Das Konzept der Resilienz: Möglichkeiten und Grenzen für die Sozialpädagogische Familienhilfe


Diplomarbeit, 2007
136 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Resilienz
2.1. Definition von Resilienz
2.1.1. Was meint „Resilienz“?
2.1.2. Wie sieht die Resilienzforschung den Menschen?
2.2. Bezugsmodelle
2.2.1 Salutogenese
2.2.2. Vulnerabilität
2.2.3. Selbstwirksamkeit
2.2.4. Bindungstheorie
2.3. Entwicklung des Resilienzkonzepts
2.4. Zentrale Kennzeichen des Resilienzparadigmas
2.5. Risiko- und Schutzfaktorenmodell
2.5.1. Risikofaktorenmodell
2.5.2. Schutzfaktorenmodell
2.6. Risiko- und Schutzmechanismen
2.6.1. Risikomechanismen
2.6.2. Schutzmechanismen
2.7. Resilienzmodelle
2.7.1. Modell der Kompensation
2.7.2. Modell der Herausforderung
2.7.3. Modell der Interaktion
2.7.4. Modell der Kumulation
2.8. Studien der Resilienzforschung
2.8.1. Die „Kauai Längsschnittstudie“
2.8.2. Die „Mannheimer Risikokinderstudie“
2.8.3. Die „Bielefelder Invulnerabilitätsstudie“
2.8.4. Forschungen zu speziellen Risikofaktoren
2.9. Ergebnisse der Resilienzforschung
2.9.1. Emotional sichere Bindung an eine Bezugsperson
2.9.2. Merkmale des Erziehungsklimas
2.9.3. Soziale Unterstützung in und außerhalb der Familie
2.9.4. Temperamentsmerkmale
2.9.5. Kognitive und soziale Kompetenzen
2.9.6. Selbstbezogene Kognitionen und Emotionen
2.9.7. Erleben von Sinn und Struktur im Leben
2.10. Resilienzfaktoren und Resilienzprozesse in der Entwicklung
2.10.1. Säuglingsalter und frühe Kindheit
2.10.2. Schulalter
2.10.3. Adoleszenz
2.11. Kritik am Konzept der Resilienz

3. Die Sozialpädagogische Familienhilfe
3.1. Entstehung der Sozialpädagogischen Familienhilfe
3.2. Modelle von Sozialpädagogischer Familienhilfe
3.3. Rechtliche Grundlagen
3.4. Rahmenbedingungen
3.4.1. Rahmenbedingungen für die Arbeit in den Familien
3.4.2. Rahmenbedingungen für die Arbeit der Familienhelfer
3.5. Zielgruppe
3.5.1. Lebenswelt
3.5.2. Problemlagen
3.6. Aufgaben und Ziele
3.7. Methoden der Sozialpädagogischen Familienhilfe
3.7.1. Hilfeplangespräch
3.7.2. Lebenswelt- oder Alltagsorientierung
3.7.3. Empowerment und Ressourcenorientierung
3.7.4. Systemischer Ansatz
3.8. Ablauf einer Betreuung durch die Sozialpädagogische Familienhilfe

4. Möglichkeiten der Sozialpädagogischen Familienhilfe, Resilienz zu stärken bzw. zu fördern
4.1. Minderung der Risikofaktoren
4.2. Stärkung und Förderung von Schutzfaktoren
4.3. Konkrete Handlungsmöglichkeiten
4.3.1. Stärkung des Selbstbewusstseins und der Selbstwirksamkeit
4.3.2. Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern
4.3.3. Vernetzung der Familie im sozialen Umfeld
4.3.4. Stärkung der Beziehungen in der Familie
4.3.5. Stärkung der Problemlösungskompetenzen

5. Grenzen der Sozialpädagogischen Familienhilfe in Bezug auf das Konzept der Resilienz
5.1. Der Familienhelfer als Bezugsperson
5.2. Erwartungen der Familie
5.3. Kooperation der Familie
5.4. Präventive Ansätze zur Förderung von Resilienz
5.5. Exkurs: „Opstapje“ – ein sekundär-präventives Förderprogramm

6. Zusammenfassung und abschließende Gedanken

7. Anhang
7.1. Hilfeplan
7.2. Interviewleitfaden
7.3. Transkription der Interviews
7.3.1. Interview 1
7.3.2. Interview 2

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lat. resilire: zurückspringen, zurückprallen, sich zusammenziehen;

davon abgeleitet engl.: resilience/Resilienz:

Unverwüstlichkeit

1. Einleitung

Lange Zeit war es die populäre Meinung – und sie ist es vielfach auch heute noch, dass die Kindheit einen für das weitere Leben prägenden Einfluss hat, dem die Kinder weitestgehend hilflos ausgesetzt sind. Kinder, die eine weniger glückliche Kindheit hatten, die im schlimmsten Fall von Missbrauch, Vernachlässigung und Gewalt im Elternhaus bestimmt war, sind auch im weiteren Leben zum Scheitern verurteilt. Sie werden psychisch krank, süchtig oder ebenso gewalttätig wie ihre Eltern, so die vielfach propagierte Ansicht der Psychoanalytiker.[1] Nicht nur einzelne Erfahrungen oder sensationelle Biographien von Menschen, die trotz schwierigster Umstände in ihrer Kindheit heute als psychisch gesunde und zufriedene Erwachsene leben, belegen, dass eine Wende hin zu einem glücklichen Leben trotz schrecklicher Kindheit möglich ist. Ein neuerer Zweig psychologischer Langzeitforschungen – die so genannte Resilienzforschung – hat gezeigt, dass bis zu einem Drittel einer Untersuchungsgruppe von Kindern, die unter ähnlich schwierigen Umständen aufwuchsen, in keiner Phase ihrer Entwicklung Probleme zeigten. Die berühmte Kauai-Studie der amerikanischen Resilienzforscherin Emmy Werner zeigte sogar, dass ein weiterer Teil derer, die im Kindes- und Jugendalter Probleme hatten, als Erwachsene ein glückliches und erfolgreiches Leben führten.[2] Diese und andere Ergebnisse der Resilienzforschung zeigen, dass es sich nicht um eine Minderheit handelt, die schwierige Umstände in der Kindheit erfolgreich zu meistern weiß. Fakt ist aber auch, dass mindestens die Hälfte der Menschen, die in ihrer Kindheit schwierigen Bedingungen ausgesetzt waren, im Leben scheitern und nie ein glückliches und autonomes Leben führen werden.

Meine Frage, der ich in dieser Arbeit nachgehen möchte, ist gleichzeitig die Frage der Resilienzforschung: Welche Faktoren tragen trotz einer belasteten Kindheit mit zahlreichen Risiken dazu bei, dass Kinder sich zu gesunden Persönlichkeiten entwickeln können? Das Interesse meiner Arbeit gilt speziell der Entwicklung von Resilienz bei Kindern: Kinder, die früh lernen, mit Schwierigkeiten, Krisen und problematischen Lebensumständen umzugehen, haben trotz schwieriger Ausgangsbedingungen die Chance, alle Widrigkeiten zu meistern und sich positiv zu entwickeln. Vor allem diejenigen Kinder, die vielerlei Problemen ausgesetzt sind, wie z.B. Vernachlässigung, Scheidung der Eltern und Gewalterfahrungen, haben Unterstützung besonders nötig, um sich zu belastbaren Persönlichkeiten zu entwickeln, die unter den Widrigkeiten ihrer Kindheit nicht zerbrechen, sondern gestärkt daraus hervorgehen. Eine solche Widerstandsfähigkeit in vorübergehenden oder lang andauernden Krisen wird in der Wissenschaft als Resilienz bezeichnet.

Aufgrund meiner Erfahrungen aus meinem zweiten Praxissemester in der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) scheint mir diese Frage besonders relevant für die pädagogische Arbeit mit Kindern aus sozial benachteiligten Familien.

Die SPFH arbeitet mit Familien, die meist mit Problemen auf mehreren Ebenen zu kämpfen haben. Die Kinder aus solchen Familien sind besonders gefährdet an den schwierigen Lebensbedingungen ihrer Familie zu zerbrechen. SPFH konzentriert sich aber nicht allein auf die Arbeit mit den Kindern. Ihr Anliegen ist es in erster Linie auch, mit den Eltern zu arbeiten, um diese bei der Bewältigung ihrer Probleme zu unterstützen, zu begleiten und sie in ihrer Erziehungskompetenz zu stärken. Als Resultat sollen gemeinsam mit den Eltern bessere Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen der Kinder geschaffen werden. Ursula Nuber schreibt in einem Artikel zum Thema Resilienz: „Resilienz kann man lernen – und das sollte möglichst früh passieren.“[3] Später fügt sie aber noch hinzu: „Resilienz kann in jedem Lebensalter erlernt werden.“[4] Ausgehend von diesen beiden Hypothesen möchte ich weiter in meiner Arbeit der Frage nachgehen, in welchen Bereichen die SPFH dazu beitragen kann, dass Eltern und Kinder lernen, mit widrigen Umständen resilient umzugehen. Andererseits werde ich mich aber auch mit den Grenzen der SPFH beschäftigen, Resilienz zu fördern, die beispielsweise bedingt sind durch die Rolle des Familienhelfers und den Kontext, in dem sich SPFH abspielt.

Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich einen theoretischen Überblick über das Konzept der Resilienz geben, indem ich erläutere, was sich genau dahinter verbirgt. Danach werde ich den Stand der Forschung darlegen sowie auf die, für die Anwendung in der pädagogischen Praxis, relevanten Ergebnisse eingehen. In meinem zweiten Hauptteil stelle ich detailliert das Arbeitsfeld der SPFH vor, um dann wiederum einen Bogen zu den Handlungsmöglichkeiten und Grenzen zur Förderung von Resilienz bei Eltern und Kindern im Arbeitsfeld der SPFH zu spannen. Dabei werde ich der Frage nachgehen, in welchen Bereichen SPFH Resilienz bei sozial schwachen Familien fördern und stärken kann und wo die Grenzen aufgrund des professionellen Auftrags und des Arbeitsfelds Familie liegen. Abschließend werde ich einen Ausblick auf andere Ansätze am Beispiel eines präventiven Ansatzes geben, der Resilienz schon im frühen Kindesalter fördern kann, bevor die Kinder ausgeprägte Entwicklungsauffälligkeiten oder -verzögerungen entwickeln.

Um die Arbeit flüssiger lesen zu können, verwende ich die maskuline Form. Selbstverständlich sind Frauen ebenso gemeint.

