"Geht es um geistige Raffinesse und Ironie oder um das Training bestimmter Muskeln?" (Max Goldt)
Ob man die Texte Max Goldts nun als „Chronik alltäglicher Verrücktheiten“ oder humoristisches Sprachspiel betrachtet – der „Eigensinn und allegorische Ernst seiner Schnappschüsse absurder Zivilisationsdetails“ (Johannes Ullmaier) erscheint in einer solchen Deutung verkürzt. Hubert Winkels würde sagen: „Leicht kann sie [die Literatur] daher kommen, aber leicht kann sie nicht gemacht sein.“
Ich möchte darum fragen, inwiefern abseits jeglicher Schenkelklopfer-Qualitäten eine ernsthafte künstlerisch-methodische Arbeit hinter dem Sprachwitz in seinen Essays steht, insbesondere im Hinblick auf die Ästhetik der Themen ‚Werbung’ und ‚Wareninszenierung’. Genauer möchte ich mich der Frage widmen, wie sich durch die inhaltliche Aufnahme von Waren und Werbung – sowie durch die formale Darstellung dieser Inhalte – in seinen Texten eine Ästhetik entfaltet.
Klar ist: Max Goldt archiviert Alltagskultur und überwacht den Sprachraum. Seine Beschreibungen pop- wie hochkultureller Inhalte weisen das Merkmal einer „doppelten Ästhetik“ (Heinz J. Drügh) auf.
Im Laufe meiner Analyse werde ich die semantische Dichte dieser Texte überprüfen, und in Kombination mit Überlegungen von u. a. Moritz Baßler, Jean-François Lyotard, Jean Baudrillard, Leslie Fiedler, Wolfgang Fritz Haug, Hubert Winkels, Viktor Sklovskij und Michail M. Bachtin meiner Eingangsfrage nachgehen. Letztlich wird es darum gehen, welche Wirkung einzelne von Goldt angewandte Verfahren auf die ästhetische Anmutung des Textes haben, und inwiefern dieser demnach als Ganzes ästhetisch erscheinen kann.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. HAUPTTEIL
1. Basics: Goldts ‚Reden über’
2. Assoziativität: Assoziative Struktur und semantische Dichte
3. Aneignung von Werbesprache und Wareninszenierung
3.1 Parodisierende Aneignung durch Nachahmung und ironische Brechung
3.2 Stilparodie und Kontrastierung von Sprachstilen zur Erzeugung von Spannung
4. Goldts Intention: Sprachkritik – und es besser machen
5. ‚Was haben wir gelacht’ – Oder ernsthaft: Die (ästhetische) Wirkung der einzelnen Verfahren und des Textes als Ganzem
III. SCHLUSS
IV. LITERATUR
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetische Qualität der Essays von Max Goldt, wobei der Fokus auf dessen spezifischer Verarbeitung von Werbesprache und Wareninszenierungen liegt. Die zentrale Forschungsfrage widmet sich der künstlerisch-methodischen Arbeit hinter dem Sprachwitz des Autors und der Frage, wie durch die inhaltliche und formale Auseinandersetzung mit Konsumthemen eine ästhetisch produktive Spannung erzeugt wird.
- Analyse der "doppelten Ästhetik" und der poetologischen Verfahren bei Max Goldt.
- Untersuchung der Bedeutung von "Superzeichen" aus der Warenwelt für die literarische Textstruktur.
- Erforschung der assoziativen Struktur und der semantischen Dichte als Kohärenzstifter.
- Analyse parodistischer Techniken im Umgang mit Werbe- und Alltagssprache.
- Reflexion der Rolle des Humors und der ästhetischen Wirkung der Texte als Gesamtkunstwerk.
