Clyfford Still

Die Entwicklung seines Werkes und eine Einordnung in den Abstrakten Expressionismus


Seminararbeit, 2006

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Das Œuvre
2.1 Die Anfänge
2.2 Von der Landschaft zur Figur
2.3 Primitive Kunst, Fruchtbarkeit und Symbolik
2.4 Höhepunkte
2.5 Spätwerk
2.6 Tabellarische Zusammenfassung

3. Abstrakter Expressionismus? Eine Einordnung
3.1 ‚Action Painting‘ oder ‚Color Field Painting‘?
3.2 Vergleich mit Rothko und Newman

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Clyfford Still ist eine der umstrittensten Figuren der amerikanischen Kunstszene der Nachkriegszeit. Sein Werk steht, zumindest in Europa, erst an den Anfängen der kunsthistorischen Bearbeitung, da der Künstler zu seinen Lebzeiten jeglichen wissenschaftlichen Publikationen einen Riegel vorgeschoben hat. Auch heute, 25 Jahre nach seinem Tod, existiert noch kein vollständiges Werkverzeichnis, da sich nur ein Bruchteil seines Œuvres in öffentlichen und privaten Sammlungen befindet.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Entwicklung von Stills Stil vom ersten erfassbaren Frühwerk, über seine bekannteste Werkphase der frühen 50er bis zum Spätwerk nachzuzeichnen und dessen Besonderheiten herauszustellen. Dies geschieht, wo es nötig erscheint, im Rahmen einiger biographischer Eckdaten. Ferner soll dabei die Diskrepanz zwischen den Äußerungen und Absichten des Künstlers und der tatsächlichen Umsetzung in seinen Bildern untersucht werden.

Im Folgenden wird zu klären sein, ob Clyfford Stills Werk nach der vorherrschenden Meinung der Kunsthistoriker und -kritiker wirklich dem ‚Abstrakten Expressionismus“ zuzuordnen ist und in welche Stilrichtung innerhalb dieser Bewegung er sich gegebenenfalls einordnen lässt.

2. Das Œuvre

Der Amerikaner Clyfford Still ist um 1950 in den USA mit seinen monumentalen Bildern mit großflächigen Farbpartien, den so genannten ‚color fields‘, bekannt geworden. Allerdings fand er in seiner Heimat erst spät Anerkennung und blieb in Europa bis in die 90er Jahre hinein eine Art „Geheimtipp“.[1]

Stills künstlerische Entwicklung von den Anfängen in den 30er Jahren bis hin zum ‚Abstrakten Expressionismus‘ der 50er Jahre soll in diesem Teil der Arbeit zusammen mit einem chronologischen Lebensabriss nachgezeichnet werden.

2.1 Die Anfänge

Clyfford Still wurde am 30. November 1904 in Grandin, North Dakota geboren. Ein Jahr später zog die Familie nach Spokane, Washington, um, wo der Vater als Buchhalter seinen Lebensunterhalt verdiente. 1910 versuchten seine Eltern ihr Glück als Farmer in der Nähe von Bow Island in Kanada. Da der Wohnsitz der Familie in Washington, wo Clyfford Still auch noch weiter zur Schule ging, beibehalten wurde, pendelte er als Kind ständig hin und her, was er später selbst als Nomadenleben bezeichnete.[2]

Still war schon als Kind musisch begabt und zeigte starkes Interesse für Malerei, Musik und Literatur. Die Entwicklung seiner künstlerischen Ader stand jedoch im Kontrast zu seinen Lebensumständen. Trotz der eingeschränkten Möglichkeiten, die seine Herkunft mit sich brachte, saugte er alle Informationen, an die er gelangen konnte, wissbegierig auf und begann mit 14 Jahren zu zeichnen und zu aquarellieren. Seine frühen Themen waren seine Familie, Selbstporträts, Landschaftsbilder und Szenen aus dem Landleben.[3]

1925 reiste Still mit nur 20 Jahren erstmals nach New York, um europäische Kunstwerke im Original zu sehen. Allerdings wurden seine hohen Erwartungen an die Bilder, die er bisher nur aus Reproduktionen kannte, enttäuscht.

