Analyse eines Ausschnitts aus dem Film 'American Gigolo - ein Mann für gewisse Stunden'


Hausarbeit, 2006
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Stil des Ausschnitts. Auffälligkeiten

3. Charakter-Skizze des Julien Kay

4. Das dramaturgische Modell des Films

5. Fazit

6. Quellen

1. Einleitung

“What an awful movie; complete trash. […] American Gigolo is one of the worst features from the '80s. It contains no substance whatsoever. Gere's character is dislikeable, the story is boring, […], the plot is silly, the "feel" of the movie is like a TV commercial and the sex scenes are badly handled.”[1]

Jlion aus Dublin

Das Zitat von Jlion aus dem Internetforum der Datenbank IMDb bezieht sich auf den 1980 erschienenen Film American Gigolo von Paul Schrader. Der in Los Angeles angesiedelte Film erzählt die Geschichte des Julien Kay (Richard Gere), der als Callboy in der High Society von Los Angeles sein Geld verdient. Eines Tages begegnet er der Senatorengattin Michelle Stratton (Lauren Hutton) und beginnt sich in Sie zu verlieben. Julien gerät in den Verdacht eine seiner Kundinnen ermordet zu haben, das Netz an Intrigen zieht sich weiter zu und nur der Meineid von Michelle rettet ihn vor dem Gefängnis.

Ganz im Gegensatz zum oben zitierten Internetbeitrag stellt American Gigolo für den Filmkritiker Hans Schifferle „eine Wendemarke dar, als er 1980 in die Kinos kam. [...] kaum ein anderer Film hat die Stimmung der angehenden achtziger Jahre, diese kurze Pre-Aids-Zeit, so genau erfasst wie ‚American Gigolo': ihre geradezu befreiende Oberflächlichkeit, die Renaissance von Style und Chic, den Hedonismus. Und auch die bittersüße Melancholie"[2].

Beide Zitate spiegeln eine völlig unterschiedliche Rezeption des Films dar und könnten in ihrem Kern kaum unterschiedlicher sein. Sie lassen sich als die Hauptkontroversen herausfiltern, die sich im vergangenen Diskurs um American Gigolo beobachten lassen, der sicherlich, wenn auch etwas differenzierter als es der Beitrag von Jilon tut, wünschenswert ist. In keiner Weise soll es jedoch Ziel dieser Arbeit sein, sich mit einer normativen Fragestellung zu beschäftigen, inwieweit American Gigolo als „guter“ oder „schlechter“ Film anzusehen ist, was weder sinnvoll noch schlicht möglich wäre. Vielmehr beschäftigt sich der folgende Text mit der filmwissenschaftlichen Analyse dieses kontroversen Films, wobei keine Werturteile in wissenschaftlichem Kleid geschaffen, sondern versucht werden soll den Film anhand von wissenschaftlichen Grundsätzen der Filmanalyse näher zu untersuchen und festzustellen, ob dieser Film – unabhängig von subjektivem Geschmack – Aspekte bietet, die für die Filmanalyse interessant sind und ob es nicht mehr in diesem Film zu erschließen gibt als die reine Geschichte über einen Callboy im Los Angeles der „neuen“ 80er Jahre.

Dahingehend widmet sich das erste Kapitel der Arbeit exemplarisch den Kapiteln 6 bis inklusive 9. Anhand dieses Ausschnitts werden Auffälligkeiten in Einstellungsgröße, Kamerabewegung und –perspektive, Montage, Musik und Ton sowie Bildkomposition analysiert. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Charakter Julien Kay, dargestellt von Richard Gere, wobei das besondere Augenmerk auf Gestik, Proxemik und Mimik liegt. Anhand dieser Charakter-Skizze soll im dritten Kapitel versucht werden das dramaturgische Modell des Films aufzuschlüsseln, wobei insbesondere auf Figurenkonstellation, Konflikte, Charakter-Entwicklung und Wendepunkte eingegangen werden soll.

2. Zum Stil des Ausschnitts. Auffälligkeiten.

Der Ausschnitt beginnt mit einer Großaufnahme des Nachttischs von Julien Kay, bzw. der darauf liegenden Gegenstände: seine Wecker, Aschenbecher, Tabletten und ein Handspiegel mit Koksresten. Die Großaufnahme des „typischen" Weckers wirkt wie eine klassische Einführung für den weiteren Verlauf der Szene: Ein Mann, der sich für die Arbeit fertig macht. Doch die Gegenstände auf dem Nachttisch (Spiegel mit Koksresten, Aschenbecher, Tabletten) und insbesondere die auf dem Wecker angezeigte Uhrzeit (12:05 Uhr nachts) machen sofort deutlich, dass es sich hierbei nicht um einen gewöhnlichen Mann handelt, der sich morgens für die Arbeit fertig macht, sondern um Julien Kay, den Callboy der High Society von Los Angeles.

Diese Einstellung ist charakteristisch für die auffällig starke Konzentration auf Groß- und Detailaufnahmen, die sich im weitere Verlauf der Sequenz fortführt. Indem Juliens Hand seitlich in den Bildkader greift, zieht er den Kamerablick mit sich und leitet die Kamera, die sich nun voll und ganz auf Julien und die verschiedenen Kleidungsstücke, die er sich rauslegt, konzentriert. So wie sich Julien endlos Zeit und Aufmerksamkeit für die Auswahl seiner Kleidung nimmt, konzentriert sich auch der Kamerablick in Groß- und Detailaufnahmen voll und ganz auf Juliens Gesicht, seinen Oberkörper und die Hemden, Sakkos und Krawatten. Die Kameraeinstellung reflektiert Juliens Liebe zum Detail und dem perfekten Look, die sich deutlich zeigen, indem er zwei Krawatten neu zuordnet.

