Voltaire - La Pucelle d`Orléans


Seminararbeit, 2000

20 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kurzbiografie

3. Inhaltsangabe

4. Die Entstehung von La Pucelle D'Orléans

5. Analyse und Interpretation
5.1 Vorbilder für die Pucelle und historischer Kontext
5.2 Die Kritik an der Kirche
5.3 Die Rolle der Frau und die Sexualität
5.4 Voltaire versus Schiller

6. Schlußfolgerung

7. Anhang

1. Einleitung

Kaum eine andere Gestalt der Geschichte ist in der Literatur so häufig und vielfältig behandelt worden wie Jeanne d'Arc. Man findet die Geschichte der französischen Nationalheldin, die von Gott in den Krieg Frankreichs gegen die Engländer gesandt wurde, in Volksliedern, Balladen, Melodramen bis hin zur epischen und dramatischen Dichtung in jeder Epoche wieder. In den wenigsten Fällen jedoch halten sich die Dichter hierbei an die geschichtliche Realität.

Die erste dramatische Dichtung ist das anonyme Mystère du siège d'Orléans, welches von den Bürgern von Orléans im Freien aufgeführt wurde und welches aus der Zeit kurz nach Jeanne d'Arcs Verbrennung auf dem Marktplatz in Rouen im Jahre 1431 stammt. Es folgen eine lange Reihe weiterer Abhandlungen der verschiedensten Stilrichtungen, darunter so bekannte Dichter wie Shakespeare, Chapelain, Schiller, Anouilh und auch Voltaire, um nur einige zu nennen.

Voltaires komisches Epos La Pucelle d'Orléans soll auf den folgenden Seiten nun genauer betrachtet und analysiert werden. Sein Werk gibt die Geschichte der Jeanne d'Arc als Satire wieder und erregte in seiner Entstehungszeit viel Aufsehen bei der gebildeten französischen Gesellschaft. Neben einer kurzen Biografie Voltaires und einer Inhaltsangabe des Stücks soll im weiteren Verlauf der Hausarbeit nicht nur dessen Entstehungsgeschichte, sondern auch die Untersuchung im Hinblick auf Voltaires Einstellung zur Kirche und Religion, das Auftreten von Frauen und Sexualität in seinem Werk sowie der literarische und historische Kontext seines Stückes wiedergegeben werden.

2. Kurzbiografie

Voltaire kam am 21. November 1694 als François Marie Arouet l.J. (le Jeune) in Paris zur Welt. Er wollte schon früh Dichter werden, machte aber seinem Vater zuliebe zunächst eine Ausbildung zum Rechtsanwalt, die ihn zwar nicht begeisterte, ihm aber später oft nützlich war. Seinen Namen verschlüsselte er zum Anagramm (Neubildung durch Umstellung der Buchstaben) zu Voltaire. Schon als Jesuitenschüler fiel er als kritischer Geist auf und wurde so von einem Onkel bald in Freidenkerkreise eingeführt und erwarb sich den Ruf eines bissigen Kritikers. Wegen einiger ihm zugeschriebenen Spottverse auf Ludwig XIV mußte er 1717/18 für elf Monate in die Bastille.

Aber auch im weiteren Leben war er oft auf der Flucht. Viele Werke ließ er heimlich außerhalb von Paris bzw. Frankreich drucken, da er in ihnen die französische Regierung, Gesellschaft und vor allem die Kirche stark kritisierte. Einige Jahre verbrachte er auch in England, woraufhin er dann in seinen Philosophischen Briefen England mit Frankreich und dem dort vorherrschenden Absolutismus verglich. In der Zeit, in der er die Pucelle schrieb sagte er dann einmal in Bezug auf Frankreich: "Man muß [...] sich davor hüten, laut zu denken, oder man muß zum Denken nach England oder Holland gehen."[1] Da ihm ständig erneut Verhaftung drohte, flüchtete er auf das Schloß der Marquise de Châtelet nach Lothringen, wo in anderthalb Jahrzehnten eine Fülle naturwissenschaftlicher, historischer und politischer Schriften, aber auch poetische und dramatische Werke entstanden. In dieser Zeit entdeckte er auch seine Liebe für die Gärtnerei und Natur, die in vielen seiner Werke, auch in der Pucelle, zum Vorschein kommt.