2. Resilienz

2.1. Definition von Resilienz

2.1.1. Was meint „Resilienz“?

Der Begriff „Resilienz“ leitet sich von dem englischen Wort „resilience“ ab, was mit Spannkraft, Widerstandsfähigkeit und Elastizität übersetzt werden kann.[5] Ursprünglich wurde der aus dem Lateinischen stammende Begriff (lat. resilire) für Materialien verwendet, die die physikalische Eigenschaft besitzen, nach Druckerfahrung zurückzuspringen und ihre eigentliche Form wieder zu erlangen (z.B. Gummi). In der Psychologie wird der Begriff in übertragener Form auf die Psyche des Menschen angewendet, er bezeichnet „die Fähigkeit, nach Beeinträchtigungen – psychischer oder physischer Art – rasch zu Stärke, Ausgeglichenheit und positiver Gestimmtheit zurückzufinden und / oder diese zu bewahren“[6], so die Erklärung des Resilienzbegriffs der Pädagogin Yolanda Bertolaso. Wichtig ist, dass der Resilienzbegriff nur in Zusammenhang mit belastenden Situationen wie z.B. Misserfolgen, Unglücken, Notsituationen, traumatischen Erfahrungen, Risikosituationen, u.ä. seine Berechtigung hat. Menschen, die niemals mit Schwierigkeiten dieser Art in ihrem Leben konfrontiert waren, kann man daher nicht als resilient bezeichnen, denn Resilienz meint „die Fähigkeit(en) von Individuen oder Systemen (z.B. Familie), erfolgreich mit belastenden Situationen (…) umzugehen“[7], so der bekannte Frühpädagoge Wassilios E. Fthenakis in seinem Vortrag über Resilienz. Die Pädagogin und Resilienzexpertin Corina Wustmann definiert Resilienz in Bezug auf die Arbeit mir Kindern als psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken. Der Begriff Resilienz, sowohl im psychologischen als auch im pädagogischen Kontext, meint also psychische Gesundheit trotz hoher Risikobelastungen,[8] aber auch „die relativ eigenständige Erholung von einem Störungszustand“[9]. Resiliente Menschen zeichnet also vor allem ihre Bewältigungskompetenz aus, die es ihnen ermöglicht, mit Belastungen im Leben positiv umzugehen und nicht daran zu zerbrechen.

Doch was ist das spezielle am Begriff „Resilienz“, was drückt er aus, was andere Begriffe nicht in derselben Art ausdrücken könnten? Die bekannten Resilienzforscher Friedrich Lösel und Doris Bender geben darauf Antwort: In der Forschung sprach man anfangs noch von „invulnerability“ (Unverletzlichkeit) und meinte damit, dass manche Menschen von ihrer Persönlichkeit her so widerstandsfähig wären, dass nicht einmal traumatische Erfahrungen sie verletzen könnten. Der Begriff „Resilienz“ ist dagegen neutraler und hat nichts mit den anfänglichen Annahmen der Forschung zu tun, die stark an Persönlichkeits- und Entwicklungstheorien gebunden waren. Des Weiteren gibt es den Begriff „coping“[10] (dt. Bewältigung), der jedoch stark an Zeit und Situation gebunden ist und weniger überdauernde Aspekte der erfolgreichen Bewältigung von Belastungen einschließt, wie der Begriff „Resilienz“.[11]

2.1.2. Wie sieht die Resilienzforschung den Menschen?

Um einen Zugang zum Konzept der Resilienz zu bekommen, reicht es nicht allein, sich mit der Herkunft des Begriffs auseinander zu setzen – zentral in der Resilienzforschung ist das Menschenbild. Die Resilienzforschung legt das Hauptaugenmerk nicht auf krankhafte Symptome oder Auffälligkeiten in der Entwicklung des Kindes, wie es bis dahin sowohl in der Psychologie als auch in der Medizin lange der Fall war, sondern auf Faktoren und Fähigkeiten, die den Menschen gesund erhalten, ähnlich wie die Salutogenese von Aaron Antonovsky, auf die ich im nachfolgenden Punkt noch genauer eingehen werde.

Auch in der Psychotherapie gibt es inzwischen viele Vertreter, die Menschen mit einer belasteten Kindheit nicht mehr hauptsächlich als Opfer sehen, sondern die den Fokus in der Therapie auf die Bewältigungsressourcen des Einzelnen legen. Die Psychotherapeutin Katja Doubek beschreibt in ihrem Ratgeber für Menschen, die eine schwierige Vergangenheit überwinden möchten, die zahlreichen Möglichkeiten und Strategien, die Kinder, welche unter schwierigen Bedingungen aufwachsen, entwickeln, um sich selbst zu schützen. Beispielsweise suchen sie sich andere Erwachsene, von denen sie Anerkennung bekommen und liebevolle Annahme erfahren.[12] Doubek setzt die Lehre der Entwicklungspsychologie, dass Kinder in der Entwicklung ihres Selbstbilds auf die Rückmeldungen ihrer Umwelt und ihrer Bezugspersonen angewiesen sind und dadurch entscheidend geprägt werden, dabei nicht außer Kraft. Sie schreibt aber, dass man Kinder nicht darauf reduzieren darf, dass ihre Entwicklung allein durch ihre Umwelt bestimmt wird. Auch der Psychologe und Pädagoge Rolf Oerter beschäftigt sich in seinem Artikel „Ist Kindheit Schicksal?“ mit den Fähigkeiten von Kindern, mit Umwelteinflüssen konstruktiv umzugehen; er bezeichnet das Kind „als Gestalter seiner Entwicklung.“[13] Hierin liegen auch die Ausgangspunkte der Resilienzforschung, wo man mittlerweile nicht mehr von unverwundbaren Kindern spricht, aber sehr wohl von kompetenten Kindern, die auf Grund von eigener Aktivität und Fähigkeiten ihr Leben mit gestalten können und Kindheit somit eben nicht nur Schicksal ist.

2.2. Bezugsmodelle

2.2.1 Salutogenese

Das von dem amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entwickelte Modell der Salutogenese hat in den 70er Jahren erstmals einen Paradigmenwechsel in der Betrachtung des Verhältnisses von Gesundheit und Krankheit eingeläutet. Bis dahin war ausschließlich das biomedizinische Krankheitsmodell vorherrschend, was bewirkt hat, dass sich Mediziner und Psychologen nur mit der Entstehung und der Therapie von Krankheiten auseinandergesetzt haben und nicht danach gefragt wurde, was Menschen gesund erhält.

Das Wort Salutogenese setzt sich zusammen aus dem lateinischen Begriff „Salus“ für Gesundheit und dem griechischen Begriff „Genesis“ für Entstehungsgeschichte. Die Frage der Salutogenese ist also „Wie entsteht Gesundheit?“ oder „Was erhält gesund?“. Die Salutogenese lehnt es ab, die Welt in „Gesunde“ und „Kranke“ einzuteilen, sie nimmt eine ganzheitliche Sichtweise des Menschen ein, mit gesunden und kranken Anteilen und verabschiedet sich von der Utopie, das Krankheit eine Ausnahmeerscheinung und Gesundheit der Normalzustand ist. Antonovsky hält es für unwahrscheinlich, dass es jemals möglich sein wird, alle Krankheitsverursachenden Faktoren durch intensive Behandlung und ständige Forschung auszuschalten. Unsere alltägliche Realität bestätigt meiner Meinung nach diese Sichtweise – kaum wurde ein neuer Impfstoff entwickelt, gibt es eine neue Krankheit, die medikamentös nicht behandelbar ist.

Verbindungen zum Konzept der Resilienz sehe ich darin, dass die Salutogenese von einem optimistischen, ressourcenorientierten Menschenbild ausgeht, das Krankheit und Schwäche beim Menschen nicht ausklammert und allein Gesundheit und Stärke betont. Sowohl die Salutogenese als auch das Konzept der Resilienz versuchen, den Menschen in seiner Ganzheit wahrzunehmen, dabei aber seine Bewältigungskompetenzen zu betonen. In der Förderung von Fähigkeiten und Stärken sehen salutogenetisch orientierte Ärzte und Psychiater den Schlüssel, mit Krankheit umzugehen, bis dahin, dass Krankheit auch eine Chance sein kann, wenn deren Bewältigung neue Fähigkeiten und Kompetenzen fördert und der Mensch so gestärkt aus einer Krise hervorgehen kann.[14] Das Konzept der Resilienz hält den Menschen – insbesondere auch Kinder – für kompetent, extreme psychische oder physische Belastungen und Krisen aufgrund seiner persönlichen Fähigkeiten und mit Hilfe seiner Umwelt zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen.

Das zentrale und sehr bekannte Ergebnis von Antonovskys Forschungen zum Thema „Was erhält den Menschen gesund?“ hat er im so genannten Kohärenzgefühl (lat. zusammenhängend, zusammenhalten, Halt haben)[15] zusammengefasst. Das Kohärenzgefühl setzt sich aus drei Komponenten zusammen: Belastende Situationen und Krisen müssen für den Betroffenen verstehbar und bewältigbar sein sowie Sinn ergeben, damit man daran nicht physisch oder psychisch erkrankt.[16] Ein Kohärenzgefühl entwickelt der Mensch aufgrund seiner Erfahrungen – macht er die Erfahrung, belastende Situationen bewältigen zu können, stärkt das sein Kohärenzgefühl. Scheitert er, entsteht Stress, was aber nicht unweigerlich zur Krankheit führen muss. Vor allem durch Erfahrungen in der Kindheit und Jugend wird das Kohärenzgefühl stark geprägt: „Stehen in dieser Zeit viele innere Ressourcen (z.B. Begabungen oder bereits verinnerlichte gute Erfahrungen) und äußere Ressourcen (zum Beispiel eine Familie mit geeigneter Konfliktmeisterung, Freunde, Spielorte) zur Verfügung, entwickelt sich daraus ein starkes Kohärenzgefühl.“[17], so führt es der Psychotherapeut und Arzt Eckhard Schiffer in seinem Buch über Salutogenese aus. Ein starkes Kohärenzgefühl ermöglicht den Zugang zu inneren und äußeren Ressourcen, die nötig sind, um Krankheit zu bewältigen. Menschen mit einem schwach ausgeprägten Kohärenzgefühl stehen in der Gefahr, dass in belastenden Situationen und bei Krankheit, ihr Kohärenzgefühl noch mehr abnimmt und sie nicht auf ihre Bewältigungsressourcen zurückgreifen können.[18] Antonovsky hat einige Faktoren herausgefunden, die vor körperlichen Krankheiten schützen, wie z.B. sozialer Rückhalt, befriedigende Sexualität, Humor, Genussfähigkeit, Lebenssinn, Sport und Entspannungstraining.[19]

Generell lässt sich sagen, dass sich Antonovskys Modell der Salutogenese im Gegensatz zum Konzept der Resilienz in erster Linie auf körperliche Krankheiten bezieht, was auch oben genannte Schutzfaktoren deutlich machen, denn in psychisch schwerwiegend belastenden Situationen, mit denen sich die Resilienzforschung beschäftigt, wie z.B. sexuellem Missbrauch oder Vernachlässigung, wird Genussfähigkeit oder Sport kein Schutzfaktor sein können. Antonovskys hauptsächlicher Bezug auf körperliche Krankheiten erklärt auch, warum sein Modell der Salutogenese, im Gegensatz zum Konzept der Resilienz, wenig differenziert ist. Beim Modell der Salutogenese geht es um die Veränderung äußerer Umstände, damit Menschen gesund bleiben, also um die Beseitigung von belastenden Situationen. Förderung von Resilienz dagegen meint darüber hinaus eine Stärkung der Person von innen, um in belastenden Situationen bestehen zu können. Auch ist das Konzept der Resilienz flexibler als das Modell der Salutogenese; was für den Einen Stressoren sind, können für den Anderen zu Schutzfaktoren werden.[20]

