Südafrika im Diskurs: Zur Verwendung stereotyper Vorstellungsbilder in J. M. Coetzees "Disgrace" und Lewis Nkosis "Underground People"


Hausarbeit, 2004
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Fremde als Fiktion: Die sprachliche Darstellung des Unbekannten

3. Lewis Nkosi: Underground People

4. J.M.Coetzee: Disgrace

5. Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die zu Anfang zitierten Zeilen aus J.M. Coetzees Disgrace verdeutlichen im Wesentlichen die zentralen Aspekte dieser Arbeit, die sich mit der Verwendung und Funktion stereotyper Vorstellungsbilder der schwarzen und weißen Bevölkerung Südafrikas in Coetzees Disgrace und Lewis Nkosis Underground People auseinandersetzt.

Zunächst einmal sind im Eingangszitat grobe Vorurteile innerhalb der ethnischen Bevölkerungsgruppen festgestellt. In einem ersten Schritt werde ich daher kurz auf die Grundlage all dieser bestehenden Vorurteile und Klischees anhand des Konzeptes der Dichotomie vom Selbst und vom Anderen eingehen. Maßgeblich hierfür sind Edward Saids Ausführungen in Orientalism, die unter anderem die tragende Rolle der Sprache für die Entstehung einer Vorstellung vom jeweils Anderen und somit die Unmöglichkeit einer neutralen Verwendung von Sprache thematisieren. Ausgehend von der Tatsache, dass jede Form der sprachlichen Vermittlung bestimmte Assoziationen hervorruft und dass besonders English als Kolonialsprache in Südafrika eng mit den Wertungen der Rassenpolitik während der Apartheid verknüpft ist, stellen das Komische, die Ironie und die Überzeichnung von „afrikanischen“ und „europäischen“ Charakteristika der Figuren für den südafrikanischen Roman eine Möglichkeit dar, diesem sprachlichen Dilemma zu entgehen. Auf diese Weise wird aus der alltäglichen intuitiven Trennung zwischen homo africanus und dem normalen –dem europäischen – Menschen (Said 97) ein diskursives Stilmittel, dessen sich verschiedene Autoren bedienen.

Eine erhebliche Rolle in der stereotypen Darstellung der Figuren spielt das Motiv von Schein und Sein, das grundsätzlich charakteristisch für Komödien ist. Hier zeigt sich zugleich der zweite Aspekt, der in der bereits zitierten Textstelle aus Disgrace zum Tragen kommt: in dieser „comedy of the new South Africa“ (Coetzee 23), werden altbekannte Vorurteile vom Wesen des jeweils anderen überzeichnet und einander gegenübergestellt; somit wird dass das Problem der anhaltenden sozialen Spannung durch Komik gelöst. In den beiden Romanen, anhand derer ich mein Thema exemplarisch untersuchen werde, wird das Motiv von Schein und Sein mit überlieferten Konzepten von scheinbar zivilisierten weißen und vermeintlich bedrohlichen schwarzen Bevölkerungsgruppen in Verbindung gebracht. Das Ergebnis – hauptsächlich in Underground People – ist eine ironische und auch komische Beleuchtung sozialer Hierarchiestrukturen.

Sowohl bei Coetzees Disgrace als auch bei Nkosis Underground People wird deutlich, dass Klischees nicht zufällig bemüht werden, sondern, dass sie untrennbar mit der Darstellung von Machtverhältnissen verbunden sind. In diesem Zusammenhang liegt der Ironie bei beiden Autoren zweifelsfrei eine Kritik am sozialen Gefüge Südafrikas zugrunde, es jedoch bei einer solchen allgemeinen Deutung bewenden zu lassen, wäre zu einfach und würde wohl beiden Romanen nicht gerecht. Die Frage nach weiteren genauen Aussageabsichten der bewusst klischeebesetzten Darstellung lässt sich nicht für beide Romane gleichermaßen beantworten. Zur Lösung dieses Problems ist die angesprochene Ironie mit ihren teilweise komischen Aspekten in einem größeren Kontext zu betrachten.

