"Irgend etwas war mir verlorengegangen". Zur Identitätsproblematik in Anna Seghers' "Transit"


Magisterarbeit, 2007
86 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Überlegungen zum Identitätsbegriff
2.1.1 Persönliche Identität
2.1.2 Soziale Identität
2.1.3 Politisch-gesellschaftliche Identität
2.1.4 Weltanschauliche Identität
2.1.5 Identitätskrisen
2.2 Identität im Exilschriftstellerleben und in der Exilliteratur
2.2.1 Belastungen des Privatlebens
2.2.2 Soziale Isolierung
2.2.3 Politik und Gesellschaft
2.2.4 Weltanschauung

3. Zur Identitätsproblematik in Transit
3.1. Identitätskrise
3.2 Versuche zur Wiedergewinnung von Identität
3.2.1 Persönliche Identität
3.2.1.1 Rezeption
3.2.1.2 Erzählen als Identitätsrettung
3.2.2 Soziale Identität
3.2.2.1 Liebe
3.2.2.2 Freundschaften
3.2.2.3 Flüchtige Begegnungen
3.2.2.4 Solidarische Gemeinschaft
3.2.3 Politisch-gesellschaftliche Identität
3.2.4 Weltanschauliche Identität

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Anna Seghers’ Exilroman Transit, geschrieben im französischen und mexikanischen Exil in den Jahren 1940-1943, ist in seiner gleichzeitigen Bedeutung als historisches Dokument der Exilzeit und als eigenständiges literarisches Kunstwerk zweifellos zu den wichtigsten deutschsprachigen Romanen der Kriegs- und Exilzeit zu zählen. In Transit steht ein für das Exilantendasein konstitutives Thema im Vordergrund: Die Bedrohung der eigenen Identität und der Versuch, diese zu bewahren oder neu zu definieren. Angesichts der Tatsache, dass die Frage der Identitätsfindung den gesamten Text durchzieht, erscheint mir eine Untersuchung dieses Phänomens als durchaus vielversprechend für ein tiefgreifenderes Verständnis des Romans.

Auch wenn die Frage der Identität gerade in der Moderne zu einem bevorzugten literarischen Gegenstand geworden ist, wie z. B. bei Robert Musil oder Max Frisch, so ist die Identitätsproblematik im Zusammenhang mit der Exilliteratur nicht ausschließlich im generellen Kontext der Moderne einzuschätzen, sondern zuerst als die Verarbeitung einer spezifischen historischen Ausnahmesituation. Gerade bei der Exilliteratur wird immer wieder auf den historischen Hintergrund, auf „das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft, Kunst und Politik“[1], auf „Literatur als vermittelten Ausdruck gesellschaftlicher Zustände“[2] hingewiesen. Stellt man die Frage nach der Identitätsproblematik in Anna Seghers’ Transit, so bietet es sich an, eine Verbindung zum Aufenthalt der Autorin im Marseiller Exil herzustellen. In diesem Fall ließe sich eine biographisch orientierte Deutung entwickeln, welche die hier anzutreffende Identitätsproblematik als ein auf ihrer eigenen Erfahrung beruhendes Phänomen ansieht. Eine derartige Herangehensweise liefe allerdings Gefahr, die Literarizität des Textes aus dem Auge zu verlieren und die Literatur ausschließlich als direkte Verarbeitung historisch gelebter Erfahrung zu sehen. Deshalb sollen in dieser Arbeit der zeithistorische Hintergrund und biographische Parallelen zur Exilerfahrung Anna Seghers’ sowie ihre im Roman umgesetzte Auseinandersetzung mit den Literaturdiskussionen ihrer Zeit zwar an geeigneten Stellen angeführt werden, jedoch nicht erkenntnisleitend für den Untersuchungsgegenstand der Identitätsproblematik in Transit sein.

In der vorliegenden Arbeit soll der Schwerpunkt der Betrachtung nicht so sehr auf der Erfahrung der Identitätskrise liegen, sondern vielmehr auf den Versuchen zur Wiederherstellung bzw. Bewahrung von Identität als Reaktion auf eine derartige Krise. Die Arbeit verfolgt dabei die Fragestellung, auf welchen Ebenen der Identitätserfahrung in Anna Seghers’ Transit versucht wird, die mit der Exilsituation verbundene Gefahr des Identitätsverlusts zu überwinden. Die Untersuchung orientiert sich an der These, dass dem Ich-Erzähler im Laufe der Handlung die Schaffung und Festigung seiner Identität weitgehend gelingt. Die hierbei gewonnenen Ergebnisse werden dazu beitragen, die Komplexität der Identitätsproblematik unter den zeitgeschichtlichen Bedingungen des Exils in Transit in ihrem vollen Umfang zu erkennen.

Im ersten Kapitel der Arbeit sollen vorab einige Grundlagen dargelegt werden, die für die Romananalyse unabdingbar sind. Ziel dieses Grundlagen-Kapitels ist die Entwicklung eines Konzepts von Identität, das als Basis für die Verortung und Untersuchung der Identitätsproblematik in Transit dienen kann. Im ersten Teil des Kapitels sollen einige grundsätzliche Überlegungen zum weiten, universal verwendeten Begriff ‚Identität’ angestellt werden, wobei das Spektrum an möglichen Definitionen und Auslegungen der verschiedenen Wissenschaften betrachtet werden soll. Hierbei soll es nicht um eine lückenlose Abhandlung der historischen Entwicklung oder der Definitionsweite des Identitätsbegriffs gehen, sondern um eine allgemeine Darstellung der Ebenen, auf denen sich Identität konstituieren kann. Auf dieser Basis soll ein Identitätskonzept entwickelt werden, das für die Analyse von Transit anwendbar ist und das den spezifischen Ausprägungen der Identitätsproblematik in diesem Roman Rechnung trägt. Dabei soll vor allem diejenige Bedeutungsebene interessieren, die der sozialpsychologischen Sichtweise von James zugrunde liegt – im Gegensatz zu ganzheitlichen Identitätsvorstellungen in der humanistischen Psychologie oder in der Philosophie. Ausgehend von James’ Ansatz sollen vier Ebenen von Identitätserfahrung unterschieden werden: persönliche, soziale, politisch-gesellschaftliche und weltanschauliche Identität.

Im zweiten Teil des Grundlagen-Kapitels soll dann auf der Basis des entwickelten Identitätskonzepts die Identitätsproblematik im Exildasein der Schriftsteller sowie deren Umsetzung in der Exilliteratur untersucht werden, um Charakteristika aufzuzeigen, die auch für Transit als Bestandteil der Exilliteratur relevant sind.

Der anschließende Hauptteil, der sich der Untersuchung der Identitätsproblematik in Transit widmet, ist in zwei Themenbereiche gegliedert. Der erste Bereich beschäftigt sich mit der krisenhaften Erfahrung des drohenden Identitätsverlusts für den Ich-Erzähler. Die Ursachen für diese Krise werden hierbei auf allen Ebenen der Identitätserfahrung gesucht. Im zweiten, wesentlich umfangreicheren Bereich sollen dann mögliche Wiedergewinnungsversuche von Identität thematisiert werden.

