Das Groteske in der Literatur - Franz Kafkas "Die Verwandlung"


Seminararbeit, 2007
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1. Fragestellung
2. Forschungsstand

II. Hauptteil
1. Die Degradierungsmetamorphose des Gregor Samsa
2. Das Motiv der Körperlichkeit in Die Verwandlung
3. Die Inversion in der Familie Samsa
4. Das Motiv der Sexualität in Die Verwandlung
4.1 Der Bild-Fetisch des Gregor Samsa
4.2 Das Motiv des Masochismus in Die Verwandlung
5. Die religiösen Motive in Die Verwandlung
6. Die drei Zimmerherren
7. Geburt und Tod in Die Verwandlung

III. Schluss

IV. Literaturangaben

Primärliteratur

Sekundärliteratur

I. Einleitung

1. Fragestellung

Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung[1] beginnt mit der nüchternen Feststellung eines Sachverhaltes: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ (V 7) Allein dieser erste Satz führte und führt bis heute zu breit gefächerten Diskussionen in der deutschen Literaturwissenschaft. Die Bedeutung der „unruhigen Träume[]“ wird ebenso kritisch hinterfragt, wie das mehrdeutige Wort „fand“[2] und die Ursache der Metamorphose Gregor Samsas in ein „Ungeziefer“. Deutlicher Konsens herrscht in der Forschung jedoch darüber, dass dieser erste Satz den Leser unvermittelt und unvorbereitet in eine groteske Szenerie einführt, in das Leben eines zunächst unbekannten Mannes, der sich physisch oder psychisch aus ungeklärter Ursache in ein Ungeziefer verwandelt hat.

Der weitere Verlauf der Erzählung beschreibt die neue Existenz Gregors und die Haltung seiner Familie, bestehend aus seinen Eltern und seiner siebzehnjährigen Schwester Grete. Als weitere Figuren treten eine Haushälterin, Gregors Chef der Prokurist und drei Untermieter, die so genannten Zimmerherren, auf. Die Erzählung folgt der Handlung von Gregors plötzlicher Verwandlung bis hin zu seinem einsamen Tod.

In der vorliegenden Hausarbeit sollen die grotesken Elemente der Erzählung anhand eines erarbeiteten Kataloges[3] ausführlich eruiert werden. Primär untersucht werden dabei die Degradierungsmetamorphose des Gregor Samsa und die Inversion innerhalb der Familie des Verwandelten. Des Weiteren soll das prägnante Motiv der Sexualität analysiert werden. Hierbei erfahren vor allem das von Gregor hervorgehobene Bild der Dame im Pelz, die potentiell masochistische Veranlagung des Verwandelten und der ödipale Konflikt zwischen Gregor und seinen Eltern eine explizite Erläuterung. Als weitere Aspekte werden die Körperlichkeit und die religiöse Symbolik dargelegt. Auch die grotesken Figuren der drei Zimmerherren sollen ausführlich dargestellt werden.

Für diese Analysen wird ein hermeneutischer Ansatz gewählt.

2. Forschungsstand

Seit Erscheinen der Erzählung im Jahr 1915 wird in der deutschen Literaturwissenschaft über die Ursache der Metamorphose des Gregor Samsa diskutiert. Im Mittelpunkt der Debatte steht die Frage nach Sein oder Schein der Verwandlung. Die Literaturwissenschaft versucht zu eruieren, ob die titelgebende Verwandlung nur eine Wahnvorstellung des äußerlich unveränderten Gregor Samsa ist, oder ob sie vielmehr in der Tradition von Märchen und Mythen steht und somit als reale Metamorphose eines Menschen in ein Tier verstanden werden muss. Karlheinz Fingerhut trennt diese beiden divergierenden Forschungspositionen in die symbolische und die allegorische Leseweise[4] ; ein Konsens lässt sich bislang nicht erkennen. So setzt Frank Möbus die Auslegung der Verwandlung als einen realen Vorgang explizit mit einer „Fehlinterpretation“[5] gleich und beschreibt Gregor Samsa als eine neurotische Persönlichkeit mit schwerer Zwangsvorstellung. Dagegen betont Holger Rudloff die Phantastik und Rätselhaftigkeit der Metamorphose Gregors, deren Entschlüsselung er der Imagination des Lesers überantwortet.[6]

Auch die erotischen Aspekte der Erzählung werden in der Forschung kontrovers diskutiert. Zu nennen sind hier neben dem bereits erwähnten Frank Möbus auch die Literaturwissenschaftler Isolde Tröndle[7] und Detlef Kremer[8].

