Der demographische Wandel und dessen Einfluss auf den Arbeitsmarkt


Examensarbeit, 2007

90 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die demographische Lage in Deutschland
2.1 Definition Demographie
2.2 Demographische Entwicklung in Ost- und Westdeutschland von 1949 bis 1990
2.2.1 Geburtenentwicklung
2.2.2 Mortalität
2.2.3 Außenwanderung
2.3. Prognosen des zukünftigen demographischen Wandels bis 2050
2.3.1 Bevölkerungsvorausberechnung
2.3.2 Geburtenentwicklung
2.3.3 Mortalität
2.3.4 Außenwanderung
2.4. Folgerung

3. Das Arbeitskräfteangebot auf dem deutschen Arbeitsmarkt
3.1 Beteiligung der Erwerbsbevölkerung am deutschen Arbeitsmarkt
3.1.1 Frauen und Männer mittleren Alters
3.1.2 Ältere Menschen
3.1.3 Junge Erwerbsbevölkerung zwischen 15 und 25 Jahren
3.1.4 Ausländische Arbeitnehmer dem deutschen Arbeitsmarkt
3.1.5 Die Stille Reserve
3.1.6 Bildung und Qualifikation als Voraussetzung für den deutschen Arbeitsmarkt – conditio sine qua non
3.2. Prognosen zukünftiger Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials auf dem deutschen Arbeitsmarkt

4. Die Nachfrage nach Arbeitskräften am deutschen Arbeitsmarkt
4.1. Einflussfaktoren der Arbeitskräftenachfrage
4.1.1 Wirtschaftliche Entwicklung
4.1.2 Konsumnachfrage
4.1.3 Demographischer Wandel
4.1.4 Arbeitsproduktivität
4.1.5 Kostenentwicklung
4.1.6 Arbeitszeit
4.2. Die zukünftige Nachfrage nach Arbeitskräften auf dem deutschen Arbeitsmarkt
4.3 Variable der Arbeitskräftenachfrage
4.3.1 Anzahl der Erwerbstätigen
4.3.2 Entwicklung des Wirtschaftswachstums
4.3.3 Arbeitskräftenachfrage

5. Lösungsansatz
5.1. Steigerung der Frauenerwerbsquote am deutschen Arbeitsmarkt
5.1.1 Entscheidungsfaktor Kind
5.1.2 Einflussfaktor Teilzeitarbeit
5.1.3 Ausblick
5.2. Kinderbetreuung
5.2.1 Derzeitige Kinderbetreuungsangebote in Zahlen
5.2.2 Der wirtschaftliche Nutzen erweiterter Kinderbetreuungsangebote
5.2.3 Wirtschaftliche Entwicklung durch Kinderbetreuungsangebote
5.2.4 Diskussionswürdige Kritikpunkte zur erweiterten Frauenerwerbstätigkeit

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland weist seit einigen Jahrzehnten das Problem degenerierender Geburtenzahlen in einer gleichzeitig stetig alternden Bevölkerung auf. Trotz der eindeutigen Prognosen des allmählich eintretenden demographischen Strukturwandels und seiner Auswirkungen, fehlt das Problembewusstsein sowie ein entgegenwirkendes Handeln, um die gravierenden Folgen in Grenzen zu halten. Wie viele Untersuchungen und Studien verdeutlichen, wird sich der demographische Wandel drastisch auf sämtliche Bereiche in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auswirken. Politische Diskussionen beschäftigen sich, neben den Sozialsystemen, verstärkt mit den Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, die sich im Arbeitsangebot, der Arbeitsnachfrage, der Arbeitslosigkeit, sowie der Lohnstruktur und –höhe bemerkbar machen. In Zukunft wird dem Arbeitsmarkt eine bessere Lage prognostiziert. Dabei soll unter anderem die Massenarbeitslosigkeit durch die Engpässe der Arbeitskräfte zurückgehen[1]. Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es, diese These zu erörtern und zu analysieren. Darüber hinaus werden die Einflüsse des demographischen Wandels auf den deutschen Arbeitsmarkt behandelt.