Bei der Aufteilung von Identität in die vier genannten Ebenen kann das Problem auftauchen, dass es zu Überschneidungen kommt. So gehen zum Beispiel Identitätsebenen wie persönliche und soziale Identität, was zu zeigen sein wird, oftmals ineinander über und können daher nicht immer eindeutig voneinander abgegrenzt werden. Daraus ergibt sich beispielsweise, dass die narrative Wiedergabe der eigenen Exilgeschichte durch den Ich-Erzähler sowohl im Kapitel 3.2.1.2 als ein persönlicher Akt der Identitätsrettung als auch im Kapitel 3.2.2.3 als ein sozialer Akt thematisiert wird. Diese künstliche Aufteilung verschiedener Identitätsebenen ist aber notwendig, da nur eine an den verschiedenen Ebenen von Identitätserfahrung orientierte Gliederung eine der Themenwahl angemessen strukturierte, systematische Romananalyse möglich macht. Die Arbeit unternimmt mit ihrer Systematik also den Versuch, „diese grundeinfache, zugleich schier unentwirrbar komplizierte Geschichte“[3] auf den Aspekt der Identitätsproblematik hin zu ‚entwirren’.

2. Grundlagen

2.1 Überlegungen zum Identitätsbegriff

Selbstreflexive Vorstellungen, die dem Konzept der Ich-Identität nahe kommen, entstehen erst im Laufe des 18. Jahrhunderts.[4] Der Begriff der Identität, in dieser Bedeutung eingeführt durch den Sozialpsychologen Erik Erikson, kann daher nur auf eine kurze, deshalb allerdings nicht minder diffuse Vorgeschichte zurückblicken. Durch die Vielzahl sinnverwandter, oft genug synonym gebrauchter Wörter wie ‚das Selbst’, ‚das Ich’, ‚die eigene Persönlichkeit’ oder ‚das Eigenkonzept’ ergibt sich eine begriffliche Vagheit, die sich auch auf das inhaltliche Konzept auswirkt. Die Unklarheit des Begriffes liegt dabei sicherlich zum großen Teil darin begründet, dass sich verschiedenste wissenschaftliche Disziplinen wie z. B. Philosophie, Psychologie[5], Soziologie und Naturwissenschaften mit diesem Terminus beschäftigen und ihn in ihren jeweiligen Kategorien verwenden. Die damit einhergehende fachspezifische Vereinnahmung kann dabei natürlich nicht auf ein- und dieselbe Weise erkenntnisleitend sein.

So definiert die Philosophie Identität vor allem unter einem ontologischen Gesichtspunkt, nämlich durch völlige Übereinstimmung einer Substanz mit sich selbst sowie unbedingte Unterscheidung alles Seienden[6]. In diesem generellen Sinn lässt sich Identität allerdings auf alles Bestehende, auch auf Gegenstände anwenden. Des Weiteren findet sich im Idealismus Johann Gottlieb Fichtes eine als absolut gedachte Identität; ähnlich bezeichnet die „Identitätsphilosophie“, ein von Schelling 1801 eingeführter und in seinem Sinne weiter verwendeter Ausdruck, eine Metaphysik, in der Subjekt und Objekt, Denken und Sein, Geist und Substanz nur verschiedene Erscheinungsformen einer einzigen Wirklichkeit und im Wesen ‚identisch’ sind.[7]

Erste sozialpsychologische Überlegungen, die sich ­– weniger abstrakt als die identitätsphilosophischen Ansätze – konzeptuell mit dem personellen Selbst befassen, gehen zurück auf die Psychologie von William James (1890). Er unterscheidet dabei das ‚I’ und das ‚me’[8] und teilt das Selbst erstmalig in drei Bestandteile der Identitätserfahrung ein: in ein materielles, körperliches Selbst; in ein soziales, sich der Betrachtung durch andere bewusstes Selbst und in ein spirituelles, die eigenen Gedanken und Gefühle überwachendes Selbst.[9] Diese Einteilung geht also nicht von einer Wesenseinheit des Menschen aus, sondern stellt gerade die verschiedenen Ebenen von Identität heraus. Neben dieser differenzierten Identitätsvorstellung besteht in der humanistischen Psychologie die Sichtweise eines ‚wahren Selbst’, das es durch Identitätssuche zu erkennen gilt, um dann die eigenen Wesensmerkmale zur Entfaltung zu bringen.[10] Hier findet sich wiederum das Bild einer einheitlichen Identität, einer Kontinuität der Person, die sich nicht weiterentwickelt, sondern sich gleichbleibt.

Im Folgenden soll jedoch James’ Konzept einer uneinheitlichen Identität die Basis sein für die Suche nach einem Konzept von Identität, das als Arbeitswerkzeug und Ordnungsprinzip für diese Untersuchung dienen kann. Dabei soll zwischen persönlicher, sozialer, politisch-gesellschaftlicher und weltanschaulicher Identität unterschieden werden.

2.1.1 Persönliche Identität

Die persönliche Identität, die einzigartige Persönlichkeitsstruktur, ist Bestandteil des Selbst und basiert allgemein auf so persönlichen und unverwechselbaren Typisierungen eines Individuums wie Name, Geschlecht oder Alter, durch welche eine Person gekennzeichnet ist und von anderen Individuen unterschieden werden kann, und zwar im Sinne einer den Typisierungen des sozialen Wissens nicht zugänglichen Identität. Zusätzliche Unterscheidungen, die zudem zum Selbstbild der persönlichen Identität beitragen, ergeben sich durch das Streben nach selbstdefinierten Zielen bzw. nach einem Idealbild, wofür das Individuum die in der betreffenden Kultur zur Verfügung stehenden Symbole (wie spezielle Kleidung, bestimmte Musikvorlieben, spezifische verbale Ausdrücke etc.) gebraucht oder entwickelt.[11]

Die persönliche Identität beinhaltet ein Selbstkonzept im Sinne von Selbstwahrnehmung und –erkenntnis, so genannte Selbstschemata.[12] Sie erlauben es, Informationen und Entwürfe über das eigene Selbst zu organisieren sowie Erfahrungen zu verarbeiten und zu verstehen. Zudem beeinflussen Selbstschemata auch die Begriffe, mit denen Handlungen anderer Personen interpretiert werden, da diese Begriffe immer geprägt sind von dem, was eine Person über ihre persönliche Identität weiß und annimmt.[13]

Um auf sich selbst zu verweisen und die persönlichen Gedanken und Erfahrungen wiederzugeben, kann ein Individuum sich in Form des Erzählens zum Ausdruck bringen. Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften bringt dies auf den Punkt: „Die meisten Menschen sind im Grundverhältnis zu sich selbst Erzähler.“[14] Die erzählte Identität unterliegt dabei der eigenen Erfahrung, Gestaltung und Bewertung[15] und bringt sowohl die intendierte als auch die verborgene Selbstsicht zum Ausdruck. Anhand der narrativen Wiedergabe kann sich das Individuum Orientierung verschaffen und seinen Platz in der Welt definieren. Als weiterer Akt der Selbstreflexion, und insofern ebenfalls eine identitätsstiftende Handlung, kann auch der Prozess des Schreibens angeführt werden.

2.1.2 Soziale Identität

Eine soziale, öffentliche Identität, die sowohl durch Selbstdarstellung als auch durch Fremdwahrnehmung gebildet wird, kann von der persönlichen Identität unterschieden werden. Allerdings bedingen sich das persönliche und das soziale Selbst gegenseitig. Kant bezeichnet diese Dialektik von Individualität und Sozialität als „ungesellige Geselligkeit“[16]. Eine strikte Trennung dieser beiden Ebenen ist nur bedingt durchführbar, da soziale Beziehungen auf beziehungsspezifischen Interaktionen beruhen, die geprägt sind durch die persönliche Identität, das Selbstbild, sowie das Bild der Bezugsperson.[17] Bei der Charakterisierung zweier interagierender Personen wird dabei nicht nur deren Personenbeziehung, sondern auch die jeweils einzelne (soziale) Person charakterisiert. Die soziale Identität umfasst zwei Aspekte, den zwischenmenschlichen und den gesellschaftlichen.