2.2.2. Vulnerabilität

Vulnerabilität ist der Gegenbegriff zu Resilienz. „Vulnus“ bedeutet aus dem Lateinischen übersetzt „Wunde“, folglich kann Vulnerabilität mit „Verwundbarkeit“ oder „Verletzbarkeit“ übersetzt werden. Den Begriff Vulnerabilität findet man in verschiedenen Fachrichtungen, in der Psychiatrie bezeichnet er die individuelle Anfälligkeit eines Menschen, psychisch zu erkranken.[21] Die Entwicklungspsychopathologie zieht eine Verbindung zwischen den Begriffspaaren Schutzfaktoren (siehe Punkt 2.5.2.) und Resilienz als stabilisierende Faktoren für eine gesunde Entwicklung sowie Risikofaktoren (siehe Punkt 2.5.1.) und Vulnerabilität als destabilisierende Faktoren für die Entwicklung. Ein hohes Risiko in der Kindheit scheint also die Verletzlichkeit eines Menschen zu beeinflussen.[22]

Vulnerabilität besteht aus angeborenen, genetisch veranlagten Anteilen und im Laufe der Entwicklung erworbenen Anteilen (z.B. durch Traumata, spezifische Erkrankungen oder ungünstige Familienerfahrungen oder Ereignisse).[23]

2.2.3. Selbstwirksamkeit

Das von Bandura formulierte Konzept der Selbstwirksamkeit hat ebenfalls Relevanz für das Konzept der Resilienz, es handelt sich dabei um einen Resilienzfaktor. Im Folgenden werde ich kurz erläutern, was das Konzept der Selbstwirksamkeit besagt. Zimbardo definiert: „Selbstwirksamkeit (self-efficacy) ist die Überzeugung, dass man in einer bestimmten Situation die angemessene Leistung erbringen kann. Dieses Gefühl einer Person bezüglich ihrer Fähigkeit beeinflusst ihre Wahrnehmung, ihre Motivation und ihre Leistung auf vielerlei Weise.“[24] Das Konzept der Selbstwirksamkeit ist zentraler Bestandteil von Banduras sozialer Lerntheorie. Die Beurteilung der eigenen Selbstwirksamkeit hängt von den bisher gemachten Erfahrungen mit den tatsächlichen Leistungen ab, von den Beobachtungen der Leistungen anderer (War das Verhalten wirksam und hat zum erwünschten Ziel geführt?), von der Überzeugung durch andere oder durch die eigene Überzeugung etwas zu tun und von der Gefühlslage, mit der wir an eine Aufgabe herangehen (so beeinflusst z.B. Angst die Selbstwirksamkeit negativ, während Aufregung mit einer positiven Erwartung verbunden ist). Studien haben gezeigt, dass die Überzeugung der eigenen Selbstwirksamkeit Auswirkungen auf andere Personen haben kann – in der Studie von Ashton & Webb war es das Gefühl der Selbstwirksamkeit des Lehrers, das sich positiv auf das Klima in der Klasse und die Leistungen der Schüler ausgewirkt hat. Sicherlich lässt sich dieser Effekt aber auch auf einen Erziehungskontext übertragen.[25] Für die Förderung von Resilienz würde das bedeuten, das Selbstwirksamkeit durch die Selbstwirksamkeit der Eltern oder – wie es später Thema sein wird – durch die Selbstwirksamkeit des Familienhelfers bei Kindern gefördert werden kann.

2.2.4. Bindungstheorie

Die Bindungsforschung und die daraus durch John Bowlby entwickelte Bindungstheorie hat einerseits stark zu dem Glauben beigetragen: „Kindheit ist Schicksal“. Andererseits ist eine sichere Bindung an eine Bezugsperson nach den Erkenntnissen der Resilienzforschung ein bedeutsamer Schutz, der hilft, dass sich Kinder in belastenden Umständen gut entwickeln können. Doch was genau besagt die Bindungstheorie? Die Bindungstheorie beschäftigt sich mit der Wichtigkeit einer engen und verlässlichen Bindung an die Mutter oder eine andere Bezugsperson, die in den ersten Lebensjahren von besonderer Bedeutung ist. Das Bindungsverhalten zwischen der Bezugsperson und dem Kind ist dabei wechselseitig, schon Säuglinge haben eine Reihe von Verhaltensweisen um Zuwendung zu bekommen: Sie lächeln, schreien, äußern Laute, schauen der Bezugsperson ins Gesicht und weinen. All das sind Kompetenzen und Fähigkeiten des Säuglings, die gleichzeitig Resilienzfaktoren sein können. Eine positive Bindung kann dann entstehen, wenn die Bezugsperson liebevoll und beruhigend mit dem Kind umgeht, auf seine Signale reagiert und auf seine Bedürfnisse zuverlässig eingeht.[26]

Bezüglich der Qualität des Bindungsverhaltens unterteilt Bowlby in drei Kategorien:

- Kinder mit sicherer Bindung an die Bezugsperson
- Kinder mit unsicher-vermeidender Bindung an die Bezugsperson
- Kinder mit ambivalent-unsicherer Bindung an die Bezugsperson

Nur, wenn ein Kind eine liebevolle und zuverlässige Bindung an die Bezugsperson erfahren hat, ist es auch in der Lage, angstfrei die Welt zu erkunden und von der Bindungsperson für eine Zeit getrennt zu werden. Denn es hat erfahren, dass es immer wieder zur „sicheren Basis“, d.h. zu der Bezugsperson zurückkehren kann und dort Geborgenheit erfährt oder, dass die Bezugsperson nach einer Zeit der Abwesenheit wieder zurückkehren wird. Kinder, die in kummervollen Situationen von ihrer Bezugsperson statt Trost und Annahme, Zurückweisung erfahren haben, suchen nach Abwesenheit der Bezugsperson deren Nähe nicht mehr, um den Schmerz über die Zurückweisung zu verringern. Kinder, die von ihrer Bezugsperson in unberechenbarer Weise sowohl liebevolle Zuwendung als auch Ablehnung erfahren, reagieren in unbekannter Umgebung mit Angst, auch dann, wenn die Bezugsperson noch anwesend ist. Sie sind nicht in der Lage, angstfrei ihre Umwelt zu erkunden und klammern sich an ihre Bezugsperson, weil sie kein Vertrauen in ihre Zuverlässigkeit entwickeln konnten.[27]

Längsschnittstudien belegen, dass sich das Bindungsverhalten in der Kindheit auf die spätere soziale Entwicklung, d.h. auf die sozialen Kompetenzen und Kontakte eines Menschen auswirkt. Anderen Untersuchungen zu Folge – Oerter führt ein Beispiel hierfür an – haben aber nur 14 von 46 Kindern eine sichere Bindung, 23 Kinder dieser Untersuchungsgruppe wiesen eine unsicher-vermeidende Bindung auf und sechs Kinder eine ambivalent-unsichere Bindung, weitere drei konnten nicht klassifiziert werden. Anhand dieser Ergebnisse wird deutlich, dass es wohl noch kompensatorische Faktoren für eine unsichere Bindung im Laufe der Entwicklung geben muss, die Bowlby nicht in seiner Bindungstheorie berücksichtigt hat, denn ansonsten müsste die Mehrzahl der Bevölkerung aufgrund einer unsicheren Bindung in der Entwicklung beeinträchtigt sein.[28] Das Konzept der Resilienz beschäftigt sich ebenfalls mit der Bedeutung von einer sicheren Bindung, sie bewertet eine sichere Bindung aber als einen von vielen anderen Faktoren, der Kindern eine gute Entwicklung ermöglicht. Dagegen macht Bowlbys Bindungstheorie rein kausale Aussagen, die Kindern, die sich trotz belasteter Beziehungen im Elternhaus positiv entwickeln, nicht gerecht wird: Wenn Kinder eine sichere Bindung erfahren haben, vollziehen sie eine positive soziale Entwicklung, waren sie aber unsicher gebunden, wirkt sich dies negativ auf ihre soziale Entwicklung aus.

2.3. Entwicklung des Resilienzkonzepts

Bei der Frage nach der Entwicklung des Resilienzkonzepts gilt es wieder auf den Paradigmenwechsel zu verweisen, der mit Aaron Antonovskys Modell der Salutogenese in den 70er Jahren seinen Anfang nahm. Dieser Paradigmenwechsel, weg von einer rein krankheitsorientierten, pathogenetischen[29] Perspektive, die nur nach der Entstehung von Krankheit fragt, hin zu einem salutogenetischen Modell, hatte Auswirkungen auf die Human- und Sozialwissenschaften. Krankheitsverhinderung und Gesundheitsförderung sind heute zu zentralen Themen gesundheitspolitischer und -wissenschaftlicher Diskussion geworden. Das pathogenetische Gegenstück zur Resilienzforschung ist die Risikoforschung, durch deren Ergebnisse bei Forschern erst das Interesse geweckt wurde, nicht nur Entwicklungsbeeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen in Folge von Risikokonstellationen zu betrachten, sondern auch diejenigen Kinder und Jugendliche verstärkt zu berücksichtigen, die trotz hohem Risiko keine Auffälligkeiten entwickelten. Dass der Anteil von Kindern und Jugendlichen, die trotz hoher Risikobelastung keine Verhaltensstörungen oder Krankheiten entwickelten, gar nicht so gering ist, haben Untersuchungen zu Risikokonstellationen ergeben. So kam der amerikanische Psychologe Norman Garmezy zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass Kinder mit einem Elternteil, der an Schizophrenie erkrankt ist, trotz eines höheren Risikos zu 90% nicht psychisch erkrankten. Andere Untersuchungen haben ergeben, dass sich 50-70% so genannter Risikokinder, deren Eltern sich beispielsweise scheiden ließen oder in deren Elternhaus chronische Disharmonie herrschte, sich zu gesunden, kompetenten und leistungsfähigen Erwachsenen entwickelten.[30] Angesichts dieser Zahlen ist es umso erstaunlicher, dass man die Gruppe der Kinder, die sich trotz hohem Risiko positiv entwickeln, lange Zeit nicht berücksichtigt hat, obwohl die Frage nach den Ressourcen dieser Kinder, doch auch ein Schlüssel zur Heilung der verhaltensauffälligen und kranken Kinder und auf jeden Fall ein Schlüssel zur Prävention bei gefährdeten Kindern ist.

In den Anfängen der Resilienzforschung wurden solche Kinder, die sich trotz hohen Risikos gut entwickelten zunächst als „Unverwundbar, unbesiegbar oder unverwüstlich“ bezeichnet. Im weiteren Verlauf der Resilienzforschung wurden die Erkenntnisse jedoch differenzierter und man kam davon ab, Menschen aufgrund angeborener Charaktereigenschaften für unbesiegbar oder unverwundbar zu halten. Vielmehr kristallisierte sich eine Vielzahl von personalen aber auch sozialen Ressourcen heraus, die es Menschen ermöglichen, unter starken psychischen Belastungen zu bestehen. Neben den Risikofaktoren, welche die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bedrohen, begann man nun auch von Schutzfaktoren zu sprechen, die eine positive Entwicklung trotz Risiko möglich machen.

