Die "Entscheidung zur Endlösung der Judenfrage". Ein komplexer politischer Entscheidungsprozess als historiographisches Problem


Seminararbeit, 2007

28 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Die Debatte Funktionalismus vs. Intentionalismus
1.1 Entwicklung und Ursachen der Forschungskontroverse
1.2 Grundthesen und Vertreter
1.2.1 Der intentionalistische Interpretationsansatz
1.2.2 Der funktionalistische Interpretationsansatz
1.2.3 Neue Forschungsansätze

2.Die nationalsozialistische Judenpolitik zwischen September 1939 und Juli 1942: Thesen und Interpretationen der Entwicklung
2.1 September 1939 bis Oktober 1940: Deportationen, Deportationspläne und Übergang zur physischen Vernichtung
2.2 Oktober 1940 bis April 1941: Stillstand auf dem Weg zur „Endlösung“
2.3 April 1941 bis Juli 1942: Finale Radikalisierung und Institutionalisierung der Massenvernichtung

3.Fazit

Literatur

Einleitung

Dass seit dem Sommer 1942 systematisch das Ziel verfolgt wurde, sämtliche unter deutscher Herrschaft stehende Juden umzubringen und somit die seit langem angestrebte „Endlösung der Judenfrage“ herbeizuführen, wird kaum angezweifelt. Am 17. Juli 1942 trafen die ersten Juden aus dem Reichsgebiet in Auschwitz ein, am 19. Juli präsentierte Himmler den Plan, bis Ende des Jahres die Juden des Generalgouvernements, der besetzten, aber nicht ins Reich eingegliederten Gebiete Polens, mit Ausnahme weniger „arbeitsfähiger“ zu töten und die Ausweitung der Deportationen von den Juden Deutschlands auf die der verbündeten Staaten deutete sich an.[1] Doch wie hat man sich die Entscheidung vorzustellen, die zu der Umsetzung dieser sich jenseits jeglicher moralischer und legaler Grenzen befindenden Politik führte? Denn auf irgendeine Weise müssen die Weichen für die systematische Vernichtung gestellt worden sein, da die nötigen „Ressourcen“ für die Ermordung der europäischen Juden auch erst geschaffen werden mussten. Es ist nicht erstaunlich, dass sich um die „Entscheidung zur Endlösung der Judenfrage“ gegen Ende der siebziger Jahre eine der größten Kontroversen der Zeitgeschichte entwickelt hat. Die Interpretation der nationalsozialistischen Judenpolitik seit 1933, insbesondere nach Kriegsbeginn 1939, und die Gewichtung der verschiedenen, die Entwicklung beeinflussenden Faktoren ließ auf der einen Seite viel Interpretationsspielraum, brachte aber die Historiker aufgrund der Einzigartigkeit des Phänomens und der Sensibilität des Erkenntnisgegenstandes Holocaust oft in Erklärungsnot. Während die Anhänger der einen Position, die Funktionalisten, Chaos und eine fortschreitende, automatisierte Radikalisierung im Handeln der Nationalsozialisten zu erkennen meinten, postulierte das zweite Lager, die Intentionalisten, diesbezüglich die Existenz eines maßgeblich von Hitler beeinflussten Planes und somit die Zielgerichtetheit des politischen Handelns.[2] Die zwei Hauptfragen, um die sich die Kontroverse drehte, war zum einen die nach dem Zeitpunkt der Entscheidung bzw. dem zeitlichen Ablauf des Entscheidungsprozesses zum Beginn der „Endlösung der Judenfrage“[3] im Sinne von Massenvernichtung. Die zweite Frage war, welches Gewicht Adolf Hitler innerhalb dieses Prozesses zukommt. Insbesondere fragte man sich, ob zu erkennen sei, in welchem Maße er an den judenpolitischen Entscheidungen und ihrem Vollzug im Vorfeld beteiligt war, also den Prozess aktiv mitgestaltete, und ob dabei die systematische Massenvernichtung bereits als reales, aus seiner radikal-antisemitischen Ideologie hervorgegangenes Ziel seiner Politik verfolgt wurde.[4] Für die Beantwortung dieser Fragen deckten sowohl Intentionalismus als auch Funktionalismus wichtige Aspekte auf, beide griffen jedoch in vielen Bereichen zu kurz, sodass sich stetig neue Interpretationsansätze diesem Thema widmeten bzw. widmen. Diese analysierten neue wichtige Aspekte und wiesen auf andere Mechanismen hin, aber dieselben Vorgänge und konkreten Aktionen zur „Entscheidung zur Endlösung“ wurden immer wieder unterschiedlich ins Verhältnis gesetzt. Eine umfassende Darstellung und Diskussion der Thesen der Intentionalisten bzw. Funktionalisten kann und soll hier ebenso wenig geleistet werden wie die Erläuterung des aktuellen Forschungsstandes. Auch ein definitives abschließendes Fazit über Entstehung und Entwicklung der Entscheidung zur vorsätzlichen und systematischen Tötung der europäischen Juden wird nicht am Ende der Arbeit stehen. Vielmehr wird ein Einblick in verschiedene Interpretationsansätze gegeben werden, anhand derer die Entwicklung der Judenpolitik zwischen 1939 und 1942 in Ausschnitten erläutert werden sollen.

Im ersten Teil dieser Arbeit werden die theoretischen Ansätze des Funktionalismus und des Intentionalismus dargestellt. Auch in der heutigen Zeit fungieren sie als Orientierungspunkte innerhalb der Holocaust-Forschung und dienen auch den neuen Ansätze zur Positionierung der eigenen Thesen innerhalb des Gebietes. Die Kontroverse und ihre Ursachen sind zudem grundlegend für das Verständnis der Problematik des Forschungsgegenstandes, welches nötig ist, um sich der Grenzen der jeweils vorliegenden bzw. der eigenen Argumentation bewusst zu werden. Hiervon ausgehend werden drei neuere Ansätze vorgestellt, welche jeweils unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Analyse setzen. Im Folgenden werden die Entwicklungen in der Judenpolitik zwischen September 1939 und Juli 1944 in grober Übersicht dargestellt und die Interpretationen der verschiedenen Ansätze bezüglich der Entwicklungen erläutert. Davon ausgehend wird zusammenfassend der Versuch unternommen, die Entstehung und Entfaltung der physischen Massenvernichtung der europäischen Juden zumindest ansatzweise verständlich zu machen.

1 Die Debatte Funktionalismus vs. Intentionalismus

1. 1 Entwicklung und Ursachen der Forschungskontroverse

Die frühe Holocaust-Forschung beschäftige sich zwar noch nicht explizit mit der Problematik des Entscheidungsprozesses, aber prominente Vertreter wie Leon Poliakov, Gerald Reitlinger, Wolfgang Scheffler und Helmut Krausnick kamen in ihrer Interpretation dennoch bereits zu dem Ergebnis, dass erstens Hitler den Entschluss zur „Endlösung“ durch Massenvernichtung fällte und einen Befehl zu ihrer Umsetzung weitergab, und zweitens, dass dieser Befehl in den Monaten vor dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gegeben wurde.[5] 1961 präsentierte Raul Hilberg mit „Die Vernichtung der europäischen Juden“ zum ersten Mal eine Interpretation, die nicht mehr von einer einzigen Entscheidung ausging. Stattdessen wies er der dezentralisierten und komplexen Bürokratie eine Schlüsselrolle innerhalb des Prozesses zu[6], verneinte die Existenz eines umfassenden vorgefertigten Plans, der die judenpolitischen Entscheidungen und ihre Umsetzung steuerte[7] und Hitler somit bezüglich der Entscheidung eine eher untergeordnete Rolle zudachte. Die in den siebziger Jahren erscheinende Literatur wandte sich bewusst gegen die bis dahin vorherrschende Tendenz zur Verabsolutierung des ideologischen Faktors bei der Analyse des nationalsozialistischen Herrschaftssystems und betonte demgegenüber den herausragenden Einfluss der systemischen und bürokratischen, aus dem polykratischen Charakter des nationalsozialistischen Herrschaftssystems hervorgehenden Faktoren auf den Entscheidungsprozess.[8] Die Autoren wiesen auf die eine einheitliche Entschlussfassung verhindernden Rivalitäten und Kompetenzstreitigkeiten zwischen den zuständigen Instanzen innerhalb des Systems hin und verdeutlichten die die Radikalisierung der Politik katalysierende Wirkung der aus dem dauernden Scheitern der „Lösungsversuche“ der Judenfrage entstehenden Frustration[9]. Zeitlich parallel veröffentlichten Eberhard Jäckel und Andreas Hillgruber zwei Interpretationsansätze, welche sich wiederum auf die zentrale Bedeutung von Hitlers radikal-antisemitischer Ideologie und auf sein Streben nach Vergrößerung des „Lebensraums“ konzentrierten. Auch während der der systematischen Vernichtung vorausgehenden Versuche, eine „Endlösung“ durch Umsiedlung herbeizuführen, sei die Massenvernichtung bereits gedanklich für Hitler beschlossen gewesen und sei während der Euphorie nach den Anfangserfolgen des „Russlandfeldzugs“ parallel zur Vollendung seiner „Lebensraumpolitik“ zum Vollzug gebracht worden.[10] Anfang der siebziger Jahre standen sich mit dem Funktionalismus und dem Intentionalismus somit bereits zwei unterschiedliche Interpretationsansätze gegenüber. Ihre Positionen sollten sich bis Mitte der achtziger Jahre noch weiter von einander entfernen, bis sich schließlich die Fronten durch das Aufkommen neuer, die beiden Positionen miteinander verbindende Interpretationen auflösten.