Dienen zwischenmenschliche Kontakte bei Heranwachsenden noch der Entwicklung und Reifung einer eigenen Persönlichkeit, einer nicht verwechselbaren Identität[18], erhalten Erwachsene durch soziale Interaktionen vor allem auch wichtige Informationen über ihr bereits vorhandenes Selbstkonzept. Auf diese Weise entsteht eine durch die Anderen mitdefinierte Identität, häufig auch in Form einer spezifischen Gruppenidentität.[19] Ohne den Austausch mit anderen Menschen kann es also im Grunde genommen gar kein Selbst geben.[20] Darüber hinaus stellt der Austausch, der durch Vergleiche zu Vorstellungen eines anderen ‚möglichen Selbst’ führen kann, eine denkbare Handlungsmotivierung dar, die eigene Identität zu modifizieren.

Innerhalb der Gesellschaft hat ein jedes Individuum soziale Rollen und Regeln internalisiert, welche die Ich-Identität bestimmen und lenken. Dabei kommt es, wie schon erwähnt, zu einem Balanceakt zwischen ‚persönlicher’ und durch gesellschaftliche Gegebenheiten bedingter ‚sozialer’ Identität: „Beide ‚Identitäten’ können als Ergebnis einer Synthesis aufgefaßt werden, die sich auf eine Folge von Zuständen in der Dimension der sozialen Zeit (Lebensgeschichte) bzw. auf eine Mannigfaltigkeit gleichzeitiger Erwartungen in der Dimension des sozialen Raums (Rollen) erstreckt.“[21] Soziale Rollen werden in Form von bestimmten institutionalisierten Handlungsmustern, Konventionen, Erwartungen und Selbstentwürfen anderer realisiert. Sie werden z. B. durch die Ausübung eines bestimmten Berufes oder über die Zugehörigkeit zu einer Nationalität definiert.

Der soziale Austausch findet dabei vor allem über Erzählprozesse statt. Diese können stabilisierende und identitätsstiftende Funktion besitzen und fördern die soziale Integration: „Konflikthaftes Erleben wird im Rahmen der Erzählung artikulierbar und findet emotionale Akzeptanz im sozialen Raum.“[22]

2.1.3 Politisch-gesellschaftliche Identität

Über den Bereich der sozialen Identität hinaus weist das Konzept der politisch-gesellschaftlichen Identität. Der Mensch, ein von der Gesellschaft und Kultur bestimmtes Wesen, ist immer auch ein politisches Wesen, das seine Identität als Träger der Gesellschaft durch Mitwirkung, Mitgestaltung und Mitverantwortung finden kann. So stellt Schuster richtig fest, dass Gesellschaft und Politik „Ausdrucksformen [von] menschlicher Gestaltungskraft, von Identitätsentwicklung“ sind, „getragen von der Sehnsucht nach Zugehörigkeit“[23]. Die Bedeutung eines Zugehörigkeitsgefühls für die Identitätsbildung ist umso entscheidender, je mehr traditionelle Milieu-Bindungen in der Gesellschaft aufgehoben werden und so die Möglichkeit einer unmittelbaren, politisch-gesellschaftlichen Identifikation verhindert wird.[24]

Der politisch-gesellschaftliche Kontext ist demnach eine Bedingung der Möglichkeit von Identität.[25] Nicht allein die Existenz der Gesellschaft aber ist identitätsstiftend, auch ihre Beschaffenheit muss so sein, dass der einzelne sich auf sie beziehen kann. Anderenfalls steht die eigene Identität im Widerspruch zum gesellschaftlichen System, was die Frage des Menschen nach sich selbst verschärft und zu Ablehnung der bestehenden Gesellschaft sowie Verlangen nach gesellschaftlicher Veränderung führen kann.[26]

Um eine wechselseitige Anerkennung von Ich und Gesellschaft zu gewährleisten, spricht Jürgen Habermas von der Notwendigkeit, eine kollektive Identität für die jetzige und künftige Gesellschaft zu entwerfen, an welcher jeder Einzelne beteiligt ist, da sie „im Bewußtsein der allgemeinen und gleichen Chancen der Teilnahme an wert- und normbildenden Lernprozessen begründet ist“[27]. Der Konflikt zwischen individueller Autonomie und gesellschaftlichem Zwang könne mit einem solchen auf den Werten und Beiträgen der Teilnehmer aufbauenden Interaktionsprozess aufgehoben, die Wirkungsweise der Gesellschaft durchschaubar und direkt beeinflussbar sowie eine sinnstiftende Identität hervorgebracht werden.

Eine weitere, stärker praxisorientierte Möglichkeit, auf der politischen Ebene Identität zu bilden, hat ihren Ursprung ebenfalls im Kollektiven, nämlich in Form solidarischen Handelns. Hierbei können zwei Möglichkeiten der Identitätsstiftung zum Tragen kommen. Zum einen kann das solidarische Handeln als Selbstzweck identitätsstiftend sein, da Geborgenheit in der Gemeinschaft gefunden werden kann. Zum anderen kann Identität in dem vereinten Verfolgen eines gemeinschaftlichen Zieles gefunden werden. Hierbei ist nicht das solidarische Handeln, sondern vielmehr das durch das solidarische Handeln angestrebte Ziel das identitätsstiftende Moment. Umgesetzt findet sich das z. B. in politisch engagierter Literatur wie etwa in Werken von Bertolt Brecht.[28]

2.1.4 Weltanschauliche Identität

Identität kann auch auf weltanschaulicher Ebene konstituiert werden. Zu jedem historischen Zeitpunkt stehen bestimmte sinnstiftende Erklärungsmuster oder Ideologien zur Verfügung, um die eigene Identität im gesamtgesellschaftlichen und metaphysischen Raum zu bestimmen, wie z. B. im Bürgertum des 18. Jahrhunderts anhand des Humanitätsideals der griechischen Antike. Norbert Ratz gibt für die Identitätsvorstellungen im späteren 18. Jahrhundert Herder wieder: Identischwerden bedeutet in der Bestimmung des (bürgerlichen) Menschen ‚Bildung zur Humanität’. Aus dieser weltanschaulichen Ansicht ergeben sich wiederum Konsequenzen für die Herausbildung einer politischen Identität wie etwa die Auffassung, dass die humanistische Vorstellung von der Freiheit und Gleichheit aller Individuen nicht mit dem dynastischen Prinzip der Herrschaftslegitimation vereinbar ist.[29]

Auch Religiosität kann Identität begründen. Mit dem Glauben an eine übergeordnete, zugleich ordnende Instanz bekommt die eigene Person einen Sinn als Teil eines allgemeinen Weltplans und geht in diesem umfassenden Sinnzusammenhang auf.[30] Identität kann der Einzelne für sich auch aus den durch den Glauben vorgegebenen religiösen Vorschriften und Normen ableiten, nach denen sich das eigene Handeln und Denken ausrichtet und das Selbstverständnis bestimmt.[31]

2.1.5 Identitätskrisen

Identität kann sich auf verschiedenen Ebenen begründen, sie kann zudem aber auch (neu) aus einer Identitätskrise hervorgehen. Zum einen ist diese bei Adoleszenten, ausgelöst durch den Widerspruch des Selbstentwurfes zu den gesellschaftlichen Erwartungen, die notwendige Voraussetzung zur Bildung bzw. Erarbeitung einer Ich-Identität, da sie Selbstreflexion schafft.[32] Mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion können nun Identitätsdefizite im Vergleich mit anderen wahrgenommen und Bemühungen um Vervollständigung der eigenen Identität vorgenommen werden.

