Thukydides und die Jagd nach der Schuld

Der Ausbruch des Peloponnesischen Krieges im Spiegel der historischen Forschung


Seminararbeit, 2007

26 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die lange Jagd nach der Schuld

2. Die Lunte, das Pulverfass und die Explosion
2.1 Die vier oberflächlichen Kriegsursachen nach Thukydides
2.1.1 Kerkyra
2.1.2 Das megarische Psephisma
2.1.3 Potidaia
2.1.4 Autonomie Aiginas
2.2 Volksversammlung in Sparta oder der laute Ruf nach Krieg
2.3 Die Lunte brennt
2.4 Explosion

3. Kriegsschuld und Kriegsursache(n) – „kein unnützes Gelehrtengezank“
3.1 Zwang die Furcht zum Krieg?
3.2 Zwischen Positivismus und Postmoderne
3.3 Krieg und Mensch
3.3.1 Der Krieg und die Natur des Menschen
3.3.2 Kagan und die menschliche Selbstbestimmung

4. Der anklagende Zeigefinger der Nachwelt

5. Literaturverzeichnis
5.1 Übersetzungen
5.2 Sekundärliteratur

1. Die lange Jagd nach der Schuld

Allein die Dimension des Peloponnesischen Krieges, der die griechische Welt des 5. Jahrhunderts vor Christus über Jahrzehnte hinweg in das Grauen und Verderben eines „antike[n] Weltkrieg[s]“[1] stürzte, lässt erahnen, wie wichtig die Aufgabe ist, die Verantwortlichkeit für diesen Konflikt genau festzuschreiben und nachvollziehen zu können, wie und vor allem warum er ausgebrochen ist.

Doch so essentiell eine gültige Lösung für diese Frage wäre, so heftig divergieren auch die Meinungen der historischen Forschung zu diesem Thema – sowohl diachron durch die Jahrhunderte als auch synchron in der neuesten Forschung. Ob diese Debatte nun durch die Zweifel ausgelöst wird, die Teile der Historikerschaft an der Glaubwürdigkeit Thukydides’ hegen oder dadurch nur verschlimmert wird, gleicht dem Paradoxon von Henne und Ei. – Fest steht, dass Thukydides die Quelle ist, auf die man sich vordringlich stützen muss, wenn man die Ereignisse um den Kriegsausbruch betrachten will. Plutarch und Diodor streifen zwar diese Thematik kurz an, liefern aber bei weitem nicht so umfangreiche Erkenntnisse ab wie Thukydides. Fest steht auch, dass durch die singuläre Stellung des thukydideischen Geschichtswerkes der Textkritik eine entscheidende Aufgabe im Konzert der historischen Meinungsbildung zukommt.

Diese Arbeit wird die historischen Ereignisse vor Kriegsausbruch aufzählen und anschließend einen Überblick über die historische und methodologische Forschungsdebatte geben, die um den Kriegsausbruch entstanden ist.

2. Die Lunte, das Pulverfass und die Explosion: Von Randkonflikten über Debatten bis zu den ersten Kriegshandlungen

Die Konstellation der griechischen Welt am Vorabend des Peloponnesischen Krieges war mit Sicherheit mit einem Pulverfass zu vergleichen. Die Antipathien zwischen Sparta und Athen hatten sich schon zuvor im sogenannten Ersten Peloponnesischen Krieg entladen, bei dessen Ende der Dreißigjährige Friede zwar ein völkerrechtlich valides Konstrukt hinterlassen hatte, auf dem Griechenland neu geordnet werden konnte, der aber gleichzeitig die gesamte griechische Welt in jene instabile Lage, dominiert von zwei Großmächten mit weitreichenden Bündnissystem und ihrem Ringen um Macht und Einfluss[2], brachte, in der vier kleinere bis mittlere Streitigkeiten schließlich die Lunte an dieses Pulverfass legen konnten und es zur Explosion trieben. So scheint es sich zumindest auf den ersten Blick zu verhalten – doch Thukydides liefert auch gleich noch eine eigene Theorie zum Kriegsausbruch mit, welche die vier oberflächlichen Ursachen stark zu relativeren sucht.

2.1 Die vier oberflächlichen Kriegsursachen nach Thukydides

Thukydides nennt vier „Anschuldigungen und Streitpunkte“[3] zwischen den Athenern und Lakedaimoniern, die seiner These nach Ausdruck eines „letzten und wahren Grund[es]“[4] seien, nämlich des Machtzuwachses und Hegemonialstrebens Athens, welche in Sparta Antipathie und Furcht ausgelöst hätten. Diese vier Manifestationen jenes schwelenden Konfliktes sollen kurz umrissen werden.