Für diese unterschiedlichen Interpretationen in Bezug auf das „Zustandekommen der letzten mörderischen Stufe nationalsozialistischer Judenpolitik“[11] ist vor allem der Mangel an schriftlich festgehaltenen, eindeutig zu interpretierenden Quellen verantwortlich.[12] Die ungünstige Quellenlage resultiert erstens aus der Geheimhaltung der Planung der Vernichtung, der sich daraus ergebenden fehlenden schriftlichen Aufzeichnungen und der besonders auf höchster Führungsebene mündlich erfolgenden Befehlsübermittlung. Zweitens ist die geringe Anzahl von Zeugen, die Aussagen über die Vorgänge hätten machen können und die unzureichende Befragung derjenigen, die noch für eine solche zur Verfügung gestanden hätten, für die in der Forschung vorhandenen Erkenntnisschwierigkeiten verantwortlich.[13] Der sich an der Spitze des nationalsozialistischen Systems vollziehende Entscheidungsprozess muss deshalb aus Ereignissen, Dokumenten und Zeugenaussagen rekonstruiert werden, woraus sich verschiedene Interpretationsmöglichkeiten ergeben.

1.2 Grundthesen und Vertreter

1.2.1 Der intentionalistische Interpretationsansatz

Allgemein auf die Interpretation des Phänomens Nationalsozialismus gerichtet, vertreten die Anhänger des Intentionalismus die Ansicht, dass ein direkter Zusammenhang zwischen der vorherrschenden Ideologie, der Planung und den folgenden politischen Entscheidungen im Dritten Reich bestand. Die Entwicklung der Judenpolitik sei maßgeblich durch die Person Hitlers und seine unveränderlichen, bereits in den zwanziger Jahren geprägten politischen Ziele beeinflusst. Die „Entscheidung zur Endlösung“ im Sinne einer physischen Vernichtung der Juden habe Hitler bereits in den zwanziger Jahren gefällt und von da an bewusst dieses Ziel verfolgt, wobei im Grunde genommen zwischen zwei Entscheidungen differenziert wird, der Entscheidung zur physischen Vernichtung als Ziel seiner Politik und die konkrete Entscheidung, mit der Massenvernichtung systematisch zu beginnen.[14] Soweit die judenpolitischen Maßnahmen der dreißiger Jahre als kalkulierte Vorbereitung der Tötung gelten können, wird darin ein Beleg für die Kontinuität des Handelns der Nationalsozialisten auf das Ziel der Umsetzung von Hitlers unveränderlichem Programm gesehen. Maßnahmen oder Aussagen, die nicht in diese Kontinuität passen, werden als „opportune Maßnahmen“ oder als „von Hitler nicht gedeckte, irrelevante Experimente einzelner NS-Machthaber“ eingestuft.[15] Obwohl kein schriftliches Dokument existiert, wird ein einzelner Befehl Hitlers zur Judenvernichtung vorausgesetzt.[16] Dieser erfolgte aus der Sicht des intentionalistischen Lagers auf indirekte Weise im Frühjahr oder Frühsommer des Jahres 1941. Entweder soll er durch eine direkte mündliche Anweisung an Himmler oder Göring oder in Form eines undeutlichen, für alle verständlichen Hinweises gegeben worden sein.[17] Im Sinne der Existenz eines solchen klaren Programm Hitlers argumentierte Eberhard Jäckel in seinem 1969 erschienenen Werk „Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft“ und erneut in dem Beitrag von 1986 „Hitlers Herrschaft. Vollzug einer Weltanschauung.“ Dieses entnimmt Jäckel einem Brief Hitlers aus dem Jahre 1919, in dem dieser schrieb, dass das letzte Ziel des Antisemitismus „unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein müsse“.[18] Allem darauf folgende Handeln liege diese Intention zugrunde und alle getroffenen Entscheidungen und vollzogenen Maßnahmen seien auf die Verwirklichung dieses Zieles gerichtet. Zwar sei laut Jäckel dabei anfänglich nur die „Entfernung“ der in Deutschland lebenden Juden in Sinne von Ausweisung in andere Länder gemeint gewesen.[19] Doch die Radikalisierung der Bedeutung des Begriffs „Endlösung“ hin zu „systematischer Tötung“ habe sich für Hitler spätestens 1924 vollzogen.[20] Dieses gehe aus Aussagen Hitlers wie z.B. im zweiten Band von „Mein Kampf“ hervor, wonach die Entfernung der Juden nur „durch das Schwert“ möglich sei und dass solch ein Vorgang ein „blutiger“ sei.[21] Hitler habe seitdem unverhüllt die physische Liquidierung gemeint, jedoch wohl nicht jedesmal, wenn er von „Ausrottung“ sprach, die systematische Tötung von Menschen vor Augen gehabt.[22] Von da an sei der Antisemitismus jedoch das Zentralmotiv Hitlers politischer Mission geworden.[23] Deutlich sei auch, dass Hitlers Antisemitismus zunehmend kriegerische Züge annahm und somit nach kriegerischen Methoden im Kampf gegen das „internationale Judentum“ verlangt habe.[24] Jäckel räumte 1984 zwar ein, dass die judenpolitischen Maßnahmen zwischen 1939 und 1941 auch in seinen Augen „vielgestaltig und planlos“ gewesen seien. Dieses sei jedoch dadurch zu erklären, dass die nationalsozialistische Führungselite nicht von Beginn an von den Vernichtungsplänen Hitlers gewusst habe, sodass die auftretenden Verzögerungen und Ungereimtheiten auf Schwierigkeiten Hitlers, seine radikalen Ziele zu kommunizieren und verständlich zu machen, zurückzuführen seien.[25] Neben Jäckel gehen noch weitere Vertreter, wie Gerald Fleming, von der Existenz einer extremen Linearität zwischen Hitlers frühen antisemitischen Äußerungen und der Realisierung der Massenvernichtung der Juden aus. In seinem 1982 erschienenen Werk „Hitler und die Endlösung“ argumentiert dieser mit Nachdruck für einen „schnurgerader Weg“, der von den antisemitischen Äußerungen des Realschülers Adolf Hitler zu den persönlichen Liquidierungsbefehlen im Herbst 1941 geführt habe.[26]

Der Intentionalismus wie bei Jäckel und Fleming sieht sich zwangsläufig der Kritik gegenüber, den Prozess, der zum Ereignis der „Endlösung“ führte, auf Hitlers ideologisch starr verhafteten radikal-fanatischen Antisemitismus zu reduzieren, welcher in Verbindung mit dem Ziel der „rassischen Umstrukturierung“ Europas durch Krieg das für eine Vernichtung notwendige Gewaltpotential entfaltete. Der funktionalistische Ansatz kann demnach mit seiner Betonung der strukturellen Faktoren als eine Antwort gesehen werden, mit dem Ziel, zu verdeutlichen, dass die Vernichtungsidee Hitlers nur durch das spezifische nationalsozialistische System den Schritt von einer Idee zur ihrer Verwirklichung gehen konnte. Der Vorwurf, der Funktionalismus sehe ausschließlich den Automatismus des Entscheidungsprozesses und relativiere somit die Verantwortung der handelnden Individuen, also der Täter, scheint sich zwar bei einigen frühen Vertretern zu bestätigen, aber schon Mommsen bestreitet keineswegs das Wirken der antisemitischen Einstellungen einzelner Tätergruppen auf die Entwicklung.[27]

1.2.2 Der funktionalistische Interpretationsansatz

Für den Funktionalismus ist das Fehlen eines bis in die Einzelheiten entwickelten politischen Konzepts zentral.[28] Das nationalsozialistische Herrschaftssystem sei gekennzeichnet gewesen durch die Unfähigkeit, realisierbare politische Ziele zu definieren und Kompromisse einzugehen.[29] Klare Befehle oder eine zentrale Planung der Politik seien allgemein nicht vorhanden, sondern die politischen Entscheidungen seien das Ergebnis konkurrierender Interessen einer Vielzahl an Akteuren gewesen und hätten untereinander und zum gegebenen politischen Kontext in einer funktionalen Beziehung gestanden.[30] Hans Mommsen plädiert dafür, dass zwischen politischen Entscheidungen im nationalsozialistischen System und der vorherrschenden Ideologie kein notwendiger Zusammenhang bestanden habe. Selbst wenn die Annahme, dass sich Hitlers politisches Programm seit den frühen zwanziger Jahren bis zu seinem Tod nicht veränderte, stimmte, erkläre dieses noch nicht, warum es ihm möglich war, diese Ziele durchzusetzen.[31] Seine Kritik am intentionalistischen Interpretationskonzept bezieht sich somit hauptsächlich auf die Tendenz, die politischen Entscheidungen im nationalsozialistischen politischen System einzig als die Ergebnisse der kontinuierlichen und planvoll betriebenen Verwirklichung der Weltanschauung Hitlers zu sehen.[32] Dementsprechend ist es Mommsens Ziel, ein Modell des politischen Entscheidungsprozesses im Dritten Reich zu entwickeln, das erklärt, warum einzelne propagandistische, durchaus auch in der nationalsozialistischen Führungselite als utopisch angesehene Zielsetzungen schließlich doch umgesetzt werden konnten.[33] Denn „[...] um die Vernichtung der Juden zu erklären ist nicht die Analyse der Intention der Täter relevant, sondern das System, das Täter überhaupt ermöglichte“. Nicht der Antisemitismus erkläre den Holocaust, sondern für ein wissenschaftliches Verstehen seien Kenntnisse über die „Strukturen, die aus sich heraus Gewalt produzieren“ nötig.[34] Mommsen streitet nicht ab, dass die Ideologie zeitlebens Hitlers Handlungen maßgeblich bestimmt habe. Jedoch seien es eher „fixe“ Ideen gewesen als konkrete politische Programme.[35] Dass die Umsetzung der Endlösung begann, sei keineswegs auf einen „Führerbefehl“, also auf eine allein von Hitler getroffene Entscheidung zurückzuführen, sondern sei eine Konsequenz der „kumulativen Radikalisierung“ der Trägergruppen des Regimes gewesen.[36]

