„...ich schreibe Bücher für Menschen, das heißt für andere Menschen und für mich selbst, da ich auch ein Mensch bin. Ich bin verbunden, wie ich glaube, mit den wichtigsten Fragen, die heute Menschen angehen, ich versuche sie für mich selbst zu lösen und für die anderen. Wenn mich deshalb etwas freut oder sogar quält, wenn ich für oder gegen etwas bin, dann teile ich diese Gefühle und Erfahrungen mit vielen Menschen. Es ist aber meine spezielle Fähigkeit, diese Erfahrungen und Gefühle künstlerisch auszudrücken...“.
So äußerte sich Anna Seghers 1964 über ihre Schriftstellertätigkeit (Seghers, ca. 1980) Anlässlich ihres 100. Geburtstages in diesem Jahr haben wir uns im Seminar mit ihren „Sonderbaren Begegnungen“ beschäftigt und uns auf die Suche nach fantastischen Elementen begeben. Auch ihre Erzählung „Überfahrt – eine Liebesgeschichte“ lässt sich unter dem Aspekt des Fantastischen betrachten.
Schnell hatte ich mich für diese Geschichte entschieden, der Untertitel „Eine Liebesgeschichte“ mag Schuld daran sein. Seite für Seite habe ich das Geschehen in mich aufgesogen, gespannt auf die so „sonderbare Begegnung“, die Ernst Triebel vor der Abfahrt erlebte und weshalb er Franz Hammer seine „Lebens- und Liebesgeschichte“ detailliert erzählen muss. „Für eine Überfahrt lang, von Brasilien nach Europa, hat der junge deutsche Tropenarzt Ernst Triebel einen aufmerksamen Zuhörer seiner sonderbaren, verwickelten Lebensgeschichte gefunden.“ (Seghers 1997, Klappentext)
Im folgenden meiner Arbeit werde ich auf die Figur des Erzählers und auf die Erzählstruktur besonders eingehen. Der dritte Gesichtspunkt, unter welchem ich Anna Seghers’„Überfahrt“ betrachten möchte, ist, wie bereits erwähnt, das Fantastische in ihrer Erzählung, die 1971 erschienen ist. Dazu habe ich meine Arbeit in zwei große Kapitel eingeteilt: 1. Eine Betrachtung der Erzählstruktur und 2. Eine Betrachtung des Fantastischen. Ein drittes Kapitel gehört der Zusammenfassung.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Eine Betrachtung der Erzählstruktur
1.1 Die Figur des Erzählers
1.1.1 Beobachtungen zum Verhältnis des „Zuhörers“ Franz Hammer zum „Erzähler“ Ernst Triebel
1.2 Die Handlungssequenzen
1.3 Die Zeitstruktur
1.4 Die Raumstruktur
2. Eine Betrachtung des Fantastischen
2.1 Wie Fantastik in der Erzählung zustande kommt
2.2 Die Funktion des Fantastischen in der Erzählung
2.3 Parallelen zwischen „Überfahrt“ und „Sonderbare Begegnungen“
3. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, Anna Seghers’ Erzählung „Überfahrt“ sowohl hinsichtlich ihrer komplexen Erzählstruktur als auch unter dem Aspekt des Fantastischen zu untersuchen. Dabei wird analysiert, wie die Verschränkung von Gegenwartshandlung und Lebensgeschichte das Werk als literarisches Kunstwerk konstituiert.
- Analyse der Erzählerfigur und des Verhältnisses zwischen Franz Hammer und Ernst Triebel
- Strukturelle Untersuchung der Handlungs-, Zeit- und Raumgestaltung
- Erörterung des fantastischen Moments als Ausdruck menschlichen Wunschdenkens
- Vergleich zwischen „Überfahrt“ und anderen Erzählungen des Bandes „Sonderbare Begegnungen“
- Bedeutung der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit
Auszug aus dem Buch
1.1 Die Figur des Erzählers
Franz Hammer ist der Ich-Erzähler der „Überfahrt“ und gehört zur Welt der Charaktere. Er benennt ziemlich zu Beginn der Erzählung den Grund für seine Schiffsreise von Brasilien nach Rostock, der Leser erfährt von seiner Frau und seinen zwei Mädchen, die ihn zu Hause erwarten werden und im Gespräch mit Ernst Triebel stellt er sich als Ingenieur vor. Dennoch lässt Anna Seghers den „jungen Mitreisenden“ Triebel die Erzählung mit seinen Gedanken zur „Abfahrt“ einführen. Der Ich-Erzähler geht zuerst auf ihn ein und signalisiert auf diese Weise die bedeutende Rolle des Tropenarztes, um dessen Lebensgeschichte es sich im Verlaufe der Erzählung drehen wird. Ich möchte von einem Perspektivenwechsel sprechen: Franz Hammer vermittelt dem Leser das Geschehen auf dem Schiff, Ernst Triebel erzählt ihm – gekennzeichnet als direkte Rede - seine „sonderbare“ Lebensgeschichte.