War es zunächst mein Ziel gesetzt, die diskursive Darstellung Südafrikas mit seinen Unterschieden innerhalb der Bevölkerung repräsentativ anhand der Romane eines schwarzen sowie eines weißen Autors aufzuzeigen, so stellte sich während der Bearbeitung des Themas heraus, dass eine solche Analyse nicht allein aufgrund eines solchen ethnischen Unterscheidungskriteriums erfolge kann. Mit anderen Worten bedeutet das, dass es schlichtweg unmöglich ist, die Vermittlung eines ironischen beziehungsweise komischen Blickwinkels losgelöst von Genre und zeitlichen Handlungsrahmen zu betrachten. Hier liegt die Lösung für die zentrale Frage nach der Aussageintention beider Romane: Der ironische Unterton in Disgrace unterstreicht die zynische Reflexion des Protagonisten David Lurie, dessen trostlose Perspektive die einzige Sichtweise bleibt, der der Leser eine Vision vom vergangenen sowie vom neuen Südafrika nach der Apartheid entnehmen kann. Die Ironie in der Darstellung „europäischer“ Weißer und „afrikanischer“ Schwarzer ist nicht etwa Gegebstand einer Komödie, wie sie im Eingangszitat geschildert wird, sondern reflektiert, gefiltert durch Luries Zynismus, die ungeklärten Machtverhältnisse im ländlichen Südafrika und verweist somit auf eine ebenso ungeklärte Zukunft.

Die sparsame Verwendung solcher sprachlicher Bilder fügt sich in den subtilen Stil Coetzees ein; sie steht jedoch in keinem Verhältnis zu Nkosis ausführlichem Diskurs. Dieser quantitative Unterschied liegt in der Natur beider Romane, denn während bei Coetzee jedes sprachliche Bild die Hauptaussage von Disgrace, nämlich die Verschiebung der sozialen Machtverhältnisse, unterstützt, zeichnet Nkosi im Rückblick ein satirisches Bild Südafrikas während der Apartheid. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf der bloßen Konfrontation weißer und schwarzer Charaktere. Auch wenn man trotz der daraus entstehenden Komik Underground People nicht ausschließlich als Komödie klassifizieren kann, so verwirklicht Nkosi doch die bereits angesprochene „comedy of the new South Africa“. Die vergleichende Analyse zielt darauf ab, diesen unterschiedlichen Umgang mit Klischees – die satirische Verwendung bei Nkosi und den subtilen Pessimismus angesichts der unüberbrückbaren Rassentrennung bei Coetzee – nachzuweisen.

2. Das Fremde als Fiktion: Die sprachliche Darstellung des Unbekannten

Dieses einführende Kapitel wird den Prozess der Grenzziehung zwischen einem Selbst und dem jeweils Anderen auf der Ebene von Kolonialmacht auf der einen Seite sowie der Kolonie selbst auf der anderen Seite zu erläutern. Die Grundlage hierfür bildet hauptsächlich Edward Saids Theorie des Orientalism, innerhalb derer ich mich im Hinblick auf die Analyse von Disgrace und Underground People auf einige wesentliche Aspekte konzentrieren werde. Dabei abstrahiere ich von Saids Ausführungen über den Orient in seiner Beziehung zum Westen nur die Phänomene abstrahieren, die auch allgemein Gültigkeit besitzen und daher auch auf die Beziehung von Europa zu Afrika übertragen werden können.

Zum einen bildet die Theorie der Abgrenzung vom Anderen, der self/Other dichotomie, – ein Phänomen, das zu erklären möglicherweise trivial erscheinen mag, dessen bewusste Reflexion jedoch unabdingbar für die weitere Untersuchung ist – die Basis für die Typologie beziehungsweise die Repräsentation des (unbekannten) Anderen. Die genauere Betrachtung der Sprache gewinnt in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle, da sie aus folgenden Gründen das wichtigste Medium der Repräsentation ist: erstens wäre ohne sie, das heißt ohne die Berichterstattung über fremde Kulturen, keine Repräsentation möglich und zweitens verselbständigt sich eine solche Repräsentation, indem sich ihre Bilder einer anderen Kultur in der Vorstellung eines Menschen und somit auch in seinem alltäglichen Sprachgebrauch verankern. Solche Bilder oder auch Vorurteile werden dann intuitiv durch die Sprache verbreitet, haben aber, je mehr sie schriftlich fixiert, institutionalisiert und weitergegeben werden, immer weniger mit der Realität gemeinsam. Dieser Diskrepanz als solche soll hier Aufmerksamkeit geschenkt werden, während die weiteren Kapitel den diskursiven Gebrauch des Unterschiedes von Schein und Sein als literarisches Stilmittel behandeln.