Wenn in der Literatur heute von Resilienz gesprochen wird, versteht man Resilienz nicht als angeborene Eigenschaft, die manche Menschen haben und andere nicht, sondern man geht davon aus, dass Resilienz erlernbar, veränderbar und situationsabhängig ist.

Corina Wustmann differenziert Resilienz in dreifacher Hinsicht:[31]

- Resilienz ist ein dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess
- Resilienz ist eine variable Größe
- Resilienz ist situationsspezifisch und multidimensional

Nach heutigem Forschungsstand entsteht Resilienz immer in einem Zusammenspiel zwischen Merkmalen des Kindes und seiner Lebensumwelt. Resilienz entwickelt sich unter risikomildernden Faktoren innerhalb des Kindes oder durch risikomildernde Einflüsse in der sozialen Umwelt. Aufgrund unterschiedlicher Dispositionen innerhalb von Kindern und aufgrund unterschiedlicher Umwelteinflüsse entwickelt sich die Fähigkeit, mit belastenden Lebensumständen umzugehen, unterschiedlich. Der amerikanische Resilienzforscher Michael Rutter sowie die Forscher Zimmermann & Arunkumar haben die Annahme der „relationalen Resilienz“ eingeführt, die das frühere Konzept der „absoluten Unverwundbarkeit“ abgelöst hat. Insofern sich die Umwelteinflüsse verändern oder sich das Kind bzw. der Jugendliche in einer kritischen Periode seiner Entwicklung befindet (z.B. Pubertät, Übergang vom Kindergarten in die Schule), kann ein Kind bzw. Jugendlicher auch verletzlicher werden, als er es zuvor unter günstigeren Umwelteinflüssen und in einem einfacheren Entwicklungsstadium war. Wenn ein Kind oder Jugendlicher sich in einem Lebensbereich resilient zeigt, muss dies noch lange nicht auf alle anderen Lebensbereiche zutreffen. Man spricht daher nicht von einer universellen oder allgemeingültigen Resilienz, sondern von einer situations- und lebensbereichspezifischen Resilienz. Die Ergebnisse einer Studie mit misshandelten Kindern verdeutlichen dies: Zwei Drittel der Untersuchungsgruppe galten in Bezug auf ihre schulische Kompetenz als resilient, aber nur 21% von ihnen konnten in Bezug auf ihre soziale Kompetenz als resilient eingestuft werden.[32]

2.4. Zentrale Kennzeichen des Resilienzparadigmas

In den vorangegangenen Punkten ging es um Bezugsmodelle, die teilweise ähnliche Gedanken wie das Konzept der Resilienz aufweisen, um den Paradigmenwechsel in den Human- und Sozialwissenschaften und die damit verbundene Entwicklung des Resilienzkonzepts. In diesem Punkt werde ich nun auf zentrale Kennzeichen eingehen, die dem Konzept der Resilienz zu Grunde liegen, sozusagen auf die Philosophie und die Überzeugungen, auf die das Konzept der Resilienz aufbaut und die sich im Menschen, wenn Resilienz gefördert wird, gleichsam entfalten können.

Ein zentrales Kennzeichen ist, dass Risikosituationen nicht nur negativ gesehen werden. Der Fokus liegt nicht nur darauf, wie sich widrige Umstände für die betroffene Person bewältigen lassen, sondern auch auf den Chancen, die sich aus neuen Herausforderungen für die Lebensgestaltung und die persönliche Weiterentwicklung ergeben können. Die Resilienzforschung interessiert sich dafür, wie mit Stress umgegangen wird und wie sich Bewältigungskompetenzen fördern lassen. Pädagogik im Sinne des Resilienzkonzepts will nicht reparieren, sie begibt sich auf die Suche nach den individuellen „Selbstkorrekturkräften“ von Kindern und Jugendlichen und will Hilfestellung geben, diese dann zu fördern. Die Resilienzforschung fragt nach den Kompetenzen und danach, „Was Kinder stärkt“ – so auch der Titel eines Buches zum Thema Resilienz.

Das Konzept der Resilienz traut Kindern schon viel zu: Sie werden als aktive Gestalter und Bewältiger gerade auch in schwierigen Lebensbedingungen verstanden. Resilienzförderung in der Pädagogik bedeutet somit, Kindern zu helfen, ihre internen und externen Ressourcen zu entdecken und zu gebrauchen, um ihr Schicksal zu meistern. Wustmann fügt hier aber auch an, dass natürlich nicht der Fehler begangen werden darf, Kindern schon genauso viel Verantwortung für ihr Leben zu übertragen wie Erwachsenen. Auf viele Aspekte ihres Lebens haben Kinder einfach noch keinen Einfluss, wie z.B. die familiäre oder sozioökonomische Situation.

Um Kindern zu helfen, in den Bereichen, wo sie selber Einfluss auf ihr Schicksal nehmen können, aktiv zu werden, steht im Mittelpunkt des Resilienzkonzepts die Förderung von wichtigen Resilienzfaktoren, wie z.B. Problemlösefähigkeiten, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen oder einer positiven Selbsteinschätzung. Ein weiteres zentrales Merkmal des Resilienzkonzepts ist die Förderung der Motivation bei Kindern, Herausforderungen selbst bewältigen zu wollen oder sich selbst Hilfe zu suchen sowie die realistische Einschätzung der eigenen Ressourcen, um diese dann problem- und situationsgerecht einzusetzen.[33]

2.5. Risiko- und Schutzfaktorenmodell

Das Risikofaktorenmodell und das Schutzfaktorenmodell sind zwei wesentliche Modelle auf die sich die Resilienzforschung direkt bezieht. Die zwei Modelle betrachten Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung von Kindern gesondert, während das Konzept der Resilienz sich auf beide Modelle bezieht und dann der Frage nachgeht, wie Risiko- und Schutzfaktoren zusammenwirken.

2.5.1. Risikofaktorenmodell

In der Wissenschaft versteht man unter Risiko im Allgemeinen „die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer bestimmten unerwünschten Wirkung unter spezifizierten Bedingungen.“[34]

Manfred Laucht erklärt, was man in der Risikoforschung speziell unter einem Risikofaktor in der Entwicklung von Kindern versteht: „Als Risikofaktor gilt dabei ein Merkmal, das bei einer Gruppe von Individuen, auf die dieses Merkmal zutrifft, die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Störung im Vergleich zu einer unbelasteten Kontrollgruppe erhöht.“[35] Der Risikobegriff stammt ursprünglich aus der Geburts- und Neonatalmedizin und meint dort z.B. die statistische Wahrscheinlichkeit der Entwicklungsgefährdung bei Frühgeburten im Vergleich zu termingerecht geborenen Kindern. Heute wird der Risikobegriff in allen Bereichen, welche die Entwicklung von Kindern betreffen, angewendet. Allarmierend dabei ist, dass in Deutschland ca. ein Viertel bis ein Drittel aller Kinder Risikokinder sind; viele davon sind von sozioökonomischen und familiären Risiken betroffen, wie z.B. Vernachlässigung, Kindesmisshandlung, Scheidung, Isolation. Bei Jugendlichen ist zudem eine geringe oder abgebrochene Ausbildung ein hohes Risiko.[36] Man unterscheidet zwei große Gruppen von Risikofaktoren: Zum einen alle biologischen und psychologischen Faktoren, die in Bezug auf das Individuum Risiken darstellen – sie werden auch als Vulnerabilitätsfaktoren[37] bezeichnet – und zum anderen alle psychosozialen Merkmale (Stressoren), die Risiken in der Umwelt des Individuums darstellen – sie werden eigentlich als Risikofaktoren[38] bezeichnet.

Wustmann hat eine Auswahl an Vulnerabilitäts- und Risikofaktoren zusammengestellt, die durch verschiedene Studien übereinstimmend ausfindig gemacht werden konnten.[39]

Folgende Faktoren gelten als primäre Vulnerabilitätsfaktoren, weil das Kind diese Defizite bzw. Schwächen von Geburt an aufweist:

- Prä- und perinatale Faktoren (z.B. Frühgeburt, Geburtskomplikationen, niedriges Geburtsgewicht, angeborene Erkrankungen des Säuglings)
- Genetische Faktoren (z.B. Chromosomenanomalien)
- Schwierige Temperamentsmerkmale
- Geringe angeborene kognitive Fertigkeiten (z.B. niedriger Intelligenzquotient, Defizite in der Wahrnehmung und sozial-kognitiven Informationsverarbeitung)

Andere Faktoren werden erst im Laufe der Entwicklung in der Auseinandersetzung mit der Umwelt erworben und gelten deshalb als sekundäre Vulnerabilitätsfaktoren:

- Postnatale Faktoren (z.B. Ernährungsdefizite, Erkrankungen des Säuglings)
- Neuropsychologische Defizite
- Psychophysiologische Faktoren (z.B. sehr niedriges Aktivitätsniveau)
- Chronische Erkrankungen (z.B. Asthma, Neurodermitis, Krebs, schwere Herzfehler, hirnorganische Schädigungen)

- Frühes impulsives Verhalten, hohe Ablenkbarkeit
- Unsichere Bindungsorganisation
- Geringe kognitive Fertigkeiten (z.B. niedriger Intelligenzquotient, Defizite in der Wahrnehmung und sozial-kognitiven Informationsverarbeitung)
- Geringe Fähigkeiten zur Selbstregulation von Anspannung und Entspannung

Bei den psychosozialen Risikofaktoren in der Umwelt der Kinder gibt es diskrete Risikofaktoren – solche, die zu einem bestimmten Zeitpunkt als einmalige Ereignisse auftreten und kontinuierliche Risikofaktoren, die den gesamten Entwicklungsverlauf der Kinder begleiten:

- Niedriger sozioökonomischer Status und chronische Armut
- Aversives Wohnumfeld (z.B. Wohngegenden mit hohem Kriminalitätsanteil)
- Chronische familiäre Disharmonie
- Elterliche Trennung und Scheidung
- Widerheirat eines Elternteils oder häufig wechselnde Partnerschaften der Eltern
- Arbeitslosigkeit der Eltern
- Alkohol- oder Drogenmissbrauch der Eltern
- Psychische Störungen oder Erkrankungen eines bzw. beider Elternteile
- Kriminalität der Eltern
- Obdachlosigkeit
- Niedriges Bildungsniveau der Eltern
- Abwesenheit eines Elternteils oder allein erziehender Elternteil
- Erziehungsdefizite oder ungünstige Erziehungspraktiken der Eltern
- Sehr junge Elternschaft (vor dem 18.Lebensjahr)
- Unerwünschte Schwangerschaft
- Häufige Umzüge oder häufiger Schulwechsel
- Migrationshintergrund
- Soziale Isolation der Familie
- Adoption oder Pflegefamilie
- Verlust eines Geschwisters oder engen Freundes
- Geschwister mit einer Behinderung, Lern- oder Verhaltensstörung
- Mehr als vier Geschwister
- Mobbing oder Ablehnung durch Gleichaltrige
- Außerfamiliäre Unterbringung

Lösel und Bender werfen die Frage auf, inwieweit Risikofaktoren überhaupt objektiv bewertet werden können, kommt es doch letztlich entscheidend auf die subjektive Wahrnehmung an, ob und wie stark eine Belastung empfunden wird. Die Trennung oder Scheidung der Eltern ist objektiv betrachtet ein Risikofaktor; es kann für ein Kind aber auch Reduzierung von Stress bedeuten, während ein anderes Kind darunter leidet, dass die Eltern nicht mehr zusammen leben oder sich selbst für schuldig hält.[40]

Des Weiteren sind Alter und Entwicklungsstand des Kindes und damit verbunden die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erfassen sowie die Geschlechtszugehörigkeit wichtige Indikatoren dafür, ob und in welchem Maße ein Risikofaktor die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigt.[41] Auf diese beiden Aspekte werde ich in Punkt 2.10. genauer eingehen, wenn es um Resilienz in der Entwicklung geht.