Zum anderen kann es durch krisenhafte Lebensereignisse zu Identitätsproblemen[33] kommen, bei denen sich eine Kontinuität in der Veränderung beweisen muss. Umstände, die das Verhalten der Person zu sich selber stören, können privater Verlust, sozialer Abstieg, Arbeitslosigkeit, Emigration, Krieg, aber auch sozialer Aufstieg oder persönliche Glücksfälle sein – alle Umstände, die eine Person mit Anforderungen konfrontieren, „welche den zur gleichen Zeit erhobenen und gleichermaßen legitimen Erwartungen oder auch den in der Vergangenheit eingelebten Erwartungsstrukturen widersprechen“[34]. Ein solcher Widerspruch führt zu einer Störung der gegenwärtigen „Person-Umwelt-Passung“[35]. Daraus gehen Bemühungen hervor, die alte oder eine neue Person-Umwelt-Passung herzustellen, was eine Veränderung der Person oder der als chaotisch wahrgenommenen Umwelt, aber auch das Zerbrechen daran, zur Folge haben kann.

Die vorgenommene Unterscheidung verschiedener Kategorien der Identitätsbildung bzw. Identitätsstörung nimmt eine überhistorische Geltung für sich in Anspruch. Es ist allerdings für die Untersuchung der Identitätsproblematik in Anna Seghers’ Transit erforderlich, die spezifischen historischen Ausprägungen des Phänomens Identität in der Entstehungszeit des Romans zu untersuchen. Nur wenn die für die Exilzeit und auch die Exilliteratur typischen Erscheinungsformen der Identitätsproblematik vergegenwärtigt werden, ist die spätere Einordnung der Textanalyse in einen literarhistorischen Kontext möglich. Dies soll im nachstehenden Kapitel erfolgen.

2.2 Identität im Exilschriftstellerleben und in der Exilliteratur

Die Problematisierung der eigenen Identität nimmt innerhalb des Bewusstseins der Exilierten und auch innerhalb der Exilliteratur einen zentralen Platz ein[36]. Die spezielle historische Situation der Exilierung, die eher zur Regel als zur Ausnahme wird[37], ist gekennzeichnet durch die Trennung des Menschen von dem ihm vertrauten Ort, von seiner Familie, seiner Vergangenheit, seinem kulturellen Erbe, von seinem gesellschaftlichen Kontext. Angesichts dessen erscheint es von Belang, die Frage nach der Stellung der eigenen isolierten Persönlichkeit, dem Wissen um die eigene Identität, für sich selbst, aber auch für andere Exilierte, literarisch zu thematisieren und zu verarbeiten. Dass es dabei zu einer „übertriebenen Beschäftigung“ mit dem eigenen isolierten Selbst, „das ansonsten letzte und nur scheinbar uneinnehmbare Refugium gefährdeter Existenzen und der eigenen Autonomie“[38] kommt, liegt in dem durch die äußeren Umstände bedingten erhöhten Bedarf an Identität. Wie Elisabeth Bronfen feststellt, gibt es drei mögliche Identifikationspunkte für den Exilanten, um die eigene Identität zu bestimmen: die Identifikation mit der Existenz als Exilierter, die Identifikation mit dem Emigrationsland oder die Identifikation mit dem Heimatland.[39] Eine identifikatorische Aneignung des Emigrationslands ist beispielsweise bei Heinrich Mann, vor allem in seinem Roman Die Vollendung des Königs Henri Quatre (1938) festzustellen; eine kritisch-identifikatorische Hinwendung zum Heimatland hingegen in der Gruppe der so genannten ‚Deutschlandromane’ wie z. B. Irmgard Keuns Nach Mitternacht (1937) und Klaus Manns Mephisto. Roman einer Karriere (1936).

Aus Romanen, die sich mit Aspekten oder Situationen des Exils beschäftigen[40], geht vor allem dessen existenzielle identitätsbedrohende Problematik hervor, so z. B. in Klaus Manns Der Vulkan (1939), Lion Feuchtwangers Exil (1939) oder Erich Maria Remarques Liebe deinen Nächsten (1941). Die spezielle Erfahrung des Exils, die Erfahrung der Entpersönlichung, der Deplazierung und Entortung, bedingt geradezu eine solche Thematisierung in der zu dieser Zeit entstehenden Literatur.[41] So stellt auch Lion Feuchtwanger fest, „daß das innerste Wesen der Werke, welche diese Dichter in der Zeit ihrer Verbannung geschrieben haben, bedingt war von ihren äußeren Umständen, von ihrem Exil“[42].

2.2.1 Belastungen des Privatlebens

Vor allem auf der Ebene der persönlichen Identität traf die äußere Situation des Exils die Flüchtigen. Wie stark diese Lage die Exilierten psychisch und physisch belastete, wird z. B. in Beschreibungen von Hilde Spiel deutlich, die das Exil als eine Krankheit, „eine Gemütskrankheit, eine Geisteskrankheit, ja zuweilen eine körperliche Krankheit“[43] bezeichnet.

Eine Ursache für diese ‚Krankheit’ liegt in dem Heimatverlust begründet, der einhergeht mit dem Verlust der persönlichen Geschichte und damit dem Verlust der Ich-Identität: „Die Vergangenheit war urplötzlich verschüttet, man wusste nicht mehr, wer man war.“[44] Die Asylländer stellten in den meisten Fällen ‚Durchgangsländer’ dar, die weder der Gründung einer neuen festen Existenz dienen konnten und sollten, noch identifizierende und damit identitätsstiftende Wirkung besaßen. Die Auffassung von Bertolt Brecht untermauert dies: „Vertriebene sind wir, Verbannte. Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm.“[45] Das Exil war für die meisten vielmehr ein Übergangsort zwischen dem Vertrauten und Bekannten der Heimat und dem Hoffen auf eine Zukunft, die sich auf die verlorene Heimat bezog. Die persönliche Identität konnte daher nicht mit dem damaligen Hier und Jetzt des Exils verbunden werden. Stefan Zweig bringt es auf den Punkt: „Und ich zögere nicht, zu bekennen, daß seit dem Tage, da ich mit eigentlich fremden Papieren und Pässen leben mußte, ich mich nie mehr ganz als mit mir zusammengehörig empfand. Etwas von der natürlichen Identität mit meinem ursprünglichen und eigentlichen Ich blieb für immer zerstört.“[46]

Die Enteignung der Muttersprache, „Haus des Seins“[47] und zugleich Möglichkeit der Verständigung sowie der Aneignung der Welt, brachte die persönliche Identität ebenfalls in eine Krise: „Wo Sprache [...] aus dem großen Strom ihrer bisherigen Welt [herausgerissen wird] und ein eingekapseltes oder verfremdetes Dasein führen muß: überall dort besteht die Möglichkeit, im Fall der Verluderung die Gewißheit, daß ein Mensch, ein Volk sich verfälschen und ihre Welt verlieren.“[48] Im Zuge der fremdsprachigen Umgebung kam es denn auch zu fremdsprachlichen Einflüssen auf die eigene Sprache, zum Stillstand der eigenen Umgangs- und Schriftsprache oder auch zur (schwierigen) Übernahme der Sprache des Gastlandes durch kulturelle Anpassungsprozesse. Dennoch diente die deutsche Sprache dem Großteil der Exilanten der Sicherung persönlicher Identität: „Die deutsche Sprache war der Halt, ihr verdankten wir, daß wir die Identität mit uns selbst bewahren konnten.“[49]