Saids Konzept einer imaginative geography (Said, „Orientalism Reconsidered“ 128) beschränkt sich nicht ausschließlich auf eine künstliche Grenzziehung zwischen Orient und Okzident, sondern es lässt sich auch mit einigen Einschränkungen auch auf das Verhältnis von Europa zu seinen Kolonien in Afrika übertragen. Afrika ist zwar geographisch unumstritten von Europa abgegrenzt, aber es findet sich im eurozentrischen Weltbild auch hier eine klare psychologische Distanzierung von der europäischen zur afrikanischen Bevölkerung. Diese beruht vor allem auf der Grundlage kultureller und physiologischer Andersartigkeit. Es wird also primär zwischen verschiedenen Rassen und nicht zwischen Bewohnern verschiedener Kontinente unterschieden (Said 119). Besonders deutlich wird das unter Hinzuziehung des Beispiels von Amerika. Hier ist die Identifikation der Europäer mit den Amerikanern ungleich höher als im Beispiel Afrika, da der Europäer die Vereinigten Staaten demographisch fast ganz für sich eingenommen hat und das Land somit in seiner Kultur dem Mutterland ähnlich wurde.

In der Tat ist Identifikation der Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang, denn was ich bisher mit Abgrenzung und Unterscheidung verschiedener Völker untereinander beschrieben habe, beruht vor allem auf dem Gefühl der Dazugehörigkeit. Das Selbstbild eines Individuums oder eines Kollektivs entsteht jedoch erst durch das Vergleichen von Hautfarbe, Kultur, Bräuchen, Lebensorganisation und Kunst. Bezogen auf den Orient beschreibt Said diesen Prozess der Selbstcharakterisierung durch das, was man nicht ist, folgendermaßen: „In addition, the Orient has helped to define Europe (or the West) as its contrasting image, idea, personality, experience. Yet none of this Orient is merely imaginative. The Orient is an integral part of European material civilization and culture” (2). Nicht umsonst liegt hier die Betonung auf der “materiellen Zivilisation”, die Hybridität erlaubt. Bei der Frage nach Mentalitäten liegen die Dinge insofern anders, als dass man in seinem Denken und Handeln entweder westlich oder östlich, entweder europäisch oder afrikanisch sein kann, nie aber etwas europäisch und etwas afrikanisch. Said spricht in diesem Zusammenhang von einer klaren gedanklichen Trennung: „[…] the altogether regrettable tendency of any knowledge based on such hard-and-fast distinctions as `East`and `West`: to channel thought into a West or an East compartment” (46).

An der angesprochenen imaginären Grenzziehung, der self/Other dichotomie, sind aus politischen Gründen nicht beide Seiten in gleichem Maße beteiligt. Im Zuge der Kolonialisierung war es stets Europa, das sich – auch auf fremdem Territorium – bewusst vom jeweils anderen Volk abhob, um dann dieses pauschal als „Anderes“ zu isolieren. Der Impuls für eine solche Abgrenzung, die zugleich immer mit einer deutlichen Wertung verbunden ist, geht also von der Imperialmacht aus. Das hierarchische Wertungsprinzip beschreibt Said mit „advanced/backward binarism“ (207) oder „`our land-barbarian land` variety“: „… imaginative geography of the `our land-barbarian land` variety does not require that the barbarians acknowledge the distinction. It is enough for `us` to set up these boundaries in our own minds; `they` become `they` accordingly, and both their territory and their mentality are designated as different from `ours`” (54).

Ergänzend zu Saids Beschreibung sehen Tiffin und Lawson die hierarchische binäre Opposition von Europa und dessen Kolonien bewiesen in der Existenz des akademischen postkolonialen Forschungsfeldes. Ihre Schlussfolgerung lautet: „The difficult boundaries between European self and colonized Other are illustrated in the constitution of the very field of post-colonial studies itself“ (7).