1926 begann Still das Studium an der Spokane University, ging aber schon im Frühjahr des darauf folgenden Jahres zurück nach Kanada. Dort arbeitete auf der elterlichen Farm und nutzte jede freie Gelegenheit für seine Malerei. Im Gemälde von 1928/29 „Row of Elevators“[4] finden sich seine frühen Themen wieder. Es stellt die Steppe des kanadischen Westens dar. In der Mitte des Bildes befindet sich eine Reihe von fünf gestaffelten Getreidesilos. Stills Interesse galt der Einbindung des Motivs in eine landschaftliche Gesamtatmosphäre. Dabei war es ihm wichtig, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Die detailgenaue Wiedergabe der Motive war dabei zweitrangig. Technisch und stilistisch sind bei „Row of Elevators“ schon alle charakteristischen Merkmale seiner späteren Malerei enthalten:

Die Farben sind meist mit einem Spachtel aufgetragen, die ungrundierte Leinwand tritt hervor und erdhafte Mischtöne dominieren, wobei er jedoch kräftige Farbakzente setzt.

Das Sujet steht sehr stark in der Tradition des amerikanischen ‚Regionalismus‘ der 20er und 30er Jahre, den Künstler wie Thomas Hart Benton oder Grant Wood vertraten.

Still setzte 1931 sein Studium in den Fächern Englisch und Philosophie mit Unterstützung eines ‚teaching fellowship in art‘ fort und erlangte 1933 den Abschluss als ‚Bachelor of Arts‘. Bis 1935 nahm er weiter die Doppelrolle als Student und Dozent ein und graduierte dann mit einer Examensarbeit über Paul Cézanne. Bis 1941 war er Dozent für Kunstgeschichte am Washington State College in Pullman, wo er es bis zu einer Assistenzprofessur brachte.

Still hat seine gegenständlichen Bilder aus der Zeit vor 1934 nach der Retrospektive 1943 nie wieder öffentlich gezeigt und fast nie über diese gesprochen. Von den frühen Arbeiten sollen sich jedoch noch ca. 175 Werke in seinem Nachlass befinden und um die 250 Arbeiten soll Still angeblich selbst im Jahr 1963 zerstört haben.[5] Immerhin hat man durch die Ausstellungsliste der Retrospektive in San Francisco von 1943 eine vage Vorstellung von seinen Themen aus den 20er und frühen 30er Jahren. Besonders häufig taucht das Motiv des Pfluges auf. Man vermutet, dass es Stills Faszination für die Weite des Landes, der Menschen und ihrer Maschinen ausdrücken soll. Diese Themen war stark verbunden mit der ‚American Scene-Bewegung‘, die eine Gegenreaktion auf die europäischen Avantgarde-Bewegungen darstellte. Sie war besonders in den 30er Jahren dominierend und ihre Themen waren das ländliche und industrielle Arbeitsleben.

Allerdings war Still in den 30er Jahren nicht unbeeinflusst von der Tradition der modernen europäischen Maler, von denen er Zeit seines Lebens vorgab, sie vehement abzulehnen. Außerdem ist es bemerkenswert, dass sich Still in seiner Examensarbeit gerade mit einem wichtigen Vertreter der europäischen Moderne, nämlich Cézanne, auseinandersetzte. Stills Bild „Unbetitelt (‚Braune Studie‘)“[6] von 1935 lässt sogar Parallelen zu zwei Werken von Paul Cézanne erkennen: die gleiche Farbpalette und eine Ähnlichkeit des Motivs mit dem Gemälde „Der Neger Scipio“[7] und eine analoge Dynamik und Linienführung zu dem Bild „Das Haus mit der zerborstenen Mauer“[8].

