Paulus Diaconus und die Franken

Die Historia Langobardorum im Kontext fränkischer Okkupation


Hausarbeit, 2007

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Paulus Diaconus Beziehung zu den Franken

3. Die Historia Langobardorum
3.1 Entstehung und Verbreitung
3.2 Das (un-)vollendete Werk
3.3 Intention

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Der Langobarde Paulus Diaconus gilt als einer der bedeutendsten Historiographen des Mittelalters und einflussreichsten Gelehrten am Hofe Karls des Großen. In seinem langen Leben beschäftigte er sich mit vielen verschiedenen Themen, wie beispielsweise der Dichtkunst oder Epitaphie. Diaconus’ Hauptaugenmerk lag allerdings auf der Historiographie. Er ist der Autor mehrerer historischer Abhandlungen, von denen die Historia Langobardorum, in der er die Geschichte seine Volkes nachzeichnet, die bedeutendste ist. Das Ziel dieser Arbeit ist es die Historia Langobardorum im Kontext der fränkischen Okkupation des Langobardenreiches zu analysieren. Im Zuge dessen soll zunächst die Entstehung und Verbreitung des Werkes betrachtet werden, sowie die Frage der (Un-)Vollständigkeit untersucht werden. Auf Grundlage dieser Untersuchungen soll die Textintention analysiert werden. Dabei soll die These vertreten werden, dass Paulus Diaconus die Historia Langobardorum in erster Linie zum Zwecke der Legitimation der fränkischen Eroberung des Langobardenreiches verfasste. Vor der Analyse der Historia Langobardorum steht eine kurze Betrachtung Paulus Diaconus’ Lebens, in der seine Beziehung zum Frankenreich bzw. zu Karl dem Großen herausgearbeitet werden soll. Dadurch soll ein Einblick in die Hintergründe Diaconus’ Denkens und Schreibens gewonnen werden und so die Basis für die Beschäftigung mit der Langobardengeschichte gelegt werden.

2. Paulus Diaconus Beziehung zu den Franken

In der Biographie Paulus Diaconus gibt viele Lücken, so dass einige der bekannten ‚Fakten’ seines Lebens vielmehr die Bezeichnung ‚Spekulationen’ verdienen. Diaconus wurde zwischen 720 und 730 im langobardischen Herzogtum Friaul im Norden des heutigen Italiens geboren; dabei gilt es als sehr wahrscheinlich, dass sich die Geburt in der 2. Hälfte der Dekade ereignete.[1] Ebenso ist auch sein Todesjahr nicht genau überliefert; es wird geschätzt, dass er 797 oder 799 in Montecassino starb. Fest steht jedoch, dass er die Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahre 800 nicht mehr erlebte. Diaconus stammte aus vornehmen, gut begüterten Hause; seine Familie gehörte zwar zur Zeit der Einwanderung König Alboins (c. 526-572/573) nicht dem alten Volksadel an, war aber im 8. Jahrhundert in den Dienstadel aufgestiegen.[2] Diaconus kam in jungen Jahren (vor 744) zunächst an den langobardischen Königshof in Pavia und wurde dort in lateinischer Sprache und Literatur, Griechisch, sowie Jurisprudenz in der Schule des Grammatikers Flavianus unterrichtet. Danach wandte er sich – von König Ratchis dazu angehalten – theologischen Studien zu, bevor ihm vom letzten Langobardenkönig Desiderius[3] die Erziehung seiner Tochter Adelperga übertragen wurde. Diaconus unterrichtete die Prinzessin in Geschichte, Literatur und Philosophie und begann nebenbei mit dem Verfassen von Gedichten, Epitaphien, philologischen und historiographischen Werken für seine Dienstherren. Während seiner Anstellung am Hofe des Desiderius erweiterte er Eutrops Werk über die römische Geschichte, Breviarium ab urbe condita, um eine Darstellung der christlichen Geschichte und Religion und widmete die Historia Romana seiner Schülerin Adelperga.