Solche Auseinandersetzungen und Hindernisse mit der Sprache betrafen natürlich vor allem die Schriftsteller. Allerdings konnten gerade sie über die Auseinandersetzung mit der Sprache, genauer: über die Schaffung von Literatur, ihre persönliche Identität im Exil bestimmen. Elisabeth Bronfen spricht hier von einem „neuen Selbstentwurf“, von einem „Versuch, in narrativer Form das zerbrochene Leben wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen“[50]. Literatur diente hier also als Möglichkeit eines wiedergewonnenen oder neu entworfenen narrativen Selbstentwurfs, um so den realen, durch das Exil erzwungenen Identitätsbedarf zu decken. Für diese Form literarischer Identitätsfindung wurden vor allem das Genre der Autobiographie, der Exilroman sowie fiktive, autobiographisch gefärbte Texte bevorzugt, wobei die eigene Flucht, Erlebnisse und Elend des Exilalltags, Heimweh, Isolation und politische Stellungnahmen im Vordergrund standen.[51] Einen solchen Versuch literarischer Bewältigung der Entfremdungssituation stellt Anna Seghers’ Roman Transit (1941-1944) dar: der Text ist Dokument einer Krisenzeit, der Zeit im Marseiller Exil. Er trägt biographische Züge; die dem Roman zugrundegelegten Ereignisse und Personen entstammen größtenteils dem eigenen Erleben: „Erstens (das ist zum Teil leicht erkennbar), ich habe fast alles, was darin vorkommt, miterlebt. Ich habe aber [...] niemals etwas so unmittelbar im Erlebnis Steckende geschrieben. Das Buch ist in Marseille entstanden, in den erwähnten Cafés, [...] in Wartezimmern von Konsulaten, dann auf Schiffen, auch interniert auf Inseln, in Ellis Island in USA, der Schluß in Mexiko.“[52]

2.2.2 Soziale Isolierung

Soziale Isolierung im Exil war das Resultat von Verlusterfahrungen, sei es im Hinblick auf soziale Kontakte, die Heimat oder den Beruf. Die Erfahrung des Verlusts sozialer Kontakte führte nicht selten zu völliger Einsamkeit und Isolation. So bestimmt Döblin das Exil als ruckartigen Stoß in die Isolierung.[53] Anna Seghers bezeichnet ihre Briefe an Wieland Herzfelde als „eine Art Gesellschaftsersatz“[54]. Die fehlenden zwischenmenschlichen Beziehungen, die Vereinzelung sowie der kommunikative Bindungsverlust konnten auch durch Bündnisbestrebungen von Gruppen oder Verbänden wie z. B. den ‚Schutzverband Deutscher Schriftsteller’, eigens von und für die deutschen Schriftsteller und Dichter als Neugründung im Exil organisiert, kaum oder gar nicht aufgefangen werden. Hierzu fehlte es an der nötigen Gruppenidentität, die innerhalb der sehr heterogenen Gruppe von Schriftstellern auch nicht entstehen konnte, obwohl ihnen das äußere Schicksal der Flucht und Vertreibung gemeinsam war.[55]

Darüber hinaus fehlte die Heimat und die damit verbundene Gesellschafts- und Kulturtradition. Die Fremdheit des Exillandes prägte ein Gefühl von Entortung und Deplazierung. Hubert Orlowski ist daher Recht zu geben, wenn er vorschlägt, die im Exil entstandenen Deutschlandromane auch als Romane von Heimweh zu lesen.[56] Ferner sind die fremden Lebensverhältnisse in einer fremden Kultur mit anderen Bräuchen und Traditionen kein temporäres Problem und daher identitätsbedrohend:

Jeder Intellektuelle in der Emigration‚ ohne alle Ausnahme, ist beschädigt. [...] Er lebt in einer Umwelt, die ihm unverständlich bleiben muß, auch wenn er sich in den Gewerkschaftsorganisationen oder dem Autoverkehr noch so gut auskennt; immerzu ist er in der Irre [...] Enteignet ist seine Sprache und abgegraben die geschichtliche Dimension, aus der seine Erkenntnis die Kräfte zog.[57]

Die Krise der sozialen Identität bestimmte sich auch über den (Sinn-)Verlust des Berufes. Die Schriftsteller hatten im Exil als ‚selbsternannte’ Repräsentanten der deutschen Emigration öffentliche Rollen und Funktionen zu erfüllen. In zunehmendem Maße, in dem der Erfolg des Repräsentationsauftrages als Interessenvertreter des deutschen Exils aber ausblieb, wurde auch die Sinnhaftigkeit dieser Aufgabe für die eigene Funktion, und damit für die soziale Identität hinterfragt.[58]

Zudem ging der Verlust der sozialen Rolle für die exilierten Autoren auch hervor aus dem Verlust des Publikums.[59] Das eigene Volk war fern, für es zu schreiben bedeutete, für ein Volk zu schreiben, dessen Erlebnisse und Erfahrungen die Schriftsteller nicht teilten. Die Alternative, im Asylland zu publizieren, traf auch nur für einige Wenige zu, da das Beherrschen der jeweiligen Fremdsprache ein großes Hindernis darstellte. Eine Ausnahme bildet hier Heinrich Mann, der fließend Französisch sprach und auf diese Weise Zugang zu der neuen Gesellschaft fand.

Hinzu kam der Verlust früherer Publikationsmöglichkeiten – die Verlegung des von Wieland Herzfelde gegründeten Berliner Malik-Verlages ins Prager Exil war eher ein Einzelfall – weshalb die meisten Schriftsteller mit materiellen Nöten zu kämpfen hatten.[60] Der Beruf als freier Schriftsteller war nicht länger existenzsichernd. Wiederum waren es gerade die existenziellen Nöte, die vom Schreiben abhielten.[61] All dies hatte zur Folge, dass Sinn und Zweck der eigenen literarischen Produktion in Frage gestellt wurden.

[...]


[1] Hans-Albert Walter: Bedrohung und Verfolgung bis 1933. Deutsche Exilliteratur 1933-1950. Bd. I. Darmstadt, Neuwied: Luchterhand 1972 (= Sammlung Luchterhand 76). S. 15.

[2] Ebd. S. 84.

[3] Christa Wolf: Transit. Ortschaften. In: Dies.: Die Dimension des Autors. Essays und Aufsätze. Reden und Gespräche 1959-1985. Hg. v. Angela Drescher. Frankfurt a. M., Olten, Wien: Büchergilde Gutenberg 1987. S. 364–377, hier S. 367.

[4] Vorausgehende Denkweisen beziehen sich nicht auf eine selbstreflexive Ichbezogenheit, sondern auf die soziale Stellung, auf die Rolle des Einzelnen in der sozialen Gemeinschaft: “Die Identität, um die es hier geht, ist, wie ersichtlich, keine subjektivere Kategorie, kein aus dem eigenen Inneren gesehenes Ich, keine Einheit des Erlebens und Bewußtseins – sie ist eine vom ‚Stellenplan’ der Gesellschaft aus betrachtete Größe, eine konventionelle Gegebenheit, ein ‚pattern’, kurz; die perpetuierte soziale Rolle.“ (Manfred Fuhrmann: Persona, ein römischer Rollenbegriff. In: Identität. Hg. v. Odo Marquard und Karlheinz Stierle. München: Wilhelm Fink 1979. (= Poetik und Hermeneutik. Arbeitsergebnisse einer Forschungsgruppe VIII). S. 83–106, hier S. 101.)

[5] Zu einer Übersicht der verzweigten Problematik des Identitätsbegriffes und seiner Theorien innerhalb der diversen psychologischen Schulen siehe Dieter Henrich: „Identität“ – Begriffe, Probleme, Grenzen. In: Identität. Hg. v. Odo Marquard und Karlheinz Stierle. München: Wilhelm Fink 1979. (= Poetik und Hermeneutik. Arbeitsergebnisse einer Forschungsgruppe VIII). S. 133–186.