Die Stärke des Funktionalismus liegt besonders darin, dass er sich von der auf Hitlers Person fixierten Ansätze löste, die strukturellen Faktoren und die Dynamik des nationalsozialistischen Herrschaftssystems betonte und somit den Weg für weiterführende Ansätze ebnete, die die einzelnen Entscheidungen und Prozesse im Vorfeld der Massenvernichtung tiefergehend analysierten.

1.2.3 Neue Forschungsansätze

Die Debatte zwischen Intentionalisten und Funktionalisten dominierte die Forschung bis in die achtziger Jahre hinein. In der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts fanden drei internationale Tagungen statt, von denen besonders die „Stuttgarter Konferenz“ über die „Entschlussbildung zum Völkermord“ von 1984 für den Fortgang der Forschung bezüglich der „Endlösung der Judenfrage“ wichtige Impulse lieferte. Auf dem Symposium diskutierten mehrere Tage lang deutsche und jüdische Historiker den Entscheidungsprozess. Neben den Positionen der Intentionalisten und Funktionalisten traten hier neue hervor, deren Argumentationen die ursprünglichen Thesen beider Lager nicht standhalten konnten.[37] Eine synthetisierende Position vertrat bereits Christopher Browning. Gegen Ende der achtziger Jahre und besonders nach dem Ende des Kalten Krieges und der damit verbundenen Möglichkeit, erstmals auf die Archive der ehemaligen Ostblockstaaten zuzugreifen, kam es dann zu einem Aufblühen der Holocaust-Forschung, insbesondere der Arbeit zur „Entwicklung der Endlösung der Judenfrage“.[38]

Peter Longerich hat den Schwerpunkt auf die Analyse der Rolle Hitlers gelegt und es gelingt ihm, die kontinuierliche und systematische Beschäftigung Hitlers mit dem Thema auf Grundlage der vorhandenen Dokumente aufzuzeigen und die vielen kleinen Entscheidungen in der „Judenfrage“ zum Bild einer konsequent verfolgten Politik zu verdichten.[39] Anhand einer Vielzahl von Quellen hebt er den seit Hitlers Jugendjahren dessen Handeln bestimmenden radikalen Antisemitismus hervor und weist während der gesamten Zeit der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik Hitlers stetiges, aktives Eingreifen in die Entwicklungen nach.[40] Den eindeutigen Beweis dafür, dass das Vernichtungsprogramm alle unter deutschem Einfluss stehenden Juden umfasste, erkennt Longerich darin, dass der Plan, nach dem Sieg über die Sowjetunion alle europäischen Juden in Lager in der besetzten Sowjetunion zu deportieren, ab Mai 1942 nicht mehr verfolgt wurde.[41] Aufgrund der Methode der indirekten Befehlsgebung des NS-Regimes, bei der die Anweisungen in einer Vielzahl von Anweisungen „ungeschrieben“ übermittelt wurden, könne ein schriftlicher Befehl ausgeschlossen werden.[42] Götz Aly zeig in seinem 1995 erschienenen Werk „Endlösung: Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden“ durch eine Analyse der deutschen Umsiedlungspolitik zwischen September 1939 und September 1941 einen weiteren, bis dahin vernachlässigten Aspekt in Hinblick auf die Entwicklung der „Endlösung“ auf. Die Ergebnisse der Analyse erlauben es, den ausgedehnten Prozess der politischen Willensbildung, der schließlich zum Mord an den europäischen Juden führten, genauer zu fassen.[43] Denn Aly zeigt, dass die Politik der Deportation der Juden an den Rand des deutschen Machtbereichs personell und institutionell mit der auf die Umsiedlung von 500000 „Volksdeutschen“ abzielenden „Heim-ins-Reich“-Politik verflochten war und somit die Umsetzung der judenpolitischen Entscheidungen nicht strikt einem Plan oder Programm folgen konnte.[44] Die Rekonstruktion des gleichzeitigen Ansiedelns und Vertreibens sei unverzichtbar für das Verständnis der politischen Dynamik, die der Weichenstellung zum Völkermord vorausging.[45] Bezüglich der Art der Beschlussfassung zur Massenvernichtung weist Aly darauf hin, dass auch der politische Willensbildungsprozess in der NS-Diktatur prinzipiell offen gewesen sei mit fließenden Übergängen zwischen Planung, Entscheidungen und der Umsetzung sowie durchlässigen Grenzen zwischen den vielen beteiligten Institutionen und den verschiedenen Ebenen der Verwaltung. „Es gab nicht den einen Befehl Hitlers zum Massenmord; es gibt nur die falsche Annahme späterer Analytiker, die ungeheuerliche Tat müsse in einer völlig außergewöhnlichen Form beschlossen worden sein.“[46] Christopher Browning vertritt einen modifiziert funktionalistischen Ansatz in dem Sinne, dass er die „Endlösung“ durch Massenvernichtung am Ende eines evolutionären Prozesses sieht und die Tötung als von Anfang an vorgefasstes Endziel der Judenpolitik ablehnt. Die „Endlösung der Judenfrage“ durch die nach September 1939 betriebenen Umsiedlungs- und Deportationspläne habe sich als nicht durchführbar erwiesen. Dieses habe zu einer sich eher langsam vollziehenden Radikalisierung der Endlösungskonzepte geführt, welche sich zwischen September und Oktober 1941 in Form des Planes zur Deportation und Vernichtung der Juden aus dem gesamten Reichsgebiet verdichtet haben, welchem Hitler Anfang Oktober desselben Jahres schließlich zugestimmt habe.[47] Den Zeitpunkt der entscheidenden Wende in der nationalsozialistischen Judenpolitik sieht Browning im Juli 1941, als Hitler, in Siegesstimmung angesichts der militärischen Erfolge im „Russlandfeldzug", Himmler und Heydrich beauftragte, eine „Machbarkeitsstudie" für die massenhafte Ermordung der europäischen Juden zu erstellen.[48] Hitler habe für die Entwicklung der Judenpolitik auch laut Browning eine zentrale Rolle gespielt, er habe aktiv in die judenpolitischen Entscheidungen eingegriffen und gleichzeitig als ideologische Legitimationsinstanz für die nationalsozialistische Führungselite fungiert. Diese habe er stets ermuntert, auch unmöglich erscheinende Lösungskonzepte für die konkrete Planungen der Umsetzung der „Endlösung“ in Betracht zu ziehen.[49]

Im folgenden Abschnitt sollen die Thesen der einzelnen Interpretationsansätze anhand der chronologischen Entwicklung der Judenpolitik zwischen September 1939 und Mitte 1942 veranschaulicht und hinsichtlich ihres konkreten Erklärungsgehaltes diskutiert werden.

2 Die nationalsozialistische Judenpolitik zwischen September 1939 und Juli 1942: Thesen und Interpretationen der Entwicklung

2.1 September 1939 bis Oktober 1940: Deportationen, Deportationspläne und Übergang zur physischen Vernichtung

Bereits mehrere Monate vor der Invasion Polens hatte Hitler deutlich gemacht, welche Kriegsziele er verfolgte: Die „Säuberung" des Reichs von allen Juden, die Vertreibung von Polen aus den besetzten Territorien und die „Heimführung" der Volksdeutschen in die annektierten, von Polen und Juden freigemachten Gebiete, also die „ethnographische Umstrukturierung Osteuropas“ einhergehend mit der „Endlösung der Judenfrage“.[50] Bereits am 21. September 1939 präsentierte Heydrich die Skizze eines Planes zur Schaffung eines „Judenstaates unter deutscher Verwaltung“ östlich von Krakau mit dem Ziel der Konzentration der jüdischen Bevölkerung im besetzten Polen.[51]

