Die 17. Aventiure des Nibelungenlieds - ein Forschungsreferat und methodenkritische Interpreation


Hausarbeit, 2006

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsangabe

Vorwort

1. Erschließung des Textes
1.1. Situierung der 17. Âventiure im Textganzen
1.2. Strukturanalyse der 17. Âventiure: Wie Sîfrit beklaget unt begraben wart

2. Erschließung der Sekundärliteratur
2.1. Referat von drei methodisch unterschiedlichen Forschungspositionen
2.1.1. Die sozialgeschichtliche Methode und ihre Weiterführung zur mentalitätsgeschichtlichen Methode
2.1.2.Gender - Studies
2.1.3. Dekonstruktion
2.2. Methodenkritische Stellungnahme zu den drei Forschungspositionen

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

Vorwort

In der vorliegenden Arbeit sollen anhand einer Aventiure des Nibelungenlieds drei Forschungsansätze vorgestellt und anschließend methodenkritisch auf ihre Anwendbarkeit und ihre Grenzen hin untersucht werden. Es wurde die 17. Aventiure ausgewählt, da sich hier in der Figur der Kriemhild ein tiefgreifender Wandel vollzieht, der aus mehreren methodischen Blickwinkeln erläutert und interpretiert werden kann. Wegen der starken Präsenz der Öffentlichkeit wurde als erstes die sozialgeschichtliche Methode gewählt, mit der sich gut die Trauergemeinde, das Trauerverhalten Kriemhilds, der Beginn ihres machtpolitischen Denkens und die Gegensätze zwischen höfischer und heldenhafter Epik betrachten ließen. Da in dieser Aventiure Kriemhild selten alleine auftritt, sondern meist eng in eine Gruppe, welcher Art auch immer, integriert ist, bot sich hier der Übergang zur mentalitätsgeschichtlichen Methode an. Die übermäßige Trauer um den ermordeten Siegfried, zu dessen Begräbnis zahlreiche Messen mit Geistlichen gehalten werden, lässt auf die Interpretation mittels der geistesgeschichtlichen Methode schließen, die hier in Kontrast zur sozial- bzw. mentalitätsgeschichtlichen Methode gestellt werden soll. Im Anschluss daran wird die Person der Kriemhild aus genderspezifischen Blickwinkeln betrachtet, die sich über das weibliche Wissen und die weibliche Gewalt am besten beschreiben lassen. Bezeichnend für das Ergebnis der verschiedenen Methoden ist die Gemeinsamkeit, dass sich Kriemhilds Verhalten mit einer Normtransgression auf allen Ebenen beschreiben lässt, und darüber die Intention des Textes deutlich wird.[1] Sei es nun die unmäßige Trauer, die zu einer unmäßigen Rache führt, oder die unsagbaren Provokationen ihrer Brüder und Hagen und der damit verbunden Entmachtung.

Als dritte Methode wird die Dekonstruktion nach Müller und Haug vorgestellt und anhand des neuen Konzepts der Individualität, die sich zwischen Innerem und Äußerem, zwischen Persönlichkeit und Rolle ergibt, die Entwicklung Kriemhilds aus dem dekonstruktivistischen Blickwinkel betrachtet.

Alle Zitate aus dem Primärtext wurden aus „Das Nibelungenlied“, Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2002 entnommen.

1. Erschließung des Textes

1.1. Situierung der 17. Âventiure im Textganzen

Der Tod Siegfrieds durch Hagens heimtückischen Mord aus Rache für die Beleidigung an Brünhild, von dem sie in der 17. Aventiure erfährt, bedeutet für Kriemhild eine umfassende Änderung ihres bisherigen Lebens. Sie wurde ihrer Ehre und später ihres Schatzes beraubt, was einhergeht mit Machteinbuße und gesellschaftlicher Demütigung. Diese Aventiure stellt den Wendepunkt ihrer innerlichen Einstellung dar, er steht am Anfang einer langen Phase der Entwicklung Kriemhilds Rachegefühls und lässt sie von der braven Jungfrau zur wütenden Teufelin werden. Nach dem Tod Siegfrieds fiel Kriemhild die Herrschaft über den Schatz der Nibelungen zu, und sie ging freigebig damit um. Hagen raubte ihr, nachdem er schon ihren Mann umgebracht hatte, und damit einen machtpolitischen Gegner ausgeschaltet hatte, nun auch den Hort. Er wollte damit verhindern, dass sie durch ihre großzügigen Geschenke zu mächtig würde. Damit war Kriemhild endgültig ihrem letzten Rest Ehre beraubt und sah sich ihrem ‚leit’, einer Ehrverletzung im damaligen Sinn, gegenüber. Vor dem Hintergrund, dass ihr Racheplan eigentlich Siegfrieds Tod gelten sollte, drängt sich der Kampf um die Wiedergewinnung des Hortes und die Wiedererlangung ihrer Ehre im weiteren Verlauf des Epos in den Vordergrund. Doch wie schon Maurer einsichtig darlegte, muss die Wiedererlangung des Hortes symbolisch und stellvertretend für die Beseitigung aller ‚leide’ gesehen werden, die Kriemhild in der 17. Aventiure u.a. angetan werden.[2] Daher hat die 17. Aventiure, in der Kriemhild ihren Gatten betrauert, eine enge Verbindung zur 19. Aventiure und auch zum Ende, als sie Hagen umbringt, der als Letzter über den geheimen Ort des Schatzes bescheid weiß. Interessant ist auch, dass ihre beiden Brüder Gernot und Giselher zur Zeit des Begräbnisses, eben der 17. Aventiure, noch zu ihr halten und mit ihr trauern (1047): ‚in triuwen si in klageten mit den ándéren sint.’ Als es um die die Hortverschwörung (Aventiure 19) ging, schlugen sich Gernot und Giselher aus machtpolitischen Motiven auf die Seite Hagens: sie ritten aus, wendeten sich also bewußt ab, damit Hagen ungestört den Schatz im Rhein versenken konnte. Sie schlossen einen Pakt, dass der Ort geheim bleiben sollte, (1140) ‚unz ir éiner möhte leben.’ Dieser Vertrauensmissbrauch kann mit als Ursache dafür angesehen werden, dass sich Kriemhild in sich zurückzieht, den Tod nicht verarbeiten kann und sich ihre Enttäuschung und Entwurzelung zu einer unbändigen Rachelust aufstaut.