Das Frankenreich erlebte unter Karl dem Großen ab Mitte der siebziger Jahre des 8. Jahrhunderts eine kulturelle und wissenschaftliche Renaissance.[4] Der König traf bei seinen Eroberungszügen auf die antike Tradition der Wissenschaft und Literatur in Italien. Von politischen wie rationalen Gründen und einem ihm angeborenen Bildungsbedürfnis angetrieben, holte sich Karl aus dem gesamten Abendland die geistige Elite zusammen, um eine Bildungsreform einzuleiten. Der erste Mittelpunkt des königlichen akademischen Kreises am Hofe Karls war um 780 Petrus von Pisa, der den König in lateinischer Sprache und Literatur unterrichtete. Auf Petrus Empfehlung und Betreiben kam Paulus Diaconus 782 an den Hof Karls des Großen und blieb auf nachdrücklichen Wunsch des Königs dort etwa vier Jahre. In dieser Zeit war Diaconus als Lehrer tätig, beteiligte sich an der Briefdichtung der karolingischen ‚Akademie’ und verfasste die Gesta episcoporum Mettensium und für Verwandte des Königs und andere herausragende Persönlichkeiten zahlreiche Epitaphien. Eine seiner Aufgaben war es eine Gruppe von Geistlichen, die Karls Tochter Rothrud später zur Hochzeit mit Konstantin VI. nach Byzanz begleiten sollten, in die griechische Sprache und Kultur einzuweisen.[5] Diaconus stellte sich ganz in den Dienst Karls Reformbemühungen und verfasste vier Lehrbücher, u.a. einen Kommentar zur Benediktinerregel und ein Lehrbuch für Lateinanfänger, welches auf den antiken Grammatiken Donats und Priscians, sowie auf Diaconus’ eigener Schulpraxis basierte. Karl Langosch vertritt die These, dass „[a]n den Lehrbüchern [..] die geistesgeschichtliche Stellung des Paulus klar [wird]; er holte Traditionsgut aus der Antike und der Übergangszeit hervor und machte es für die veränderten Zeitbedürfnisse zurecht, beschnitt und erweiterte es, kommentierte es auch.“[6]

Paulus Diaconus’ vierjähriger Aufenthalt im Frankenreich hatte allerdings auch andere Gründe.[7] Diaconus’ primäres Motiv für die Reise war der Versuch die Begnadigung seines Bruders Arichis bei Karl zu erreichen. Arichis war 776 am Aufstand des Herzoges von Benevent, Arichis II., beteiligt und kam nach dessen Niederschlagung in fränkische Gefangenschaft; des weiteren wurde das Eigentum der Familie konfisziert. Um seinen Bruder zu retten, dichtete Diaconus eine Elegie, in der er Karl um die Begnadigung Arichis bat und die er persönlich an den fränkischen Hof lieferte. Der König, der die Fähigkeiten des Diaconus hochschätzte, gewährte die Bitte des Langobarden, um ihn so an seinen Hof zu binden. Aus Dankbarkeit für die Freilassung erfüllte Diaconus den Wunsch des Königs und blieb mehrere Jahre am Hofe Karls des Großen. Das enge Verhältnis beider Personen und das große Vertrauen das der König in den langobardischen Gelehrten hatte, zeigt sich zum Beispiel darin, dass Diaconus mit der Aufgabe betraut wurde die Epitaphien für seine verstorbene Frau Hildegard und deren Töchter Adelheid und Hildegard zu dichten.

3. Die Historia Langobardorum

Die bis spätestens 795/796 verfasste, unvollendete Historia Langobardorum ist das Hauptwerk des Paulus Diaconus und eines der berühmtesten Geschichtswerke des Mittelalters.[8] Die heute noch existierenden mehr als einhundert Abschriften belegen die weite Verbreitung des Werkes.[9] Die Langobardengeschichte entstand nach Diaconus’ Rückkehr vom Hofe Karls des Großen und erzählt die Geschichte der italienischen Halbinsel seit der Ankunft der Langobarden südlich der Alpen. Diaconus behandelt in sechs Büchern, die insgesamt 244 Kapitel umfassen, die Geschichte seines Volkes – der gens Langobardorum – von den Ursprüngen im heutigen Norddeutschland bis zum Tod des Königs Liutprands im Jahre 744, dessen Regentschaft Paulus Diaconus als Höhepunkt langobardischer Herrschaft sieht. Auch der eigenen Familienchronik – die bis zu seinem Ur-Urgroßvater Leupiches zurückverfolgt wird, der Mitte des 6. Jahrhunderts im Zuge der Völkerwanderung der Langobarden von Pannonien nach Italien emigrierte – widmet Diaconus ein Kapitel.[10]