Die Marquise de Pompadour stellt schließlich bei Hof seine Gnade wieder her, und so erhielt Voltaire 1745 die Ernennung zum Hofhistoriographen und wurde 1746 in die Académie Française aufgenommen. Voltaire ließ sich letztendlich 1755 bei Genf nieder , wo er die letzten Lebensjahrzehnte auf "Ferney", so der Name seines Gutes, verbrachte. Es entstanden die Hauptwerke Candide (1759) und das Philosophische Wörterbuch (1764), die Voltaire als Verfechter der Menschenrechte, Kämpfer gegen Unvernunft und Standesvorrechte sowie Geschichtsoptimisten auswiesen und ihn somit zum Vorkämpfer der Revolution machten.

Voltaire, der sich nicht nur als Philosoph, sondern auch auch als Anwalt der Unterdrückten einen Namen machte, kehrte ohne Erlaubnis Anfang 1778 nach Paris zurück, wo er einen triumphalen Empfang erlebte. Noch im selben Jahr, am 30. Mai, starb er in seiner Heimatstadt.

3. Inhaltsangabe

Voltaires Pucelle ist die uneheliche Tochter eines Pfarrers und Stallmagd, die durch den Heiligen St. Denis, der aus dem Himmel herabsteigt, auserwählt wird, um den Krieg zwischen Frankreich und England zu einem guten Ende zu bringen. Die Magd Jeanne bekommt nach eingehender Prüfung ein Zeugnis ausgestellt, das ihre Jungfräulichkeit bestätigt, und in dem es heißt, daß der Verlust ihrer Reinheit innerhalb von Jahresfrist den Untergang Frankreichs herbeiführen würde. Die Pucelle erhält von St. Denis einen Harnisch und als Streitroß einen geflügelten Esel, mit dem sie in den Krieg zieht.

Jeannes Jungfräulichkeit bzw. deren Beibehaltung spielt in dem Stück die tragende Rolle. Die eigentlichen Heldentaten auf dem Schlachtfeld treten völlig in den Hintergrund. Nach dem Ablauf der Jahresfrist gibt sich Jeanne allen Freuden der Liebe hin und liiert sich mit dem tapferen französischen Ritter Dunois.

Auch die anderen Charaktere in Voltaires Werk werden wie Jeanne derb und freizügig beschrieben. Die Geliebte des Königs, Agnes Sorel, und ihre Beziehung zu selbigen wird ausgiebig dargestellt. Als der König mit Jeanne das Kommando über die französische Armee übernimmt, fühlt sie sich betrogen, schleicht ihm nach, raubt Jeanne alle Waffen und zieht ihren Harnisch an, woraufhin sie von den Engländern gefangengenommen wird, die sie für die echte Jeanne halten. Sie wird von Chandos gezwungen, seinen Wünschen nachzugeben. Sie flieht später in ein Kloster, welches von betrunkenen englischen Soldaten überfallen wird. Dann erscheint Jeanne und richtet ein Blutbad unter den Soldaten an. Im selben Kloster gibt es auch übrigens auch einen als Nonne verkleideten Mann, der als Stellvertreterin der Äbtissin nachts sein Unwesen in den Zellen der Nonnen treibt.

Nach der Einnahme von Orléans schaltet sich schließlich auch die Hölle in die Handlung ein. Im 12. Gesang erreicht Jeanne das Ende ihrer militärischen Laufbahn, als der Teufel sich einmischt und der König gleichzeitig den Glauben an sie verliert. Sie wird in Rouen von den Engländern eingekerkert. Der Krieg wird letztendlich ohne das Zutun Jeannes entschieden und zwar durch ein Wettdichten von St. Denis, der auf der Seite der Franzosen steht, und dem heiligen Georg, der auf der Seite der Engländer steht.

4. Die Entstehung von La Pucelle D'Orléans

Voltaires eigensinniges, heroisch-komisches Werk La pucelle d'Orléans basiert auf Chapelains Gedicht La Pucelle ou la France délivrée, welches in der Zeit nach 1595 entstand. Die ersten zwölf Gesänge dieses Werkes erschienen im Jahre 1656, weitere zwölf sehr viel später, nämlich im Jahre 1882. Das Gedicht Chapelains ist ein Werk, das nach seiner Entstehung von vielen Dichtern kritisiert wurde, denn Chapelains Reime unterliegen noch streng den alten Regeln der Dichtkunst, was es sehr schwer lesbar macht. Chapelain war Mitbegründer der Académie Française und ehrgeizig, seine Position dort zu verbessern, somit wird verständlich, wieso sein Stil so feierlich, regelgetreu und bombastisch ausfällt. Immerhin schaffte er es, durch seine Darstellung, Jeanne so zu stilisieren, daß bis heute ihr Bildnis in Monumenten in Frankreich weiterlebt.

