Der vorliegende Text befasst sich mit dem Begriff der Schuld, einem Phänomen, welches aufgrund seiner Vieldimensionalität von keiner Wissenschaft adäquat zu fassen ist. Nicht nur wird Schuld in jeder Disziplin anders definiert, sondern auch jede Epoche, jede Strömung, jede Weltanschauung hat ihr eigenes Schuldverständnis, welches auf seine eigene Art und Weise mit dem jeweiligen Selbstverständnis der Menschen korreliert. Schuld jedoch erwächst in all diesen Denkansätzen stets aus einer Interaktion. Niemand könnte allein existierend, ohne Bezug zu irgend etwas oder irgend jemandem schuldig werden. Dieses macht Schuld zu einem sozialen Phänomen, denn sie erwächst aus missglückten Beziehungen zwischen dem Einzelwesen und seinem Lebensumfeld. Stets ist sie verknüpft mit dem Gefühl der Ohnmacht, dem Wissen um die eigene Unzulänglichkeit bei der Bewältigung seiner Existenz, gleichzeitig auch der Angst, dem Ringen nach Freiheit und der Frage nach erantwortlichkeiten. Im Folgenden wird Schuld in ihrer literarischen Darstellung in den Tragödien der Antike sowie denen der Neuzeit und im Zusammenhang mit der Umbruchstimmung des 19. Jahrhunderts untersucht. Die Tragödie hat sich in ihrer Bedeutung bis zur heutigen Zeit gewandelt, jedoch die Kernaus-sage dabei nur aktualisiert, nie eingebüsst. Das Problem des tragischen Helden ist in sofern auch ein theologisches, da es uns mit der Frage konfrontiert, ob Sünde, Fehl und Schicksal verknüpft, gottgewollt, Zufall oder doch Schuld des „Helden“, der doch zum Opfer wird, sind. Ausgehend von der Entwicklung im 19. Jahrhundert wird am Beispiel Friedrich Nietzsches verstärkt auf die psychologische Komponente eingegangen, die durch Siegmund Freud, den Begründer der Psychoanalyse, einen ganz neuen Betrachtungswinkel der Schuld eröffnet. Desweiteren wird die theologische Betrachtungsweise der Schuld untersucht, wobei auf Kierkegaards Schuldverständnis und Ansicht über die Erbsünde besonderes Augenmerk gelegt wird. Psychologie, Philosophie, Theologie und nicht zuletzt dramatische Literatur standen einerseits in ihren Versuchen Schuld fassbar zu machen in ständiger Konkurrenz zueinander, bedingten aber gleichzeitig gegenseitig ihre Weiterentwicklung. Diese Entwicklung des Schuldverständnisses soll hier erläutert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Schuld“ in der Antike
3. Platonische „Wahl“ gegen Aristotelischen „Willen“
3.1 Platon: Schuld als „Wahl“
3.2 Aristoteles: Schuld als Willensentscheid
4. Der Schuldbegriff zu Beginn der Neuzeit
5. „Schuld“ im 19. Jahrhundert
5.1 Friedrich Nietzsche: Schuld als Verlust des Anrechts auf Grausamkeit
5.2 Siegmund Freud: Das Schuldverständnis in der Psychoanalyse
6. „Schuld“ in der Theologie
6.1 Kierkegaard: Angst als Voraussetzung der Erbsünde
7. Schuld und Angst als Grundphänomene menschlichen Daseins
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff der Schuld als ein vieldimensionales Phänomen, das sich durch verschiedene Epochen, wissenschaftliche Disziplinen und literarische Darstellungen zieht. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, wie sich das Verständnis von Schuld im Wandel der Zeit – von der antiken Tragödie über die Umbrüche des 19. Jahrhunderts bis hin zur tiefenpsychologischen und theologischen Betrachtung – entwickelt hat und welche Rolle dabei individuelle Freiheit, Verantwortung und Angst spielen.
- Wandlung des Schuldverständnisses von der Antike bis zur Moderne
- Gegenüberstellung von Platons „Wahl“ und Aristoteles’ „Willen“
- Psychologische Dimensionen bei Friedrich Nietzsche und Siegmund Freud
- Theologische Perspektiven, insbesondere Søren Kierkegaards Konzept der Erbsünde
- Die Verknüpfung von Angst und Schuld als Grundphänomene des Daseins
Auszug aus dem Buch
3.1 Platon: Schuld als „Wahl“
Platons Schuldverständnis als Wahlmöglichkeit erschließt sich aus seiner Theorie über den strukturellen Aufbau der Welt. Für ihn ist die Welt des Allgemeinen, die Welt der Ideen mit der Idee des perfekt Guten, des „Agathon“, an der Spitze, die eigentliche Welt, die konkrete, sinnliche, Welt ist demnach nur ein Abbild, ein Schatten des Ideals. Dieses teilhaben an den Ideen benennt Platon als „Methexis“. Die höchste Tugend ist nach Platon das Streben nach Erkenntnis um zur „Schau der Ideen“ zu gelangen. Diese Erkenntnis bedeutet bei einer solchen Weltkonzeption nichts anderes als ein Wiedererkennen, die „Anamnesis“.
