„Der scharfsinnige Theoretiker und hervorragende Praktiker Jan Tschichold war während viereinhalb Jahrzehnten eine maßgebende Instanz in Fragen der Typographie.“ So beschreibt Max Caflisch den Typographen und Schriftkünstler Jan Tschichold.
In diesen viereinhalb Jahrzehnten durchlebte Tschichold einzelne stark unterschiedliche Perioden seines Lebens und Arbeitens. Als Vorkämpfer der Neuen Typographie ebenso wie als Anwender und Vertreter traditioneller Buchtypographie ist sein Einfluss bis in die Typographie unserer Tage unbestritten.
Diese Arbeit versucht, das scheinbare Paradoxon zwischen radikalem Erneuerer und traditionsliebendem Künstler zu erhellen. Dazu wird zunächst ein Blick auf Jan Tschicholds bewegtes Leben geworfen, um die verschiedenen Einflüsse, die auf ihn einwirkten, aufzuzeigen. Im Anschluss werden die Forderungen der Neuen oder Expressionistischen Typographie erläutert, an deren Entstehung und Publikation
Tschichold den größten Anteil hatte.
In einem dritten Teil setzt sich die Arbeit mit den zunächst paradox wirkenden Revisionen auseinander, die Tschichold in Theorie und Praxis an seinen Forderungen vornahm, wobei besonders auf die strittige Frage der Schriftwahl und die Auseinandersetzungen über symmetrischen oder unsymmetrischen Satz eingegangen wird.
Ein abschließender Teil widmet sich dem bleibenden Einfluss, der Tschicholds Wirken und Arbeiten für den modernen Typographen so aktuell und zeitgemäß bleiben
lässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung
2. Biographie
2.1 Aneignung des Akzeptierten und Historischen
2.2 Phase des Suchens und Experimentierens
2.3 Zeit der beruflichen Entwicklung und der breiten Anerkennung
2.4 Revision in Tschicholds Denken
3. Was ist die Neue Typographie?
4. Revision zu radikaler Forderungen
4.1 Die Grotesk: Brot- oder Kleinkinderschrift?
4.2 Asymmetrie oder zentrierter Satz?
4.3 Zusammenfassung
5. Einfluss Tschicholds auf die gegenwärtige Typographie
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht das Wirken des Typographen Jan Tschichold im Spannungsfeld zwischen seiner radikalen Rolle als Vorkämpfer der "Neuen Typographie" und seiner späteren Hinwendung zu traditionellen Gestaltungsprinzipien. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, dieses scheinbare Paradoxon zu erhellen, die Gründe für seine Revisionen zu analysieren und seinen bleibenden Einfluss auf die moderne typographische Praxis aufzuzeigen.
- Biographische Entwicklung und prägende Einflüsse auf Jan Tschichold
- Die Entstehung und theoretischen Grundlagen der "Neuen Typographie"
- Kritische Auseinandersetzung mit der Abkehr von radikalen Forderungen
- Debatte um Schriftwahl sowie asymmetrischen versus zentrierten Satz
- Nachhaltige Bedeutung von Tschicholds Gestaltungsregeln für die Gegenwart
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Grotesk: Brot- oder Kleinkinderschrift?
