Das gesamte Spektrum kompromissloser Religionsausübung in den USA reicht von quietistischen, sich von der restlichen Gesellschaft absondernden Gemeinschaften, über (vor allem) evangelikale Freikirchen und ihnen nahe stehenden, politischen Einfluss nehmenden Organisationen (wie z.B. der von Jerry Falwell gegründeten ‚Moral Majority’ ) bis hin zu extremistischen und rassistischen Gruppierungen. Gemeinsam ist allen jedoch eine fundamentalistische Auffassung von Religion , d.h. „ein spezifisches, religiöses Geschichtsbewusstsein [...], das auf besonderen metaphysischen und anthropologischen Annahmen fußt“ , die sich einer Hinterfragung kategorisch verweigern und den ausschließlichen Bezugspunkt allen spirituellen und weltlichen Denkens und Handelns des Gläubigen bilden.
Doch wie ist es nun zu erklären, dass in einem modernen, aufgeklärten, wissenschaftlich und politisch weltweit eine gewisse Vorreiter-Rolle einnehmenden Land wie den USA, das zudem gemeinhin mit Freiheit und Unabhängigkeit der dort lebenden Menschen assoziiert wird, ein beachtlicher Teil der Bevölkerung gerade diese Freiheit aufgibt, sich freiwillig persönlicher und sozialer Reglementierungen religiöser Art unterstellt und bereit ist, gegebenenfalls verbitterten Widerstand zu leisten gegen jene, die einen liberalen Lebensentwurf bevorzugen? Sind sie alle Fanatiker, berauscht von ihrem Glauben und blind vor Gotteseifer oder haben sie unter Umständen rationale Gründe, so zu handeln? Was sind die (inneren und äußeren) Bedingungen, die sie dazu bringen, nichts außer den eigenen Vorstellungen vom richtigen Weg zuzulassen und diesem unbeirrbar zu folgen?
Diesen Fragen soll im Folgenden, nach einem Blick über das religiös-kulturelle Terrain der USA (insbesondere das protestantische), nachgegangen werden. Hierbei werden vor allen Dingen Ansätze der rationalen Entscheidungstheorie (Rational Choice Theory) den methodischen Rahmen bilden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die religiöse Landschaft der USA
2.1 Stellenwert von Religion
2.2 Konfessionszugehörigkeit
2.3 Differenzierung protestantischer Glaubensgemeinschaften
2.4 Aktivismus und Heilsgeschichte – Feine Unterschiede
3. Die fundamentalistische Versuchung
3.1 Amerika und die Säkularisierung
3.2 Der religiöse Wettbewerb
3.3 Liberale Kirchen und das Problem des free-ridings
3.4 Wahrer Glaube als Lösung des free-rider Problems
3.5 Die ökonomische Wissenstheorie
3.5.1 Wissen als ökonomisches Gut
3.5.2 Glaube als Folge rationaler Entscheidungen
3.5.3 Normativ erzwungener Glaube
3.5.4 Die Autokatalyse von Ausschlussnormen
3.5.5 Stärkung durch Bedrohung
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gründe für die hohe Persistenz und den Einfluss evangelikaler und fundamentalistischer Strömungen in den USA. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich das Festhalten an konservativen religiösen Lebensentwürfen trotz der modernen, liberalen Umgebung erklären lässt und welche Rolle dabei ökonomische und sozialtheoretische Erklärungsmodelle spielen.
- Analyse der religiösen Landschaft der USA.
- Untersuchung von institutionellen Mechanismen und Anreizstrukturen in religiösen Organisationen.
- Anwendung der ökonomischen Wissenstheorie auf religiösen Glauben.
- Diskussion von Ausschlussnormen und dem Effekt externer Bedrohungswahrnehmung.
Auszug aus dem Buch
3.2 Der religiöse Wettbewerb
Die Zuwanderung religiöser Gruppierungen in die „Neue Welt“ hat durchaus Tradition: schon lange vor der offiziellen Gründung der USA machten sich wegen ihres Glaubens in der Heimat Verfolgte auf, um auf amerikanischem Boden in Freiheit leben zu können. Freiheit und Selbstverständlichkeit der Religionsausübung war unter diesen frühen Siedlern ein hohes Gut, das sich auch in der gegenseitigen Tolerierung der verschiedenen Glaubensgemeinschaften widerspiegelte – die theologischen Ansichten waren zwar oft verschieden und es gab durchaus konkurrierendes Verhalten, das Existenzrecht des konkurrierenden Glaubens als solches wurde aber prinzipiell nicht in Frage gestellt. Diese Toleranz, die sich später im ersten Punkt der die amerikanische Verfassung ergänzenden Bill of Rights wieder finden sollte, begünstigte auch die Entstehung neuer Bewegungen wie z.B. der Baptisten oder der Latter-day Saints (Mormonen). Es entwickelte sich also nach und nach ein pluralistischer religiöser Markt, dessen Akteure miteinander in lebhaftem Wettbewerb der Rekrutierung neuer sowie Bindung bereits gewonnener Anhänger standen und bis heute stehen.