Auszug aus dem Buch
3.1 Parodisierende Aneignung durch Nachahmung und ironische Brechung
Fangen wir klein an: beim Wort. Hier findet man bereits die ersten Simulationen von Werbesprache, nämlich Goldts Neologismen. Das von ihm frei erfundene „Kinder Cruncholino“ trägt neben der auffälligen Binnenmajuskel in Anlehnung an das real existente „Kinder Professo-Rhino“, auch den Hinweis auf eine Generierung über die Synthese bereits vorhandener Produktnamen verschiedener Hersteller. Die Endung des Neologismus ist in Analogie zu den üblichen ‚Kinder’-Produktbezeichnungen der Firma Ferrero (wie „Rhino“, „Hippo“ etc.) entstanden und wurde mit „Crunch“ kombiniert, das an das Produkt „Crunchips“ der Firma Lorenz erinnert. Das Wort „Crunch“ ist Teil einer kulturell geschaffenen stereotypen Kollokation, deren Signifikanten auf Naschereien verweisen, die allesamt knusprig sind, ob es sich um die keksartige Hülle eines „Kinder Professo-Rhino“ handelt oder um Kartoffelchips. In einer Kollokation sind die Bestandteile bereits in einem bestimmten gemeinsamen Wortfeld etabliert, weshalb es von ‚Kennern’ der Konsumwelt ohne zu zögern mit knusprig assoziiert wird. Kurz gesagt: es klingt vertraut, und der erfundene Produktname könnte so auch tatsächlich aus der Feder eines Werbetexters stammen.
Als ironisch gebrochen erscheint diese Wortneuschöpfung – als Verfahren und dessen Ergebnis – vor dem beliebigen Hintergrund des „Kinder Irgendwas“. Damit nämlich erscheint das konkrete Signifikat irrelevant, weil es nur mehr auf stereotypen Sprachklischees der Werbung beruht und somit nicht auf das Bezeichnete, sondern in einer Endlosschleife immer wieder nur auf sich selbst verweist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Die Einleitung stellt die These auf, dass Max Goldts Essays eine tiefere künstlerisch-methodische Ästhetik besitzen, die weit über den bloßen Humor hinausgeht.
II. HAUPTTEIL: Der Hauptteil untersucht die Schreibweise von Goldt, die durch Assoziativität, Parodie von Werbesprachen, Stilkontraste und eine spezifische "doppelte Ästhetik" gekennzeichnet ist.
III. SCHLUSS: Der Schluss fasst zusammen, dass Goldts Texte durch die Kombination aus inhaltlicher Konsumkritik und komplexer, nicht-narrativer Struktur eine eigenständige ästhetische Wirkkraft entfalten.
IV. LITERATUR: Das Literaturverzeichnis listet die primär herangezogenen Essays von Max Goldt sowie die theoretischen Sekundärquellen auf.
Schlüsselwörter
Max Goldt, Essayistik, Warenästhetik, Werbesprache, Semantik, semantische Dichte, Popliteratur, Parodie, Stilparodie, Konsumkritik, Assoziativität, Poetologie, Ästhetik, Ironie, Superzeichen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die ästhetische Qualität der Essays von Max Goldt und untersucht, wie der Autor sprachliche Verfahren der Konsumwelt (Werbung und Wareninszenierung) literarisch aneignet und ironisch verarbeitet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Ästhetik der Warenwelt, die Sprache der Werbung, die Technik der assoziativen Struktur in Goldts Texten sowie die Abgrenzung von Hoch- und Trivialkultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass hinter dem oberflächlichen Sprachwitz eine ernsthafte künstlerisch-methodische Arbeit steckt und die Texte als ästhetisch produktive Gesamtkunstwerke zu begreifen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse stützt sich auf eine akribische Lektüre der Texte, semiotische Kulturbegriffe, Theorien zur semantischen Dichte (Peter Blumenthal) und die Ästhetik des Wortes (Michail M. Bachtin).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Goldts Sammel- und Generier-Methoden, die assoziative Struktur seiner Texte, die parodistische Aneignung von Werbeslogans und die stilistische Kontrastierung von Hoch- und Alltagssprache.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Max Goldt, Warenästhetik, semantische Dichte, Parodie, Assoziativität, Werbesprache und Poetologie.
Welche Rolle spielen die von Goldt verwendeten "Superzeichen"?
Sie dienen als kulturell aufgeladene Elemente, die Goldt übernimmt und durch ironische Brechung oder Kombination zu neuen ästhetischen Symbolen in seinen Essays umformt.
Wie bewertet die Autorin die Bedeutung des Staubsauger-Beispiels?
Der Staubsauger fungiert als "Wunderding" und selbstreferenzielles Symbol des Textes, an dem Goldt die Metamorphose von profaner Ware zu ästhetisch aufgeladenem "kosmischem Prachtschmutz" vorführt.
- Quote paper
- Tanja Alexandra Küchle (Author), 2006, Kosmischer Prachtschmutz - Zur ästhetischen Qualität von Max Goldts Schreibspezifik am Beispiel von Werbung und Wareninszenierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/76983