Voltaire griff nach einem Gespräch mit Richelieu die Pucelle von Chapelain wieder auf und begann ca. 1730 in seiner Freizeit, zunächst nur für sich selbst und zur Erheiterung seiner Freunde, La pucelle d'Orléans zu schreiben. Bis 1762, nämlich zu dem Zeitpunkt, an dem Voltaire selbst das Werk "offiziell" herausbrachte, entstanden 21 Gesänge in Alexandrinerversen. Diese Gesänge entstanden in unregelmäßigen Zeitabständen und die Nachfrage seitens seiner Freunde war groß. So groß, daß einige von ihnen hergingen und ohne Voltaires Erlaubnis "Raubkopien" anfertigten und diese an weitere Freunde und Bekannte weitergaben, was zur Folge hatte, daß es bald unzählige Ausgaben der "Pucelle" gab, die in den höheren Kreisen der französischen, hauptsächlich der Pariser Gesellschaft zirkulierten.

Aus seiner Korrespondenz mit verschiedenen Freunden läßt sich ungefähr erkennen, wann er welchen Gesang an wen weitergegeben hat, und man erhält ein, wenngleich auch unvollständiges Bild über die Entstehungsgeschichte der Pucelle d'Orléans. Offiziell wird das Jahr 1730 als Beginn für Voltaires Arbeit an dem Werk genannt, allerdings gibt es Hinweise dafür, daß die Arbeiten schon um 1725 herum begonnen haben könnten, denn in einem Brief an Tresson sagt er: «Il y a dix ans que je refuse de laisser prendre copie d'une seule page du poëme de la Pucelle[2]

Man vermutet, daß 1935 der neunte Gesang fertiggestellt war, von dem er ein Jahr später an König Frédéric eine Kopie gab. Der elfte Gesang muß wohl etwa 1738 abgeschlossen worden sein. Voltaire zog sich später für einige Zeit nach Berlin zurück, wo er in Potsdam Gesang Nr. 14 beendete und im Februar 1753 mit Gesang Nr. 15 begann. Im Jahre 1754 gab es bereits eine stattliche Anzahlt von Raubkopien, die sich dann innerhalb des nächsten Jahres noch einmal verdoppelten, wobei er selbst für den Duc de La Vallière, Mme de Pompadour und weitere Personen Kopien anfertigten bzw. anfertigen ließ. Der Preis der ungefragt kopierten Gesänge lag zwischen einem und fünf Louis. In Paris gab es mehrere Druckereien, die tagaus tagein nur mit dem Vervielfältigen der Pucelle beschäftigt waren. Unter ihnen entstand ein regelrechter Konkurrenzkampf, denn jeder wollte natürlich die besten Exemplare haben. Allerdings fehlten in der Realität oft Zeilen oder der Text wurde verändert.

Zwischen 1755 und 1756 erschienen noch mehrere verschiedene Ausgaben mit verschiedener Anzahl an Gesängen, so gab es eine Ausgabe von einem gewissen Louvain, eine Frankfurter Ausgabe, eine Pariser Ausgabe und letztlich noch eine Holländische Ausgabe. Im Endeffekt sind weder Anzahl noch Textveränderungen nachvollziehbar, so daß Voltaire 1762 die erste von ihm anerkannte Version mit dem Titel L a Pucelle d'Orléans, poëme divisé en vingt chants, avec des notes; nouvelle édition corrigée, augmentée, et collationnée sur le manuscript de l'auteur herausbrachte[3].

Es gibt jedoch auch moderne Wissenschaftler, die die Unschuld Voltaires an den erschienen Raubkopien der Pucelle stark anzweifeln. Diese nehmen an, daß Voltaire sein Werk durch einen Mittelsmann ins Ausland gebracht habe, um es dort drucken zu lassen. So konnte er später behaupten, der Text sei ihm gestohlen worden. Außerdem hätte er gerne die Schubladen seines Schreibtisches weit aufgelassen, um jedem freien Zugriff zu gewähren. Letztlich las er noch häufig seinen Freunden aus der Pucelle vor, verschickte einzelne Passagen und hinderte auch niemanden daran, Textausschnitte abzuschreiben. Auch für die veränderten Textpassagen sei Voltaire selbst verantwortlich. Diese Methoden ließen es zu, daß er sein Werk weit verbreitete, ohne wirklich dafür in Rechenschaft gezogen werden zu können.[4]

Heute ist die Pucelle von Voltaire ein eher unbekanntes, wenngleich aber sehr wichtiges Stück des Dichters. Mit Voltaire verbinden die meisten Personen den Philosophen Voltaire oder aber solche Werke wie Candide oder Zadig. Zur damaligen Zeit jedoch war die Pucelle DAS Stück in den gebildeten Kreisen der Gesellschaft. Man amüsierte sich über das bissige Heldenepos, während die Kirche und Teile der französischen Regierung sich darüber erzürnten.