Die religiösen Motive und die Funktion der drei Zimmerherren werden zurückhaltender interpretiert und zumeist außer Acht gelassen. An eindeutigen Schlussfolgerungen im Hinblick auf diese Elemente mangelt es in der literaturwissenschaftlichen Forschung.

Weitgehend übereinstimmend wird in der Forschungsliteratur auf die grotesken Momente, die aberwitzige Komik und die Ironie in Kafkas Erzählung hingewiesen.

II. Hauptteil

1. Die Degradierungsmetamorphose des Gregor Samsa

Nach seiner ebenso plötzlichen wie unerklärlichen Verwandlung kommt Gregor alsbald zu dem Schluss, dass er sich in seinem realen Umfeld befindet und folglich nicht nur träumt, doch zugleich wartet er gespannt, wie sich seine „heutigen Vorstellungen allmählich auflösen würden“. Er hält seinen verwandelten Zustand zunächst für „reine Einbildung“ und sieht in seiner tierhaften Stimme das erste Anzeichen einer „tüchtigen Verkühlung“ (V 12). Statt sich über seine Verwandlung zu wundern oder Angst zu verspüren, grübelt er, wie er seinen Zug noch bekommen kann und plant schließlich, in Ruhe aufzustehen und zu frühstücken. Die Vorstellung von einem ungeheuren Ungeziefer, das sich an den Frühstückstisch setzen und mit dem Zug zur Arbeit fahren will, offenbart eine groteske Komik. Auch Gregors Vermutung, dass er nur an einer „tüchtigen Verkühlung“ leidet, lässt sich als eine „aberwitzig-harmlose Diagnose“[9] bezeichnen.

Gregor Samsa begegnet seiner Verwandlung zunächst mit Naivität. Er beschließt, sich seiner Familie zu zeigen, denn „würden sie erschrecken, dann hätte Gregor keine Verantwortung mehr und konnte ruhig sein. Würden sie aber alles ruhig hinnehmen, dann hatte auch er keinen Grund sich aufzuregen […]“ (V 22). Karlheinz Fingerhut sieht in dieser unbedarften Sicht der Lage auch eine Form von List, mit der sich Gregor von jeder Verantwortung befreit.[10] Gregor versucht nicht, die Ursache seiner Verwandlung zu ergründen, sondern ergibt sich der Reaktion seiner Familie.

Das Motiv der Metamorphose spielt vor allem seit der Romantik eine prägende Rolle in der grotesken Literatur. Wenngleich Gregor zunächst daran glaubt, dass sich seine Verwandlung wie eine Halluzination auflöst, verändert sich sein Zustand nicht und er wird zu einem Parasiten degradiert. Seine Familie hält ihn von der Außenwelt isoliert in seinem Zimmer, welches sie „mit Ausnahme des unentbehrliches Kanapees“ (V 55) leer räumen. Er wird mit Speisen gefüttert, die ihm seine Schwester mit dem Fuß ins Zimmer schiebt, und vegetiert bald zwischen „Knäuel[n] von Staub und Unrat“ (V 70) vor sich hin.

Gregors Degradierung wird auch durch die Bezeichnungen deutlich, die er von den wenigen verbliebenen Menschen in seinem Umfeld erhält. So tituliert ihn die Haushälterin als „Mistkäfer“ (V 72) und seine Schwester Grete nennt ihn ein „Untier“ (V 82). Letztere fordert ihre Eltern schließlich auf, „es“ (V 82) loszuwerden. Unabhängig davon, ob Gregors Tiergestalt nun als real oder als Ausdruck eines rein psychischen Leidens zu betrachten ist, wandelt sich Gregor offenkundig vom Ernährer der Familie zu einem parasitären Außenseiter, zu einem Geschöpf, das von seinen Verwandten als Bürde empfunden wird.