Solch ein religiöser Markt, der sich durch Angebotsvielfalt auszeichnet, ist (genau wie sein kapitalwirtschaftliches Pendant) in der Lage, sich durch seine pluralistische Struktur eine relativ hohe Nachfrage zu sichern, da er den Konsumenten unter anderem die Möglichkeit des „churchswitching“ bietet:
„Ist die eigene Kirche zu liberal, zu konservativ, zu phantasielos, so kann man umsteigen, statt gleich auszusteigen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die gesellschaftliche Relevanz evangelikaler Positionen anhand von Äußerungen Jerry Falwells nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.
2. Die religiöse Landschaft der USA: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über den hohen Stellenwert von Religion in den USA sowie die heterogene Konfessionsstruktur und deren Differenzierung.
3. Die fundamentalistische Versuchung: Das Hauptkapitel untersucht die Säkularisierungstendenzen, den religiösen Wettbewerb und ökonomische Theorien, um die Stärke fundamentalistischer Gemeinschaften zu erklären.
4. Resümee: Das Resümee fasst zusammen, dass Evangelikalismus und Fundamentalismus als logische Konsequenz innerhalb geschlossener religiöser Kollektive verstanden werden können, die durch Ausschlussmechanismen ihre Stabilität wahren.
Schlüsselwörter
Fundamentalismus, Evangelikalismus, USA, Säkularisierung, religiöser Markt, Free-riding, Rational Choice, ökonomische Wissenstheorie, Ausschlussnormen, Religion, Konfession, Konservatismus, Identität, Soziale Kontrolle, Glaube.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des amerikanischen Fundamentalismus und Evangelikalismus und analysiert die sozialen und ökonomischen Mechanismen, die diese konservativen religiösen Bewegungen trotz einer modernen, liberalen Gesellschaft stabilisieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die religiöse Struktur der USA, der Wettbewerb zwischen verschiedenen Denominationen, die Problematik des "free-ridings" in Kirchen sowie die Anwendung ökonomischer Theorien auf die Bildung von Glaubensüberzeugungen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit versucht zu klären, warum ein beachtlicher Teil der US-Bevölkerung seine Freiheit aufgibt und sich freiwillig strikten religiösen Reglementierungen unterwirft, und ob dieses Verhalten rational begründet werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor nutzt Ansätze der institutionalistischen "Rational Choice"-Theorie sowie die ökonomische Wissenstheorie (unter anderem nach Russell Hardin), um das Verhalten der Akteure zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben dem religiösen Wettbewerb vor allem die "ökonomische Wissenstheorie", die Entstehung von Ausschlussnormen und der stärkende Effekt der Bedrohungswahrnehmung durch eine als säkular empfundene Umwelt diskutiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind "Fundamentalismus", "Rational Choice", "ökonomische Wissenstheorie", "Ausschlussnormen" und "religiöse Identität".
Warum sind liberale Kirchen stärker vom Mitgliederschwund betroffen als konservative?
Die Arbeit argumentiert, dass liberale Kirchen durch ihre Offenheit das Problem des "free-ridings" (Nutzen der Gemeinschaft ohne Gegenleistung) nicht effektiv begrenzen können, während konservative Kirchen durch strikte Anforderungen (Kosten der Loyalität) eine höhere Verbindlichkeit erzeugen.
Welche Rolle spielt die Umwelt für das fundamentalistische Verhalten?
Die Umwelt wird als Motor der Rigorosität beschrieben; der Kontrast zu einer als bedrohlich wahrgenommenen säkularen Umwelt führt bei fundamentalistischen Gemeinschaften zur Bildung strengerer Normen, die den Zusammenhalt und die Festigkeit des eigenen Glaubens weiter stärken.
Inwiefern ist der Glaube aus Sicht der ökonomischen Wissenstheorie rational?
Glaube wird hier als eine Form von Wissen verstanden. Wenn die Kosten der eigenen Recherche zu hoch sind oder ein frommes Leben jenseitige Gewinnerwartungen verspricht, kann es rational sein, sich auf Autoritäten zu verlassen und den Glauben als Ressource anzueignen.
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- Timo Klemm (Author), 2006, "A nation under God" - Die fundamentalistische Versuchung des Evangelikalismus in den USA, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76516