2.5.2. Schutzfaktorenmodell

Schutzfaktoren sind der Gegenpol zu Risikofaktoren, welche die psychische Widerstandskraft bzw. Resilienz eines Individuums in einer risikobelasteten Lebenssituation stärken und gleichzeitig das Risiko, Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln oder zu erkranken, reduzieren. Es wäre jedoch falsch anzunehmen, es handle sich bei Schutzfaktoren einfach um positive Faktoren, die eine gute psychosoziale Entwicklung ermöglichen, weil sie eben nur bei vorhandenem Risiko schützen können. Auch kann ein und derselbe Faktor in einem Zusammenhang Schutzfaktor sein und in einem anderen Risikofaktor, wie ich es schon bei den Risikofaktoren anhand des Beispiels Trennung oder Scheidung der Eltern verdeutlicht habe.

Die Resilienzforscherin Emmy Werner kam zu dem Ergebnis, dass Schutzfaktoren und Schutzprozesse sich allgemeiner auf die Anpassung und die Bewältigung von Lebensereignissen auswirken.[42]

Nach Norman Garmezy lassen sich bei Kindern drei Typen von personalen und sozialen Ressourcen unterscheiden, die Schutzfaktoren sind:

- Die Persönlichkeit des Kindes
- Den familiären Zusammenhalt und das Fehlen von Missstimmung
- Das Vorhandensein externer Unterstützung, welche die kindlichen Bewältigungsstrategien fördert und stärkt[43]

Die drei Bereiche können aber nicht isoliert betrachtet werden, im Gegenteil: Sie interagieren miteinander und nehmen aufeinander Einfluss. Ein Kind kann, wenn auch in geringerem Ausmaß als die Eltern, durch sein Wesen und das Zugehen auf die Eltern, zum Zusammenhalt in der Familie beitragen. Andererseits beeinflussen die Eltern, vor allem in den ersten Jahren, in denen sie die einzigen Bezugspersonen sind, stark das Selbstbild eines Kindes – sowohl in positivem als auch im negativen Sinne.

Die Resilienzforscher Herbert Scheithauer und Franz Petermann haben folgende Klassifizierung von Schutzfaktoren erarbeitet:

- Kindbezogene Faktoren (angeborene Eigenschaften, wie z.B. positive Temperamentsmerkmale)
- Resilienzfaktoren

Resilienzfaktoren sind Eigenschaften, die das Kind im Laufe seiner Entwicklung in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt erlernt und sich aneignet, dazu zählen z.B. ein positives Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeitsüberzeugung und Eigeninitiative, Kreativität und Talent, intellektuelle Kapazität, etc.

- Umgebungsbezogene Faktoren

Damit sind positive Faktoren gemeint, welche die Familie und das soziale Umfeld des Kindes betreffen, wie z.B. eine stabile Beziehung zu einer Bezugsperson, eine stabile familiäre Umwelt, Vorbilder, was aktives Bewältigungsverhalten betrifft, Wärme, Akzeptanz und Achtung durch die Bezugsperson, konsequenter Erziehungsstil, positive Schulerfahrungen, etc.[44],[45]

2.6. Risiko- und Schutzmechanismen

2.6.1. Risikomechanismen

In der Forschung wurden verschiedene Risikomechanismen entdeckt und darauf untersucht, ob sie wirklich in einem ursächlichen Zusammenhang mit einem Risikofaktor stehen oder nur einen zufälligen statistischen Zusammenhang aufweisen. Ein Risikofaktor allein ist lediglich ein Indikator für mögliche negative Konsequenzen, der diese aber nicht automatisch auslösen muss. In einem pädagogischen Kontext sollten Risikofaktoren den Pädagogen aber auf jeden Fall aufhorchen lassen, um zu überprüfen, inwieweit sie sich negativ auf die Entwicklung auswirken, ob Handlungsbedarf besteht oder die Familie in einer solchen Weise mit beispielsweise ökonomischer Benachteiligung umzugehen weiß, dass es sich nicht nachteilig auf die Kinder auswirkt.[46]

Heinz Kindler und Susanne Lillig unterscheiden zwischen distalen (entfernten) und proximalen (nahen) Risikomechanismen. „Von distalen Mechanismen wird gesprochen, wenn Zusammenhänge über viele Zwischenschritte vermittelt werden“,[47] so Lillig und Kindler. Distale Mechanismen treten vor allem bei sozialen Problemen, wie beispielsweise Armut oder allein erziehendem Status auf, was jedoch nicht unbedingt ein Risiko für das Aufwachsen von Kindern bedeuten muss. Oft ist es aber der Fall, dass das soziale Problem Stress bei den Eltern auslöst, was sich dann wiederum negativ auf die Fürsorge und somit auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Anders ausgedrückt: Distale Faktoren, wie Armut oder Scheidung, haben nur dann einen negativen Effekt auf die Entwicklung von Kindern, wenn sie zusammen mit proximalen Risikofaktoren, wie z.B. Ablehnung, Gleichgültigkeit oder Inkonsistenz in der Erziehung auftreten.[48] Gewalt in der Partnerschaft und Kindesmisshandlung wäre dagegen ein Beispiel für einen proximalen Risikomechanismus: Wenn die Eltern untereinander gewalttätig sind, ist das Risiko hoch, dass sie auch in der Erziehung ihrer Kinder körperliche Gewalt anwenden. Besonders proximale Risikofaktoren müssen in der pädagogischen Praxis Beachtung finden, da sie statistisch ein viel höheres Risiko darstellen, wie distale Risikofaktoren.

Wenn mehrere Risikofaktoren gleichzeitig auftreten, spricht man von kumulierenden Risikofaktoren, die sich in erheblichem Maße belastend auswirken. Mit Ausnahme von traumatischen Erlebnissen, wirken sich mehrere kumulierende Risikofaktoren gravierender auf die Belastbarkeit einer Person aus, als nur einzelne oder wenige Risikofaktoren. Der amerikanische Resilienzforscher Rutter fand in seiner Untersuchung zur Häufigkeit psychiatrischer Erkrankungen bei 10jährigen Kindern heraus, dass sich das Risiko, psychisch zu erkranken, bei Vorliegen nur eines Risikofaktors, praktisch nicht erhöht. Bei zwei Risikofaktoren vervierfachte sich das Risiko und bei vier Risikofaktoren war die Wahrscheinlichkeit psychisch zu erkranken, zehn mal so hoch. Bestehen mehrere Risikofaktoren in der Umwelt eines Kindes, potenzieren sich die einzelnen Risikofaktoren und führen zu einer erhöhten Verletzlichkeit in der Entwicklung.[49] Hieraus ergeben sich auch Probleme für die Definition von Resilienz – sind manche Menschen vielleicht nur scheinbar resilient, weil sie nur mit einzelnen, nicht sehr gravierenden Risiken in ihrem Leben konfrontiert waren?[50] Letztlich ist diese Frage nicht gelöst und es bleibt nur, die einzelnen Studien genau zu betrachten und dann sein Fazit zu ziehen, was sich angesichts der Komplexität von Wirkprozessen schwer gestaltet.

Liegt ein Risikofaktor, wie z.B. Arbeitslosigkeit der Eltern oder Armut der Familie vor, bedingt dies oft noch viele andere Risikofaktoren, wie z.B. Wohnen in benachteiligten Gegenden mit hoher Kriminalität, schlechte Ernährung, schlechte Bildungschancen, elterlicher Stress, etc. Viele Kinder wachsen mit solchen wie im Beispiel angeführten oder ähnlichen Risiken auf, man spricht dann von multiplen Risiken.[51]

Charakteristisch bei multiplen Risiken ist, dass sie meist über einen langen Zeitraum oder während der gesamten Entwicklung des Kindes in der Familie und deren Umfeld vorhanden sind. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, da sich ein einzelnes Problem schneller lösen lässt, als eine im Gesamten problematische Lebenslage. Lösel und Bender kamen zu dem Ergebnis, dass vor allem lang andauernde und immer wiederkehrende schädigende Einflüsse zu einer langfristigen Veränderung des biopsychosozialen Wohlbefindens und zu einer „Risikopersönlichkeit“ führen.[52] Von der Schweizer Psychologin und Ärztin Cecile Ernst stammt das Zitat: „Kinder werden nicht in ihren frühesten Jahren durch Traumen geprägt, sondern – bei entsprechender Vulnerabilität – nach der frühesten Kindheit durch anhaltenden Druck verbogen.“[53] Dieses Zitat verweist auch wieder auf die Bedeutung des Resilienzbegriffs, der in seiner ursprünglichen Bedeutung Materialien, also im übertragenen Sinne Kinder beschreibt, die die Eigenschaft besitzen, Druckerfahrung standzuhalten und dann wieder von alleine ihre ursprünglichen Form anzunehmen – sprich gesund zu bleiben.

2.6.2. Schutzmechanismen

Oerter unterteilt die Schutzfaktoren in distale Randbedingungen (z.B. Aufwachsen in einer guten Gegend), proximale Beziehungseinflüsse (z.B. verlässliche Bezugsperson) und internale Schutzfaktoren (z.B. positive Temperamentseigenschaften).[54] Für die Wirkung der Schutzfaktoren gilt ebenso wie bei den Risikomechanismen, dass distale Randbedingungen weniger Einfluss auf eine positive Entwicklung nehmen; weitaus entscheidender sind proximale Beziehungseinflüsse und internale Schutzfaktoren für eine gesunde Entwicklung.