Der Theoretiker Franz K. Stanzel (o. A.) sagt über den Ich-Erzähler allgemein: „...er selbst hat das Geschehen erlebt, miterlebt, beobachtet oder unmittelbar von Akteuren des Geschehens in Erfahrung gebracht.“ Für „Überfahrt“ bedeutet das: Franz Hammer schildert uns in „berichtender Erzählweise“ (vgl. Stanzel, o. A.), was er auf dem Schiff selbst erlebt oder beobachtet und als Zuhörer bringt er Triebels Erlebnisse in Erfahrung. Der Leser wird zum Zeugen zweier Handlungsstränge, erfährt aber nur die Dinge, die Triebel Hammer erzählt, die Hammer hört und die er uns mitteilt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Autorin legt ihre Motivation zur Wahl des Werkes dar und verknüpft die Erzählung mit biographischen Aspekten der Brasilienreisen von Anna Seghers.
1. Eine Betrachtung der Erzählstruktur: Dieses Kapitel widmet sich der Untersuchung der narrativen Ebenen, der Charakterkonstellation zwischen den Protagonisten sowie der räumlichen und zeitlichen Organisation des Textes.
1.1 Die Figur des Erzählers: Es wird analysiert, wie Franz Hammer als Ich-Erzähler fungiert und wie die kommunikative Instanz zwischen ihm und Triebel die Erzählung strukturiert.
1.1.1 Beobachtungen zum Verhältnis des „Zuhörers“ Franz Hammer zum „Erzähler“ Ernst Triebel: Fokus auf die psychologische Dynamik zwischen den beiden Reisenden und die Veränderung von Hammers Rolle während der Schifffahrt.
1.2 Die Handlungssequenzen: Untersuchung der 16 Sequenzen der Erzählung und deren Verschränkung von Schiffsreise und rückblickender Lebensgeschichte.
1.3 Die Zeitstruktur: Analyse des Verhältnisses von erzählter Zeit und Erzählzeit sowie der Einbettung historischer Ereignisse zur Glaubwürdigkeitssteigerung.
1.4 Die Raumstruktur: Bedeutung der realen Schauplätze in Brasilien und Deutschland für die Wahrnehmung des Erzählten.
2. Eine Betrachtung des Fantastischen: Auseinandersetzung mit der Einbindung fantastischer Elemente als Ausdruck psychologischer Prozesse wie Wunschdenken und Verdrängung.
2.1 Wie Fantastik in der Erzählung zustande kommt: Betrachtung der Differenz zwischen Realität und der Wahrnehmung der Figuren bezüglich des Schicksals von Maria Luísa.
2.2 Die Funktion des Fantastischen in der Erzählung: Interpretation des fantastischen Moments als Mittel zur Bewältigung von Trauer und Vergangenheit.
2.3 Parallelen zwischen „Überfahrt“ und „Sonderbare Begegnungen“: Aufzeigen struktureller und inhaltlicher Gemeinsamkeiten mit anderen Werken von Seghers.
3. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, wobei die Erzählung als komplexes Kunstwerk gewürdigt wird, das zentrale Fragen der Lebensbewältigung stellt.
Schlüsselwörter
Anna Seghers, Überfahrt, Erzählstruktur, Ich-Erzähler, Fantastik, Lebensgeschichte, Schiffsreise, Brasilien, DDR, Wunschdenken, Vergangenheitsbewältigung, Erzählzeit, Raumstruktur, Literaturanalyse, Maria Luísa.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Erzählstruktur und die Funktion des Fantastischen in Anna Seghers’ Erzählung „Überfahrt“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Erzählsituation, den Aufbau der Handlung, den Umgang mit Raum und Zeit sowie die psychologische Dimension von Erinnerung und Wunschdenken.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Seghers durch eine spezifische Erzählstruktur und den Einsatz fantastischer Elemente ein geschlossenes Kunstwerk schafft, das grundlegende menschliche Entscheidungsfragen behandelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine strukturanalytische Herangehensweise, ergänzt durch theoretische Grundlagen von Franz K. Stanzel und Jochen Vogt zur Erzähltheorie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte strukturelle Analyse des Erzählerverhältnisses und der Sequenzen sowie eine Untersuchung der fantastischen Momente im Vergleich zu anderen Werken von Seghers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Erzählstruktur, Identität, Wunschdenken, Vergangenheitsbewältigung und die erzählerische Vermittlung von fiktiven Lebensgeschichten.
Warum ist das Verhältnis zwischen Hammer und Triebel für die Erzählung entscheidend?
Triebels Drang, seine Lebensgeschichte zu erzählen, benötigt einen „aufmerksamen Zuhörer“. Hammer dient als vermittelnde Instanz, die dem Leser den Zugang zum Geschehen ermöglicht.
Welche Funktion hat das Fantastische in der Erzählung?
Das Fantastische fungiert als Projektion des Wunschdenkens von Triebel, der den Tod seiner Geliebten Maria Luísa nicht akzeptieren kann und die Realität durch eine subjektive, imaginierte Perspektive filtert.
- Arbeit zitieren
- Nicole Schulz (Autor:in), 2000, Anna Seghers - Die Überfahrt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7710