Zu Beginn führt der Anblick des verwandelten Gregor zu grotesk-komischen Reaktionen:

„Aber im gleichen Augenblick, als er [Gregor] da schaukelnd vor verhaltener Bewegung, gar nicht weit von seiner Mutter entfernt, ihr gerade gegenüber auf dem Boden lag, sprang diese, die doch so ganz in sich versunken schien, mit einemmal in die Höhe, die Arme weit ausgestreckt, die Finger gespreizt, rief „Hilfe, um Gottes willen Hilfe!“, hielt den Kopf geneigt, als wolle sie Gregor besser sehen, lief aber, im Widerspruch dazu, sinnlos zurück; hatte vergessen, dass hinter ihr der gedeckte Tisch stand; setzte sich, als sie bei ihm angekommen war, wie in Zerstreutheit, eilig auf ihn; und schien gar nicht zu merken, dass neben ihr aus der umgeworfenen großen Kanne der Kaffee in vollem Strome auf den Teppich sich ergoß. “ (V 30 – 31)

Deutlich hervorgehoben wird hier die Widersprüchlichkeit, die Gregors Verwandlung mit sich bringt. So betont Gregor in seinen Gedanken die „Güte“ (V 39) und das „Zartgefühl“ (V 40) seiner Schwester Grete, obwohl dies im markanten Widerspruch zu ihren Handlungen steht. Dass sie sich eilig aus seinem Zimmer entfernt und ihn einschließt, deutet der Verwandelte paradoxerweise als liebevolle Rücksichtnahme. Gregors groteske Fehleinschätzung zeigt sich zudem, als er den Prokuristen, der von Gregors Anblick entsetzt ist und zu flüchten versucht, beruhigen, überzeugen und gewinnen will, um auf diese Weise „Voraussicht“ (V 29) zu demonstrieren und seine Arbeitsstelle zu sichern. Dem Leser wird damit das aberwitzige Bild eines Individuums vor Augen geführt, das, seiner Verwandlung in ein Ungeziefer zum Trotz, ein klärendes Gespräch mit seinem Vorgesetzten führen und seinem Beruf nachgehen will.

[...]


[1] Kafka, Franz: Die Verwandlung. Leipzig 1916. Hrsg. von Joseph Kiermeier-Debre. München: Deutscher Taschenbuchverlag 2006. Im laufenden Text werden Passagen aus der angegebenen Ausgabe mit der Sigle V zitiert.

[2] Das Wort „fand“ kann sowohl als Synonym für „entdeckte“ gelesen werden, als auch in der Bedeutung „hielt sich für“. Vgl. Möbus, Frank: Sünden-Fälle. Die Geschlechtlichkeit in Erzählungen Franz Kafkas. Göttingen: Wallstein 1994. S. 58.

[3] Der zugrunde liegende Katalog wurde im Seminar „Das Groteske in der Literatur“ (Prof. Dr. Detlef Kremer) auf Grundlage der Monographien von Michail M. Bachtin und Wolfgang Kayser erarbeitet.

[4] Vgl. Fingerhut, Karlheinz: Interpretationen zu Die Verwandlung. In: Interpretationen Franz Kafka. Romane und Erzählungen. Hrsg. von Michael Müller. Stuttgart: Reclam 1994. S. 42 – 75, hier S. 70.

[5] Möbus 1994: S. 70.

[6] Vgl. Rudloff, Holger: Zu Kafkas Erzählung Die Verwandlung. In: Wirkendes Wort. Hrsg. von Lothar Bluhm und Heinz Rölleke. Ausgabe 38, 1988. S. 321 – 337, hier S. 323.

[7] Tröndle, Isolde: Differenz des Begehrens. Franz Kafka – Marguerite Duras. Würzburg: Königshausen und Neumann 1989.

[8] Kremer, Detlef: Kafka. Die Erotik des Schreibens. Bodenheim b. Mainz: Philo Verlagsgesellschaft 1998.

[9] Möbus 1994: S. 58.

[10] Vgl. Fingerhut 1994: S. 49.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Groteske in der Literatur - Franz Kafkas "Die Verwandlung"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Das Groteske in der Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V76816
ISBN (eBook)
9783638823685
ISBN (Buch)
9783638824651
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Groteske, Literatur, Franz, Kafkas, Verwandlung
Arbeit zitieren
Maret Hosemann (Autor), 2007, Das Groteske in der Literatur - Franz Kafkas "Die Verwandlung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76816

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