Sowohl zahlreiche Witze, Spottlieder und Karikaturen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, die – mündlich überliefert oder in antisemitischen Propagandazeitschriften verbreitet – vermeintlich typisch jüdische Namen aufgriffen und parodierten, als auch Verbalattacken von Politikern, die den tatsächlichen oder angedichteten jüdischen Namen ihrer Opfer als Mittel der Verleumdung und Diffamierung nutzten, zeugen von einer schon vor dem Nationalsozialismus bestehenden Tradition antisemitischer Namenpolemik. Dieser Tradition folgend ist es nur konsequent, wenn der in der Rhetorik nationalsozialistischer Rädelsführer als ‚undeutsches’ Brandmal verwendete jüdische Name schließlich sein Pendant im stilisierten „wahrhaft deutschen Namen“ fand, einem in seiner Bedeutung schwankenden Begriff , dem angeschlossen alsbald auch die Forderung laut wurde: „Deutschen Kindern – Deutsche Namen!“
An diesen kurzen historischen Überblick anschließend ergeben sich nun folgende Überlegungen und Fragestellungen:
Wie wurden Namen von den Nazis zu antisemitischen oder anderen ideologischen Zwecken instrumentalisiert? Wodurch war dies möglich?
Warum sind Namen ein geeignetes Mittel der Kennzeichnung, welchen sprachtheoretischen Status haben sie?
Was bedeutet der Name seinem Träger, in wie weit identifiziert dieser sich mit jenem und welche Folgen haben Angriffe auf den Namen?
Haben Namen eine soziale Funktion, üben sie in irgendeiner Weise Wirkung auf das Umfeld des Trägers aus?
Woher kommen die verschiedenen Namen, wo liegen die Unterschiede? Gibt es für bestimmte Volksgruppen typische Namen und wenn ja, was lässt sie als typisch erscheinen?
Welche Erkenntnis über die Mentalität der Deutschen zur NS-Zeit kann man aus der Beanwortung dieser Fragen gewinnen?
Da viele dieser Fragen nicht ausschließlich den Nationalsozialismus betreffen, sondern eher allgemeiner Natur sind, erscheint es sinnvoll, ihre Bearbeitung als Basis späterer Konkretisierungen vornan zu stellen. Dies soll nun in Form eines namentheoretischen bzw. namenkundlichen Überblicks geschehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Namentheorie und Namenkunde
2.1 Propria vs. Appellativa
2.2 Namenpsychologie
2.3 Zur Geschichte deutscher Namen
2.3.1 Ruf- und Vornamen
2.3.2 Die Entstehung der Familiennamen
2.3.3 Jüdische Namen
3. Namenpolemik und Namenpolitik
3.1 Die namenpolemische Propaganda der „Kampfzeit“
3.2 Namenpolitik im „Dritten Reich“
4. Resümee
5. Anhang
A: Antisemitische Karikatur jüdischer Typen und Namen
B: Markierungstabelle Familiennamen
C1 und C2: Richtlinien über die Führung der Vornamen vom 18. 8. 1938
D: Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17. 8. 1938
6. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Instrumentalisierung von Namen als politisches und ideologisches Mittel zur Stigmatisierung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung im Nationalsozialismus. Ziel ist es, die sprachtheoretischen Grundlagen des Eigennamens sowie dessen soziale Funktion zu beleuchten, um zu verstehen, wie Namen durch gezielte Polemik und staatliche Namenpolitik in ein kollektives, diffamierendes Feindbild umgewandelt wurden.