Ähnlich wie bei den Risikomechanismen führt die Kumulation mehrerer Schutzfaktoren zu risikomildernden Bedingungen. Die Kumulation von Schutzfaktoren liefert auch eine mögliche Erklärung für das Phänomen der Resilienz. Je mehr Schutzfaktoren einem Kind zur Verfügung stehen, desto größer ist seine Belastbarkeit. Ein anderes Kind, das kaum über Schutzfaktoren verfügt, reagiert oft schon bei geringem Risiko mit Verhaltensstörungen, wie es auch eine Studie von Jessor belegt.[55],[56]

Die Wirkung von Schutzfaktoren hat sich auch als geschlechtsspezifisch erwiesen: Bei Jungen und Mädchen sind unterschiedliche Schutzfaktoren von besonderer Bedeutung, die sich je nach Alter und Entwicklungsstufe verändern. Mehr darüber werde ich in Punkt 2.10. schreiben.

2.7. Resilienzmodelle

Forscher haben versucht zu erklären, wie Risikofaktoren und Schutzfaktoren in der Entwicklung von Kindern zusammenwirken, wovon sich auch in der Praxis eine entscheidende Orientierung für die Prävention ableiten lässt. Da Resilienz sich sonst nur im Nachhinein feststellen lässt, braucht es solche Orientierungen, um belastende Lebensumstände und Krisen, in denen sich Kinder und Jugendliche befinden, einschätzen zu können und die entsprechende Unterstützung zu geben. Im Folgenden werde ich verschiedene Modelle von Wirkzusammenhängen der Risiko- und Schutzbedingungen vorstellen. Die Modelle wurden von verschiedenen Resilienzforschern anhand Statistiken über risikoerhöhende und risikomildernde Faktoren und den entsprechenden Entwicklungsergebnissen erstellt. Da die Statistiken mittels einer Vielzahl von verschiedenen Untersuchungspersonen erstellt wurden, kamen die Forscher auf unterschiedliche Wirkzusammenhänge. Die daraus entstandenen Modelle wollen jedoch nicht ausdrücken, dass Person A nach Modell A oder Person B nach Modell B funktioniert; die unterschiedlichen Modelle können durchaus bei ein und derselben Person gleichzeitig oder nacheinander im Bewältigungsverhalten auftreten.[57]

2.7.1. Modell der Kompensation

Beim Modell der Kompensation geht man davon aus, dass schützende Faktoren eine allgemeine risikomildernde Funktion ausüben. „Risikoerhöhender Faktor und protektives Merkmal wirken also gegeneinander und subtraktiv.“[58][59] Bei diesem Modell wird nicht qualitativ zwischen verschiedenen Arten von Schutzfaktoren und Risikofaktoren differenziert, es geht viel mehr darum, in welchem quantitativen Verhältnis sich Risiko- und Schutzfaktoren gegenüberstehen. Deshalb schlussfolgert Wustmann: „Je mehr risikomildernde Faktoren vorhanden sind, umso besser wird das Entwicklungsergebnis und damit die Bewältigung der Risikosituation sein; je weniger risikomildernde Faktoren vorliegen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit für psychische Beeinträchtigungen.“[60]

Für die Anwendung dieses Modells bei Interventions- und Präventionsmaßnahmen wird noch einmal in zwei verschiedene Modelle unterteilt. Zum einen das „Haupteffekt-Modell“ und zum anderen das „Mediatoren-Modell“.

a) Haupteffekt-Modell

Intervention und Prävention beziehen sich hier direkt auf das Kind. Ziel ist, die persönlichen Kompetenzen, die eine schützende Wirkung haben, gezielt zu fördern und die Ressourcen des Kindes zu erhöhen. Das kann z.B. bedeuten, Problemlösefähigkeiten, Stressbewältigungskompetenzen und soziale Kompetenzen zu fördern.

b) Mediatoren-Modell

Hier richten sich Interventions- und Präventionsmaßnahmen indirekt an das Kind, weil man davon ausgeht, dass risikoerhöhende und risikomildernde Faktoren sich in erster Linie indirekt über einen Mediator (z.B. die Eltern) auf das Kind auswirken. Indem man durch Intervention z.B. einen Elterntrainingskurs oder die Beratung der Eltern, die erzieherische Kompetenz stärkt, verspricht man sich risikomildernde Auswirkungen für das Aufwachsen der Kinder. Sinnvoll ist es aber auch, distale Schutzfaktoren zu stärken bzw. aufzubauen, wie z.B. ein soziales Netzwerk, um die Auswirkungen von chronischer Armut und Arbeitslosigkeit zu mildern.

2.7.2. Modell der Herausforderung

Bei diesem Resilienzmodell werden Risikobedingungen und Stress, mit denen das Kind konfrontiert ist, als Herausforderung und Chance gesehen, um eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die dem Kind in seinem weiteren Leben helfen, mit Risikosituationen kompetent umzugehen. Die zu bewältigende Situation darf für das Kind allerdings keine Überforderung sein. Lebensereignisse, die im Sinne von „Herausforderung“ Resilienz beim Kind fördern können, sind z.B. die Geburt eines Geschwisterkindes und die damit verbundene Herausforderung, eine neue Rolle in der Familie einzunehmen, die Trennung und Scheidung der Eltern und die Gewöhnung daran, dass diese nun nicht mehr zusammenleben, aber trotzdem noch für das Kind da sind oder, wenn ein Elternteil eine Stieffamilie gründet, etc. Ein Kind, das solche oder ähnliche Situationen erfolgreich bewältigt hat, verfügt gegenüber einem Kind, das ohne Risiko aufgewachsen ist, über mehr Bewältigungskompetenzen, die ihm im weiteren Leben helfen werden, neue Risikosituationen zu überwinden.[61]

2.7.3. Modell der Interaktion

Bei diesem Modell geht man davon aus, dass risikomildernde Faktoren sich nur indirekt auf das Entwicklungsergebnis auswirken. Das bedeutet, dass risikoerhöhende Faktoren und risikomildernde Faktoren direkt miteinander interagieren und so das Entwicklungsergebnis beeinflussen. Wenn keine risikoerhöhende Bedingungen vorhanden sind, haben auch die risikomildernden Faktoren keine besondere Auswirkung auf das Entwicklungsergebnis. Präventions- und Interventionsansätze, die sich auf dieses Modell stützen, richten sich speziell an Risikogruppen, wie z.B. Scheidungskinder, Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien, Kinder mit Gewalterfahrung oder Kinder mit Migrationshintergrund. Prävention und Intervention kann sich aber auch an die Eltern richten, um diese für die Bedürfnisse ihrer Kinder zu sensibilisieren, z.B. in Form von Beratung und Gruppenangeboten.[62]

2.7.4. Modell der Kumulation

Hier handelt es sich um eine Erweiterung des vorangegangenen Modells der Interaktion. Kinder aus bestimmten Risikogruppen (wie z.B. Migranten, Kinder sehr junger Eltern, Kinder, deren Eltern Drogen- oder Alkoholprobleme haben, Kinder mit einem psychisch erkrankten Elternteil, etc.), leiden oft darunter, dass sich die risikoerhöhenden Bedingungen in ihrem Umfeld gegenseitig bedingen und erhöhen. Das Modell der Kumulation besagt, dass sich sowohl mehrere risikoerhöhende als auch mehrere risikomildernde Bedingungen addieren können. Bei solchen Familien ist es besonders wichtig, dass sie Unterstützung von außen bekommen (z.B. durch Beratung oder Unterstützung durch ein soziales Netzwerk), um möglichst viele Schutzfaktoren aufzubauen, welche die Auswirkungen der risikoerhöhenden Faktoren mildern können.[63]

2.8. Studien der Resilienzforschung

In der Resilienzforschung bzw. der Risiko- und Schutzfaktorenforschung werden meist Längsschnittstudien durchgeführt, welche die Entwicklung von Kindern oftmals von Geburt an bis ins Erwachsenenalter begleiten. Die verschiedenen Studien haben anhand empirischer Forschungsmethoden, wie z.B. Beobachtungen, Interviews, psychologischen Persönlichkeitstests, etc., die Entwicklung von Kindern untersucht, die von Geburt an schon Risikofaktoren in ihrer Umwelt oder aufgrund von Geburtsrisiken aufwiesen. Besonders bedeutsam sind prospektive Längsschnittstudien, wobei die Probanden zwar Risikofaktoren aufweisen, aber die unerwünschten Wirkungen bei Beginn der Untersuchung noch nicht eingetreten sind.[64] Bei allen Vorteilen, die Längsschnittstudien im Bereich der Resilienzforschung haben, sind sie sehr zeitaufwändig und kostenintensiv. Querschnittstudien sind dagegen mit weniger Aufwand verbunden; sie finden in einem begrenzten Zeitraum statt und beschäftigen sich meist mit der Untersuchung von Vergleichsgruppen.[65] Beispielsweise wird die Entwicklung von Kindern bei hohem, mäßigem und nicht vorhandenem Risiko verglichen.

Im Folgenden werde ich eine Auswahl von bekannten Studien der Resilienzforschung und deren Forschungsdesign, Verlauf sowie bedeutsame Ergebnisse vorstellen. Neben den allgemeinen Studien zu Risiko- und Schutzfaktoren, gibt es auch eine Vielzahl an Studien bezüglich der Auswirkung spezieller Risikofaktoren auf die Entwicklung von Kindern, worauf ich abschließend in diesem Punkt noch kurz eingehen werde.

2.8.1. Die „Kauai Längsschnittstudie“

Die amerikanische Psychologin Emmy Werner wird auch die „Mutter der Resilienzforschung“[66] genannt, von ihr wurde die bekannteste, älteste und längste Untersuchung zu Resilienz durchgeführt. Zusammen mit ihrer Kollegin Ruth S. Smith hat sie die Entwicklung von einer Gruppe von knapp 700 Kindern des Geburtsjahrgangs 1955 auf der Hawaii-Insel Kauai über 40 Jahre lang begleitet und untersucht. Ziel der Untersuchung war es, die Langzeitfolgen prä- und perinataler Risikobedingungen und die Auswirkungen ungünstiger Lebensbedingungen auf die physische, kognitive und psychische Entwicklung der Kinder festzustellen.

Als Erhebungsmethode dienten Interviews (zuerst mit den Eltern und später dann auch mit den jungen Erwachsenen), Verhaltensbeobachtungen sowie Persönlichkeits- und Leistungstests, die von Psychologen, Lehrern, Sozialarbeitern, Pädiatern und Krankenschwestern durchgeführt wurden. Zudem wurden Informationen von Gesundheits- und Sozialdiensten, Familiengerichten und Polizeibehörden mit ausgewertet.

Gemeinsam hatten alle Kinder den Risikofaktor Armut, da die Erwerbsmöglichkeiten auf der Insel sehr schlecht waren. Ein Drittel der Kinder wurde im Laufe der Untersuchung mit einem hohen Risiko eingestuft; sie waren schon vor ihrem zweiten Lebensjahr mindestens vier risikoerhöhenden Bedingungen ausgesetzt – man sprach deshalb von einer multiplen Risikobelastung. Zwei Drittel dieser „Hochrisikokinder“ waren bei der Untersuchung im Alter von zehn Jahren in vielerlei Hinsicht auffällig. Sie zeigten z.B. Lern- und Verhaltensstörungen und wurden in den folgenden Jahren straffällig oder noch vor dem 18. Lebensjahr schwanger. Das restliche Drittel der „Hochrisikokinder“ entwickelte keine Auffälligkeiten, trotz der hohen Risikobelastung. Im Alter von 40 Jahren standen alle der resilienten Probanden der „Hochrisikokinder“ im Beruf, die Verheirateten führten stabile Ehen und die Rate der Todesfälle, chronischen Erkrankungen und Scheidungen war im Vergleich niedriger als bei den anderen zwei Drittel.