[6] Der Satz der Identität hat in verschiedenen Formeln und Formulierungen die Grundbedeutung, dass A gleich A ist bzw. dass A genau dann nicht mit B identisch ist, wenn sich zwischen A und B ein Unterschied finden lässt. Gottfried Wilhelm Leibniz’ principium identitatis indiscernibilium besagt, daß es „nicht mehrere Substanzen geben kann, die sich in nichts voneinander unterscheiden“. Diese Dialektik erfaßt die Gleichheit (etwas ist sich selbst gleich) und zugleich den Unterschied (etwas ist nicht eins mit den anderen), das Individuelle der Identität und ist in Hegels Philosophie der „Identität der Identität und Nichtidentität“ auf den Punkt gebracht. (Vgl. Alois Halder u. Max Müller: Philosophisches Wörterbuch. 2. Aufl. Freiburg, Basel, Wien: Herder 1993. S. 141.)

[7] Vgl. Johannes Hoffmeister: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. 2. Aufl. Hamburg: Felix Meiner 1955. S. 318.

[8] „Er unterscheidet zwischen ‚I’ (Ich) und ‚me’ (Mich), einem Erkennenden und einem Erkannten. Der Erkennende (Wissende), das Ich, hat die Aufgabe und zugleich das kognitive Bedürfnis, ein klares Bild vom Gegenstand seines Erkennens, dem ‚Mich’, zu gewinnen.“ (Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. Hg. v. Rolf Oerter u. Leo Montada. 4. Aufl. Weinheim: Psychologie Verlags Union 1998. S. 346 f.) Fälschlicherweise wurden seine Untersuchungen zum ‚self’ ins Deutsche mit dem Begriff ‘Identität’ übersetzt, was zu der Schlussfolgerung führen könnte, dass James diesen Terminus begründet habe. Er geht jedoch auf Erikson zurück.

[9] Vgl. Philip G. Zimbardo u. Richard J. Gerrig: Psychologie. 7. Aufl. Berlin, Heidelberg, New York: Springer 1999. S. 545.

[10] Rolf Oerter und Leo Montada weisen zudem darauf hin, dass diese Sichtweise auch von vielen ‚naiven’ Personen geteilt wird. Konträr dazu besteht die Auffassung einiger Existenzialphilosophen von dem Selbst als Vakuum-Modell, welches es durch bestehende Konventionen (Heidegger) oder durch persönliche und soziale Identitäten zu füllen gilt, um so das existenzielle Vakuum zu verbergen (Sartre). Vgl. Oerter u. Montada: a. a. O., S. 347.

[11] Vgl. Rolf Oerter u. Leo Montada: a. a. O., S. 356.

[12] Vgl. ebd., S. 346.

[13] Vgl. Philip G. Zimbardo u. Richard J. Gerrig: a. a. O., S. 546.

[14] Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. 2 Bde. Hg. v. Adolf Frisé. Hamburg: Rowohlt 1978, S. 650.

[15] „So unterliegt, was wir als Erfahrung wiedergeben, immer schon in fundamentalem Sinn als poetisches Ganzes Gesetzen der Gestaltung, vermittelt eine Sicht auf die Ereignisse und wirbt für die Rezeption dieser Sicht im Sinne eines Anliegens, für das man engagiert ist. Das narrative Sprechen ist emphatisch und suggestiv.“ (Brigitte Boothe, Agnes von Wyl, Res Wepfer: Erzähldynamik und Psychodynamik. In: Erzählte Identitäten. Ein interdisziplinäres Symposium. Hg. v. Michael Neumann. München: Wilhelm Fink Verlag 2000. (= Reihe Kulte/Kulturen). S. 59-76, hier S. 60.)

[16] „Der Mensch hat eine Neigung, sich zu v e r g e s e l l s c h a f t e n; weil er in einem solchen Zustande sich mehr als Mensch, d. i. die Entwicklung seiner Naturanlagen, fühlt. Er hat aber auch einen großen Hang, sich zu v e r e i n z e l n, weil er in sich zugleich die ungesellige Eigenschaft antrifft, alles bloß nach seinem Sinne richten zu wollen.“ (Immanuel Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht. In: Werke in sechs Bänden. Hg. v. Wilhelm Weischedel. Bd. 6. Darmstadt: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 1964. S. 33–50, hier S. 37 f.)

[17] Vgl. Jens B. Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit. 2. Aufl. Berlin, Heidelberg, New York: Springer 1999. S. 261.

[18] Vgl. Erik H. Erikson: Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart: Klett 1950. S. 258.

[19] Wolfgang Stroebe, Miles Hewstone, Geoffrey M. Stephenson: „Mit anderen Worten, unser Gefühl der Identität ist eng verbunden mit unseren verschiedenen Gruppenmitgliedschaften. Um sich diese Tatsache auf einfache Weise zu veranschaulichen, mag der Leser sich die Frage stellen: Wer bin ich? Analysen der Antworten auf diese Fragen ergeben im allgemeinen, daß mehrere (wenn nicht die meisten) Selbstbeschreibungen sich entweder explizit (Ich bin Juventus-Turin-Fan) oder implizit über den Bezug auf die Berufsgruppe (Ich bin Minenarbeiter), auf das Geschlecht (Ich bin eine Frau) oder auf die Nationalität (Ich bin Deutscher) auf Gruppenbindungen beziehen.“ (Sozialpsychologie. Eine Einführung. Hg. v. Wolfgang Stroebe, Miles Hewstone, Geoffrey M. Stephenson. 3. Aufl. Berlin, Heidelberg, New York: Springer 1996.)

[20] Vgl. Markus und Cross (1990) in Philip G. Zimbardo / Richard J. Gerrig: a. a. O., S. 546.

[21] Jürgen Habermas: Stichworte zur Theorie der Sozialisation. In: Ders.: Kultur und Kritik. Verstreute Aufsätze. 2. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977, S. 131.

[22] Brigitte Boothe, Agnes von Wyl, Res Wepfer: a. a. O., S. 59.

[23] Erika Schuster: „Ich wollt’, daß ich daheime wär“. Literatur als Lebenshilfe. St. Pölten-Wien: Verlag Niederösterreichisches Pressehaus 1992. (= Reihe Wegweiser zum Leben). S. 95.

[24] Zur Auflösung traditioneller Milieus durch den allgemeinen Wertewandel siehe Ulrich Beck: Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung. 4. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993.

[25] Vgl. auch Jürgen Habermas: „Eine die individuellen Lebensgeschichten übergreifende Identität der Gruppe ist [...] Bedingung für die Identität der einzelnen“. In: Jürgen Habermas: Können komplexe Gesellschaften eine vernünftige Identität ausbilden? In: Jürgen Habermas u. Dieter Henrich: Zwei Reden aus Anlaß des Hegel-Preises 1973 der Stadt Stuttgart an Jürgen Habermas am 19. Januar 1974. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974. S. 23–83, hier S. 27 f.

[26] Rolf Oerter und Leo Montada machen dabei auf einen weiteren Widerspruch aufmerksam: den Widerspruch zwischen der bewusst konzipierten Einmaligkeit der eigenen, individuellen Identität und der gesellschaftlichen Anonymität und Funktionalität des Individuums, was ebenfalls zum Wunsch nach gesellschaftlicher Umgestaltung führen kann. Vgl. Rolf Oerter u. Leo Montada: a. a. O., S. 358.

[27] Jürgen Habermas (1974): a. a. O., S. 29.