Der Beginn des Krieges und die damit einhergehenden Umsiedlungs- und Deportationsaktionen werden streng intentionalistisch als Beginn einer neuen, geplanten Phase hin zur intendierten Massenvernichtung gesehen. So sieht Eberhard Jäckel den Kriegsbeginn als einen für Hitler wichtigen, geplanten Schritt hin zur Realisierung der in seiner Ideologie verankerten Hauptziele, die „Lösung der Judenfrage“ und der Erwerb von „Lebensraum“. Hitler habe die „Judenfrage“ stets im Zusammenhang mit Krieg definiert, welcher in seiner Sicht ein Volks- und Rassenkrieg gewesen sei und den zu gewinnen notwendig für das Überleben der arischen Rasse gewesen sei.[52] Dass für Hitler der Krieg selbstverständlich mit der Vernichtung der jüdischen Rasse einhergegangen sei, folgt für Jäckel u.a. aus der Rede Hitlers vor dem Reichstag vom 30. Januar 1939, in der dieser verkündet: „Ich will heute ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“[53] Die Interpretation der antisemitischen Äußerungen Hitlers muss allerdings immer mit dem Wissen geschehen, dass Hitler und andere führende Nationalsozialisten bewusst eine abstrakte und über die tatsächlichen Vorgänge und Pläne hinwegtäuschende Tarnsprache benutzten.[54] Die offizielle Geheimhaltung der „Endlösung“ zwang einerseits zur Benutzung von verschleiernden Begriffen wie „Evakuierung“ anstelle von „Deportationen“. Aber gleichzeitig wurde in der Öffentlichkeit meist aus propagandistischen Zwecken die Vernichtung und Ausrottung der Juden angekündigt, wobei von konkreten Formulierungen meist abgesehen wurde.[55] Aus diesem Grund kann die obige Äußerung nicht, wie von Jäckel, zwingend wörtlich verstanden werden. Die äußert wichtige Rolle des Krieges für die folgende Radikalisierung hin zur Vernichtungspolitik wird dennoch auch von funktionalistischen Ansätzen und neueren Vertretern weitestgehend nicht in Frage gestellt.[56] So betont auch Longerich die Schlüsselfunktion des Krieges für die nationalsozialistische Politik, da das Ziel der gesellschaftlichen Neuordnung auf rassistischer Grundlage nur durch Krieg umgesetzt werden konnte.[57] Longerich bestreitet auch nicht den Vernichtungsgedanken, der die „rassisch minderwertigen“ Juden als Spielball in dieser Politik zwangsläufig betraf und stellt auch nicht in Frage, dass die Perspektive der Vernichtung des „jüdischen Feindes“ im Krieg bestand. Aber die neuen Forschungsergebnisse zeigten dennoch deutlich, dass vor bzw. nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht von der Existenz eines systematischen Vernichtungsprogramms im Sinne von Ermordung ausgegangen werden kann.[58] Es sei relativ sicher belegt, dass die „Endlösung der Judenfrage“ durch die Errichtung eines „Judenreservates“ gelöst werden sollte, sich die Politik in den folgenden Monaten an dieser Vorstellung orientierte habe und „mit unbestreitbarem Ernst, aber mageren Resultaten“ verfolgt worden sei.[59] Auch Äußerungen Hitlers und führender Nationalsozialisten, in denen Begriffe wie „Endziel“ benutzt werden, könnten, wie bereits erwähnt, nicht im Sinne von systematischer physischer Vernichtung interpretiert werden. Vielmehr bezögen diese sich auf die endgültige „Lösung“ durch Umsiedlung und Konzentrierung der Juden im Generalgouvernement, selbst wenn, wie in Longerichs Interpretation, dieses die sich über Generationen hinziehende Dezimierung der Juden aufgrund der fehlenden Lebensgrundlage nach sich gezogen hätte.[60] Teilweise wird die Verschiebung der Juden an die Peripherie des Großdeutschen Reiches jedoch lediglich als eine für Hitler „befriedigende Zwischenlösung“ unter den schwierigen Bedingungen des Krieges gesehen, da Hitler langfristig das Ziel verfolgt haben soll, die Juden aus Europa zu entfernen.[61]

Browning ordnet die Judenpolitik nach der Invasion Polens weiterhin in den Kontext eines demographischen Projektes ein, welches auf die rassische Umstrukturierung Osteuropas abgezielt habe. Er weist darauf hin, dass die Judenpolitik innerhalb der bevölkerungspolitischen Pläne nicht die zentrale Rolle eingenommen hat, die ihr heute oftmals zugesprochen werde.[62] Auch Götz Aly zeigt, dass, da die „Endlösung der Judenfrage“ Teil einer rassistisch motivierten Bevölkerungsumstrukturierung der annektierten Gebiete gewesen sei, ihre Entwicklung nicht aus diesem Kontext zu lösen ist. Durch die „Heim-ins-Reich“-Politik der Nationalsozialisten in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn seien für die Verwirklichung der „Endlösung“ eine Reihe von Problemen entstanden, die sich aus der wechselseitigen Bedingung der Aktionen „Heimholung“ der „Volksdeutschen“, Vertreibung der Polen und „Endlösung der Judenfrage“ für die Judenpolitik ergeben hätten.[63] Ein Indiz für das Fehlen eines zentral koordinierten Planes für den Ablauf und die Uneinigkeit über das Ziel der Deportationen zumindest bis Dezember 1939 sei der improvisatorische und unkoordinierte Ablauf der Umsiedlungs- und Deportationspläne, wie zum Beispiel der chaotische Ablauf der „Nisko-Aktion“ im Oktober 1939, in deren Rahmen 901 Juden aus Mährisch-Ostrau im heutigen Tschechien nach Nisko südlich von Lublin im Generalgouvernement deportiert worden seien, um dort ein Auffang- und Durchgangslager für das geplante „Judenreservat Lublin“ zu errichten.[64] Adolf Eichmann, zu dem Zeitpunkt Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag, begann rasch und voller Ehrgeiz mit der Umsetzung, doch die Deportationen waren bereits am 19. Oktober von Himmler, als „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“ war dieser für die Umsiedlungpolitik in den besetzten Gebieten verantwortlich, untersagt worden u.a. aus Rücksichtnahme auf die logistischen Bedürfnisse der Wehrmacht.[65] Aus funktionalistischer Sicht waren solche Konflikte, die das Resultat unkoordinierter Einzelinitiativen der rivalisierenden Institutionen und Akteure waren, charakteristisch für den politischen Entscheidungsprozess des Dritten Reiches. So rechnete man vor Beginn der Aktion auch stark mit Protesten des Generalgouverneurs Hans Frank, dem Leiter der deutschen Besatzungsverwaltung in Polen, wegen der Zusatzbelastung für das Generalgouvernement.[66] Es wird hierbei deutlich, dass die Entwicklung der judenpolitischen Maßnahmen nicht ständig der Kontrolle Hitlers unterlag, sondern dass das Zusammenspiel verschiedener, teils rivalisierender Entscheidungsträgern die Entwicklung maßgeblich beeinflusste.[67]

Die Invasion Polens wird für die Entwicklung der „Endlösung“ hin zur physischen Vernichtung als weichenstellend betrachtet, da sie eine „psychologische Kehrtwende“, eine Befreiung von moralischen und rechtlichen Hemmungen und Hemmschwellen bei der Behandlung von „Reichsfeinden“ darstellte.[68] Zehntausende Menschen, Angehörige der polnischen Eliten, darunter tausende Juden waren während der ersten Kriegsmonate und in der Zeit danach getötet worden.[69] Besonders wichtig in dieser Beziehung ist auch die Ermordung Behinderter im Rahmen der „Euthanasie“-Programme, welche laut Longerich bemerkenswerte Parallelen, so die Tötungsmethoden durch Gas, die systematische, arbeitsteilige Organisation oder die Geheimhaltungspraxis, zu der späteren systematischen Ermordung der europäischen Juden aufweise. Somit könne diese als „Probelauf“ gesehen werden, in dem das Regime wesentliche Erfahrungen für die spätere „Endlösung“ gesammelt habe.[70] Diese Interpretation deckt sich teilweise mit der intentionalistische Annahme, welche im Gegensatz zu Longerich jedoch davon ausgeht, dass das „Euthanasieprogramm“ eine bewusste technische Vorbereitung der Massenvernichtung gewesen sei. Saul Friedländer sieht den Zusammenhang zwischen dem Töten durch Gas in relativ kleinem Umfang und der Erwägung der Massenvernichtung durch Gas sicherlich gegeben. Es sei jedoch schwer zu beweisen, dass die Tötungen als technische Vorbereitungen für die Vernichtung der Juden angesehen wurden.[71]

Schon am 12. Februar 1940 wurden aus wirtschaftlicher und militärischer Rücksicht auf den Generalgouverneur Hans Frank, dessen Zielsetzung die langfristige „Germanisierung“ des Gebietes war, weitere über den geplanten Rahmen hinausgehende Deportationen ins Generalgouvernement untersagt.[72] Das ehrgeizige Ziel der Konzentration der Juden in einem Reservat bei Lublin konnten somit nicht umgesetzt werden. Anfang April 1940 wurde der Plan aufgrund der organisatorischen Schwierigkeiten aufgegeben.[73] An dieser Stelle entstand bereits eine Patt-Situation im Sinne des Funktionalismus, bei der sich verschiedene Besatzung- und Umsiedlungskonzeptionen gegenseitig blockierten.[74] Auch Götz Aly führt die Schwierigkeiten, die sich bei der Umsiedlung und der damit verbundenen Deportation der Juden ergaben auf die divergenten Interessen, die in unterschiedlichen Machtzentren des Dritten Reiches verfolgt wurden, zurück.[75] Im Hinblick auf die „Endlösung der Judenfrage“ wurde im Mai 1940 erstmals erwähnt, dass „Hitler beabsichtige, nach Kriegsende die Juden nach Madagaskar anzusiedeln.“[76] Zwar war die Wiederaufnahme der Deportationen ins Generalgouvernement ursprünglich zuerst für Anfang Mai, dann für den 1. August ins Auge gefasst worden, aber der überraschende Sieg über Frankreich brachte das Madagaskar-Projekt als greifbare Alternative auf den Plan, sodass die Deportationen endgültig am 9. Juli eingestellt wurden.[77] Doch auch dieses „Endlösungsprojekt“ wurde bereits im September 1940 aufgrund des andauernden Krieges gegen Großbritannien wieder verworfen.[78]