2.2 Von der Landschaft zur Figur

Die Auseinandersetzung mit Cézanne markiert ebenfalls einen Wendepunkt in Stills Schaffen. Er beginnt sich von den regionalistischen Landschaftsbildern zu lösen und verlagert sein Interesse auf die Darstellung von Figuren. Diese Tatsache ist besonders wichtig, da Stills Weg zur Abstraktion von der Figur ausgeht und nicht, wie oft behauptet, von der Natur:

The fact that I grew up in the prairies has nothing to do with my paintings, with what people think that they can find in them. I paint only myself, not nature.[9]

Das einzige gegenständliche Werk, das Still je an ein Museum gab, ist das Bild einer männlichen Gestalt.[10] Es ist etwa zeitgleich mit der Examensarbeit entstanden und steht damit am Anfang seiner künstlerischen Neuorientierung. Es kann somit als Schlüsselbild angesehen werden. Das Bild zeigt einen nackten, nach links schreitenden Mann vor einer dunkelbraunen Landschaft. Er nimmt die gesamte Bildhöhe des Hochformats ein. Oben rechts sieht man den Himmel, der mit einem dunklen Blau mit weiß-grauen Wolkenfetzen dargestellt ist. Der Körper des Mannes ist sehr lang gestreckt, die Rippen sind zu sehen, er hat einen kahlen Schädel und übergroße Hände. Durch die Farbigkeit und seinen Körperbau wirkt er hölzern und primitiv. Der Gang des Mannes ist sehr zielstrebig durch die große Schrittstellung und seinen Blick in die Laufrichtung. Still beschrieb seine künstlerische Vision als symbolische Reise, was im Zusammenhang mit diesem Motiv steht:

It was a journey that one must make, walking straight and alone. And one’s will had to hold against every challenge and triumph, or failure, or the praise of Vanity fair. Until one had crossed the darkened and wasted valleys and come at last into clear air and could stand on a high and limitless plain.[11]

Es wird vermutet, dass Still das Bild, das er 1974 dem San Fransisco Museum schenkte, als „Demonstration des eigenen Künstlertums“ aufgefasst hat, dass er sich „zum neuen ‚Adam‘ der Malerei“ stilisierte, „der selbst ohne Vorfahren ist und mit dem gleichsam eine neue Künstlergenealogie beginnt.“[12] Aber auch in diesem Bild ist im Gegensatz zu den Äußerungen des Künstlers wieder eine Parallele zu einem Bild von Cézanne zu ziehen. So wie die Konturen in Stills Bild um das Becken und das Gesäß der Figur gemalt sind, finden sich in Cézannes Bild „Die schwarze Uhr“[13] ähnliche waagerechte Balken im Tischtuch. Dadurch negiert er seinen eigenen Anspruch, frei von Vorbildern, besonders europäischen, zu sein, sogar in diesem bedeutenden Schlüsselbild. Still setzt sich außerdem noch bis in die 40er Jahre hinein in seinen Gemälden mit europäischen Künstlern auseinander. Beispiel hierfür ist ein Gemälde von 1940, dessen Verbleib unbekannt ist.[14] Es erinnert mit seinen Formen an Picassos „Corrida“,[15] und auch das Bild „Öl/LW 1943 (PH-286)“[16] lässt eine Verbindung zu Picassos Bild „Frau mit Stiletto (Tod des Marat)“[17] zu. In den Gemälden „Öl/LW 1942 (Ph-334)“[18] und „1941-2-C“[19] verarbeitete Still in unterschiedlicher Weise „Die Sternennacht“[20] von Edward Munch. Im Bild 1942 vertauschte Still die hellen und dunklen Flächen wie bei einem Negativ einer Fotografie. Allerdings veränderte er auch die Formen, indem er sie spitz und gerade nach oben zulaufen lässt und der Kontrast der Flächen mit dem Hintergrund stärker und klarer ist. Außerdem verwendete er hier im Gegensatz zu Munch ein Hochformat. Das andere, ältere Bild ähnelt durch die diffusen Übergänge und die abgerundeten Flächen noch mehr Munchs Gemälde. Im Jahr 1943 befasste sich Still sogar mit Goya. In seinem Bild „1943-M“[21] verwandelt er Goyas „Saturn“[22] in eine Komposition aus gezackten Flächen und knochenähnlichen Formen, so dass es wie ein „Figurengerippe“ wirkt.[23]