Im zweiten Abschnitt wird, nach der Einführung in das Themengebiet „Demographie“ im ersten Teil, die Bevölkerungsentwicklung in den alten und in den neuen Bundesländern im Vergleich dargestellt. Im Mittelpunkt dieser Ausführungen steht die Bevölkerungsentwicklung von 1949 bis 1990, sowie die zukünftigen Veränderungen und Prognosen bis zum Jahr 2050. Diese lehnen sich hauptsächlich an die 2006 erschienene 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes an. Mit in Betracht gezogen, wird auch der Stellenwert der ausländischen Bevölkerung in Deutschland.

Abschnitt drei widmet sich dem Arbeitsangebot und den bereits erkennbaren künftigen Entwicklungen.

Im darauf folgenden Abschnitt vier werden die demographisch bedingten Auswirkungen auf die Arbeitsnachfrage näher untersucht. Es werden drei verschiedene Studien aufgeführt, deren unterschiedliche Ergebnisse offen gelegt und erläutert werden. Schließlich stellt der letzte Abschnitt fünf einen Lösungsansatz vor, um dem Phänomen des Strukturwandels entgegen zu treten.

2. Die demographische Lage in Deutschland

Das Bewusstsein um den demographischen Wandel wird in der heutigen Zeit immer öfter und intensiver in Politik und Medien diskutiert. Auslöser dafür ist der spürbare Wandel der Bevölkerungsstruktur, bedingt durch die sinkende Mortalität bei gleichzeitig niedriger Fertilität. In vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens sind die Folgen dieser Veränderung bereits erkennbar. Dem Problem des demographischen Wandels muss schnellstmöglich entgegengewirkt werden.

Die demographische Entwicklung eines Landes wird anhand der drei Betrachtungsgebiete Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Wanderungssaldo, bestimmt. Für die künftige Bevölkerungsentwicklung bis 2050 werden aufgrund des unsicheren Verlaufs unterschiedliche Annahmen getroffen, die im Folgenden präsentiert werden. Wichtig dabei ist es nicht, die genauen Größen zukünftiger Bevölkerungszahlen zu nennen, sondern Annahmen zum Verlauf der Bevölkerungskurve darzustellen. Ziel dieses Kapitels ist es die Bevölkerungsbewegung, beginnend in der Nachkriegszeit 1949 bis zum Jahr 2005 aufzuzeigen, die zukünftigen Trends und Prognosen bis 2050, sowie die Determinanten und Auswirkungen demographischer Veränderungen zu benennen.

2.1 Definition Demographie

Demographie wird im Allgemeinen mit dem Begriff „Bevölkerungswissenschaft“ gleichgesetzt. Dennoch werden beide Bezeichnungen unterschiedlich angewandt.

Demographie leitet sich aus den griechischen Worten „demos“ für „Volk“ und „graphein“ für „schreiben, beschreiben“ ab und befasst sich mit der Struktur und Entwicklung der Bevölkerung[2]. Die Demographie gibt Aufschlüsse über die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Alter, Geschlecht, Religion, Staatsangehörigkeit, Eheschließungen usw., aber auch über die Komponenten Geburtenhäufigkeit, Mortalität und Außenwanderung.

Bevölkerungswissenschaft hingegen beschreibt im weiteren Sinne die durch Zeit, Wirtschaft, Politik, Kultur, Medizin und Technik hervorgerufenen Veränderungen der Bevölkerungsstruktur[3].