5. Analyse und Interpretation

5.1 Vorbilder für die Pucelle und historischer Kontext

Auch wenn Voltaires Werk La Pucelle d'Orléans immer wieder als gotteslästerlische und verhöhnende Satire bezeichnet wird, muß man feststellen, daß Voltaire nie die echte Jungfrau erniedrigen wollte oder die Existenz von Gott bezweifelte. Allerdings war Voltaire Zeit seines Lebens Kritiker der französischen Kirche und des Staates, was ihn dazu veranlaßte, seine Pucelle auf so bissige Art und Weise zu schreiben.

Er nahm sich Chapelains Schreibstil zum Vorbild, füllte jedoch den Inhalt mit unendlich vielen kleinen und großen Bosheiten. Aus ehrbaren Rittern wurden Narren, aus Frauen Huren. Virgil W. Topazio schreibt in seiner Studie "Voltaire's Pucelle: A Study In Burlesque", die im zweiten Band von Studies On Voltaire And The 18th Century zu finden ist, daß es auch unbestreitbare Ähnlichkeiten zwischen Voltaire und dem italienischen Dichter Ariosto gibt: "There seems to be no question about the great influence of Ariosto's work upon Voltaire's burlesque treatment of Joan of Arc."[5] Weiter schreibt er, daß sowohl Ariostos "Orlando Furioso" als auch Voltaires La Pucelle d'Orléans zahlreiche Intrigen enthielte und übernatürliche Dinge und magische Waffen ihre Anwendung finden, wobei es Voltaire allerdings niemals darum ging, ein episches Werk zu schaffen, sondern eine reine Groteske auf Chapelain und die bestehenden Verhältnisse der Zeit.[6] Chapelain und Colbert hatten als Mitbegründer der Académie Française eine auf Ordnung und Vernunft begründete Dichtungskonzeption entwickelt. Chapelain schrieb streng nach der 'doctrine classique', aufbauend auf den von Aristoteles und Horaz aufgestellten Regeln der Dichtkunst. Voltaire, seinerseits aufklärerischer Philosoph, jedoch lebte in einer Zeit, in der die 'doctrine classique' an Wert verlor, und die sogenannte 'imitation' von Begriffen wie 'invention' und 'imagination' abgelöst wurde. Voltaire wollte einen Kontrast schaffen zum alten Schreibstil Chapelains. Die von Voltaire verwendeten Charaktere sollten weniger wirkliche Personen repräsentieren, sondern bestimmte Gedanken und philosophische Ideen. Die Charaktere waren demnach mehr Marionetten, welche er je nach Bedarf und Situation einsetzte und in ihrer Persönlichkeit manipulierte.

[...]


[1] Lepape, Pierre: Voltaire - Oder die Geburt der Intellektuellen im Zeitalter der Aufklärung, Frankfurt/New York, 1996, S. 124, Campus Verlag

[2] Voltaire: "La Pucelle" In: Œvres complètes, S. 3 Avertissement de Beuchot

[3] Vgl. Voltaire: "La Pucelle" In: Œvres complètes, S. 10 Avertissement de Beuchot

[4] Vgl. Lepape, Pierre: Voltaire - Oder die Geburt der Intellektuellen im Zeitalter der Aufklärung, Frankfurt/New York, 1996, S. 124-125, Campus Verlag

[5] Topazio, Virgil W.: "Voltaire's Pucelle: A Study In Burlesque" In: Studies On Voltaire And The 18th Century, Band 2, Seite 208 ff, 1956, Genf.

[6] Topazio, Virgil W.: "Voltaire's Pucelle: A Study In Burlesque" In: Studies On Voltaire And The 18th Century, Band 2,
Seite 208 ff, 1956, Genf.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Voltaire - La Pucelle d`Orléans
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Romanische Philologie)
Veranstaltung
Proseminar Jeanne d`Arc: Gegenwart und Geschichte
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
20
Katalognummer
V7673
ISBN (eBook)
9783638148481
Dateigröße
2000 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Voltaire, Pucelle, Proseminar, Jeanne, Gegenwart, Geschichte
Arbeit zitieren
Marion Musch (Autor:in), 2000, Voltaire - La Pucelle d`Orléans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7673

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