Der Leib, welcher sich in der sinnlichen Welt bewegt, ist nichts anderes als das Grab der Seele, in den sie durch eigenes Verschulden verbannt wurde. Hier liegt in gewissem Sinne ein Determinismus vor, da der Mensch in dieser präexistenten Welt selbst sein Schicksal mitbestimmt, eine Vorentscheidung trifft und beim Eintritt in die sinnliche Welt die vorhandene „gewählte Schuld“ tragen muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Vieldimensionalität des Schuldbegriffs und dessen Verankerung in verschiedenen Disziplinen sowie sozialen Interaktionen.
2. „Schuld“ in der Antike: Dieses Kapitel beschreibt Schuld als eine Verletzung der göttlichen Ordnung, bei der auch unbewusstes Handeln oder Schicksalsfügungen zur tragischen Schuld führen.
3. Platonische „Wahl“ gegen Aristotelischen „Willen“: Der Vergleich zeigt den Übergang von einer schicksalhaften, transzendenten Schuld bei Platon hin zur stärkeren Betonung der freien Willensentscheidung bei Aristoteles.
4. Der Schuldbegriff zu Beginn der Neuzeit: Hier wird analysiert, wie in der Renaissance und bei Shakespeare die Schuld aus dem Charakter des Individuums erwächst, statt rein schicksalhaft zu sein.
5. „Schuld“ im 19. Jahrhundert: Das Kapitel untersucht den Wandel durch den Rationalismus und die Romantik sowie die entscheidenden psychologischen Theorien von Nietzsche und Freud.
6. „Schuld“ in der Theologie: Diese Betrachtung widmet sich dem Zusammenhang von Sündenfall, Erbsünde und Angst im Werk von Søren Kierkegaard.
7. Schuld und Angst als Grundphänomene menschlichen Daseins: Das Fazit führt die verschiedenen Stränge zusammen und betont die Untrennbarkeit von Angst und Schuld als zentrale menschliche Erfahrung.
Schlüsselwörter
Schuld, Schuldgefühl, Antike, Tragödie, Wille, Wahl, Schicksal, Nietzsche, Freud, Psychoanalyse, Theologie, Erbsünde, Kierkegaard, Angst, Dasein
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Problemgeschichte des Schuldbegriffs und zeigt auf, wie sich die Interpretation von Schuld über verschiedene Epochen und Disziplinen hinweg gewandelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Schuld in der Philosophie der Antike, der Tragödie der Neuzeit, der Psychologie des 19. Jahrhunderts sowie in der christlichen Theologie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklung und die verschiedenen Erklärungsversuche des Schuldverständnisses im Kontext von Literatur, Philosophie und Psychologie nachzuvollziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt einen geisteswissenschaftlichen, kulturhistorischen Ansatz, der verschiedene Denker und deren Werke vergleichend analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische und thematische Untersuchung: von der antiken Mythologie und dem griechischen Drama über den aristotelischen Willensbegriff bis hin zur psychologischen Triebtheorie und existenzphilosophischen Analysen der Angst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Schuld, Schicksal, Wille, Freiheit, Psychoanalyse, Angst und Erbsünde charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die platonische „Wahl“ von der aristotelischen Sicht auf die Schuld?
Platon verknüpft Schuld mit einer präexistenten Entscheidung der Seele in einer transzendenten Ideenwelt, während Aristoteles Schuld stärker auf die bewusste, freie Willensentscheidung innerhalb der diesseitigen Welt bezieht.
Warum spielt die Angst bei Kierkegaard eine so zentrale Rolle für die Erbsünde?
Für Kierkegaard ist die Angst die Voraussetzung für den Sündenfall, da sie in einem Zustand der träumenden Unschuld die Möglichkeit der Freiheit erahnen lässt und somit den qualitativen Sprung zur Schuld erst ermöglicht.
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- Dominika Wosnitza (Author), 2003, Zur Problemgeschichte des Schuldbegriffs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76572