2.2 Demographische Entwicklung in Ost- und Westdeutschland von 1949 bis 1990

2.2.1 Geburtenentwicklung

Die Gesamtentwicklung der Geburtenhäufigkeit in Deutschland, während der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, war von drei einschneidenden Geburtentiefständen geprägt, welche durch den ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise und den zweiten Weltkrieg ausgelöst wurden. Zu Beginn der sechziger Jahre führte der Timing-Effekt[4], die positive Stimmung der Bevölkerung während des wirtschaftlichen Aufschwungs und eine hohe Heiratsneigung (Golden Age of Marriage), in Ost- als auch in Westdeutschland kurzzeitig zu einem Baby-Boom. Mit 2,5 Kindern je Frau kam es zur höchsten zusammengefassten Geburtenrate. Ost- und Westdeutschland verzeichneten zu dieser Zeit ein positives Wachstum der Bevölkerung, da die Anzahl der Lebendgeborenen die der Sterbefälle überschritt. Doch bereits Mitte der sechziger Jahre sank die Geburtenentwicklung durch sich verändernde Familienformen, medizinische Errungenschaften zur Vermeidung von Schwangerschaften und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen. Somit entstand ab 1972 ein negatives Bevölkerungswachstum. Im Jahre 1975 verzeichnete Ostdeutschland eine Geburtenquote von 1,54 und das ehemalige Bundesgebiet von 1,45 Kindern pro Frau. In den alten Bundesländern sank die Geburtenhäufigkeit bis 1985 auf einen Tiefpunkt von 1,3 Kindern je Frau weiter ab. Bis 1990 stieg sie wieder auf eine Quote von 1,45 an. In der DDR hingegen gelang aufgrund familien- und bevölkerungspolitischer Regelungen ein Ansteigen der Geburtenzahlen auf 1,94 Kindern pro Frau bis zum Jahr 1980. In den darauf folgenden Jahren verminderte sich diese Zahl wieder auf 1,52 Kinder pro Frau. Die anschließende Wiedervereinigung und die damit verbundenen Unsicherheiten der Bevölkerung führten in den ostdeutschen Ländern zu einem massiven Einbruch der Geburtenzahlen. Im Zeitraum von 1990 bis 1994 fiel dort die Geburtenquote um beinahe die Hälfte von 1,52 auf einen weltweiten Tiefpunkt von 0,77 Geburten je Frau. Seit 1995 zeigt sich in Deutschland ein leichter Anstieg der Lebendgeborenenzahlen zusammengefasst von 1,2 auf 1,4 Kinder pro Frau im Jahre 2004[5].

Langfristig betrachtet, hat eine niedrige Fertilität der deutschen Frauen einen Bevölkerungsrückgang der Deutschen zur Folge. Diese Fakten stehen im Zusammenhang mit der niedrigen Netto-Reproduktionsrate (NRR). Unter Beachtung der derzeitigen Geburtenraten und Lebenserwartungen bei Säuglingen, wird die durchschnittliche Zahl lebendgeborener Mädchen je Frauengeburtenjahrgang ermittelt. Die NRR zeigt auf, ob sich die Bevölkerungszahlen, je nach Anzahl potentieller Mütter, positiv oder negativ entwickeln wird. Maßstab für die NRR ist der Wert eins, der ein Aufrechterhalten der Bevölkerungsstruktur angibt. Liegt die Rate unter einem Wert von eins bedeutet dies, dass die Kohorte der lebendgeborenen Töchter kleiner ist als die ihrer Mütter und somit die Bevölkerungszahlen künftig zurückgehen werden. Übersteigt die Rate den Wert eins, ist die Elterngeneration gewachsen, was zugleich ein Anstieg der Bevölkerung bedeutet[6]. Ein Schrumpfen der künftigen Bevölkerung ist bereits an der NRR erkennbar. Im Jahre 2005 lag die NRR bei 0,641, also deutlich unter eins[7].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: StBA (2006)

2.2.2 Mortalität

Die älteste Variante Lebenserwartungen und Sterbewahrscheinlichkeit innerhalb der Bevölkerung zu bestimmen und aufzuzeichnen ist das seit 1871 existierende Modell der Sterbetafeln[8]. Basierend auf Daten von vorausgegangenen Volkszählungen, kann anhand der Sterbetafeln angegeben werden, wie hoch die durchschnittliche Lebenserwartung von Säuglingen bei der Geburt bis zu einem bestimmten Alter ist. Ebenfalls lässt sich damit feststellen, wie sich die durchschnittliche fernere Lebenserwartung ab diesem Alter künftig entwickelt[9].