Eberhard Jäckel ging noch davon aus, dass der „Madagaskar-Plan“ das Ziel der seit 1939 betriebenen Abschiebungspolitik war. Das Scheitern sieht er nicht als Ursache der weiteren Radikalisierung, sondern Hitler hätte zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon viel radikalere Lösungen ins Auge gefasst.[79] Da dieses jedoch in Hinblick auf die bis dahin betriebene Politik und das Fehlen eines konkreten Beleges diesbezüglich wenig plausibel erscheint, wird dem Madagaskar-Plan insbesondere ein wichtiger „psychologischer Effekt“ für die Entwicklung der „Endlösung“ zugewiesen. Denn in Bezug auf die Frage, ob zu diesem Zeitpunkt die „Endlösung der Judenfrage“ bereits im Sinne von Massenvernichtung gesehen wurde, die intentionalistische These somit bestätigt wäre, ergibt sich ein anderer für die Entwicklung der „Endlösungspolitik“ wichtiger Aspekt. Es könne, so Longerich, davon ausgegangen werden, dass sowohl der Plan des Reservates um Lublin, insbesondere aber der Madagaskar-Plan, den Vernichtungsgedanken bereits enthielten.[80] Diese Plänen würden zwar nicht die systematische Tötung der Juden vorsehen, sie stellten jedoch einen „entscheidenden Schritt von der Idee der Vertreibung der Juden zu ihrer Vernichtung“ dar. Die Pläne könnten als die logistischen, propagandistischen und moralischen „Vorübungen“ für die bald darauf geplante und dann vollzogene Massenvernichtung gesehen werden.[81] Browning sieht in anderer Hinsicht im Scheitern des Madagaskar-Plans einen wichtigen psychologischen Schritt auf dem Weg zur „Endlösung“.[82] Das ständige Aufschieben der „Lösung der Judenfrage“ und die damit fortbestehende Last führte bereits zu diesem Zeitpunkt zu Frustration, welche zur Radikalisierung der antijüdischen Politik und der Senkung der Schwelle zur systematischen Massenvernichtung beitrug. Das Interesse Hitlers am Madagaskar-Plan ist für Longerich ausreichend belegt. Jedoch wertet er den Madagaskar-Plan nicht als eine neue Variante der „Auswanderungslösung“, sondern das Projekt habe, indem es die Juden als „Faustpfand“ einsetzen sollte, als Druckmittel gegenüber den USA fungiert, um diese von einem Kriegseintritt abzuhalten.[83] Hitler stellte den Plan Mussolini vor, informierte den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, und Generalgouverneur Hans Frank setzte seine Mitarbeiter über den Abtransport der Juden „in denkbar kürzester Zeit nach Friedensschluß“ in Kenntnis.[84] In Hans Mommsens und auch in Götz Alys Interpretation ist die „Madagaskar-Lösung“ eine von Hitler ernsthaft in Erwägung gezogenen „Endlösung“.[85] Die militärischen Erfolge der „Achsenmächte“ in Afrika würden erklären, warum die begonnene Ummauerung des Warschauer Ghettos mit Hinweis auf den Madagaskar-Plan abgebrochen wurde und sich Hitler bereits mit der personellen Besetzung des künftigen Gouverneursposten beschäftigte.[86]

Longerich sieht rückblickend die Hauptfunktion des Madagaskar-Plans für die Entwicklung der Planungen der „Endlösung“ nach dem Zurückstellen der Reservatsplanung in Polen, unabhängig von der zeitweise ernsthaft geplante Realisierung, in der durch ihn gegebenen Möglichkeit, auch bis 1942 hinein, überhaupt ein konkretes Deportationsziel unabhänig vom weiteren Verlauf der Judenpolitik für die „Endlösung“ nennen zu können.[87]

Es spricht somit einiges dafür, dass in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn die durchgeführten Aktionen keinem vorgefassten, von oben verordneten konkreten Plan zur „Endlösung der Judenfrage“ folgten. Die judenpolitischen Entscheidungen und Aktionen sind aus dem Kontext der Umsiedlungspolitik nicht zu lösen und wurden maßgeblich von ihr beeinflusst. Auch die These, dass die „Endlösung“ zu diesem Zeitpunkt bereits im Sinne von physischer Massenvernichtung verstanden worden sei, kann schlüssig widerlegt werden, auch wenn dabei der Tod zehntausender Juden von den für die Planung der Endlösung Verantwortlichen einkalkuliert worden ist. Die Maßnahmen bzw. die geplanten Deportationen stellten, entgegen der Annahmen der frühen Holocaust-Forschung einen ernsthafte Versuche dar, die „Endlösung der Judenfrage“ durch Umsiedlung herbeizuführen. Dabei nahm Hitler in dieser Phase zwar maßgeblich Einfluss auf die Pläne zur „Endlösung“, die Umsetzung der Entscheidungen lief jedoch dezentral und ohne fundierte Organisation ab. Es wird deutlich, dass die antijüdische Politik mit der Invasion Polens und den folgenden Deportationen eine neue Qualität annahm, und ein wichtiger Schritt von der Verfolgungs- zur Vertreibungs- und Vernichtungspolitik getan war. Der Kriegszustand eröffnete neue Möglichkeiten auf dem Weg zur „Endlösung der Judenfrage“, da die Entwicklungen der Judenpolitik sich weiter dem Blick der Öffentlichkeit entzogen, die noch vorhandenen juristischen und moralischen Bindungen der Menschen zerstört wurden und kaum noch außenpolitisch Rücksicht genommen werden musste.[88]

2.2 Oktober 1940 bis April 1941: Stillstand auf dem Weg zur „Endlösung“

In der Zeit zwischen Oktober 1940 und April 1941 machten die Nationalsozialisten keine Fortschritte in Hinblick auf die „Endlösung“, man beschäftigte sich lediglich mit dem Entwurf eines Madagaskar-Nachfolgeplanes.[89] Im Spätherbst 1940 befanden sich Hunderttausende von Menschen in Umsiedlerlagern oder Ghettos.[90] Die Probleme durch die „heimgeholten“ Deutschen, die in den besetzten Ostgebieten angesiedelt werden sollten und für die dringend Platz geschaffen werden musste, vergrößerte sich ständig.[91] Somit wurden die Deportationen ins Generalgouvernement in Maßen wieder aufgenommen.[92] In Hinblick auf diese Sackgasse, in der sich Himmlers Politik der „völkischen Flurbereinigung“ befand, sieht Götz Aly den weiteren Ausbau der Ghettos in Polen als kurzfristiges Mittel zur „Lösung“ der Judenfrage.[93] Die Ghettoisierung allgemein könne deshalb nicht als Teil eines bereits beschlossenen Vernichtungsplans gelten.[94] Aus intentionalistischer Sicht stellte die im März 1940 beginnende Ghettoisierung jedoch gerade diesen bewussten Schritt zur Vorbereitung der totalen Vernichtung dar.[95] Aus funktionalistischer Sicht beurteilt Martin Broszat die Ghettoisierung jedoch als wichtig für den Prozess der ungeplant ablaufenden „kumulativen Radikalisierung“ der Entscheidungen in der Judenpolitik. Da den örtlichen Entscheidungsträgern die überfüllten Ghettos zuwider waren und sie sich von einer weiteren Deportiertenflut aus dem Reich bedroht fühlten, hätten sie lokale Massaker initiiert, die sich allmählich zu einem umfassenden Massenmordprogramm verdichtet hätten.[96] Für Broszat spricht viel dafür, dass die Ghettoisierungpolitik nicht bewusst als Teil eines vorgefassten Plans zur Massenvernichtung durchgeführt wurde. Es habe sich um Initiativen verschiedener örtlicher Entscheidungsträger gehandelt, die aus unterschiedlichen Gründen die Ghettoisierung eingeleitet hätten und ohne die Existenz eines einheitlichen Maßnahmenplanes unterschiedlich umgesetzt worden seien. Auch Christopher Browning wendet sich gegen die intentionalistische Interpretation und vertritt auf Grundlage einer detaillierten Analyse der Ghettopolitik die These, dass das Zusammentreiben der Juden in Ghettos eine „Ad-hoc-Reaktion örtlicher Funktionäre auf das Scheitern der Abschiebungspläne“ und zudem ursprünglich nur als Übergangsmaßnahme vorgesehen gewesen sei.[97] Die Ghettoisierung sei zwischen 1939 und 1941 aus unterschiedlichen Gründen und auf verschiedene Weise umgesetzt worden.[98] Im September 1939 sei die Bildung von Ghettos zur Vorbereitung der Abschiebung der Juden zwar zentral angeordnet worden, aber Browning zeigt, dass besonders bei der späteren Abriegelung der Ghettos die Initiativen auf die örtlichen Behörden zurückgingen und ihnen relativ freie Hand gelassen wurde.[99] Am Beispiel der Ghettoisierungspolitik würden laut Browning die Auswirkungen des von Funktionalisten hervorgehobenen polykratischen Charakters des nationalsozialistischen Systems deutlich hervortreten, in welchem die Rolle Hitlers für den Entscheidungsprozess in den Hintergrund getreten sei.[100] Sie habe weder einen weiteren Schritt hin zur Massenvernichtung dargestellt, noch werde darin die dem nationalsozialistischen politischen System durch die Funktionalisten zugesprochene Neigung zur „kumulativen Radikalisierung“ bestätigt. Die örtlichen Entscheidungsträger in Polen seien relativ gemäßigte Nazis gewesen, die eine rationelle Nutzung der Ghettos einer systematischen Vernichtung vorgezogen hätten.[101] Die Ghettoisierung sei demnach als Vorbereitung der „Endlösung der Judenfrage“ durch Abschiebung der Juden konzipiert gewesen. Es kann also davon ausgegangen werden, dass, bis auf die Phase kurz vor ihrer Auflösung, die Ghettos von den zentralen und örtlichen Entscheidungsinstanzen nicht im Verhältnis zur systematischen Vernichtung gesehen worden sind.