Werner und Smith konnten durch ihre Studie einige Merkmale für Resilienz und protektive Faktoren in der Entwicklung der Kinder identifizieren. Zu den persönlichen Ressourcen der resilienten Kinder zählten günstige Persönlichkeitseigenschaften, schulische Leistungsfähigkeit, Kommunikations- und Problemlösefähigkeiten, Autonomie und die Fähigkeit, sich selbst Hilfe und Unterstützung zu holen, Selbstvertrauen und religiöser Glaube bzw. Lebenssinn. Als wichtig für die Entwicklung von Resilienz kristallisierten sich bei Werner und Smith das Eingebundensein in soziale Unterstützungssysteme, wie Kirche, Jugendgruppen und Rückhalt in der Schule durch Lehrer und Mitschüler heraus. Im Erwachsenenalter gab es bei einigen Probanden „positive Wendepunkte“, die sich als förderlich für die persönliche Resilienz erwiesen. Dazu gehörten Heirat, die Geburt des ersten Kindes, Weiterbildungen, Hinwendung zum Glauben und den Eintritt in den Militärdienst. Darüber hinaus konnten Werner und Smith einige schützende Prozesse bei den Probanden feststellen, die sich positiv auf die Entwicklung auswirkten. Kinder, die eine höhere Intelligenz und Leistungsfähigkeit in der Schule zeigten, wurden in besonderer Weise von Lehrern gefördert und bekamen auch Unterstützung von Peers und Familienmitgliedern. Solche Voraussetzungen führten in der Jugendzeit zu einem hohen Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen. Eltern, die selbst eine gute Schulbildung besaßen, waren in der Lage, ihre Kinder zu größerer Autonomie und sozialer Reife zu erziehen. Diejenigen Kinder konnten bessere Kommunikations- und Problemlösefähigkeiten entwickeln, hatten einen besseren Gesundheitszustand und zeigten bessere Schulleistungen. Viele der resilienten Probanden verließen ihr Herkunftsmilieu im Erwachsenenalter und suchten sich eine Umwelt, die ihnen mehr Schutz bot.[67]

2.8.2. Die „Mannheimer Risikokinderstudie“

Die „Mannheimer Risikokinderstudie“ (Beginn 1986) ist wie die „Kauai Längsschnittstudie“ eine prospektive Längsschnittstudie. Anhand einer ausgewählten Gruppe von 362 Kindern, die nach einheitlichen Kriterien in einem Zeitraum von zwei Jahren in zwei Frauenkliniken ausgewählt wurden, wollen die Forscher Laucht und Esser, im Auftrag des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim, der Frage der Resilienz von Kindern in der Entwicklung nachgehen. Die Kinder wurden direkt nach der Geburt anhand ihrer organischen und psychosozialen Risikobelastung ausgewählt und wurden dann einer von neun Teilgruppen zugeordnet, die von einem maximalen Risiko, sowohl in organischer als auch psychosozialer Hinsicht, abgestuft wurden, bis zu einem minimalen Risiko in beiden Bereichen.

Als empirische Forschungsmethoden wurden Elterninterviews, Verhaltensbeobachtungen und andere diagnostische Verfahren eingesetzt, um Daten über die Familien zu gewinnen. Ein besonderes Augenmerk legte die Studie auf die Erforschung der frühen Mutter-Kind-Beziehung, wozu videogestützte Verfahren zur Analyse einer Spiel- und Wickelsituation eingesetzt wurden.

Spezifisches Interesse der Studie war es,

- Eine möglichst breite Beschreibung der psychischen Entwicklung von Kindern mit unterschiedlichen Risikobelastungen zu bekommen.
- Zusammenhänge zwischen frühen organischen und psychosozialen Risiken sowie die protektiven und kompensatorischen Auswirkungen von persönlichen Kompetenzen und Ressourcen des Kindes und seiner sozialen Umwelt herauszufinden. Diese Zusammenhänge sollen in der Prävention eingesetzt werden können.
- Differenzierte Erkenntnisse über das Bedingungsgefüge von Risiko- und Schutzfaktoren zu bekommen.
- Anhand einer Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungsverläufe pathogene und salutogenetische Prozesse zu analysieren.

Bisher fanden bei der Mannheimer Risikokinderstudie Erhebungen im Alter von drei Monaten, zwei, viereinhalb, acht und elf Jahren statt. Ergebnisse liegen bereits bis zur Erhebung mit acht Jahren vor. Beeinträchtigungen durch organische Risiken leiten sich von einem niedrigen Geburtsgewicht – was die Kognition betrifft – ab und von neonatalen Krampfanfällen hinsichtlich der Motorik. Psychosoziale Risiken waren vor allem eine unerwünschte Schwangerschaft und psychische Beeinträchtigungen der Eltern, welche sich negativ auf das Sozialverhalten auswirkten. Ebenso hatten niedriges elterliches Bildungsniveau, beengte Wohnverhältnisse und eine frühe Elternschaft negative Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung der Kinder. Hinsichtlich der frühen Mutter-Kind-Beziehung hat sich herausgestellt, dass eine besonders intensive Beziehung, bei gleichzeitigem Vorliegen von einem besonders hohen Risiko organischer oder psychosozialer Art, eine risikomildernde Wirkung hat.[68],[69]

2.8.3. Die „Bielefelder Invulnerabilitätsstudie“

Bei der Bielefelder Invulnerabilitätsstudie (1986-1997) unter der Leitung der Forscher Lösel und Bender, handelt es sich um eine retrospektive Querschnittstudie, die zwei unterschiedliche Gruppen von Heimkindern, mit ähnlich hohen biographischen Risikobelastungen, vergleicht. Zwei Jahre nach der ersten Erhebung wurden Hundert noch erreichbare Jugendliche im Rahmen einer prospektiven Längsschnittstudie nochmals untersucht, um zu überprüfen, wie sich ihre Entwicklung bezüglich ihrer Resilienz weiter gestaltet hat.[70]

Eine vergleichbar hohe Risikobelastung wurde mittels eines Risikoindex gewährleistet. Risiken waren z.B. elterliche Trennung oder Scheidung, familiäre Aggressionen und Konflikte, Vernachlässigung und Ablehnung des Kindes, Alkoholmissbrauch der Eltern, Arbeitslosigkeit, finanzielle Probleme, häufiger Schul- und Wohnortwechsel sowie Fremdunterbringung. Anhand von Fallbesprechungen mit den Forschern und anhand fachlicher Erziehereinschätzungen konnte eine Gruppe von 66 „resilienten“ Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren aus 27 Heimen und eine Gruppe von 80 „auffälligen“ Jugendlichen aus denselben Heimen gebildet werden, die ausgeprägte Erlebens- und Verhaltensstörungen zeigten.

Mit Hilfe von ausführlichen Interviews und anhand von Frage- und Selbsteinschätzungsbögen wurden Daten über biographische Belastungen und Risikobedingungen, über Störungen des Erlebens und Verhaltens, über persönliche Ressourcen (wie z.B. Intelligenz, Temperament, Bewältigungsstrategien, Selbstkonzept und Leistungsmotivation) sowie über soziale Ressourcen der Jugendlichen gewonnen. Die Ergebnisse zeigten, dass beide Gruppen, die „resilienten“ Jugendlichen und die „auffälligen“ Jugendlichen, vergleichbar hohe Risiko- und Symptombelastungen hatten. Beide Gruppen wiesen im Vergleich zu Untersuchungsgruppen anderer Studien, aufgrund des Multiproblemhintergrunds – der allen Heimkindern gemeinsam ist – ein viel höheres Risiko auf.

Die Gruppe der „resilienten“ Jugendlichen unterschied sich von den „auffälligen“ Jugendlichen in ihrer Entwicklung durch ein aktives Bewältigungsverhalten und realistische Zukunftsvorstellungen. Zudem fühlten sich die „Resilienten“ weniger hilflos und konnten mehr Selbstvertrauen entwickeln, waren leistungsmotivierter und besser in der Schule als die Gruppe der „Auffälligen“. Temperamentseigenschaften zeigten sich in dieser Studie weniger bedeutsam für die Resilienz der Jugendlichen, doch meist wiesen die „resilienten“ Jugendlichen ein flexibleres und weniger impulsives Temperament auf.

Doch wodurch war den „resilienten“ Jugendlichen eine solch positive Entwicklung trotz einer extrem hohen Risikobelastung möglich? Viele von ihnen hatten außerhalb ihrer problematischen Familienverhältnisse eine feste Bezugsperson, sie waren zufriedener mit der erfahrenen sozialen Unterstützung, erlebten ein harmonischeres und normorientierteres Erziehungsklima im Heim und hatten sich mit ihrer Situation im Heim reflektiert und konstruktiv auseinandergesetzt. Die Erkenntnisse über die positive Wirkung eines normorientierten und konsequenten Erziehungsstils ergab insbesondere die 2jährige Längsschnittstudie, während bei der Querschnittstudie vor allem sozial-emotionale Faktoren entscheidend schienen, wie z.B. eine feste Bezugsperson außerhalb der Familie.[71],[72]

2.8.4. Forschungen zu speziellen Risikofaktoren

Neben den Längsschnittstudien zu Resilienzkriterien und einer breiten Palette von Risiko- und Schutzfaktoren, gibt es auch noch zahlreiche Längsschnittstudien zur Auswirkung spezifischer Familienprobleme oder ganz spezifischer belastender Ereignisse auf die Entwicklung von Kindern. Da eine nähere Beschäftigung mit diesen Studien den Rahmen meiner Arbeit sprengen würde, sollen hier nur die Themenfelder genannt sein.[73],[74]

- Trennung der Eltern
- Psychische Erkrankung der Eltern
- Misshandlungs- und Missbrauchserfahrungen
- Gewalt- und Katastrophenerfahrungen
- Chronische Armut
- Gewalttätige Nachbarschaft
- Tod eines oder beider Elternteile
- Geburtskomplikationen
- Junge Elternschaft

2.9. Ergebnisse der Resilienzforschung

Trotz der Verschiedenartigkeit der von mir genannten Studien und auch anderer Studien im Bereich der Resilienzforschung sowie der jeweils spezifischen Blickwinkel, aus denen geforscht wurde, stimmen viele Forschungsergebnisse überein. Im Folgenden werde ich nun zusammenfassend auf die hauptsächlichen Kategorien protektiver Faktoren eingehen, die nachgewiesen eine besondere Wirkung auf die Entwicklung von Bewältigungsfähigkeiten bei Kindern haben, welche in einem risikoreichen Umfeld aufwachsen.