Zu Anfang des Deutschen Reiches 1871 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt 35,6 Jahre für männliche und 38,4 Jahre für weibliche Säuglinge. Bis zum Jahre 1949/1950 vollzog sich ein rasches Ansteigen der durchschnittlichen Lebenserwartung von Neugeborenen auf 64,4 Jahre bei Jungen und 68,5 Jahre bei Mädchen. Dieser starken Zunahme der Lebenszeit um ca. 30 Jahre steht eine enorm zurückgehende Kinder- und Säuglingssterblichkeitsrate gegenüber[10]. Seit 1949/1950 ließ sich ein flacherer Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung bei Neugeborenen beobachten. Er betrug in der Betrachtungsperiode 2002/2004 für Jungen 75,9 Jahre und für Mädchen 81,5 Jahre. Die vorherrschenden Todesursachen bei Kindern und Säuglingen um 1900 haben heute größtenteils an Bedeutung verloren, aufgrund besserer hygienischer Bedingungen und des medizinischen Fortschritts.

Ebenso registrierte die durchschnittliche fernere Lebenserwartung[11] einen Anstieg. Im Jahre 1871 wiesen 60-jährige Männer eine durchschnittliche fernere Lebenserwartung von 12,1 Jahren und Frauen von 12,7Jahren auf. Bis zur Periode 2002/2004 entwickelten sich die Werte positiv steigend: 20,0 Jahre bei Männern und 24,1 Jahre bei Frauen. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede sind auf biologische und verhaltensbedingte Ursachen zurückzuführen[12].

Die aufgeführten Daten zur durchschnittlichen Lebenserwartung zeigen auf, dass die Bevölkerung, bei einer gleichzeitig negativen Geburtenrate, stetig altert und der Anteil der älteren Bevölkerung zahlenmäßig schon heute den der jungen Menschen überwiegt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1)Die aufgeführten Werte gelten bis 1934 für das Deutsche Reich, bis 1988 für das ehemalige Bundesgebiet und ab 1991-1993 gelten die Werte für das gesamte Bundesgebiet.

Quelle: StBA (2006a)

2.2.3 Außenwanderung

Um die Bevölkerungszahlen in einem Land bestimmen zu können, ist neben den Zahlen zur Geburten- und Sterbehäufigkeit die dritte Komponente der Demographie, der Wanderungssaldo eines Landes von großer Bedeutung. Die Gegenüberstellung von Bevölkerungszu- und -fortzügen über die Staatsgrenzen (die Nettozuwanderung) hinaus ist schwer prognostizierbar und Trends lassen sich kaum vorhersehen. Die Entscheidung ein Land zu verlassen und sich in einem anderen niederzulassen, ist stark von den zu erwartenden Gegebenheiten abhängig. Die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, wie Kriege und Krisen, stehen neben dem demographischen Potential und dem zu erwartenden Wohlstand im Zielland im Vordergrund[13].

In den vergangenen fünfzig Jahren ist eine hohe Anzahl von Zuzügen ausländischer Zuwanderergruppen in Deutschland zu verzeichnen. Sie sind stark geprägt durch historische und politische Ereignisse, wie der Nachkriegszeit, dem Anwerben ausländischer Arbeitskräfte in den sechziger Jahren und den Fall der Berliner Mauer Ende der 1980er Jahre. In den Jahren 1955 bis 1973[14] stieg die Zahl an ausländischen Zuwanderern, die aufgrund des Arbeitskräftemangels als Gastarbeiter in das ehemalige Bundesgebiet kamen, enorm an. Bis zum Anwerbestopp 1973 wanderten Menschen aus Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und dem ehemaligen Jugoslawien ein. Weitere Zuzüge aus den Anwerbeländern nach Deutschland erfolgten seither hauptsächlich zur Familienzusammenführung. Wie die Statistik aufzeigt (vgl. Abbildung 3, S. 11), wurde 1970 ein erster Höhepunkt aus der Bilanz aus Zu- und Fortzügen von den alten Bundesländern mit fast 550 000 Menschen erreicht[15]. Das bisherige Höchstmaß an Nettozuwanderung wurde 1992 mit knapp 782 000 Personen verzeichnet[16]. Dieser hohe Anstieg ist neben dem Fall der Berliner Mauer auch aus Kriegsgebieten im Ausland zurückzuführen. Es kam zu einem Zuwachs an Flüchtlingen und Asylanten, sowie Migration wegen Arbeitssuche (z.B. Gastarbeiter, Saisonarbeiter, im IT-Bereich angeworbene Arbeitnehmer).

