Regelhafter kindlicher Schriftspracherwerb und mögliche Abweichungen bei Sprachbehinderungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Regelverlauf

3. abweichender Verlauf

4. Diagnostische und therapeutische Möglichkeiten

5. Resumeé

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im soll zunächst der Regelverlauf der kindlichen Schriftsprachentwicklung dargestellt werden. Im weiteren soll dann auf mögliche Abweichungen eingegangen werden. Ein dritter Abschnitt beschäftigt sich mit Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie von Störungen des Schriftspracherwerbs beschäftigen. Zunächst möchte ich jedoch einleitend kurz auf das Verhältnis der Lautsprache und der Schriftsprache sowie auf die Voraussetzungen des Schriftspracherwerbs (SSE) zu sprechen kommen.

Da die deutsche Schrift eine Alphabetschrift ist, besteht ein enger Zusammenhang zur Lautsprache, die somit während des Schriftlernprozesses eine entscheidende Grundlage sein kann. Entscheidend ist hierbei die Beziehung zwischen der Phonem- und der Graphem-struktur. Grapheme sind auf der schriftsprachlichen Ebene die kleinsten bedeutungs-unterscheidende Einheit. Sie sind willkürlich vereinbarte Zeichen für Phoneme. Phoneme sind definiert als die kleinste bedeutungsunterscheidende lautsprachliche Einheit.

Die deutsche Schrift repräsentiert lautliche Differenzierungen auf der Phonemebene, d.h. nur diejenigen lautlichen Merkmale werden widergespiegelt, die eine bedeutungsunterscheidende Funktion haben. Viele andere lautliche Differenzierungen werden vernachlässigt. Da die Zahl der darzustellenden Phoneme in der deutschen Sprache größer ist, als die der verfügbaren Grapheme kann nicht jedem Phonem eindeutig ein Graphem zugeordnet werden; es besteht also keine 1:1 Entsprechung zwischen Phonem- und Graphemstruktur. Die Beziehungen zwischen Phonemen und Graphemen sind vielmehr sehr komplex, da ein Graphem auf mehrere Arten lautlich realisiert werden kann, so wie ein Phonem auch auf unterschiedliche Weise verschriftlich wird. Es gibt jedoch regelhafte Beziehungen, die BIERWISCH (1976) zu graphemisch-phonologische Korrespondenzregeln formuliert hat. Beispielsweise wird ein langes /i:/ durch das Dehnungsgraphem <e> gekennzeichnet. Die Aneignung dieses Regelwerks ist Voraussetzung für die orthographisch korrekte Schreibweise und wird von schriftkundigen Menschen weitgehend unbewußt angewandt.

Generell besteht also zwischen der Laut- und Schriftsprache im deutschen eine enge Verbindung, gleichzeitig bestehen jedoch auch Unterschiede, die die spezifische Funktionen der Schriftsprache bedingen:

- a) es fehlt ein Gesprächspartners, so dass keine unmittelbare Kontrolle besteht
- b) während Lautsprache sich aus einer kommunikativen Situation heraus ergibt, zwingt Schriftsprache dazu, die Situation gedanklich zu antizipieren
- c) es fehlen außersprachliche Ausdrucksmittel
- d) die schriftliche Sprache hat einen höheren Abstraktionsgrad, da von den Lautinhalten nochmals eine Abstraktion auf die graphische Symbolisierung geleistet werden muß

Die Schriftsprache zeichnet sich also gegenüber der Lautsprache durch größere Abstraktions-leistung und besondere Bewusstheit und Willkürlichkeit aus. Der SSE setzt also beim Kind ein gewisses Level an kognitiver Entwicklung voraus, gleichzeitig ist aber auch zu erwarten, dass der Umgang mit Schriftsprache aber auch die weitere kognitive Entwicklung des Kindes fördert. Auf diesen Gesichtspunkt werde ich später zurückkommen.

CRÄMER und SCHUMANN (1999) nennen einige Aspekte der vorschulischen, sprachlich-kognitiven Entwicklung, die als Voraussetzungen für den Lese- und Schreiblernprozess angesehen werden können:

- Die frühkindliche Sprachentwicklung ist an den unmittelbaren Kontext gebunden. Erst mit der Entwicklung der Wortbedeutung gewinnt das Kind Verständnis für die symbolische Bedeutung und den Verweischarakter des Wortes
- Anfangs wird die Sprache nur zu kommunikativen Zwecken an konkreten Situationen gebunden verwendet. Später lernt das Kind eine egozentrisches und später inneres Sprechen, das die eigene Handlung strukturierend begleitet. Diese veränderte Funktion der egozentrischen Sprache ist eine wichtige Voraussetzung für schriftsprachliche Tätigkeiten, weil auch hierbei Handlungen und Handlungsziele antizipiert werden müssen.
- Es ist sehr wichtig, dass das Kind lernt, Inhalts- und Ausdrucksseite von Sprache zu differenzieren, denn Schriftsprache erfordert vom Kind eine bewußt Auseinandersetzung. So orientieren sich Kinder beim Vergleich der Wortlänge an der Bedeutung: „Schmetterling ist länger als Kuh, weil er mehr Farben hat !“
- Die Kinder müssen sich im Erkennen von bedeutungsunterscheidender Merkmale von Schriftzeichen üben. Die Schwierigkeit besteht weniger in der genauen visuellen Unterscheidung von Details, sondern vor allem darin zu verstehen, welche graphischen Unterschiede die Identität einzelner Zeichen bestimmen und welche unwesentlich sind.