Erst mit der Aussicht auf den Einmarsch in die Sowjetunion und die sich damit ergebenen geographischen Möglichkeiten für die „Endlösungspolitik“, wobei hierbei wohl laut Mommsen immer noch von einer „territorialen“ Lösung durch „Abschiebung nach dem Osten“ und nicht von systematischer Massenvernichtung die Rede gewesen sei, gingen neue Impulse für ihre Radikalisierung einher. Am 26. März 1941 unterbreitete Heydrich Göring einen Entwurfsplan für die Abschiebung der gesamten unter deutschem Einfluss stehenden Juden nach Kriegsende. Dieser habe aus der Sicht Mommsens die Grundlage für den Brief Görings an Heydrich vom 31.7.1941 gebildet, in dem er diesen nun mit der konkreten Ausarbeitung eines Plans beauftragte.[102] Dieser Befehl solle aber aus der Sicht Broszats nicht in dem Sinne gedeutet werden, dass zu dem Zeitpunkt die physische Massenvernichtung bereits das beschlossene, allgemein bekannte Ziel der nationalsozialistischen Judenpolitik gewesen sei.[103] Longerich weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es unklar bleibe, was die Beteiligten in der Vorbereitungsphase des Einmarsches in Russland unter der „Endlösung“ auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion verstanden.[104] Vor dem Beginn des Angriffs seien weder Vorbereitungen für die Errichtung eines Judenreservates noch für einen organisierten Massenmord getroffen worden. Es sei aber bekannt gewesen, dass die europäischen Juden, ebenso wenig wie beim Plan des Judenreservates in Polen oder dem Madagaskar-Plan, keine ausreichende Lebensgrundlage gehabt hätten, sodass ein Massensterben die Folge gewesen wäre.[105] Spätestens im März 1941 stand somit fest, dass die „Endlösung der Judenfrage“ nach dem Krieg durch die Deportation der Juden in die besetzten sowjetischen Gebiete gelöst werden sollte. Diese weitere Radikalisierung der antijüdischen Politik ist für Browning besonders auf die mit dem dauernden Scheitern der bisherigen „Lösungsansätze“ der „Judenfrage“ einhergehenden Frustration der Nationalsozialisten zurückzuführen.[106] Denn gemessen an ihren Zielen scheiterten alle Deportationsprojekte bzw. konnten nur in Ansätzen verwirklicht werden.[107]

2.3 April 1941 bis Juli 1942: Finale Radikalisierung und Institutionalisierung der Massenvernichtung

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gingen die systematischen Massenmorde einher, die auf die vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten abzielten. Die Einsatzgruppen folgten unmittelbar den rasch vorstoßenden Wehrmachtsverbänden und erschossen jüdische Männer, Frauen und Kinder.[108] Bis Herbst 1941 hatten die Einsatzgruppen fast eine Million Juden in der Sowjetunion getötet. Juden aus dem Reich wurden in großer Zahl in Chelmno und Riga getötet. Die Auswanderung der Juden aus den besetzten Gebieten Europas war am 23. Oktober 1941 verboten worden. Das Vernichtungslager Belzec befand sich im Aufbau und es wird davon ausgegangen, dass im Frühherbst desselben Jahres in Auschwitz die Tötung durch Gas erprobt wurde.[109]

Die Invasion Russlands wird demnach von vielen Autoren als Schlüsselmoment auf dem Weg zur Massenvernichtung der unter deutschem Einfluss stehenden Juden interpretiert. Aus der Sicht Eberhard Jäckels begann hiermit die Phase der „blutige Endlösung“ im „großen Umfang“.[110] Christopher Browning geht zwar nicht wie Jäckel von einem vorgefassten Plan aus, aber auch er sieht den Wandel zur umfassenden Vernichtungspolitik. Dass den Juden bis Oktober 1941 die Ausreise aus Deutschland noch erlaubt war, deute jedoch darauf hin, dass die Massenvernichtung als mögliche Endlösung erst dann ins Auge gefasst wurde.[111] Browning ist der Auffassung, dass Hitler Mitte Juli 1941 in der Euphorie der militärischen Erfolge des „Russlandfeldzugs" Himmler und Heydrich beauftragte, eine „Machbarkeitsstudie" für die massenhafte Ermordung der europäischen Juden zu erstellen und damit das deutliche Zeichen setzte, dass er die physische Vernichtung der Juden gutheiße. Anfang Oktober 1941 habe Hitler den vorgelegten Plänen dann zugestimmt, womit die Deportation und Tötung der europäischen Juden in Vernichtungslagern beschlossen worden sei.[112] Dieses sei in den Augen von Broszat jedoch nicht im Sinne eines einzigen, von Hitler allein ausgearbeiteten und beschlossenen Befehls geschehen, sondern diese Wende sei unter anderem dadurch zustande gekommen, dass verschiedene Dienststellen im Spätherbst 1941 stark auf eine Lösung durch Vernichtung gedrängt hätten, da für die beschlossenen Massendeportationen keine Aufnahmekapazitäten vorhanden gewesen seien.[113] Denn durch den unerwartet zähen Fortgang und schließlich den Stillstand der militärischen Operationen im Osten und die zusätzliche Belastung der angespannten Transportlage seien erhebliche Schwierigkeiten entstanden.[114] Broszat vermutet, dass Hitler mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Fortgang der Deportationen trotz der militärischen Schwierigkeiten mit allen Mitteln sicherstellen wollte.[115] So sei es im Herbst 1941 einerseits zu einer Reduzierung der ursprünglichen Deportationspläne gekommen, und andererseits zu Entschlüssen, zumindest Teile der Juden zu töten. Diese Interpration lasse sich laut Broszat zwar auch nicht mit absoluter Sicherheit belegen, er räumt ihr jedoch mehr Wahrscheinlichkeit ein als einem umfassenden Geheimbefehl zur Judenvernichtung im Sommer 1941.[116]

Götz Aly und Martin Broszat gehen hingegen beide davon aus, dass im September/Oktober 1941 noch nicht über die systematische Vernichtung der Juden in den Gaskammern entschieden worden war. Götz Aly bezieht sich dabei auf einen Brief Adolf Eichmanns vom 29. September 1941, in dem sich dieser für Schwierigkeiten bei der Ansiedlung Volksdeutscher rechtfertigte, da aufgrund der schlechten Transportlage momentan eine Aufnahme der „Evakuierungen“ der Juden nicht möglich sei.[117] Aly sieht die Vernichtungspraxis bis in den April 1942 als „Experimentierphase“.[118] Auch Longerichs Argumentation zeigt auf, dass die Deportationsanordnungen und der im Dezember einsetzende Bau von Vernichtungsstätten in Polen, zwar durchaus geplante, aufeinander abgestimmte, aber nur regional wirksame Maßnahmen gewesen sind, um „judenfreie Räume“ zu schaffen.[119] Doch gerade diese hätten schließlich ein massives institutionelles und Erfahrungs-Potential der Tötung geschaffen, das dann im weiteren Verlauf der Deportationen aus Deutschland und den besetzten oder verbündeten europäischen Ländern genutzt werden konnte.[120] In der Zeit zwischen Frühjahr und Sommer 1942 fand schließlich eine weitere Ausdehnung der Deportationen und Massenmorde statt. Auf der Wannsee-Konferenz, auf der Heydrich am 20. Januar 1942 den versammelten Vertretern verschiedener Ministerien und SS-Stellen die Umrisse der „Endlösung“ erläuterte, war der Völkermord also längst im Gange.[121]