Die Wahl der Schrift spielt in der expressionistischen Typographie eine entscheidende Rolle. Die Grotesk als alleinige Brotschrift wird gefordert, etliche Schriftkünstler unternehmen
„[...] experimente, die gültige schrift in der richtung auf eine klarere, unserer zeit angemessene form zu verändern“
Tschichold erkennt:
„[...] nur die im wesen veränderte, niemals die nur modifizierte form ist für die entwicklung von belang . notwendig ist, zu erkennen, dass das problem einer neuen schrift eng mit dem einer neuen, gesünderen rechtschreibung verknüpft ist . die radikale <kleinschreibung> wäre der erste schritt auf dem wege zu einer besserung.“
1930 stellt er der Welt erste Bemühungen um eine neue, moderne und seinen Ansprüchen genügende Schrift dar, deren wesentliche Elemente das Ausgehen von der Antiqua und die Verwendung nur eines Alphabetes sind, wobei hier weder reine Majuskeln noch reine Minuskeln zur Anwendung kommen, sondern eine Mischung stattfindet – jedoch unter Bevorzugung der bisherigen Kleinbuchstaben. Im Vordergrund steht die Ausmerzung aller überflüssigen Formteile und der Versuch, möglichst eindeutige Buchstabenformen zu gestalten. Es erfolgt eine Orientierung an phonetischen Lautwerten (beispielsweise entfällt das w und wird durch v ersetzt, welches wiederum je nach dem phonetischen Wert teilweise durch f ersetzt wird). Laute, die bis dato noch kein eigenes Schriftzeichen hatten, bekommen nun eines zugeordnet (ng, ch, sch; vgl. Abbildung). Dehnung und Kürze werden nur dann angegeben, wenn dies notwendig erscheint, wobei untergesetzte Striche bzw. Punkte zur Anwendung kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkung: Einleitung in das Thema und Erläuterung der Motivation, das Paradoxon zwischen Tschicholds radikaler und traditioneller Schaffensphase zu beleuchten.
2. Biographie: Detaillierte Darstellung der Lebensphasen Tschicholds, von seiner handwerklichen Ausbildung über die Zeit der Neuen Typographie bis hin zu seiner Emigration und den späteren Jahren.
3. Was ist die Neue Typographie?: Definition und theoretische Einordnung der Bewegung, ihrer Einflüsse durch Suprematismus und Konstruktivismus sowie ihrer zentralen Merkmale.
4. Revision zu radikaler Forderungen: Untersuchung der kritischen Auseinandersetzung Tschicholds mit seinen früheren Ansichten und die Begründung seiner Rückkehr zu traditionellen Satzprinzipien.
5. Einfluss Tschicholds auf die gegenwärtige Typographie: Analyse seiner bis heute gültigen Satzregeln und ihres praktischen Stellenwerts in der modernen Buchtypographie.
6. Schlussbemerkung: Würdigung von Tschicholds Leistungen und Fazit zu seiner Bedeutung als wandelbarer, aber historisch wirkmächtiger Typograph.
Schlüsselwörter
Jan Tschichold, Neue Typographie, Elementare Typographie, Typographie, Buchgestaltung, Grotesk, Asymmetrie, Zentrierter Satz, Satzspiegel, Lesbarkeit, Schriftgeschichte, Moderne, Klassische Tradition, Gestaltungstheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den fachlichen Werdegang von Jan Tschichold und wie er vom radikalen Protagonisten der „Neuen Typographie“ zu einem Verfechter traditioneller Buchgestaltung wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit Schriftwahl, Satzanordnung (Asymmetrie vs. Symmetrie), Lesbarkeit und dem Einfluss politischer sowie fachlicher Veränderungen auf die Gestaltungstheorie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, das scheinbare Paradoxon in Tschicholds Einstellung zu klären und aufzuzeigen, wie seine Revisionen zu einer differenzierteren Sichtweise auf die Typographie führten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine auf Literaturanalyse und historischen Quellen basierende Untersuchung, die Tschicholds eigene Schriften aus verschiedenen Schaffensperioden gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Tschicholds biographische Etappen, die theoretischen Grundlagen der Neuen Typographie und die konkreten Auseinandersetzungen mit Asymmetrie und Grotesk-Schriften diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jan Tschichold, Neue Typographie, Lesbarkeit, Buchgestaltung und die Balance zwischen Innovation und Tradition.
Wie bewertet Tschichold rückblickend die "Neue Typographie"?
Tschichold erkannte später, dass einige Forderungen – wie die exklusive Nutzung der Grotesk – zu radikal und für die Lesbarkeit Erwachsener teils hinderlich waren.
Welchen Einfluss haben Tschicholds Satzregeln heute noch?
Seine Vorgaben zu Einzügen, Interpunktion und dem Einsatz von Kapitälchen sind in der heutigen Buchherstellung zu hohen Standards geworden, die einen gleichmäßigen Grauwert der Seite sichern.
- Quote paper
- Astrid Schaumberger (Author), 2002, Jan Tschichold als radikaler Erneuerer und traditionsliebender Künstler - ein Widerspruch?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76608