Heute zeigt sich durchschnittlich ein positiver Verlauf des Wanderungsverhaltens, der zwischen den Jahren 2001 und 2005 starken Schwankungen unterlag und von 190 000 Menschen auf 96 000 zurückging. Hauptsächlich ist dies auf politisch bedingte Entscheidungen zurückzuführen. Hauptherkunftsländer der ausländischen Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland sind, neben Polen, die Türkei, Russland, Serbien und Montenegro, wie auch Italien[17].

Nach dem Fall der Berliner Mauer erreichte das deutsche Bundesgebiet die größte Welle der deutsch-deutschen Zuwanderung aus Ost- nach Westdeutschland. Seither nehmen die aktuellen Zuwanderungszahlen der Spätaussiedler[18] kontinuierlich ab. Die Fortzüge über die deutschen Landesgrenzen haben stark zugenommen. Grund hierfür ist hauptsächlich die Unzufriedenheit der sozialen uns wirtschaftlichen Gegebenheiten in Deutschland. Hauptauswanderungsland ist mit 13% die USA, gefolgt von Polen[19].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1) Angaben bis einschließlich 1990 früheres Bundesgebiet

Quelle: StBA (2006)

2.3. Prognosen des zukünftigen demographischen Wandels bis 2050

Wie wird die Bevölkerungsstruktur in den kommenden 40 bis 50 Jahren aussehen? Wie wird sich das heutige Verhalten der Gesellschaft auf die Bevölkerungsstruktur innerhalb eines bestimmten Zeitraumes entwickeln? Diese und ähnliche Fragen sind Ausgangspunkt zukünftiger Modellrechnungen unter Berücksichtigung der gegenwärtigen demographischen Veränderungen. Aktuell werden von drei verschiedenen Instituten, dem Statistischen Bundesamt (StBA), dem Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und dem Bundesministerium des Inneren (BMI) Bevölkerungsvorausschätzungen bis zum Jahre 2050 geliefert. Obgleich die genannten Institute bei ihren Studien von einem gleichen Zeithorizont bis 2050 und von einer identischen Geburtenrate von 1,4 Kindern je Frau ausgehen, kommen sie jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen. Das liegt vor allem daran, dass zum Teil differierende Annahmen zugrunde gelegt werden und zukünftige Vorausschätzungen mit Unsicherheiten behaftet sind. Trotz verschiedener Ausgangssituationen führen die Vorausberechnungen zu dem Ergebnis, dass die Bevölkerung in Deutschland künftig schrumpfen wird. In welchem Maße genau, ist allerdings ungewiss.

In dem folgenden Kapitel werden die aktuellsten Ergebnisse der im Jahr 2006 erschienenen 11. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des StBA präsentiert. Diese beruht auf Entwicklungsannahmen zur den Geburtszahlen, den Sterbefällen sowie dem Wanderungssaldo.

Tabelle 1: Annahmen des StBA zur Bevölkerungsentwicklung bis 2050

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: StBA (2006a)

2.3.1 Bevölkerungsvorausberechnung

Die zukünftige demographische Bevölkerungsentwicklung in Deutschland wird anhand so genannter Bevölkerungsvorausberechnungen dargestellt. Bevölkerungsvorausberechnungen zeigen auf, wie sich die Bevölkerungszahl, sowie deren Altersstruktur, unter Berücksichtigung von Annahmen insbesondere zu Fertilität, Mortalität und Außenwanderung innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens, verändern könnte[20]. Die heutigen Veränderungen haben Auswirkungen auf die zukünftige Bevölkerungsstruktur. Dennoch sind die Prognosen der Bevölkerungsvorausberechnung bei größer erfassten Zeiträumen mit Unsicherheiten behaftet, und basieren daher auf Modellrechnungen[21]. Da sich Änderungen in der Bevölkerung nur schleichend entwickeln und die Auswirkungen des demographischen Wandels nicht sofort erkennbar sind, werden bei Bevölkerungsvorausberechnungen immer bewusst langfristige Zeiträume von 30 bis 50 Jahren gewählt. Vorausschauende Prognosen ermöglichen ein entsprechendes Verhalten seitens der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und sind somit Orientierungsgrundlage zukünftiger Handlungen[22].