3.Fazit

Trotz der teilweise variierenden Interpretationen zeichnet sich das Bild eines politischen Entscheidungsprozesses ab, nicht das Bild einer Entscheidung, die losgelöst von allen Einflüssen des Systems zustande kam. Hitlers Einfluss auf den Entscheidungsprozess kann keinesfalls von der Hand gewiesen werden. Jedoch beteiligte er sich nicht aktiv an der Umsetzung der Vernichtungspolitik, wie überzeugend dargelegt wurde. Ohne den auf Hitler zurückzuführenden, in der NS-Weltanschauung verankerten rassistisch motivierten Antisemitismus, seine Pläne zur „ethnographischen Umstrukturierung“ der annektierten osteuropäischen Staaten und seine Fixierung auf den Krieg um „Lebensraum“ ist es aber nur schwer vorstellbar, dass der Massenmord an den Juden möglich gewesen wäre. Denn die psychologischen, politischen, institutionellen, wirtschaftlichen und militärischen Bedingungen für die Umsetzung zuerst der „Umsiedlungpolitik“ und schließlich, am Kumulationspunkt der Radikalität, für die physische Vernichtung, wurden durch die sich stetig radikalisierende Judenpolitik von 1933 bis 1939 geschaffen. Und dass die Judenpolitik des Dritten Reiches ohne die Figur Hitlers möglich gewesen wäre, welcher während des gesamten Prozesses die NS-Elite zu immer fortschreitender Radikalität und Brutalität antrieb, sie motivierte, dass Undenkbare denkbar zu machen und ihr als Legitimationsinstanz der Politik diente, wird in der Geschichtswissenschaft heute mehrheitlich angezweifelt.[122]

Angesichts der Millionen von Opfern ist es unerheblich, wann genau die Wende zum geplanten Massenmord sich ereignete. Die Analyse der gesamten prozesshaften Entwicklungen, vor deren Hintergrund sich die Wende ereignen konnte, ist jedoch wichtig um das Funktionieren des diese Entwicklungen ermöglichenden Systems nachvollziehen zu können. Dabei tritt das Erschreckende hervor: es handelte sich bei der „Entscheidung zur Endlösung der Judenfrage“ nicht um eine diabolische, auf unverständliche Weise zustande gekommene Entscheidung, sondern um einen komplexen, aber zumindest teilweise rekonstruierbaren, durch unterschiedliche ineinander greifende Faktoren in seiner Entwicklung und somit im Ergebnis beeinflussbaren politischen Prozess, welcher von Menschen gesteuert wurde. Dieses aufzuzeigen, gelingt anhand der hier aufgeführten Ansätze. Außer Acht gelassen wurden jedoch eine Vielzahl an Faktoren: die außenpolitischen Entwicklungen, das machtpolitische Streben Hitlers, das spezifische Wirken der Bürokratie und der eingerichteten außerbürokratischen Institutionen wie beispielsweise des Reichsicherheitshauptamtes, der Beamten in den Verwaltungsapparaten, oder die Entwicklung der Judenpolitik außerhalb Osteuropas, um nur einige zu nennen. Doch trotz der fragmentarischen Darstellung und der immer noch bestehenden unterschiedlicher Gewichtung und Interpretation der Faktoren und Zusammenhänge im Vorfeld der Vernichtung wird deutlich, dass die Judenpolitik nach 1939 sich als Teil eines gesamtpolitischen, zugegeben ziemlich vagen Plans entwickelte. Es bedurfte keines spezifischen „Führerbefehls“, um das Ziel „Endlösung der Judenfrage“ zu erreichen, die Bedingungen waren geschaffen worden und die faktische Möglichkeit der physischen Vernichtung war innerhalb der Führungseliten und der Verwaltungsinstanzen zumindest teilweise schon gedanklich durchgespielt worden. Die „Endlösung der Judenfrage“ durch systematische Vernichtung hätte sich weder ohne Hitler so abspielen können noch ohne das die Bedingungen für die Umsetzung schaffende System des Nationalsozialismus.

Literatur

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Stenographische Berichte des Reichstags (1939), S. 16 (zit. nach Jäckel, Eberhard. 1986: Hitlers Herrschaft. Vollzug einer Weltanschauung. Stuttgart: Deutsche Verlags- Anstalt, S. 94).

[...]


[1] Longerich, Peter. 1998: Politik der Vernichtung: eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung. München, Zürich: Piper, S. 515f.

[2] Berg, Nicolas. 2003: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Göttingen: Wallstein, S. 512.

[3] Der Begriff „Endlösung“ gehörte bereits vor Beginn der Massenvernichtung zum nationalsozialistischen Vokabular. Er besaß keinen eindeutig definierten Inhalt, sondern umfasste verschiedene Konzepte, wie die „endgültige“ „Lösung der Judenfrage“ herbeigeführt werden konnte. Die Bedeutung änderte sich in Abhängigkeit der jeweils favorisierten „Lösungskonzepte“; Die Metapher „Judenfrage“ war im öffentlichen Diskurs seit dem 19.Jahrhundert geläufig. Sie bezeichnete ein kulturelles, politisches und soziales Problemfeld, wobei dem Begriff nicht notwendigerweise eine negative Konnotation anhaftete; (vgl. dazu: Benz, Wolfgang. 1995: „´Endlösung`. Zur Geschichte des Begriffs“, in: Lichtenstein, Heiner/Romber, Otto R. (Hrsg): Täter-Opfer-Folgen. Der Holocaust in Geschichte und Gegenwart. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 11-23.).

[4] Browning, Christopher R.. 1985: Fateful Months. Essays on the Emergence of the Final Solution. New York: Holmes & Myers, S. 8.

[5] Browning, Christopher R.. 2004: „The Decision-Making Process“, in: Stone, Dan (Hrsg.): The Historiography of the Holocaust. Houndsmills [u.a.]: Palgrave Macmillan, S. 173-196; S. 173.

[6] Hilberg, Raul. 1982: Die Vernichtung der europäischen Juden: die Gesamtgeschichte des Holocaust. Berlin: Olle u.Wolter, (englische Erstausgabe: 1961, The Destruction of The European Jews. Chicago. Quadrangle.), S. 41: „Bei näherem Hinsehen stellt sie [die Vernichtung, W.W.] sich jedoch als ein Prozess aufeinanderfolgender Schritte dar, die auf Initiative unzähliger Entscheidungsträger innerhalb eines ausgedehnten bürokratischen Apparats ergriffen wurde.“; S. 49: „Die Vernichtung der Juden war Werk eines ausgedehnten administrativen Apparats.“.

[7] Ebd., S. 41: „der Vernichtungsprozess [...] entsprang gleichwohl keinem grundlegenden Plan.“.

[8] Mommsen, Hans. 2004: „Zeitgeschichtliche Kontroversen“, in: Neue Politische Literatur 49, H.1, S. 15-25; S. 18.

[9] Schleunes, Karl. 1970: The Twisted Road to Auschwitz. Nazi Policy Toward German Jews 1933-1939. Urbana: Unversity of Illinois Press, S. 260; Adam, Uwe Dietrich. 1972: Judenpolitik im Dritten Reich. Düsseldorf: Droste, S. 108.

[10] Jäckel, Eberhard. 1969: Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft. Tübingen: Rainer Wunderlich, S. 52-61; Hillgruber, Andreas. 1965: Hitlers Strategie: Politik und Kriegsführung 1940-1941. Frankfurt a.M.: Bernard und Graefe, S. 516-525.

[11] Browning 1985, S. 8.

[12] Broszat, Martin. 1977: „Hitler und die Genesis der ´Endlösung`. Aus Anlaß der Thesen von David Irving“, in: Graml, Hermann/Henke, Klaus-Dietmar (Hrsg.). 1986: Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte. Beiträge von Martin Broszat. München: Oldenbourg, S. 195.

[13] Jäckel, Eberhard. 1985: „Die Entschlußbildung als historisches Problem“, in: ders./Rohwer, Jürgen (Hrsg.): Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Entschlußbildung und Verwirklichung. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, S. 9-17; S. 12.

[14] Browning 1985, S. 13.

[15] Browning, Christopher R.. 1998: Der Weg zur „Endlösung“: Entscheidungen und Täter. Bonn: Dietz. 1998, S. 13.

[16] Berg 2003, S. 513.

[17] Friedländer, Saul. 1985: „Vom Antisemitismus zur Judenvernichtung. Eine historiographische Studie zur nationalsozialistischen Judenpolitik und Versuch einer Interpretation“, in: Jäckel, Eberhard/Rohwer, Jürgen (Hrsg.): Der Mord an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Entschlußbildung und Verwirklichung. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, S. 18-60; S. 30.

[18] Jäckel, Eberhard. 1986: Hitlers Herrschaft. Vollzug einer Weltanschauung. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, S. 89; Jäckel 1969, S. 60.

[19] Jäckel 1969, S. 65.

[20] Jäckel 1986, S. 89.

[21] Ebd.; Jäckel zitiert: Hitler, Adolf. 1933: Mein Kampf. München: Eher, S. 738.

[22] Ebd., S. 75.

[23] Ebd., S. 67.

[24] Ebd., S. 78.

[25] Friedländer 1985, S. 28.

[26] Fleming, Gerald. 1982: Hitler und die Endlösung. „Es ist des Führers Wunsch“. München: Limes, S. 13f.

[27] Mommsen 2004, S. 18.

[28] Adam 1972, S. 375.

[29] Mommsen, Hans. 1976: „Der Nationalsozialismus: Kumulative Radikalisierung und Selbstzerstörung des Regimes“, in: Meyers Enzykopädisches Lexikon, Bd. 16, Mannheim, S. 785-790; S. 787.

[30] Friedländer 1985, S. 27.

[31] Mommsen, Hans. 1977: „Nationalsozialismus oder Hitlerismus“, in Bosch, Michael (Hrsg.): Persönlichkeit und Struktur in der der Geschichte. Düsseldorf: Schwann, S. 62-71; S. 65.