2.9.1. Emotional sichere Bindung an eine Bezugsperson

Das Fehlen einer Bezugsperson stellt insbesondere in der Kindheit ein hohes Risiko dar. Im positiven Sinne ist eine Bezugsperson – im besten Fall die Eltern, oder eine Person außerhalb der Familie – eine der bedeutendsten Schutzfaktoren für ein gesundes Aufwachsen in einem belasteten Umfeld. Kinder, die mit Problemen wie z.B. Scheidung der Eltern, Sucht und Gewalt in der Familie konfrontiert und in schlimmen Fällen Vernachlässigung und Missbrauch ausgesetzt sind, können meist nur überleben, wenn sie eine sichere Basis haben. Sie brauchen eine Bezugsperson, zu der sie sich flüchten können und bei der sie sich geborgen fühlen. Eine solche Bezugsperson vermittelt dem verletzten Kind emotionale Wärme und nimmt seine Gefühle ernst. Doubek fand durch ihre biographischen Studien mit Menschen, die eine schwer belastete Kindheit bewältigen konnten, heraus, dass Kindern sogar ein Haustier den nötigen Trost spenden kann, um über schwierige Zeiten hinwegzuhelfen.[75] Lösel und Bender verweisen darauf, dass die Beziehung zur Bezugsperson aber auch Altersgemäß sein muss, damit es nicht zu emotionalen Abhängigkeiten kommt.[76]

2.9.2. Merkmale des Erziehungsklimas

Wie es die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie gezeigt hat, spielt das Erziehungsklima eine nicht unerhebliche Rolle, besonders für Kinder, die in einem risikoreichen Umfeld aufwachsen. Es kommt also nicht nur darauf an, dass das Kind eine sichere Bindung erfährt, sondern vor allem auch auf die Erziehungskompetenzen der Eltern. Untersuchungen haben gezeigt, dass Jungen aus kumulativ belasteten Unterschichtsfamilien sich dann gut entwickeln, wenn zu Hause ein anregendes, emotional warmes sowie gut organisiertes Klima herrscht. Ein förderlicher Erziehungsstil sollte von emotionaler Wärme, Gemeinschaftssinn und Herzlichkeit (z.B. in Form von Unternehmungen als Familie), aber auch von klaren Strukturen und Verhaltensregeln sowie von Kontrolle und klaren Konsequenzen durch die Eltern, geprägt sein. Die gleichen Maßstäbe gelten für eine resilienzfördernde Erziehung in der Schule und im Heim. Untersuchungen haben gezeigt, dass Kontrolle und klare Verhaltensregeln für Kinder umso wichtiger sind, je gefährdeter sie durch ihr soziales Umfeld sind. Aber auch die Supervision für Eltern oder Erzieher bezüglich der Erziehung hat eine risikomildernde Wirkung.[77]

2.9.3. Soziale Unterstützung in und außerhalb der Familie

Soziale Unterstützung ist für Kinder und Eltern wichtig. Rückhalt und Unterstützung durch Familienmitglieder, Verwandte, Lehrer, Erzieher, Pfarrer, Freunde, etc., stärkt die Kinder direkt oder auch indirekt über soziale Kontakte der Eltern. Bei disharmonischen Verhältnissen im Elternhaus können harmonische Beziehungen in der Schule oder dem Freundeskreis eine direkte ausgleichende Wirkung auf Kinder haben. Solange das soziale Netz funktioniert und die Eltern sich nicht abschotten, können auch sie eher soziale Unterstützung erfahren, beispielsweise durch Verwandte oder Freunde, was sich dann wiederum stabilisierend auf die Kinder auswirken kann.

Doubek hat herausgefunden, dass Menschen, mit hoher Bewältigungskompetenz von Belastungen, sich gezielt Unterstützung im sozialen Umfeld suchen. Wenn sie aus zerrütteten Familienverhältnissen kommen, ist die Unterstützung oft der Freundeskreis oder später auch die Familie des Partners.[78] Lösel und Bender weisen darauf hin, dass sich soziale Kontakte gerade auch bei Jugendlichen negativ auf die Entwicklung auswirken können. Bei einer entsprechenden Clique werden delinquentes Verhalten oder riskante Lebensstile gefördert. Des Weiteren darf soziale Unterstützung nicht zu Abhängigkeit oder Unselbständigkeit führen.[79]

2.9.4. Temperamentsmerkmale

Temperamentsmerkmale treten schon sehr früh in der Entwicklung von Säuglingen in Erscheinung, lange bevor man von einer Persönlichkeitsbildung sprechen kann. Die Forscher Thomas und Chess, die systematische Untersuchungen des Temperaments bei Säuglingen und Kleinkindern durchgeführt haben, definieren den Begriff Temperament damit, „wie“ jemand etwas tut, was sich grundlegend von dem Persönlichkeitsbegriff, dem „was“ oder „warum“ jemand etwas tut, unterscheidet.[80] Günstige Temperamentsmerkmale, wie z.B. eine vorwiegend positive und ausgeglichene Stimmungslage, geringe Irritierbarkeit, gutes Anpassungsvermögen an Veränderungen und bei Säuglingen auch eine Regelmäßigkeit der biologischen Funktionen (z.B. Wach-Schlaf-Rhythmus, Hunger und Stuhlgang) wirken sich positiv auf die Interaktion mit den Bezugspersonen aus und haben dadurch eine schützende Wirkung. Günstige Temperamentsmerkmale haben beim Säugling und Kleinkind Auswirkungen auf eine gute Versorgung, sie senken das Risiko von Misshandlung und häufigen Unfällen. Kinder mit „schwierigen“ Temperamentsmerkmalen haben aber nur dann ein höheres Risiko, wenn die sozialen Ressourcen und Kompetenzen in der Familie gering sind und die Eltern sich durch das Kind häufig gereizt fühlen. Für Kinder, deren Eltern sehr gut mit dem „schwierigen“ Temperament ihres Kindes umgehen können und darauf mit einem adäquaten Erziehungsstil reagieren, besteht kein erhöhtes Risiko.[81]

[...]


[1] Zimbardo, Philip G. (1995), S. 9

[2] Nuber, Ursula (2005), S.22f

[3] Ebd., S. 23

[4] Ebd., S. 24

[5] Wustmann, Corina (2004), S. 18

[6] Bertolaso, Yolanda (2004), S. 17

[7] Fthenakis, Wassilios Emmanuel (2001), S. 1

[8] Wustmann, Corina (2000), S. 1

[9] Egle, Ulrich Tiber; Hoffmann, Sven Olaf (2000), S. 4

[10] Vgl. Zimbardo, Philip G. (1995), S. 587

[11] Lösel, Friedrich; Bender, Doris (2003), S. 23

[12] Doubek, Katja (2003), S. 32f

[13] Oerter, Rolf (1993), S. 82

[14] Ohm, Dietmar (2003), S. 11ff

[15] Schiffer, Eckhard (2001), S. 28

[16] Ohm, Dietmar (2003), S.16f

[17] Schiffer, Eckhard (2001), S. 30

[18] Ebd., S. 31

[19] Ohm, Dietmar (2003), S.16

[20] Bertolaso, Yolanda (2004), S. 56ff

[21] Wikipedia Foundation (Hrsg.) (2006)

[22] Oerter, Rolf (2003), S. 5

[23] Rey, E.-R.; Thurm, I. (1998), S. 576

[24] Zimbardo, Philip G. (1995), S. 498

[25] Ebd., S. 499f

[26] Ebd., S. 81f

[27] Fremmer-Bombik, Elisabeth (1997), S. 114ff

[28] Oerter , Rolf (1993), S. 79ff

[29] gr. = Entstehung von Krankheit & Leiden

[30] Wustmann, Corina (2004), S. 26f

[31] Ebd., S.28ff

[32] Ebd., S. 32

[33] Ebd., S. 68ff

[34] Kindler, Heinz; Lillig, Susanne (2006), S. 9

[35] Laucht, Manfred (1999), S. 303

[36] Hoehne, Rainer (2002), S. 787

[37] Wustmann, Corina (2004), S. 36

[38] Ebd.

[39] Ebd., S. 38f

[40] Lösel, Friedrich; Bender, Doris (2003), S. 24

[41] Wustmann, Corina (2004), S. 42f

[42] Egle, Ulrich Tiber; Hoffmann, Sven Olaf (2000), S. 6

[43] Ebd., S. 4

[44] Wustmann, Corina (2004), S. 46f

[45] Egle, Ulrich Tiber; Hoffmann, Sven Olaf (2000), S. 10

[46] Wustmann, Corina (2004), S. 49

[47] Kindler, Heinz; Lillig, Susanne (2006), S. 10

[48] Lösel, Friedrich; Bender, Doris (1999), S. 43

[49] Kindler, Heinz; Lillig, Susanne (2006), S. 11

[50] Lösel, Friedrich; Bender, Doris (2003), S. 24

[51] Wustmann, Corina (2004), S. 40

[52] Ebd., S. 42

[53] Nuber, Ursula (2000), S. 76

[54] Oerter, Rolf (2003), S.6

[55] Egle, Ulrich Tiber; Hoffmann, Sven Olaf (2000), S. 6

[56] Wustmann, Corina (2004), S. 47

[57] Ebd., S. 56ff

[58] entwickelt von Kaplan, Luthar & Cicchetti und Masten

[59] Ebd., S. 57

[60] Ebd.

[61] entwickelt von Zimmermann & Arunkumar

[62] entwickelt von Rutter

[63] entwickelt von Rutter

[64] Kindler, Heinz; Lillig, Susanne (2006), S. 10

[65] Stubig, Hans-Jürgen (2002), S. 932f

[66] Nuber, Ursula (2005), S. 22

[67] Wustmann, Corina (2004), S.87f

[68] Göppel, Rolf (1997), S. 257f

[69] Wustmann, Corina (2004), S. 89ff

[70] Lösel, Friedrich; Bender, Doris (2003), S. 25

[71] Wustmann, Corina (2004), S. 92f

[72] Göppel, Rolf (1997), S. 258f

[73] Ebd., S. 272ff

[74] Wustmann, Corina (2004), S. 95

[75] Doubek, Katja (2003), S. 68f

[76] Lösel, Friedrich; Bender, Doris (2003), S. 30

[77] Ebd.

[78] Doubek, Katja (2003), S. 72f

[79] Lösel, Friedrich; Bender, Doris (2003), S. 30f

[80] Zentner, Marcel R. (2000), S. 259

[81] Ebd., S. 268f

Ende der Leseprobe aus 136 Seiten

Details

Titel
Das Konzept der Resilienz: Möglichkeiten und Grenzen für die Sozialpädagogische Familienhilfe
Hochschule
Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Reutlingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
136
Katalognummer
V76763
ISBN (eBook)
9783638744027
ISBN (Buch)
9783656561194
Dateigröße
2214 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konzept, Resilienz, Möglichkeiten, Grenzen, Sozialpädagogische, Familienhilfe
Arbeit zitieren
Diplom-Sozialarbeiterin / Sozialpädagogin Esther Ruoß (Autor), 2007, Das Konzept der Resilienz: Möglichkeiten und Grenzen für die Sozialpädagogische Familienhilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76763

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