Nach den bisherigen Ausführungen bleibt nun zu klären, worin das auf der vorherigen Seite zitierte „constrasting image“ des „Anderen“ beziehungsweise des Fremden besteht. Nach Said unterliegt die Art und Weise der Repräsentation des untergeordneten „Anderen“ einem sprachlichen Imperialismus, der aus dem politischen Imperialismus hervorgeht. Das bedeutet, dass die politische Dominanz Europas in den Kolonien eine intensive wissenschaftliche und literarische Beschäftigung mit dem kolonialisierten „Anderen“ erlaubt. Nach und nach festigen sich ein bestimmtes Vokabular, eine spezielle Rhetorik und bestimmte Bilder und Figuren, mit denen eine fremde Kultur sprachlich dargestellt wird. Daraus formt sich der begrenzte Rahmen einer möglichen Darstellung des Fremden, von dem es, durch akademische, literarische und historische Institutionalisierung, kaum Abweichungen geben wird (39-42). Ungeprüft vom „Anderen“ sowie von denjenigen, die dieses „Andere“ nie selbst erlebt und ihre Erkenntnisse allein aus der Literatur gewonnen haben, verdichtet sich das Wissen zu einer begrenzten Gruppe von Vorstellungen. Said spricht hier von „family of ideas and a unifying set of values” (41-2.). Im kollektiven Gedächtnis bleiben daher wenige repräsentative Bilder; im Extremfall konzentriert sich die ganze Repräsentation sogar nur auf die Vorstellung von einer Person, zum Beispiel von d e m Eingeborenen. Durch den soeben beschriebenen Prozess haben am Ende die Vorstellung von einem Wissen auf der einen Seite und die Realität auf der anderen Seite nur noch wenig gemeinsam. So entsteht ein Paradoxon, das von Said folgendermaßen zusammengefasst wird: „Knowledge of the Orient, because generated out of strength, in a sense creates the Orient, the Oriental, and his world“ (40).

Die Pseudo-Realität, die sich auf diese Weise ergibt, besteht aus sprachlichen Bildern, so dass eine neutrale Verwendung von Sprache im kulturellen Diskurs unmöglich ist. Für die Sprache in einem Roman bedeutet das nach Said folgendes:

My principle assumptions were – and continue to be – that fields of learning, as much of the works of even the most eccentric artists, are constrained and acted upon by society, by cultural traditions, by worldly circumstance, and by stabilizing influences like schools, libraries, and governments; moreover, that both learned and imaginative writing are never free, but are limited in their imagery, assumptions, and intentions. (202)

Den Einfluss von Politik auf Literatur setzt Said also voraus, so dass weiterhin zu folgern ist, dass die Kolonialpolitik derart Einfluss auf die Kolonialsprache nimmt, dass letztere zugleich immer bestehende Machtverhältnisse widerspiegelt. Tiffin und Lawson beschreiben diese Abhängigkeit wie folgt: „Imperial textuality appropriates, distorts, erases, but it also contains “ (6). Ndebele geht in seiner Aussage noch weiter, indem er den Umkehrschluss zieht. Demnach gibt es also den Einfluss einer Gesellschaft auf die Sprache auf der einen Seite und umgekehrt den Einfluss der Sprache auf die öffentliche Meinung auf der anderen Seite. Bezogen auf Südafrika heißt das, dass Englisch als Kolonialsprache rassistische Haltungen vermittelt hat, die sich durch eine andere, weniger geprägte Sprache nicht so leicht verbreitet hätten. Insofern trägt das Englische eine Teilschuld, die es, laut Ndebele, anzuerkennen gilt, bevor sein weiterer Gebrauch, zum Beispiel in der Literatur, gerechtfertigt werden kann (110).

Ausgehend von dieser Forderung wird der genaue Umgang mit Vorurteilen durch Textualität in Coetzees Disgrace und Nkosis Underground People Gegenstand der Untersuchung in den nächsten beiden Kapiteln sein. Während bisher eine theoretische Grundlage auf der Basis einer allgemeinen sprachlichen, psychologischen und politischen self/Other dichotomie geschaffen wurde, soll nun gezeigt werden, welcher Art Vorurteile oder Klischees sich Coetzee und Nkosi im Einzelnen bedienen und in welchem Zusammenhang sie jeweils stehen. So wird vor allem durch den Vergleich beider Romane die Funktion des Diskurses herausgearbeitet werden.

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Südafrika im Diskurs: Zur Verwendung stereotyper Vorstellungsbilder in J. M. Coetzees "Disgrace" und Lewis Nkosis "Underground People"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
South African Fiction after Apartheid
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V76982
ISBN (eBook)
9783638812948
ISBN (Buch)
9783638814430
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Südafrika, Diskurs, Verwendung, Vorstellungsbilder, Coetzees, Disgrace, Lewis, Nkosis, Underground, People, South, African, Fiction, Apartheid
Arbeit zitieren
Judith Breuer (Autor), 2004, Südafrika im Diskurs: Zur Verwendung stereotyper Vorstellungsbilder in J. M. Coetzees "Disgrace" und Lewis Nkosis "Underground People", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76982

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