2.1.1 Kerkyra

Aufgrund des bipolaren Charakters der griechischen Welt am Vorabend des Peloponnesischen Krieges fand sich die Mittelmacht Korinth in einer prekären Stellung wieder. Macht und Einfluss in Mittelgriechenland waren verloren und man strebte nach einer neuen unabhängigen Stellung in den Gewässern nordwestlich des Festlandes. In diesem Großraum unterhielt die ehemalige korinthische Kolonie Kerkyra (das heutige Korfu) eine große Kriegsflotte, mit deren Hilfe sie eine Stellung als Schutzmacht des westlichen Seehandels erreicht hatte. Diese Emanzipationsbestrebung wurde von Korinth aus mit Unbillen beobachtet und als Mutterstadt und Kolonie schließlich als Gegner in epidamnischen Bürgerkrieg hineingezogen wurden und Korinth erste Niederlagen hinnehmen musste, traf es „gewaltige Zurüstungen für eine Flottenausfahrt“[5], ein Bauprogramm, das zwangsläufig die Seemacht Athen auf den Plan rufen musste, zumal die Korinther ihre Schiffsbesatzungen sogar aus dem athenischen Einzugsgebiet des delisch-attischen Seebundes anzuwerben begannen.[6]

Kerkyrische Abgesandte machten in Athen Werbung für ein sozusagen natürliches Bündnis zwischen der größten und zweitgrößten Seemacht Griechenlands. Es entstanden Streit und heftige Diskussionen über die Auslegung des Dreißigjährigen Friedens. Dieser erlaubte neutralen Poleis den Eintritt in eines der beiden Bündnissysteme. In dieser Situation sah sich Kerkyra, als es Korinth als Aggressor darstellte und in Athen um ein Bündnis warb. Doch die Korinther hielten entgegen, dass Kerkyra sich schon im Kriegszustand mit ihnen befände und daher beileibe nicht mehr neutral sei. Und da Korinth zudem Athen bei der Niederschlagung des Aufstandes auf Samos gedeckt hatte, lehnte Athen das kerkyrische Bündnisangebot zunächst ab. Doch in einer zweiten Diskussion in der athenischen Volksversammlung überwiegten plötzlich pro-kerkyrische, geostrategische Argumente[7] und so schloss Athen ein Defensivbündnis (Epimachie) mit Kerkyra. Thukyides schweigt sich über die Ursache dieses Meinungsumschwunges aus, doch Plutarch[8] verdeutlicht in diesem Zusammenhang, und vor allem bezüglich des megarischen Psephismas[9], die entscheidende Rolle des Perikles.[10]

2.1.2 Das megarische Psephisma

In engem Zusammenhang mit dem Verhalten Korinths beim Anwerben von Matrosen stand die Unterstützung Megaras für Korinth in Form von Schiffen. Ferner kollidierten megarische Kolonien mit den Getreidehandelswegen Athens. Der Wortlaut des Ediktes der athenischen Volksversammlung (Psephisma) bezüglich Megaras wird in der Forschung eifrig diskutiert. Bezieht sich der Ausschluss Megaras von der agora nur auf eben diesen Platz in Athen, oder muss es im übertragenen Sinne verstanden werden als Handelsboykott Megaras im gesamten Bereich des delisch-attischen Seebundes? Schulz postuliert hier eine größere außenpolitische Konzeption Perikles’, die über ein bloßes Handelsembargo hinausging und einen Zugriff Korinths auf die athenischen Ressourcen innerhalb der Ägäis auszuschließen versuchte.[11]

2.1.3 Potidaia

Neben den megarischen Kolonien in der nördlichen Ägäis war auch Potidaia Mitglied des Seebundes. Es stellte einen „Ort [...] entscheidender Bedeutung für [...] Unternehmungen in Thrakien“[12] dar, sprich für eine Verwertung der dortigen reichen Holz- und Mineralressourcen – Rohstoffe, die Athen ständig für den Flottenausbau benötigte. Der korinthischen Kolonie war von makedonischer Seite Unterstützung für einen Aufstand gegen Athen zugesagt worden und auch die Beziehungen zwischen der athenfeindlichen Mutterstadt und Potidaia gestalteten sich besonders eng. Athen hatte größtes Interesse, Potidaia eine Zusammenarbeit mit Korinth zum Zwecke der Unterminierung der athenischen Stellung in der nördlichen Ägäis abspenstig zu machen. Doch Potidaia weigerte sich, der athenischen Forderung nach Stellung von Geiseln und dem Schleifen der Mauern nachzukommen und wandte sich stattdessen an Korinth und Sparta und erklärte seinen Austritt aus dem Seebund. Athen reagierte mit einer massiven Militäroperation, in deren Zuge die Stadt erst eingeschlossen und belagert, kurz nach Ausbruch des Peloponnesischen Krieges schließlich erobert wurde.[13]

2.1.4 Autonomie Aiginas

„[...] die Aigineten [...] klagten, sie seien nicht selbständig, wie es im Vertrag festgelegt sei“[14] – dies war ein weiterer Vorwurf, der gegen Athen vorgebracht wurde. Es wird angenommen, dass die aiginetische Autonomie Bestandteil des Dreißigjährigen Friedens gewesen war und Streitigkeiten über die eventuell fällige Zahlung eines Phoros an die Athener diese dazu brachte, Repressionen gegen Aigina einzuleiten.[15]

2.2 Volksversammlung in Sparta oder der laute Ruf nach Krieg

Auf diese Streitigkeiten hin folgte eine Versammlung des Volkes in Sparta. Zu diesem Anlass wurden vier Reden vorgetragen, nacheinander von einer korinthischen Gesandtschaft, einer Delegation aus Athen, von König Archidamos und vom Ephor Sthenelaidas.