Stills erste Umbruchphase ist geprägt durch die Verabschiedung traditioneller Bildprinzipien wie der perspektivischen Darstellung, dem Kontrast von Figur und Grund, einer gleichgewichtigen Komposition und der abbildlichen Wiedergabe von Motiven. Still machte sich auf die Suche nach neuen Bildvorstellungen und begab sich auf den Weg zur vollständigen Abstraktion.

[...]


[1] Thomas Kellein (Hg.): Clyfford Still. Prestel Verlag, München 1992, S. 9.

[2] Vgl. Justus Jonas-Edel: Clyfford Stills Bild vom Selbst und vom Absoluten – Studien zur Intention und Entwicklung seiner Malerei. Phil. Diss.: Köln 1995, S. 8f. (Kurztitel: Jonas-Edel, 1995.)

[3] Vgl. ebd., S. 10.

[4] Clyfford Still: Row of Elevators , 87 x 113 cm, 1928-29, National Museum of American Art, Washington.

[5] Vgl. Jonas-Edel, 1995. S. 13.

[6] Clyfford Still: Unbetitelt („Braune Studie“), 76 x 51 cm, 1935, Munson-Williams-Proctor Institute Museum of Art, Utica.

[7] Paul Cézanne: Der Neger Scipio, Öl/LW, 107 x 103 cm, ca. 1867, Museu de Arte, São Paulo.

[8] Ders.: Das Haus mit der zerborstenen Mauer, ÖL/LW, 61 x 77 cm, 1892-94, Philadelphia Museum of Art, Philadelphia.

[9] Jonas-Edel, 1995, S. 69, Zitat nach B. Townsend: An Interview, S.11.

[10] Clyfford Still: Öl/LW 1934 ( PH-323) , 146 x 80 cm, San Fransisco Museum of Modern Art.

[11] Jonas-Edel, 1995. S. 27.

[12] Ebd., S. 28.

[13] Paul Cézanne: Die schwarze Uhr, 54 x 73 cm, 1869-70, Sammlung Niarchos, Paris.

[14] Vgl. Abb.60, in: Jonas-Edel, 1995.

[15] Pablo Picasso: Corrida, 97 x 130 cm, 1934, Privatsammlung.

[16] Clyfford Still: Öl/LW 1943 (PH-286), 97 x 71 cm, Sammlung des Künstlers.

[17] Pablo Picasso: Frau mit Stiletto (Tod des Marat), 46 x 71 cm, 1931, Musée Picasso, Paris.

[18] Clyfford Still: Öl/LW 1942 (PH-334), 177 x 89 cm, Sammlung des Künstlers.

[19] Ders.: 1941-2-C, 108 x 81 cm, Albright Knox Art Gallery, Buffalo.

[20] Edward Munch: Die Sternennacht, 135 x 140 cm, 1893, Getty Museum, Malibu.

[21] Clyfford Still: 1943-M, 177 x 84 cm, Sammlung des Künstlers.

[22] Goya: Saturn, 146 x 83 cm, 1820-23, Prado, Madrid.

[23] Jonas-Edel, 1995, S. 79.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Clyfford Still
Untertitel
Die Entwicklung seines Werkes und eine Einordnung in den Abstrakten Expressionismus
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Kunstgeschichtliches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Abstrakter Expressionismus, Tachismus, Informel
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V76945
ISBN (eBook)
9783638812979
ISBN (Buch)
9783638814423
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Clyfford, Still, Hauptseminar, Abstrakter, Expressionismus, Tachismus, Informel
Arbeit zitieren
Nicole Giese (Autor), 2006, Clyfford Still, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76945

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