Ein weiterer Bogen von der 17. Aventiure zu späteren Ereignissen lässt sich spannen, wenn man bedenkt, dass das Epos auch ein vorzeitiges Ende hätte nehmen können, wenn Kriemhild sich einfach mit ihrem ‚leit’ abgefunden hätte. Doch ist diese Möglichkeit dem Nibelungenlied aufgrund seines Hintergrundes der germanischen Heldensage versperrt und nicht denkbar. Christliche Demut ist nicht vorhanden. Ein interessanter Gedankengang bietet sich an dieser Stelle an, wenn man der Aussage von Jan-Dirk Müller[3] folgt, der von Alternativen und Auswegen spricht, die sich im Laufe des Epos immer wieder geboten hätten. Doch aufgrund der „Epidemie der Gewalt“, für die hier bereits der Grundstein gelegt wurde, kann die ungenutzte Alternative, nämlich das „Geschehenlassen“ des Kampfes von Sigmunds Männern, auch als Irrationalität beschrieben werden, für die es keine griffige Erklärung geben kann und sämtliche Interpretationsversuche zum Scheitern verurteilt sind. Auf diesen dekonstruvistischen Blickwinkel wird später noch vertieft eingegangen werden und soll hier nur am Rand erwähnt bleiben. Viel deutlicher aber treten zwei Stellen zutage: zum einen, als Kriemhild Siegmunds Männern vom Angriff auf König Gunther abhalten kann, zum anderen, als Siegmund nach Hause reisen möchte und Kriemhild gerne mit nach Xanten nehmen würde. Letzteres passiert zwar erst in der 18. Aventiure, kann aber durch den unmittelbaren Zusammenhang mit Siegfrieds Tod, aufgrund dessen sich Siegmund in Worms logischerweise unwillkommen fühlt, durchaus in diesem Zusammenhang genannt werden. Hätte Kriemhild Siegmunds sofortigem Racheplan nachgegeben, oder wäre sie auf sein Angebot eingegangen und wäre als Herrin über Land und Krone mit nach Xanten gereist, es hätte in beiden Fällen ein vorzeitiges Ende des Nibelungenlieds bedeuten können.

Eine letzte Verbindung lässt sich auch zwischen der 17. und der 29. Aventiure herstellen, wenn man Walter Haug folgt. Durch den Mord und die unverarbeitete Trauer beginnt Kriemhild ihre individuelle Entwicklung in der 17. Aventiure und sie endet in der 29. Aventiure damit, dass Hagen sich offen zum Mord an Siegfried bekennt und sich darüber hinaus im Recht sieht und sich „als Vollstrecker eines objektiven Gesetzes im Dienst seines Herrn“ gibt.[4] (1788) ‚deheiner hovereise bin ich sélten hinder in bestân’ und (1791) ‚ich enwólde danne liegen, ich hân iu leides vil getân’. Hagen zwingt sie somit zu ihrer Entpersönlichung und zur Aufgabe ihres „Boden(s) (...) subjektiver Rache“[5]

Anhand dieser kurzen Analyse lässt sich zeigen, dass die 17. Aventiure in vielerlei Hinsicht einen Wendepunkt darstellt und logisch wie auch erzähltechnisch mit anderen Aventiuren in engem Zusammenhang steht.