[28] Blocher führt hierzu die Werke Die Maßnahme (1930) und das nach dem Roman von Maxim Gorki adaptierte Stück Die Mutter (1932) an. Vgl. Friedrich K. Blocher: Identitätserfahrung. Literarische Beiträge von Goethe bis Walser. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag 1984 (= Pahl-Rugenstein-Hochschulschriften Gesellschafts- und Naturwissenschaften 157). S. 126–138.

[29] Vgl. Norbert Ratz: Der Identitätsroman. Eine Strukturanalyse. Tübingen: Max Niemeyer 1988. (= Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte; Bd. 44). S. 12.

[30] Vgl. Monika Wintsch-Spiess: Zum Problem der Identität im Werk Max Frischs. Zürich: Juris 1965. S. 10.

[31] Vgl. Norbert Ratz: a. a. O., S. 11.

[32] Vgl. Erik H. Erikson: Jugend und Krise. Die Psychodynamik im sozialen Wandel. Frankfurt a. M., Berlin, Wien: Ullstein 1981. S. 13. Aus dieser Auseinandersetzung unvereinbarer Identitäts- und Lebensentwürfe geht der Wandel von der autonomen zur mutuellen (wechselseitigen) Identität hervor. Vgl. Rolf Oerter u. Leo Montada: a. a. O., S. 358.

[33] Wenrich weist diesbezüglich auf eine interessante Eigentümlichkeit hin: „Solange eine Person in einen vertrauten Lebensumkreis eingebettet ist, besteht kein Anlaß, von ihrer Identität zu sprechen. Erst wenn ein ungewöhnliches Ereignis diese Vertrautheit zerbricht und in das Verhältnis dieser Person zu sich selber oder zu anderen Personen Störungen oder Gefährdungen hineinträgt, kann ein Identitätsproblem auftreten.“ (Harald Wenrich: Vorläufer der Identitätskarte. In: Identität. Hg. v. Odo Marquard u. Karlheinz Stierle. München: Wilhelm Fink 1979. (= Poetik und Hermeneutik. Arbeitsergebnisse einer Forschungsgruppe VIII). S. 683–684, hier S. 684.) Zudem möchte ich zu dem Begriff ‚Identitätsproblem’ anmerken, dass, wie die Aufteilung der Identität in verschiedene Ebenen bereits verdeutlicht, ‚Identität’ in ihrer Einheitlichkeit fragwürdig ist. Dementsprechend können auch die Probleme oder Krisen mit der Identität auf den verschiedenen Ebenen stattfinden.

[34] Jürgen Habermas (1974): a. a. O., S. 26.

[35] Die ‚Person-Umwelt-Passung’ ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung, welche ein „ständiger Kompromiß zwischen Eigendynamik der Persönlichkeit und Fremdbestimmung durch die Umwelt“ ist. (Jens B. Asendorpf: a. a. O., S. 342.)

[36] Zur Entwicklung und Diskussion um die Bezeichnungen ‚Emigration’ und ‚Exil’ sowie zur Periodisierung vgl. Konrad Feilchenfeld: Deutsche Exilliteratur 1933-1945. Kommentar zu einer Epoche. München: Winkler 1986. V. a. S. 11-19. Vgl. auch Helmut Müssener, der die terminologischen Schwankungen im Selbstverständnis der Exilautoren und in der Forschungsgeschichte im fünften Abschnitt ‚Exilant – Emigrant – Flüchtling. Zur Terminologie und ihrer Geschichte’ ausführlich darstellt. In: Ders.: Die deutschsprachige Emigration in Schweden nach 1933. Ihre Geschichte und kulturelle Leistung. Stockholm: Stockholms Universitet, Tyska Institutionen 1971. S. 71–106.

[37] Vgl. Joseph Brodsky über das Massenexil des 20. Jahrhunderts: „Displacement becomes this century’s common place.“ (Zitiert nach Elisabeth Bronfen: Entortung und Identität: Ein Thema der modernen Exilliteratur. In: The Germanic Review 69 (1994). H. 2. S. 70–78, hier S. 74.)

[38] Michael Winkler: Germany – Jekyll und Hyde. Nationale Stereotypen und die Suche nach kultureller Identität im Exil. In: Wider den Faschismus. Exilliteratur als Geschichte. Hg. v. Sigrid Bauschinger u. Susan L. Cocalis. Tübingen, Basel: Francke 1993. S. 5–22, hier S. 5.

[39] Vgl. Elisabeth Bronfen: a. a. O., S. 71.

[40] Buck nimmt dafür eine Einteilung in Autobiographien (Klaus Mann: The Turning Point, 1942; Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt, 1946); Romane über das Exil (Anna Seghers: Transit, 1939) und Selbstzeugnisse zur Lage der Exilierten in Frankreich seit 1939 (Lion Feuchtwanger: Unholdes Frankreich. Meine Erlebnisse unter der Regierung Pétain, 1942; Walter Hasenclever: Die Rechtlosen, entstanden 1939/40; 1963) vor. Vgl. hierzu Theo Buck u. a.: Von der Weimarer Republik bis 1945. Stuttgart u. a.: Ernst Klett 1985. (= Geschichte der deutschen Literatur; Bd. 5), S. 154. Eine andere Klassifizierung nimmt Egon Schwarz vor. Er unterteilt neben literarischen Werken zur Exilsituation, wozu er oben genannte Romane zählt, ferner nicht-fiktionale Texte zum selben Thema (z. B. Thomas Manns Brief an den Dekan der Bonner Universität, 1937 oder Ernst Blochs Zerstörte Sprache – zerstörte Kultur, 1939) sowie Werke, die versteckte Anspielungen auf die Exilthematik beinhalten wie Brechts Leben des Galilei, 1. Fassung 1943 oder Anna Seghers’ Ausflug der toten Mädchen, 1946, aber auch die historischen Romane wie z. B. Heinrich Manns Die Vollendung des Königs Henri Quatre, 1938. Vgl. Egon Schwarz: Exilliteratur. In: Weimarer Republik – Drittes Reich: Avantgardismus, Parteilichkeit, Exil. 1918-1945. Hg. v. Alexander von Bormann u. Horst Albert Glaser. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1983. (= Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte; Bd. 9). S. 302–317, hier S. 315 f. Deutlich wird in beiden Einteilungen, dass sich die meisten Werke der emigrierten Schriftsteller mit dem Exil als Thema beschäftigen bzw. es literarisch umsetzen.

[41] Wie ein Paradox liest sich die treffende Zuspitzung dessen bei Bronfen: „Innerhalb einer anhaltenden Deplazierung plaziert, artikuliert sich die Literatur des Exils genau in der Situation, gegen die sie auch gerichtet ist.“ (Elisabeth Bronfen: a. a.O., S. 74.)

[42] Lion Feuchtwanger: Die Arbeitsprobleme des Schriftstellers im Exil. In: Sinn und Form. H. 3. Potsdam: Rütten & Loening 1954, S. 348–353, hier S. 348.

[43] Hilde Spiel: Psychologie des Exils. Ein Vortrag, gehalten auf der Tagung der Exilforscher in Wien im Juni 1975. In: Neue Rundschau (März 1975). S. 424– 439, hier S. 424.

[44] Améry, Jean: Wieviel Heimat braucht der Mensch. Jenseits von Schuld und Sühne - Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart: Klett Cotta 1980, S. 61. Zudem stellt Améry ein für das Exil treffendes Paradox prägnant in einem Satz fest: „Man muß Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.“ (Ebd., S. 78.) Die verlorene Heimat führte dem Exilanten die Verbundenheit mit seiner Heimat erst besonders schmerzlich vor Augen.