3.1 Entstehung und Verbreitung

Die Historia Langobardorum ist Gegenstand eines tiefgehenden historischen Diskurses. Einige Historiker sind der Auffassung, dass die Historia Langobardorum in erster Linie für Langobarden und im speziellen für die Langobarden des Herzogtums Benevent geschrieben wurde.[11] Um die Intention des Textes zu erfassen ist es jedoch zuvor notwendig auf die Entstehungsumstände einzugehen und auch die Frage der Vollständigkeit des Textes zu beantworten. Walter Goffart geht davon aus, dass die Paulus Diaconus die Historia Langobardorum nach seiner Rückkehr vom Hofe Karls des Großen im Kloster Montecassino schrieb.[12] Dies sei der logischste Aufenthaltsort des Diaconus, da außer dem Besuch des karolingischen Hofes keine weiteren Reisen bekannt seien. Goffart argumentiert weiter, dass nur das Herzogtum Benevent, in dem sich Montecassino befindet, es Diaconus ermöglichte die Geschichte der Langobarden ohne Nostalgie als eine Art Lehrbuch – eine Anleitung zur guten Herrschaft – für einen langobardischen Prinzen zu schreiben, da es die südlichste Region des ehemaligen regnum Langobardorum war und weniger stark fränkischen Einflüssen ausgesetzt war als etwa das Friaul.[13] Gegen Montecassino als Ursprungsort der Historia Langobardorum sprechen allerdings die Entstehungsorte der noch existierenden Abschriften.

[...]


[1] Vgl. Walter Goffart, The Narrators of Barbarian History (A.D. 550 - 800). Jordanes, Gregory of Tours, Bede, and Paul the Deacon (Princeton 1988), S. 334f. Für biographische Angaben über Paulus Diaconus siehe ebd., S. 329-347, Karl Langosch, Profile des lateinischen Mittelalters. Geschichtliche Bilder aus dem europäischen Geistesleben (Darmstadt 1965), S. 92. 103-109, 111-133, Neil Christie, The Lombards (Oxford: 1995), S. 221-223, Franz Brunhölzl, Geschichte der lateinischen Literatur im Mittelalter. Von Cassiodor bis zum Ausklang der karolingischen Erneuerung, Bd. 1 (München 1975), S. 257-268, St. Gasparri, s.v. Paulus Diaconus, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 6 (München/Zürich, 1993) Sp. 1825-1826, Paulus Diaconus, Pauli historia Langobardorum codicis Gothani, ed. Georg Waitz (MGH SS rer. Langob. 7, Hannover 1878) Buch 4, Kap. 37, S. 164-166.

[2] Langosch, Profile, S. 113f.

[3] Desiderius regierte von 757 bis zur Eroberung des Langobardenreiches durch die Franken 774.

[4] Vgl. Langosch, Profile, S. 83-95, 119-122.

[5] Ebd., S. 102.

[6] Ebd., S. 122.

[7] Vgl. Ebd. S. 117, 131-133 und Christie, The Lombards, S. 222f.

[8] Gasparri, Paulus Diaconus, Sp. 1826.

[9] Goffart, Narrators, S. 329.

[10] Buch 4, Kapitel 37. Dieses ist eines der längsten Kapitel der Historia Langobardorum.

[11] Vgl. Goffart, Narrators, S. 343-347, Langosch, Profile, S. 123-126, Walter Pohl, Paulus Diaconus und die "Historia Langobardorum", in: Historiographie im frühen Mittelalter, hg. von Anton Scharer und Georg Scheibelreiter (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 32, Wien/München 1994) S. 375-405 (S. 378-381).

[12] Etwa 785. Goffart, Narrators, S. 332-34.

[13] Ebd., S. 332f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Paulus Diaconus und die Franken
Untertitel
Die Historia Langobardorum im Kontext fränkischer Okkupation
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
PS Einhard und die Vita Karoli Magni
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V76933
ISBN (eBook)
9783638808675
ISBN (Buch)
9783638810913
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paulus, Diaconus, Franken, Einhard, Vita, Karoli, Magni
Arbeit zitieren
Johannes Steffens (Autor), 2007, Paulus Diaconus und die Franken , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76933

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Paulus Diaconus und die Franken



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden