Fragmenten. Dem fiktiven Erzähler am Anfang des Romans, der die Handschrift gefunden hat, bleiben letztlich nur noch seine eigenen Aufzeichnungen und nicht mehr das Original erhalten. Er hält also lückenhaftes Material in den Händen, das er nun zu einer Geschichte ordnen will. Dies entspricht dem Vorgehen des Historikers, nur dass bei Eco die Lücken in dem selbst gefertigten Manuskript bereits Fiktion sind, und der Autor wirkliche Lücken im historischen Ablauf mit Phantasie füllen kann. Ihm sind mehr Hypothesen und auch waghalsigere möglich als dem Historiker. Doch gerade auf diese Art und Weise will Eco die Geschichte verständlicher machen.[11]

Es wird nun klar, dass Eco seinen Roman Der Name der Rose zur Art der wahren historischen Romane rechnet.[12] Es sind aufwendige Recherchen notwendig und eine möglichst genaue Wiedergabe der historischen Ereignisse, um seinem eigenen Ideal entsprechen zu können. Eco versucht nicht die Geschichte seinem Roman anzupassen. Eco recherchiert beispielsweise in Bezug auf die historischen Figuren, die in Der Name der Rose vorkommen, um zu wissen, wann es nicht historisch verbürgt ist, dass sie sich an einem anderen Ort zu dieser Zeit aufgehalten haben. Eco spinnt also seine Handlung um das, was geschichtlich als gesichert gilt, und ergänzt die Informationen in den Bereichen, über die wenig oder nichts bekannt ist.

2.2 Das Mittelalter kommt selbst zu Wort

Ecos Vorstellung, wie ein historischer Roman auszusehen habe, zeigt sich auch in seinem Versuch, dass Mittelalter so weit wie möglich selbst zu Wort kommen zu lassen. Dazu gehört es, die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen genau zu kennen. Dies ist wichtig, wenn es darum geht, ihnen Zitate mittelalterlicher Autoren in den Mund zu legen, um sie möglichst authentisch klingen zu lassen. Eco erklärt, was er als seine Aufgabe sah:

„Scrivere un romanzo è una faccenda cosmologica […]. Intendo che per raccontare bisogna anzitutto costruirsi un mondo, il più possibile ammobiliato sino agli ultimi particolari.”[13]

Zu dieser Welt gehört auch Adson von Melk, der gerade weil er ein Mönch aus dem beginnenden 14. Jahrhundert ist, als Erzähler in Frage kommt.

[...]


[1] Voltmer, Ernst: Das Mittelalter ist noch nicht vorbei… Über die merkwürdige Wiederentdeckung einer längst vergangenen Zeit und die verschiedenen Wege, sich ein Bild davon zu machen. In: Haverkamp, Alfred; Alfred Meit (Hrsg.): Ecos Rosenroman. Ein Kolloquium. München 1987. S. 204.

[2] Vgl. Ebd. S. 204;205.

[3] Eco, Umberto: Postille a Il Nome della Rosa. Cernusco sul Naviglio 1984. S. 42.

[4] Bachorski, Hans-Jürgen: Diese klägliche Allegorie der Ohnmacht. ‚Der Name der rose’ als historischer Roman. In: Bachorski, Hans-Jürgen (Hrsg.): Lektüren. Aufsätze zu Umberto Eco’s ‚Der Name der Rose’. Göppingen 1985. S. 62.

[5] Eco, Umberto: Der Name der Rose. München 1982. S. 10.

[6] Vgl. Heit, Alfred: Die ungestillte Sehnsucht – Geschichte als Roman. In: Haverkamp, Alfred; Alfred Heit (Hrsg.): Ecos Rosenroman. S. 161.

[7] Der Name der Rose. S. 12.

[8] Vgl. Bachorski, Hans-Jürgen: Diese klägliche Allegorie der Ohnmacht. S. 59.

[9] Vgl. Gruber, Jörn: Spiel-Arten der Intertextualität im ‘Name der Rose’. Aus der Werkstatt eines literarischen Falschmünzers oder über die Kunst, aus fremden Texten neue Bücher zu machen. In: Haverkamp, Alfred; Alfred Heid: Ecos Rosenroman. Ein Kolloquium. München 1987. S. 60; 61.

[10] Postille. S. 43.

[11] Vgl. Gruber, Jörn: Spiel-Arten der Intertextualität im ‘Name der Rose’. S. 60; 61.

[12] Vgl. Postille. S. 42; 43.

[13] Postille. S. 16.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Geschichtskonstruktion in Umberto Ecos "Der Name der Rose"
Hochschule
Universität Augsburg
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V76323
ISBN (eBook)
9783638805537
ISBN (Buch)
9783640150663
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichtskonstruktion, Umberto, Ecos, Name, Rose
Arbeit zitieren
Julia Przybilla (Autor), 2006, Geschichtskonstruktion in Umberto Ecos "Der Name der Rose", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76323

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