[45] Bertolt Brecht: Über die Bezeichnung Emigranten. In: Ders.: Gesammelte Werke. Bd. 9. Hg. v. Elisabeth Hauptmann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1968. S. 718.

[46] Stefan Zweig: Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers. Frankfurt a. M.: Fischer 1962. S. 374.

[47] Martin Heidegger: Brief über den Humanismus. In: Ders.: Wegmarken. Gesammelte Werke. Bd. 9. Hg. v. Friedrich-Wilhelm von Herrmann. Frankfurt a. M.: Klostermann 1976. S. 313–364, hier S. 313. Vgl. auch Thomas Mann: „Was ist Heimatlosigkeit? In den Arbeiten, die ich mit mir führe, ist meine Heimat. Vertieft in sie, erfahre ich alle Traulichkeit des Zuhauseseins. Sie sind Sprache, deutsche Sprache und Gedankenform, persönlich entwickeltes Überlieferungsgut meines Landes und Volkes. Wo ich bin, ist Deutschland.“ Zitiert nach Alexander Stephan: Die deutsche Exilliteratur 1933–1945. Eine Einführung. München: C. H. Beck 1979 (= Beck’sche Elementarbücher). S. 140.

[48] Ernst Bloch: Zerstörte Sprache – zerstörte Kultur [1939]. Vortrag vor dem ‚Schutzverband Deutscher Schriftsteller’ in New York 1939. In: Deutsche Exilliteratur 1933-1945. Primärtexte und Materialien zur Rezeption. Hg. v. Andreas Winkler u. Wolfdietrich Elss: Frankfurt a. M., Berlin, München: Moritz Diesterweg 1982. S. 118–120, hier S. 119.

[49] Ausführlicher: „Für mich ist die Sprache das Unverlierbare, nachdem alles andere sich als verlierbar erwiesen hat. Das letzte unabnehmbare Zuhause. Nur das Aufhören der Person, der Gehirntod, kann sie mir wegnehmen, die deutsche Sprache. In den andern Sprachen, die ich spreche, bin ich zu Gast. Die deutsche Sprache war der Halt, ihr verdankten wir, daß wir die Identität mit uns selbst bewahren konnten.“ (Hilde Domin: Rundfunkstatement 1975. In: Scheidgen, Ilka: Abel, steh auf, damit es anders anfängt zwischen uns. Begegnungen mit Hilde Domin. [Publik – Forum Nr. 15, 21. Jahrgang, 14. August 1992], S. 34.)

[50] Elisabeth Bronfen: a. a. O., S. 71.

[51] Z. B. Lion Feuchtwanger: Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen. (1940/41, München/Wien 1985). Vgl. Alexander Stephan: a. a. O., S. 163–166. Stephan weist auch darauf hin, dass die neue, fremde Umgebung im Zuge häufig wechselnder Asylorte und der Beschäftigung mit den Geschehnissen in Deutschland literarisch nicht oder kaum thematisiert wurde. Vgl. ebd., S. 145.

[52] Anna Seghers: Briefe an Leser. Berlin und Weimar: Aufbau 1970, S. 43–45. In einem Brief an Wieland Herzfelde betont sie die ‚therapeutische, klärende’ Funktion des Schreibens: „Wie Du weißt, gibt es bei uns immer viel Neues, und nur die Hälfte alles Durcheinanders pfleg ich durch Schreiben zu erleichtern, die andere Hälfte behalt ich für mich, um unsre Freunde nicht zu äußerstem Wahnsinn zu bringen.“ Anna Seghers: Brief an Wieland Herzfelde vom 9. Mai 1940. In: Über Kunstwerk und Wirklichkeit. Bd. 4. Hg. v. Sigrid Bock. Berlin: Akademie-Verlag 1979. S. 139–140, hier S. 139.

[53] Vgl. Klaus Siebenhaar: Abschied. Monologe aus der Einsamkeit. In: Innen-Leben. Ansichten aus dem Exil. Ein Berliner Symposium. Hg. v. Hermann Haarmann. Berlin: Fannei & Walz 1995. S. 134–150, hier S. 146. Über die völlige Vereinsamung klagten auch z. B. Ernst Weiß, Georg Bernhard und Curt Goetz. Der Grad der Verzweiflung über die Situation des Exils spiegelt sich in Suiziden als Ausdruck eines Existenzverlusts wider wie z. B. bei Stefan Zweig, Walter Benjamin, Ernst Weiß oder Ernst Toller.

[54] Anna Seghers: Brief an Wieland Herzfelde vom 1. 9. 1940. In: Über Kunstwerk und Wirklichkeit. Bd. 4. Hg. v. Sigrid Bock. Berlin: Akademie-Verlag 1979. S. 141–142, hier S. 141.

[55] Vgl. Ernst Erich Noth: Die Exilsituation in Frankreich. In: Die deutsche Exilliteratur 1933-1945. Hg. v. Manfred Durzak. Stuttgart: Reclam 1973. S. 73–89, hier S. 76.

[56] Vgl. Hubert Orlowski: Von ungleichwertiger Deprivation. Verlorene Heimat in deutscher und polnischer Literatur nach 1939. In: Heimat und Heimatliteratur in Vergangenheit und Gegenwart. Hg. v. Hubert Orlowski. Poznán: Instytut Filologii Germanskiej Uam 1993. S. 117–128.

[57] Theodor W. Adorno: Minima Moralia Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1951, S. 32.

[58] Vgl. Konrad Feilchenfeld: a. a. O., S. 91–93.

[59] Vgl. Egon Schwarz: „In einem Punkt waren jedoch die Schriftsteller schlechter dran als alle anderen: Sie haben ihr Publikum und ihren kulturellen Nährboden, die Grundlage ihrer geistigen Existenz verloren.“ (Egon Schwarz: a. a. O., S. 307.)

[60] Nur ein knappes Dutzend bildet die Gruppe wohlhabender Autoren. Darunter Schriftsteller wie Stefan Zweig, Erich Maria Remarque, Emil Ludwig, Vicki Baum, Alfred Neumann oder Thomas Mann. Vgl. Sigrid Bock: Roman im Exil. Entstehungsbedingungen, Wirkungsabsichten und Wirkungsmöglichkeiten. In: Erfahrung Exil. Antifaschistische Romane 1933-1945. Analysen. Hg. v. Sigrid Bock u. Manfred Hahn. Berlin, Weimar: Aufbau 1979. S. 7–53, hier S. 26 f.

[61] Anna Seghers: „Nur etwas, Wieland, ist schlimm, es geht mir furchtbar schlecht. Man merkt es bei mir nicht so, denn ich kann nicht in Sack und Asche gehen und jammern, aber es geht mir so, daß jede Beendigung der Arbeit nur mit einem wirklichen Kräfteverlust, mit einem solchen Verbrauch von sog. Lebenssubstanz möglich ist, daß ich immer fürchte, meine ganze Arbeit ist gefährdet. Wenn Du da drüben jemand finden könntest, der mir hilft! Dadurch, daß ich zum Glück auch Kinder habe, ist alles doppelt schwer.“ Anna Seghers: Brief an Wieland Herzfelde vom 1. September 1940, a. a. O., S. 142.

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
"Irgend etwas war mir verlorengegangen". Zur Identitätsproblematik in Anna Seghers' "Transit"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
86
Katalognummer
V76354
ISBN (eBook)
9783638733748
ISBN (Buch)
9783638735353
Dateigröße
801 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Irgend, Identitätsproblematik, Anna, Seghers, Transit
Arbeit zitieren
Hanka Loos (Autor), 2007, "Irgend etwas war mir verlorengegangen". Zur Identitätsproblematik in Anna Seghers' "Transit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76354

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