1.2. Strukturanalyse der 17. Âventiure: Wie Sîfrit beklaget unt begraben wart

In der 17. Aventiure wird sehr ausführlich Kriemhilds Trauerverhalten zusammen mit der gesamten Dienerschaft und der Bevölkerung beschrieben. Gleich in der ersten Strophe der Aventiure gibt es einen düsteren Hinweis auf das Ende des Nibelungenlieds: (1002) ‚jâ muosen sîn engelten vil guote wîgande sint.’ Auch der Bezug zu Kriemhilds kommender Rache für Hagens Mord an ihrem Gatten Siegfried erscheint sogleich in der zweiten Strophe: (1003) ‚... von éislîcher râche.’ Kriemhild fand den blutüberströmten Leichnam ihres Gatten Siegfrieds vor der Tür ihrer Kemenate, den Hagen aus Grausamkeit dort hatte hinlegen lassen. Kriemhilds Beleidigung an Brünhild hatte Hagen somit gerächt, indem er Siegfried umgebracht hatte. Sofort war ihr klar, dass ihre Auskunft an Hagen bezüglich Siegfrieds einziger verwundbarer Stelle mit dem Tod ihres Mannes in Verbindung stehen mußte und beschloss: ‚(1008)von ich was allen vreuden mit sînem tôde widerseit.’ Ihre Trauer und ihr Weinen waren groß, nicht nur über seinen Tod, sondern auch über die Art und Weise: er war nicht heldenhaft in einem Kampf ums Leben gekommen, sondern wurde ohne Ehre hinterrücks erschlagen. Kriemhilds Weinen schallte bis zu Siegmund, Siegfrieds Vater, dem nun auch die traurige Botschaft überbracht wurde. Auch hier wird wieder Kriemhilds Rachemotiv bereits deutlich (1024), denn sie schwört Rache und Tod auf denjenigen, der ihren Siegfried umgebracht hat. Doch auch Siegmund sann sogleich auf Rache, zusammen mit seinen Männern, die mit ihm gegen den burgundischen König in den Kampf ziehen wollten. Kriemhild gebot ihm Einhalt und riet ihm dazu, den Angriff zu unterlassen, da er Gunther unterlegen sein würde. Bereits hier äußerte sie Siegmund gegenüber, dass sie, mangels Beweisen, auf einen besseren Zeitpunkt zur Rache warten würde. Sie betonte hier noch, dass sie eines Tages mit ihm zusammen (1033) ‚mit iu’, Siegfrieds Tod rächen möchte. Doch ihre spätere Ablehnung seines Angebots, mit ihm nach Xanten zurückzukehren und die Herrschaft zu übernehmen, lässt bereits darauf schließen, dass sie die Rache für sich alleine beanspruchen möchte. Zur Totenmesse sangen viele ‚guote pfaffen’, Spenden wurden an die Armen verteilt und auch Gunther und Hagen beteiligten sich scheinheilig an ihrer Trauer und beteuerten, den Tod nicht hätten vermeiden zu können. Die von Kriemhild angeordnete Bahrprobe zeigte, dass Hagen der Mörder war, denn als er an dem Toten vorbeiging, fingen seine Wunden an zu bluten. Selbst danach leugnete Gunther die Tat Hagens und den Mordrat an ihrem Mann: (1045) ‚ich wilz iuch wizzen lân: in sluogen schâcheære, Hagen hât es niht getân.’ Kurz vor der Beisetzung wies Kriemhild an, den Sarg wieder zu öffnen, um ein letztes Mal sich von ihrem geliebten Mann zu verabschieden: (1070)‚Ein jâmerlîches scheiden wart dô dâ getân.’, nachdem man sie vom Kirchhof wegtragen mußte, da sie vor Schwäche nicht mehr selber gehen konnte.

[...]


[1] Jönsson, Maren: „Ob ich ein ritter wære“. Genderentwürfe und genderrelatierte Erzählstrategien im Nibelungenlied, Uppsala, 2001. S. 26

[2] Maurer, Friedrich: Das Leid im Nibelungenlied. In: Angebinde. John Meier zum 85. Geburtstag, 1949, S. 91

[3] Müller, Jan-Dirk: Spielregeln für den Untergang, S. 446

[4] Haug Walter: Montage und Individualität im Nibelungenlied. In: Nibelungenlied und Klage [...]. Hg. v. F. P. Knapp. Heidelberg 1987. S. 277 - 293

[5] ebd. S. 289

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die 17. Aventiure des Nibelungenlieds - ein Forschungsreferat und methodenkritische Interpreation
Hochschule
Universität Regensburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Nibelungenlied-Interpretation als methodenkritisches Paradigma
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V76652
ISBN (eBook)
9783638805360
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aventiure, Nibelungenlieds, Forschungsreferat, Interpreation, Nibelungenlied-Interpretation, Paradigma
Arbeit zitieren
Denise Tennie (Autor), 2006, Die 17. Aventiure des Nibelungenlieds - ein Forschungsreferat und methodenkritische Interpreation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76652

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