Es geht nur um Details, die Auswahl von Kleidungsstücken, Äußerlichkeiten, und das Bild, das mit diesen Kleidungsstücken von einem gezeichnet wird, was durch die Kameraeinstellung und die Länge der Sequenz bis hin zu der Kamerafahrt, die aus starker Aufsicht über die verschiedenen Ensembles schweift eine übergeordnete Rolle zugeordnet bekommt. Ebenso wie Julien diese Kleiderauswahl und sein Äußeres zelebriert, zelebriert auch die Kamera förmlich die Lust daran Julien durch Detaillaufnahmen bei seinem Akt des abendlichen Herrichtens zuzusehen.

Die schnelle Abfolge von kurzen Einstellungen löst sich erst in einer vertikalen Kamerafahrt, die Julien von Fuß bis Kopf mustert. Nachdem er sich für ein Outfit entschieden hat, ist dies die erste längere Einstellung, verbunden mit einem Element der inneren Montage, dem Einsatz von Schärfentiefe, wodurch Juliens Spiegelbild für den Zuschauer deutlich wird, als er vor dem Spiegel steht um sich und sein ausgewähltes Outfit zu betrachten und dem Zuschauer das „Endprodukt“ zu präsentieren, in das sich Julien verwandelt hat.

Ebenso auffallend wie die starke Konzentration auf Nah- und Detailaufnahmen ist Schraders Wahl der Kameraperspektive, aus der wir Julien beim Akt der Auswahl der perfekten äußeren Hülle beobachten. Juliens Gesicht wird in der nahen Einstellung aus einer starken Untersicht aufgenommen, was seine zu dem Zeitpunkt unerschütterliche Selbstsicherheit und die damit verbundene absolute Stilsicherheit was Mode und Schick angeht ins Bild rückt. Im Gegensatz dazu sind die Detailaufnahmen der Kleidungsstücke aus einer starken Aufsicht gefilmt, was den Eindruck erweckt aus Juliens Perspektive auf die verschiedenen Kleidungsstücke zu blicken. Dieses Gefühl des Hineinversetzens in die Auswahl und das Begutachten der Kleidung findet seinen Höhepunkt in der Kamerafahrt in starker Aufsicht, bei der das Kameraauge die zurechtgelegten Ensembles in Detailaufnahme schweift. Die direkt anschließende Nahaufnahme Juliens in konträrer starker Aufsicht und die Übernahme der Bewegungsrichtung der Kamerafahrt durch Juliens Körperbewegung unterstützen den Perspektivenwechsel zwischen dem Beobachten Juliens und dem Mustern der Kleidungsstücke aus Juliens Perspektive.

Einen ebenfalls gravierenderen Aspekt stellt das musikalische Motiv dieser Szene dar. Das Lied „The Love I saw in You Was just a Mirage" von Smokey Robins and the Miracles könnte Julien und seine Beziehung zu Frauen, zu seinen Kundinnen nicht besser widerspiegeln. Die ganze Arroganz Juliens und gleichzeitig seine Sorglosigkeit im Bezug auf sein Tun wird durch das Lied, das in Text und Melodie, bzw. Arrangement nicht konträrer sein könnte, widergespiegelt, worauf aber im zweiten Kapitel zur Charakter-Skizze von Julien Kay noch genauer eingegangen werden soll.

Die Melodie von „The Love I saw in You Was just a Mirage” reiht sich nahtlos in die Geschichte der Motownlieder ein und wirkt beim ersten hören wie ein netter, fröhlicher Popsong, perfekt zum abendlichen Fertigmachen.

Der Text hingegen beschreibt die Geschichte eines Mannes, der von einer Frau verlassen wurde, und deren Liebe nur eine Illusion war. Für Julien funktioniert das Lied genau umgekehrt: Zu diesem Zeitpunkt im Film ist er der Mann, der den Frauen nur eine Illusion von Liebe vorspielt. Bezeichnend sind auch die Einsätze, zu denen Julien mitsingt. „Oh, you gave me the Illusion, that your Love was real". Bei "that your Love was real" beginnt Julien deutlich mitzusingen, was zeigt, dass sein Augenmerk tatsächlich darauf liegt, den Frauen eine „echte" Liebe vorzuspielen.

[...]


[1] Beitrag von Jilon aus Dublin vom 26.08.04 im Forum der Filmdatenbank IMDb,
http://www.imdb.com/title/tt0080365/#comment, 28.07.06, 19:30 Uhr.

[2] Klappentext der DVD American Gigolo aus der Reihe Süddeutsche Zeitung Cinemathek.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Analyse eines Ausschnitts aus dem Film 'American Gigolo - ein Mann für gewisse Stunden'
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Filmwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Einführung in die Filmanalyse
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V76662
ISBN (eBook)
9783638805391
ISBN (Buch)
9783638820509
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Filmanalyse zu Paul Schraders Film American Gigolo im Rahmen des Seminars "Einführung in die Filmanalyse"
Schlagworte
Analyse, Ausschnitts, Film, American, Gigolo, Mann, Stunden, Seminar, Einführung, Filmanalyse
Arbeit zitieren
Marlies Bayha (Autor), 2006, Analyse eines Ausschnitts aus dem Film 'American Gigolo - ein Mann für gewisse Stunden', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76662

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