2. Regelverlauf

Stufenmodell der Sprachentwicklung

- Es gibt verschiedene Stufenmodell zum SSE, die alle in den Grundzügen ähnlich sind. Genannt seien hier BRÜGELMANN (1986), SPITTA (1988), GÜNTHER (1989) und VALTIN (1993) wobei letzteres genauer dargestellt werden soll, da es einen kompakten Überblick bietet.
- Prinzipiell muss gesagt werden, das die Modelle zwar eine gute Orientierung über den Aneignungsprozess geben, der SSE bei jedem Kind jedoch individuell verläuft und unterschiedlich viel Zeit beansprucht. Prinzipiell gibt es verschiedene Beherrschungsgrade innerhalb einer Stufe, d.h. die den Phasen zugrundeliegenden Strategien differenzieren sich immer mehr aus und verfeinern sich, ehe das Kind erkennt, dass seine angenommene Hypothese zur Verschriftung, bzw. zum Erlesen nicht mehr haltbar ist. Folglich muß es sie umstellen, und erreicht damit die nächst höhere Stufe der Aneignung. Wichtig ist auch der gegenseitige Bezug von Lesen und Schreiben, der insbesondere im Modell von GÜNTHER berücksichtigt wird. In Abgrenzung zu GÜNTHER geht man heute jedoch nicht mehr von einem klar aufeinander folgenden, linearen Verlauf aus. Vielmehr sind auch beim nichtgestörten SSE individuelle Unterschiede der Kinder beim Lesen und Schreiben zu erkennen. So kann ein Kind bspw. beim Lesen auf einer anderen Stufe sein als beim Schreiben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Entwicklung des Schreiben

- Haben die Kinder Gelegenheit Schriftkundige bei ihrem Tun zu beobachten, können sie durch das Kritzeln spielerisch wesentliche Merkmale der Schrift entwickeln: z.B. lineare Anordnung, Schreibrichtung von links nach rechts, Wiederholung und Variation von Grundzügen. Des Weiteren werden aktiv motorische Grundfertigkeiten ausgebildet und die Koordination von Auge und Hand gefördert. In dieser Phase hat die Umgebung des Kindes (Elternhaus) einen sehr großen Einfluss auf die Entwicklung: Kinder, die in einer schriftreichen Umgebung aufwachsen haben meist einen deutlichen Entwicklungs-vorsprung.
- Kinder erreichen eine höhere Stufe der Schreibentwicklung, wen sie Grapheme und Graphemreihen an Hand figurativer Merkmale erkennen können und „Buchstaben malen“. Das Abschreiben von Graphemen kann helfen, die Standardform der Zeichen zu gewinnen. Parallel dazu sollten Kinder die Gelegenheit erhalten, frei mit den Formen zu experimentieren. In dieser Phase setzten sich die Kinder auch erstmals mit der Raumlage und Schreibrichtung auseinander. In dieser Phase entwickeln die Kinder häufig eine Ideen- oder Bilderschrift, mit schriftähnliche Zeichen und mehr oder weniger verschlüsselten Gegenständen (Bildern).
- Die Kinder müssen nun erkennen, dass es Beziehungen zwischen Phonem und Graphem gibt und dass diese willkürlicher Natur sind. Haben sie dies erreicht und stellen Beziehungen zwischen Phonem und Graphem her, befinden sie sich auf der Stufe des „Schreibens von Lautelementen“. Sie lernen von der gegenständlichen Bedeutung (dem Inhalt) zu abstrahieren und sich auf die lautliche (phonetische) Seite der Sprache einzulassen und sie zu verarbeiten. Anfangs zeigt sich eine Skelettschreibung, bei der die Kinder häufig nur die Konsonanten notieren. In dieser Phase kommt es häufig zu unterschiedlichen Schreibungen für dasselbe Wort; dies zeigt, dass die Kinder in einem aktiven Prozess befinden, in dem Wörter immer wieder neu konstruiert werden. Die Kinder versuchen eine möglichst vollständige Wiedergabe aller artikulierten Laute und orientieren sich dabei an der Umgangssprache. In dieser Phase setzen sich die Kinder auch mit dem Wortkonzept auseinander. Sie erkennen, dass beim Schreiben die Wörter durch Lücken voneinander abgesetzt sind.
- Die nächste Phase ist gekennzeichnet durch eine Mischung aus phonetischer Schreibweise und der „Verwendung orthographischer Muster“. So kennen sie bereits häufig vorkommende Muster wie die Endsilbe -en und -er oder die Auslaufverhärtung und wenden sie bei bekannten Worten richtig an: Bspw. schreiben sie <und> statt <unt>. Sie übertragen diese Prinzipien dann auf andere Wörter, wobei es auch zu Übergeneralisierungen kommt. Bspw. <Weld> statt „Welt“.
- Die Kinder lernen über einen langen Zeitraum hinweg, sich der normgerechten Schreibweise anzunähern und zu „entfalteten orthographischen Kenntnissen“ zu gelangen. Dabei gehen sie oft individuelle Wege, die manchmal zunächst in die Irre führen, aber für das Kind stellen sie wichtige Schritte auf dem Weg zur Rechtschreibung darstellen. Fehlschreibungen sollten daher nicht nur negativ als Fehler angesehen werden, zumal die Angst, dass sich fehlerhafte Schreibungen bei Kindern einprägen könnten bisher wissenschaftlich nicht bestätigt werden konnte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Regelhafter kindlicher Schriftspracherwerb und mögliche Abweichungen bei Sprachbehinderungen
Hochschule
Universität zu Köln  (Seminar für Sprachbehindertenpädagogik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V7669
ISBN (eBook)
9783638148443
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schriftspracherwerb, Schriftsprache, Sprachbehinderung
Arbeit zitieren
Christoph Ziehm (Autor), 2002, Regelhafter kindlicher Schriftspracherwerb und mögliche Abweichungen bei Sprachbehinderungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7669

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