[32] Ebd.

[33] Ebd., S. 66.

[34] Mommsen, Hans. 1996, in: "Wenn die Dinge so einfach lägen": Hans Mommsen und Norbert Frei zur Diskussion um Daniel Jonah Goldhagen und die Holocaust-Geschichtsschreibung, Berliner Zeitung, 24.07.1996.

[35] Mommsen 1977, S. 65.

[36] Ebd., S. 66; grundlegend dazu Mommsen 1976, S. 786.

[37] Berg 2003, S. 566.

[38] Bloxham, Donald/Kushner, Tony. 2005: The Holocaust. Critical Historical Approaches. Manchester [u.a.]: Manchester University, S. 1.

[39] Longerich, Peter. 2001: Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur „Endlösung“. Piper: München, S. 17.

[40] Ebd., S. 77.

[41] Ebd., S. 120.

[42] Ebd., S. 188.

[43] Aly, Götz. 1998: „´Judenumsiedlung´. Überlegungen zur politischen Vorgeschichte des Holocaust“, in: Herbert, Ulrich (Hrsg.): Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945. Neue Forschungen und Kontroversen. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 67-97; S. 67.

[44] Ebd.

[45] Ebd., S. 68.

[46] Aly 1998, S. 68f.

[47] Browning 2003, S. 604.

[48] Browning 1998, S. 69.

[49] Browning 2003, S. 605.

[50] Burrin, Phillipe. 1993: Hitler und die Juden. Die Entscheidung für den Völkermord. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 72.

[51] Aly, Götz. 1995: „Endlösung“: Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 29.

[52] Bundesarchiv Berlin, BA NS 11/28, Bl. 86ff. (zit. nach Thies, Jochen. 1976: Architekt der Weltherrschaft. Die Endziele Hitlers. Düsseldorf: Droste, S. 115).

[53] Stenographische Berichte des Reichstags (1939), S. 16 (zit. nach Jäckel 1986, S. 94).

[54] Longerich 2001, S. 22.

[55] Ebd., S. 24f.

[56] Broszat 1977, S. 223-226.

[57] Longerich 1998, S. 299, 578.

[58] Ebd., S. 230, 580; Browning 1998, S. 17: Die nationalsozialistische Rassen- und Bevölkerungspolitik zwischen September 1939 und März 1941 war demnach laut Browning kein „Scheingefecht vor der eigentlichen Offensive gegen die Juden“.

[59] Burrin 1993, S. 73.

[60] Ebd.; Longerich 1998, S. 578.

[61] Burrin 1993, S. 75.

[62] Browning 1998, S. 16.

[63] Aly 1998, S. 80.

[64] Burrin 1993, S. 78f.; Aly, Götz/ Heim, Susanne. 1991: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Hamburg: Hoffmann und Campe, S. 496.

[65] Mommsen, Hans. 2002: Auschwitz, 17. Juli 1942: der Weg zur europäischen "Endlösung der Judenfrage". München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 99.

[66] Burrin 1993, S. 78f.

[67] Mommsen 1976, S. 790.

[68] Longerich 1998, S. 299, 580.

[69] Longerich 2001, S. 72.

[70] Ebd., S. 75; Auch Gerald Fleming sieht einen „geraden Weg von den Euthanasieanstalten [...] nach dem Vernichtungslager Sobibor, wo identische Liquidierungsaktionen und dieselbe Leichenfledderei der jüdischen Opfer [...] an der Tagesordnung war.“ (Fleming 1982, S. 37).

[71] Friedländer 1985, S. 29.

[72] Mommsen 2002, S. 178; Aly 1998, S. 79.

[73] Aly/Heim 1991, S. 497.

[74] Aly 1998, S. 79.

[75] Ebd., S. 81.

[76] Aly/Heim 1991, S. 498.

[77] Longerich 1998, S. 278.

[78] Fleming 1982, S. 56; Longerich 2001, S. 83.

[79] Jäckel 1969, S. 79.

[80] Longerich 2001, S. 84.

[81] Benz, Wolfgang 1995, S. 15.„der Plan enhielt schon alle Elemente der späteren Deportations- und Vernichtungsspraxis, nämlich die erzwungene Mithilfe der jüdischen Organisationen beim Transport, die Ausplünderung der Juden vor ihrer Deportation und Transport unter katastrophalen Bedingungen“; dazu auch: Aly/Heim 1991, S. 259: „[...] logistisches und propagandistisches Sandkastenspiel zur Einübung des bald darauf geplanten und dann vollzogenen Völkermords.“.

[82] Browning 1998, S. 28.

[83] Longerich 2001, 84.

[84] Ebd., S. 84f.

[85] Mommsen 2002, S. 106.

[86] Aly 1998, S. 82; Demgegenüber geht Richard Breitman im Sinne seines „modifiziert intentionalistischen“ Ansatzes davon aus, dass Madagaskar ein imaginäres Ziel Hitlers gewesen sei, welches als Deckmantel gedient hätte, während Himmler und die SS-Führung die tatsächlichen Pläne ausarbeiten mussten, nach denen im Osten Massen von Juden beseitigt werden sollten. (Breitman, Richard. 1996: Der Architekt der "Endlösung": Himmler und die Vernichtung der europäischen Juden. Paderborn [u.a.]: Schöningh, S. 184.).

[87] Longerich 1998, S. 277f.

[88] Aly 1995, S. 10.

[89] Aly/Heim 1991, S. 500; Longerich 1998, S. 285.

[90] Aly 1998, S. 89.

[91] Ebd., S. 90.

[92] Longerich 1998, S. 285.

[93] Aly 1998, S. 90.

[94] Ebd.

[95] Hillgruber, Andreas. 1977: „Die 'Endlösung' und das deutsche Ostimperium als Kernstück des rassenideologischen Programms des Nationalsozialismus“, in: Funke, Manfred (Hrsg.): Hitler, Deutschland und die Mächte: Materialien zur Außenpolitik des Dritten Reiches. Düsseldorf: Droste, S. 96f. (zit. nach Browning 1998, S. 37).

[96] Broszat 1977, S. 197-205.

[97] Browning 1998, S. 70.

[98] Ebd., S. 38.

[99] Ebd., S. 61.

[100] Ebd., S. 70.

[101] Ebd., S. 38, 63.

[102] Mommsen 2002, S. 109; „In Ergänzung der Ihnen bereits vom 24.1.39 übertragenen Aufgabe, die Judenfrage in Form der Auswanderung oder Evakuierung einer den Zeitverhältnissen entsprechend möglichst günstigen Lösung zuzuführen, beauftrage ich sie hiermit, alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa. [...] Ich beauftrage sie weiter, mir in Bälde einen Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen.“ (PA AA Inland IIg Bd. 177 (Kopie); Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Nürnberg 14. November - 1. Oktober 1946. Nürnberg 1948, Band 26, S. 266f., in: Longerich, Peter (Hrsg.). 1989: Die Ermordung der europäischen Juden. Eine umfassende Dokumentation des Holocaust 1941-1945. München, Zürich. Piper, S. 78.).

[103] Broszat 1977, S. 196f.

[104] Longerich 2001, S. 92.

[105] Ebd., S. 92.

[106] Browning 1998, S. 36.

[107] Aly 1995, S. 33.

[108] Kaiser, Wolf. 1995: „Die Wannsee-Konferenz. SS-Führer und Ministerialbeamte im Einvernehmen über die Ermordung der europäischen Juden“, in: Lichtenstein, Heiner/Romber, Otto R. (Hrsg): Täter-Opfer-Folgen. Der Holocaust in Geschichte und Gegenwart. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 24-37; S. 26f.

[109] Friedländer 1985, S. 43.

[110] Jäckel 1969, S. 79.

[111] Browning 1998, S. 35.

[112] Ebd.; Broszat 1977, S. 200.

[113] Broszat 1977, S. 207.

[114] Broszat 1977, S. 202.

[115] Browning 1998, S. 36.

[116] Broszat 1977, S. 203.

[117] Aly 1998, S. 93f.

[118] Ebd., S. 94; Nach Martin Broszat gab es jedoch zu keiner Zeit eine direkte Anweisung oder ein Befehl zum Beginn der Vernichtung. Die Judenvernichtung habe vielmehr nach der Errichtung der Vernichtungslager in Polen zwischen Dezember 1941 und Juli 1942 „bestimmenden“ Charakter erhalten (Broszat 1977, S. 203).

[119] Longerich 2001, S. 125f.

[120] Auch bei Broszat 1977, S. 207.

[121] Friedländer 1985, S. 43; Kaiser 1995, S. 26.

[122] Vgl. dazu: Aly 1998, S. 94f.

28 von 28 Seiten

Details

Titel
Die "Entscheidung zur Endlösung der Judenfrage". Ein komplexer politischer Entscheidungsprozess als historiographisches Problem
Hochschule
Universität Mannheim  (Fakultät für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Geschichte und Theorie des modernen Antisemitismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
28
Katalognummer
V77031
ISBN (Buch)
9783656951803
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entscheidung, Endlösung, Judenfrage, Entscheidungsprozess, Problem, Geschichte, Theorie, Antisemitismus
Arbeit zitieren
Wiebke Wenzel (Autor), 2007, Die "Entscheidung zur Endlösung der Judenfrage". Ein komplexer politischer Entscheidungsprozess als historiographisches Problem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77031

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