Der Langobarde Paulus Diaconus gilt als einer der bedeutendsten Historiographen des Mittelalters und einflussreichsten Gelehrten am Hofe Karls des Großen. In seinem langen Leben beschäftigte er sich mit vielen verschiedenen Themen, wie beispielsweise der Dichtkunst oder Epitaphie. Diaconus’ Hauptaugenmerk lag allerdings auf der Historiographie. Er ist der Autor mehrerer historischer Abhandlungen, von denen die Historia Langobardorum, in der er die Geschichte seine Volkes nachzeichnet, die bedeutendste ist. Das Ziel dieser Arbeit ist es die Historia Langobardorum im Kontext der fränkischen Okkupation des Langobardenreiches zu analysieren. Im Zuge dessen soll zunächst die Entstehung und Verbreitung des Werkes betrachtet werden, sowie die Frage der (Un-)Vollständigkeit untersucht werden. Auf Grundlage dieser Untersuchungen soll die Textintention analysiert werden. Dabei soll die These vertreten werden, dass Paulus Diaconus die Historia Langobardorum in erster Linie zum Zwecke der Legitimation der fränkischen Eroberung des Langobardenreiches verfasste. Vor der Analyse der Historia Langobardorum steht eine kurze Betrachtung Paulus Diaconus’ Lebens, in der seine Beziehung zum Frankenreich bzw. zu Karl dem Großen herausgearbeitet werden soll. Dadurch soll ein Einblick in die Hintergründe Diaconus’ Denkens und Schreibens gewonnen werden und so die Basis für die Beschäftigung mit der Langobardengeschichte gelegt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Paulus Diaconus Beziehung zu den Franken
3. Die Historia Langobardorum
3.1 Entstehung und Verbreitung
3.2 Das (un-)vollendete Werk
3.3 Intention
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert die Historia Langobardorum des Paulus Diaconus im Kontext der fränkischen Eroberung des Langobardenreiches. Das primäre Ziel ist es, die These zu belegen, dass Paulus Diaconus sein Geschichtswerk in erster Linie verfasste, um die fränkische Annexion des Reiches politisch zu legitimieren, indem er eine Verbindung zwischen der langobardischen Vergangenheit und der karolingischen Herrschaft herstellt.
- Biographische Einordnung von Paulus Diaconus im karolingischen Umfeld
- Analyse der Entstehungsumstände und der Verbreitung der Historia Langobardorum
- Untersuchung der Vollständigkeit des Werkes und der Bedeutung des Abbruchs nach König Liutprand
- Interpretation der Intention des Textes als Instrument der Herrschaftslegitimation
Auszug aus dem Buch
3.2 Das (un-)vollendete Werk
Die Frage der Vollständigkeit bzw. Unvollständigkeit der Historia Langobardorum wurde in der modernen Geschichtsforschung eingehend behandelt, jedoch konnte die Kontroverse bisher nicht abschließend gelöst werden. Es wird gerätselt, ob Paulus Diaconus die letzten dreißig Jahre des regnum Langobardorum nach Liutprands Tod 744 – die Regierungsjahre der Könige Ratchis, Aistulf und Desiderius – in der Historia Langobardorum absichtlich nicht behandelte oder ob ein im Greisenalter plötzlich eintretender Tod die Vollendung des Werkes verhinderte. Für beide Interpretationen finden sich sowohl textuelle (textimmanente) als auch kontextuelle Beweise, allerdings überwiegen doch die Argumente, die für eine Vollständigkeit des Werkes sprechen.