- Sprachtheoretische Grundlagen des Eigennamens (Propria vs. Appellativa)
- Psychologische und soziale Wirkung von Namen auf Identität und gesellschaftliche Wahrnehmung
- Historische Entwicklung deutscher und jüdischer Namen
- Mechanismen antisemitischer Namenpolemik in der NS-„Kampfzeit“
- Staatliche Namenpolitik und gesetzliche Kennzeichnungspflichten im „Dritten Reich“
Auszug aus dem Buch
3.1 Die namenpolemische Propaganda der „Kampfzeit“
„Es gibt einen verbalen Gewöhnungsprozeß im Vorfeld der Tat, durch den anerzogene und vielleicht auch instinktive Hemmungen abgebaut werden.“
Die ausgeprägte ideologische Verblendung der Bevölkerung, welche für die bekanntlich ungehemmt und skrupellos verübten Verbrechen im Dritten Reich verantwortlich war, muss als die Folge eines solchen Prozesses angesehen werden, dessen Wurzeln schon in der Zeit vor der nationalsozialistischen Machtergreifung liegen. Zweifelsohne wurde diese Verblendung aber von den Nazis forciert, indem gezielte propagandistische Mittel zur Aufwiegelung und Aggressionsenthemmung des Volkes zum Einsatz kamen. Allen voran ist hier natürlich der spätere „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ Joseph Goebbels zu nennen, der schon in der „Kampfzeit“ vor 1933 keine Gelegenheit ausließ, das Gedankengut und den Wortschatz des Antisemitismus in die Köpfe der Menschen zu bringen. Dazu diente ihm unter anderem die ab 1927 von ihm veröffentlichte Zeitung „Der Angriff“, in deren Leitartikeln er politische und ideologische Gegner verhöhnte und verleumdete.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der nationalsozialistischen Instrumentalisierung von Namen ein und umreißt die wissenschaftliche Fragestellung.
2. Namentheorie und Namenkunde: Dieses Kapitel erläutert die sprachwissenschaftlichen Grundlagen von Eigennamen, ihre psychologische Bedeutung für die Identitätsbildung sowie die historische Entwicklung deutscher und jüdischer Namensformen.
3. Namenpolemik und Namenpolitik: Hier wird analysiert, wie Namen zunächst in der NS-Propaganda als polemische Diffamierungsinstrumente genutzt und nach 1933 durch staatliche Gesetze zur systematischen Markierung der jüdischen Bevölkerung institutionalisiert wurden.
4. Resümee: Das Fazit fasst zusammen, dass Namen durch ihre Eigenschaft als „ungesättigte“ Gefäße für Assoziationen von den Nationalsozialisten gezielt in offizielle Stigmata umgewandelt wurden, um eine umfassende Ausgrenzung zu legitimieren.
Schlüsselwörter
Namenpolemik, Namenpolitik, Nationalsozialismus, Antisemitismus, Eigennamen, Stigmatisierung, Feindbild, NS-Propaganda, Namensänderung, Kennzeichnungspflicht, Jüdische Namen, Identität, Sprache, Drittes Reich, Diskriminierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der instrumentellen Nutzung von Personennamen als Mittel antisemitischer Diffamierung und politischer Ausgrenzung während der Zeit des Nationalsozialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören die Sprachtheorie des Eigennamens, die historische Entwicklung deutscher und jüdischer Namen, die propagandistische Rhetorik der „Kampfzeit“ sowie die staatliche Gesetzgebung zur Namensregelung im „Dritten Reich“.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie durch die bewusste Manipulation und Markierung von Namen ein gesellschaftliches Klima geschaffen wurde, das die Entrechtung und Entmenschlichung der jüdischen Bevölkerung vorbereitete und begleitete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Analyse, die namenkundliche (onomastische) Grundlagen mit historisch-dokumentarischer Quellenarbeit verknüpft, um die rhetorischen und rechtlichen Strategien der Nationalsozialisten zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über die Natur von Namen und eine inhaltliche Analyse der namenpolemischen Propaganda sowie der konkreten staatlichen Namenpolitik (Gesetze, Verordnungen und Richtlinien).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Namenpolemik, Namensstigma, Identitätsverlust, rassistische Namensgesetzgebung und die „soziale Haut“ eines Namens.
Welche Rolle spielte der Name „Cohn“ in der antisemitischen Propaganda?
Der Name Cohn fungierte als besonders markiertes „Stigma“ für den jüdischen Typus, das aufgrund seiner Häufigkeit und seiner negativen Konnotationen gezielt in Hetzkampagnen und Spottliedern instrumentalisiert wurde.
Wie unterschied sich die Namenspolitik vor und nach der Machtergreifung 1933?
Während die Namenpolemik vor 1933 vor allem propagandistisch und informell in Zeitungen wie „Der Angriff“ stattfand, ermöglichte die Machtübernahme ab 1933 die Umsetzung staatlicher Zwangsmaßnahmen und Gesetze, die eine freie Namenswahl für Juden unmöglich machten.
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- Timo Klemm (Author), 2005, "Dem Namen nach zu urteilen..." - Antisemitische Namenpolemik und Namenpolitik als Mittel nationalsozialistischer Feindbildmalerei, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76515