„Die Verwandlung“. Abbild des kafkaschen Schaffensprozesses oder gesellschaftskritische Fabel?


Essay, 2006

8 Seiten, Note: "keine"


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Gregor Samsa – ein Spiegelbild Franz Kafkas?

2. „Die Verwandlung“ – eine gesellschaftskritische Fabel?

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Viel zitiert ist Franz Kafkas schwieriges Verhältnis zu seinem Vater und die Verarbeitung dessen in seinem literarischen Werk. Ein weiteres auffälliges Motiv Kafkas stellt aber insbesondere in der Erzählung „Die Verwandlung“ die Reflexion des eigenen Schaffensprozesses dar. Die Metamorphose Gregor Samsas in ein Insekt kann also durchaus als Sinnbild für Kafkas Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, dem eigenen Leben und der Flucht in die Schreibarbeit verglichen werden. Anzeichen, die diese These stützen können, sollen im Folgenden aufgeführt werden.

Im Anschluss ist vorgesehen, über einige kurze, sozialgeschichtliche Anmerkungen zu einer Herausarbeitung gesellschaftskritischer Aspekte in der „Verwandlung“ zu gelangen und die Frage zu beantworten, ob die Erzählung in Verbindung mit der Gesellschaftskritik als Fabel angesehen werden kann. Dabei wird gezeigt, dass Kafkas Biografie nicht als einziges Deutungsinstrument anzusehen ist.

Der dritte und letzte Teil des vorliegenden Essays hat dann zur Aufgabe, die beiden Interpretationsansätze miteinander zu vergleichen.

1. Gregor Samsa – ein Spiegelbild Franz Kafkas?

Schon der Nachname der Familie „Samsa“ stellt eine auffällige Parallele zum Familiennamen „Kafka“ dar. Der Vokal „a“ steht an zweiter und letzter Stelle, um ihn herum sind drei Konsonanten angeordnet. „Der Name ist immer schon als Konsonanz zum Namen des Verfassers gelesen worden, was dieser auch zugegeben hat, aber indem er warnend hinzufügte, Samsa sei nicht völlig Kafka“[1]. Bereits hieraus zeigt sich, dass „Die Verwandlung“ durchaus autobiografische Züge trägt. Wie der Autor lebt auch die Figur Gregor Samsa in einem schwierigen Verhältnis zu seinem dominanten Vater, in einer von inzestuösen Fantasien geprägten Beziehung zur Schwester und mit einer

liebevollen, aber wenig durchsetzungsfähigen Mutter zusammen. Gregor lebt zurückge-zogen, mit nur wenigen sozialen Kontakten außerhalb der Familie und widmet sich ganz seiner Arbeit, bis sich seine Verwandlung vollzieht. „Zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“[2] wacht er morgens „aus unruhigen Träumen“[3] auf. Von unruhigen Träumen ist auch Kafka oft geplagt. So entsteht auch die Idee zur „Verwandlung“, während der Autor morgens im Halbschlaf „Momente des Deliriums und der Halluzination“[4] durchlebt. Das Ausleben und Umsetzen der Inspiration, den Prozess des Schreibens, empfindet auch Kafka wie eine Verwandlung. Auch „er fühlte ein Tier in sich“[5].

„Das Tier, das in ihm hauste, Käfer oder Dachs oder Maulwurf, war nichts anderes als Seele und Körper seines Schriftsteller-Seins, das sich nachts und im Winter im Keller verkroch, um so die Stimme der Inspiration besser zu hören“[6].

So wie Gregor Samsa also in sein Zimmer gesperrt wird, um den Familienmitgliedern den Anblick seiner zum Riesenkäfer mutierten Gestalt zu ersparen, sperrt sich auch Kafka nachts zum Schreiben ein.

„Der Kerker: Dies war die Quelle von Kafkas Größe. Niemand kannte wie er das schreckliche Verlangen der Selbstbegrenzung, das ihn den eigenen Lebenskreis immer weiter einschränken ließ“[7].

Erst in diesem eingeschränkten Lebensraum kann der Autor also die Kraft schöpfen, seine volle Kreativität zu entfalten und die benötigte Inspiration zu finden. Es liegt somit nahe, zu vermuten, dass Kafka das Dasein Gregors als eine gleichzeitig anziehende wie abstoßende Idealvorstellung seiner eigenen Existenz ansieht.

„Unten, wo Gregor Samsa ist, liegt Finsternis. Die Türe, mit dem Schlüssel abgeschlossen, öffnet sich kaum jemals. Das Zimmer ist ein Kerker, wo das Insekt sein Leben als Gefangener fristet, wie Kafka in seiner Klasutrophilie es oft erträumt hatte. Der Raum ist eng. Die Zeit ist gänzlich zum Stillstand gekommen.“[8]

Sollte Kafka also, wie Gregor einsam in seinem Zimmer eingeschlossen sein, nur von Besuchen der fürsorglichen Schwester, die ihm Nahrung bringt unterbrochen, so lässt sich mutmaßen, dass dies seine Kreativität und Produktivität, aber auch sein Wohlbefinden noch einmal extrem gesteigert hätte. Da er aber nach wie vor ins

Familien- und Berufsleben eingebunden ist, lässt sich diese Vorstellung für ihn nur nachts realisieren. Symbolisch für die Tätigkeit, der Kafka in seinem abgeschlossenen Raum nachgeht, kann verstanden werden, wenn Gregor „frei herumkriechen und sich beliebig auf den Boden fallenlassen“[9] möchte. Die Freiheit, sich in alle Richtungen zu bewegen und in den Raum „fallen“ zu lassen, ist durchaus mit einem kreativen Schreibprozess zu vergleichen, neben der Notwendigkeit eines abgeschlossenen Raums also eine weitere Gemeinsamkeit.

[...]


[1] Schwarz, Egon: Nachwort. In: Kafka, Franz: Die Verwandlung. Stuttgart, 1978. S.72.

[2] Kafka, Franz: Die Verwandlung. Stuttgart, 1978. S.3.

[3] ebd.

[4] Citati, Pietro: Kafka. Verwandlungen eines Dichters. München, 1990. S.66.

[5] ebd., S.64.

[6] ebd., S.65

[7] ebd., S.62

[8] ebd., S.70

[9] ebd., S.71

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
„Die Verwandlung“. Abbild des kafkaschen Schaffensprozesses oder gesellschaftskritische Fabel?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Proseminar „Kafka im Deutschunterricht“, Sommersemester 2006
Note
"keine"
Autor
Jahr
2006
Seiten
8
Katalognummer
V76363
ISBN (eBook)
9783638804844
ISBN (Buch)
9783668148420
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verwandlung“, Abbild, Schaffensprozesses, Fabel, Proseminar, Deutschunterricht“, Sommersemester
Arbeit zitieren
Florian Reifenrath (Autor), 2006, „Die Verwandlung“. Abbild des kafkaschen Schaffensprozesses oder gesellschaftskritische Fabel?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76363

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