Wie ein roter Faden ziehen sich zwei erzieherische Grundanliegen durch die wesentlichen Dokumente, in denen der Freistaat Bayern das Bildungswesen regelt: Die Erziehung zu kritischem Denken einerseits, die Erziehung zur Nächstenliebe andererseits. Dabei wird das Bestreben erkennbar, diese beiden Anliegen in der Grundspannung, in der sie in der Praxis zueinander stehen, nicht gegeneinander auszuspielen, sondern gleichermaßen zu verwirklichen.
In dem Artikel legt der Autor dar, warum Humor im Sinne dieses Bestrebens besser als oberstes Bildungsziel geeignet ist als die nach wie vor als solches festgeschriebene "Ehrfurcht vor Gott".
Inhaltsverzeichnis
1. Humor als oberstes Bildungsziel
1.1 Plädoyer für eine Änderung der Bayerischen Verfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, eine philosophische und pädagogische Begründung für die Etablierung des Humors als oberstes Bildungsziel in der Bayerischen Verfassung zu liefern. Die zentrale Forschungsfrage untersucht dabei, ob Humor als integratives Ethos geeignet ist, die Spannung zwischen kritischem Denken und Nächstenliebe aufzulösen und als zeitgemäßer Ersatz für die verfassungsrechtlich verankerte Ehrfurcht vor Gott dienen kann.
- Kritische Analyse des aktuellen bayerischen Bildungsauftrags
- Philosophische Grundlegung des Humorbegriffs als synthetisierendes Prinzip
- Überwindung der Polarität zwischen Anerkennung und Kritik
- Entwicklung eines interkulturellen und überreligiösen Weltethos
- Diskussion der erzieherischen Potenziale von Humor im Zeitalter der Globalisierung
Auszug aus dem Buch
Der Humorbegriff
Der Humorbegriff, um den es hier geht, kann all dies vor dem Hintergrund seines universalen und integrativen Charakters leisten. Er eignet sich in besonderer Weise dazu, Erziehung im Zeitalter der Globalisierung zu orientieren, insofern sich in ihm die Widersprüche und Polaritäten bzw. Polarisierungen, welche in diesem Zusammenhang auftreten oder verschärft werden, im Sinne der Hegelschen Dialektik „aufheben“ lassen. Dies gilt insbesondere für die fundamental bedeutsame Polarität zwischen Anerkennung und Kritik. Der so verstandene Humor ist von vornherein jenseits der Glaubensfrage verortet, insofern er Perspektiven von Denkern wie Popper, Russell und Feuerbach einerseits und Buber oder Marcel andererseits in einer Synthese aus kritischer Rationalität und dialogischer Anerkennung vereint und somit jenen Bereich erschließt, in dem jenseits der Religionsproblematik grundlegende ethische Übereinstimmungen bestehen. Und er hat bei aller Verschiedenheit seiner kulturellen Ausprägungen auch als anthropologische Konstante das Potential, als Bildungsziel eine demokratisch humane Gesinnung kulturübergreifend zu fördern. – Warum sind diese Leistungen wichtig und wie können sie von einer Philosophie des Humors erbracht werden?
Die Überwindung der Polarität von Anerkennung und Kritik muß als eine der entscheidenden Herausforderungen auf dem Weg zu einer offenen Weltgesellschaft bzw. zur Bewahrung der bestehenden nationalen offenen Gesellschaften betrachtet werden. Denn einerseits sind beide notwendige Bestandteile einer jeden offenen Gesellschaft, andererseits gilt heute nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Globalisierungsherausforderung mehr denn je: Kritik braucht Anerkennung, Toleranz und Verständnis/Verstehen als „Abmilderung“, um human bleiben zu können, und Anerkennung, Toleranz und Verständnis brauchen Kritik zu ihrer Selbsterhaltung, aber auch zu ihrer intellektuellen Begründung, Rechtfertigung, Vertiefung. Schließlich: Wie kann eine offene, humane (Welt-)Gesellschaft gedacht werden, wenn nicht offen Kritik geübt werden kann?
Zusammenfassung der Kapitel
Humor als oberstes Bildungsziel: Das Kapitel führt in die Problematik der bayerischen Bildungsziele ein und stellt die These auf, dass Humor als ethisches Prinzip die Spannung zwischen kritischer Rationalität und Nächstenliebe konstruktiv auflösen kann.
Plädoyer für eine Änderung der Bayerischen Verfassung: Hier wird argumentiert, dass eine zeitgemäße Ethik unabhängig von metaphysischen Begründungen funktionieren muss und Humor als integratives Bildungsziel eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz und Strahlkraft besitzt.
Schlüsselwörter
Humor, Bildungsziel, Bayerische Verfassung, Weltethos, Anerkennung, Kritik, Menschenwürde, Globalisierung, Ethik, Dialektik, Ambiguitätstoleranz, Pädagogik, Philosophie, Humanität, Religion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer kritischen Reflexion der bayerischen Bildungsziele und schlägt eine fundamentale Neuausrichtung vor, bei der der Humor zum obersten Bildungsziel erhoben wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Philosophie des Humors, die Rolle der Ethik in einer säkularen Welt, das Spannungsfeld zwischen Kritik und Anerkennung sowie die pädagogische Bedeutung eines inklusiven Weltethos.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist der Nachweis, dass der Begriff des Humors eine notwendige Synthese für ein modernes Erziehungsideal bietet, das Glaubende und Nichtglaubende gleichermaßen einschließt und die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor bedient sich einer philosophisch-anthropologischen Argumentationsweise, die auf eine dialektische Aufhebung von Polaritäten abzielt und Bezug auf Diskurse von Denkern wie Hans Küng, Feuerbach und Jean Paul nimmt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische und aktuelle Verankerung der „Ehrfurcht vor Gott“ in der Verfassung und setzt dieser die „synthetisierende Qualität des Humors“ entgegen, um eine zeitgemäße erzieherische Richtschnur zu entwickeln.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die zentralen Charakteristika sind die Forderung nach einem Weltethos, das Konzept der Ambiguitätstoleranz sowie die Idee des Humors als anthropologische Konstante.
Warum hält der Autor die aktuelle Verfassungsformulierung für problematisch?
Die aktuelle Verfassung setzt laut Autor Ehrfurcht vor Gott an die Spitze der Bildungsziele, was nach seiner Auffassung die Akzeptanz bei säkularen Generationen schwächt und eine Moral unnötig religiös begründet.
Wie unterscheidet sich der hier vorgeschlagene Humor von Sarkasmus oder Ironie?
Der Autor betont, dass Humor im Gegensatz zu Spott, Zynismus oder Lieblosigkeit versöhnlich wirkt und stets von einer Grundhaltung der Nachsicht und Güte geprägt ist, ohne dabei die erzieherische Mahnung zu verlieren.
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- M.A. Frank Schulze (Author), 2003, Humor als oberstes Bildungsziel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76932