Walter Goffart ist der Meinung, dass Diaconus’ Tod die Arbeit an der Historia Langobardorum unterbrach und das Werk folglich unvollständig ist. Dafür spricht, dass Diaconus in drei älteren historischen Schriften das Ende klar ankündigt, diese Ankündigung jedoch in der Historia Langobardorum fehlt. Ebenso fehlen auch die Einleitung und Widmung, in der Diaconus, wie zum Beispiel in der Historia Romana, normalerweise den Rahmen und die Intention der Schrift darlegt. Goffart behauptet überdies, dass es Hinweise auf eine Fortsetzung gibt: „... there are reasons to believe that Paul planned the H.L. [Historia Langobardorum] to have two more books than the six he managed to complete.“ Da er jedoch diese These nicht mit Beweisen untermauert, muss sie folglich als Spekulation betrachtet werden. Die Schlussfolgerung auf Unvollständigkeit der Historia Langobardorum aufgrund der stilistischen Unterschiede zwischen dem sechsten Buch und den ersten fünf Büchern kann mühelos relativiert werden. Stilistische Unterschiede sind zwar eindeutig erkennbar; die Form und Komposition sind anders, Diaconus verzichtete im sechsten Buch auf große Exkurse und auch Großkompositionen fehlen. Diese Differenzen zwischen den Büchern deuten jedoch auf eine ungenaue Bearbeitung, nicht aber zwangsläufig auf Unvollständigkeit hin.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Autors Paulus Diaconus und Formulierung der Forschungsfrage zur Legitimation der fränkischen Eroberung durch das Geschichtswerk.
2. Paulus Diaconus Beziehung zu den Franken: Biographische Darstellung des Lebensweges von Paulus Diaconus sowie seiner Tätigkeit am Hof Karls des Großen.
3. Die Historia Langobardorum: Zentrale Analyse des Hauptwerkes hinsichtlich seiner Entstehung, seiner formalen Vollständigkeit und der Intention hinter der Darstellung der langobardischen Geschichte.
4. Schlussbetrachtung: Zusammenfassendes Fazit, welches die These der bewussten Legitimation karolingischer Herrschaft durch das Werk bekräftigt.
Schlüsselwörter
Paulus Diaconus, Historia Langobardorum, Langobarden, Frankenreich, Karl der Große, Translatio imperii, Geschichtsschreibung, Herrschaftslegitimation, Mittelalter, Liutprand, Montecassino, Ideologie, Herrschaftsmodell, Historiographie, Karolinger
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Werk Historia Langobardorum des Paulus Diaconus und analysiert dessen politische Funktion im Kontext der fränkischen Eroberung des Langobardenreiches.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Arbeit ab?
Die Arbeit behandelt die Biographie des Autors, die Entstehung des Werkes, die Debatte um dessen Vollständigkeit sowie die ideologische Absicht hinter der Geschichtsdarstellung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Analyse der Textintention, wobei die These verfolgt wird, dass das Werk primär zur Legitimation der fränkischen Annexion des Langobardenreiches verfasst wurde.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine historisch-kritische Analyse angewandt, die sowohl textimmanente Beweise (wie Aufbau und Komposition) als auch kontextuelle Indizien (wie historische Ereignisse und Autorenschaft) kombiniert.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil gesetzt?
Der Hauptteil gliedert sich in die biographische Betrachtung von Paulus Diaconus, die Untersuchung der Entstehungsbedingungen des Werkes und eine eingehende Interpretation der Intention des Autors.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Historia Langobardorum, Herrschaftslegitimation, karolingische Renaissance und Translatio imperii definieren.
Warum spielt der Tod von König Liutprand eine zentrale Rolle?
Der Tod Liutprands dient laut der Arbeit als bewusster Endpunkt des Werkes, um die Kontinuität zwischen den "guten" langobardischen Herrschern und dem fränkischen König Karl dem Großen zu betonen.
Wird die These der Unvollständigkeit des Werkes gestützt?
Nein, die Arbeit stellt sich gegen die Annahme, das Werk sei durch den Tod des Autors unvollständig geblieben, und argumentiert stattdessen für eine bewusste Komposition des Autors.
- Arbeit zitieren
- Johannes Steffens (Autor:in), 2007, Paulus Diaconus und die Franken , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76933