Die Korinther beschwerten sich über athenische Aggression und die spartanische Unwilligkeit, Krieg zu führen.[16] Doch bei all ihren Anschuldigungen vermisst man die Formulierung eines eindeutigen Vertragsbruches.[17] Dennoch gingen sie soweit, einen Kriegsentschluss Spartas mit der Drohung eines Abfalls vom Peloponnesischen Bund erzwingen zu wollen.[18] Wie noch ausgeführt werden wird (siehe 3.1), ist die Frage, ob dieser Drohung Genuität zugemessen werden kann oder sie als Bluff abzutun ist, ein wichtiger Faktor bei der Bemessung des spartanischen Anteils am Kriegsausbruch.

Doch zunächst trat eine athenische Gesandtschaft auf, deren Historizität zumindest umstritten ist.[19] In ihrer Rede gingen die Athener gar nicht näher auf die einzelnen Episoden ein, derer sie beschuldigt wurden, sondern rechtfertigten ihr Seereich als solches. „The Athenians, arguing from a position of strength and intending to impress this on the Spartans, offer a defense of their empire, astonishing for its boldness and candor.“[20]

Es schloss sich die archidamische Rede an, in der der König zur Mäßigung rief, in weiser Vorraussicht, dass „der Krieg, über den ihr jetzt beratet, nicht der unbedeutendste sein wird […].“[21]

[...]


[1] Hans-Joachim Gehrke und Helmuth Schneider, Geschichte der Antike: Ein Studienbuch, Stuttgart (2000), 120.

[2] Raimund Schulz, Athen und Sparta, Darmstadt (2003), 16-19.

[3] Thuk. I, 23, 5.

[4] Thuk. I, 23, 6. Vgl. Schulz, 72.

[5] Thuk. I, 31,1.

[6] Schulz, 73-74.

[7] Thuk. I, 44, 3: „Außerdem schien ihnen die Insel günstig an der Überfahrt nach Italien und Sizilien zu liegen.“

[8] Plutarch, Perikles, 29, 1: „[...] he persuaded the people to send aid and succour to the Corcyraeans in their war with the Corinthians, and so to attach to themselves an island with a vigorous naval power at a time when the Peloponnesians were as good as actually at war with them.”

[9] Plutarch, Perikles, 31, 1: “Well, then, whatever the original ground for enacting the decree, – and it is no easy matter to determine this, – the fact that it was not rescinded all men alike lay to the charge of Pericles.”

[10] Schulz, 75-76.

[11] Schulz, 77-79.

[12] Thuk. I, 68, 4.

[13] Schulz, 79-80.

[14] Thuk. I, 67, 2.

[15] Georg Busoldt, Griechische Geschichte bis zur Schlacht bei Chaironeia. Der peloponnesische Krieg. Vol 3, 2. Gotha (1967), 832.

[16] Thuk. I, 69, 4: „Denn ihr sitzt untätig da, und […] wehrt euch nicht durch kraftvolles Handeln, sondern durch zauderndes Bedenken [...].“

[17] Busoldt, 832.

[18] Thuk. I, 71, 4.

[19] Hornblower halt die Gesandtschaft für völlig glaubhaft, während Lewis sie in Zweifel zieht; Busoldt argumentiert anhand ihres Auftretens für deren Instruierung durch Athen. Simon A. Hornblower, A commentary on Thucydides. Books I-III. Oxford (1991), 117. D. M. Lewis, „The Archidamian War“ in The Cambridge Ancient History, Vol. V, Cambridge (1992), 378. Busoldt, 833.

[20] Orwin Clifford, “Justifying Empire: The Speech of the Athenians at Sparta and the Problem of Justice in Thucydides” in Journal of Politics 48 (1986), 72.

[21] Thuk. I, 80, 2.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Thukydides und die Jagd nach der Schuld
Untertitel
Der Ausbruch des Peloponnesischen Krieges im Spiegel der historischen Forschung
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
HS Thukydides und der Peloponnesische Krieg
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V76331
ISBN (eBook)
9783638805087
ISBN (Buch)
9783638807524
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thukydides, Jagd, Schuld, Thukydides, Peloponnesische, Krieg
Arbeit zitieren
Christian R. Schwab (Autor), 2007, Thukydides und die Jagd nach der Schuld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76331

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