Um ein möglichst realistisches Ergebnis der Bevölkerungsvorausberechnung zu gewährleisten, lehnen sich die dafür getroffenen Hypothesen an das so genannte Bevölkerungsfortschreibungsverfahren an[23]. Dabei werden Annahmen bezüglich der künftigen Geburtenhäufigkeit, der Lebenserwartung und der Wanderungen getroffen, welche auf den gegenwärtigen Verläufen der heutigen Bevölkerung und deren beeinflussenden Komponenten basieren.

Die Bevölkerungsvorausberechnungen beziehen sich auf die Ansätze von Makro- bzw. Mikromodellen. Wie aus dem volkswirtschaftlichen Sprachgebrauch hervorgeht, betrachtet die Makroebene die gesamte derzeitige Bevölkerungsstruktur an sich.

Eine Makrosimulation wird anhand der Kohorten-Überlebensmethode („cohort survival method“) verdeutlicht. Basis dieses Berechnungsverfahrens bildet der bei Volkszählung ermittelte Bevölkerungsstand. Hierbei wird die Größe und Struktur der heutigen Bevölkerungszahl unter Berücksichtigung der zusammengefassten Geburtenzahlen, Sterbehäufigkeit sowie der Zu- und Fortzüge fortgeschrieben wird[24].

Ausgehend von einem bestimmten Zeitpunkt werden die einzelnen Geburtsjahrgänge, unter Einbezug der Geburtenhäufigkeit und der Lebenschancen von Neugeborenen, jedes Jahr um eine Generation erweitert. Zugleich überträgt man die Wahrscheinlichkeit an Sterbefällen und den Wanderungssaldo, der sich als Summe zwischen Zu- und Fortzügen ergibt, auf die zu Beginn angenommene Bevölkerungszahl. Der Bevölkerungsstand wird entsprechend ermittelt und kontinuierlich fortgeschrieben[25].

Bei der Mikrosimulation wird nicht wie bei der Makromethode, die gesamte Bevölkerung betrachtet, sondern ausschließlich separate, stichprobenartige Daten von Individuen als Ausgangsbasis zu Grunde gelegt. Die einzelnen Personen werden nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip den demographischen Veränderungen angepasst. Wie die Daten einzelner Menschen angeglichen werden, hängt folglich von der Wahrscheinlichkeit ab, ob und wie bestimmte demographische Merkmale eintreten werden, sowie von dem Zufall, ob sich diese Person den jeweiligen Entwicklungen unterwirft[26]. Diese Vorgehensweise gibt hauptsächlich Aufschluss darüber, wie häufig demographische Entwicklungen je nach Geschlecht, Alter und Familienkonstellationen eintreten[27].

Da Bevölkerungsvorausberechnungen mit einer Zeitspanne von über 15 Jahren Modellcharakter besitzen, lässt sich unter bestimmten Annahmen ein gewünschtes Ergebnis herbeiführen. Damit kann veranschaulicht werden, welche Auswirkungen unabsehbare Ereignisse wie Kriege, Krankheiten und Naturkatastrophen usw. auf die Bevölkerung hätten oder wie eine bestimmte Bevölkerungsstruktur erzielt werden könnte[28].

2.3.2 Geburtenentwicklung

Sollte sich kein gegenläufiger Trend hinsichtlich der Demographie entwickeln, wird sich, wie bereits der aktuelle sinkende Verlauf der Bevölkerungsstruktur andeutet, langfristig gesehen ein Geburtendefizit durchsetzen. Das StBA geht bei der aktuellsten 11. Bevölkerungsvorausberechnung von drei verschiedenen Annahmen aus, die den zukünftigen, langfristigen Verlauf der Geburtenentwicklung aufzeigen soll. Zwei dieser Prognosen zeigen, dass sich das Gebäralter der deutschen Frauen erhöht, wogegen sich bei der dritten die Geburtenquote reduziert. Bei den erfassten Frauen handelt es sich um Frauen deutscher Herkunft. Die Bedeutung, die den ausländischen Frauen bei der Geburtenentwicklung zugeschrieben wird, wird im letzten Abschnitt dieses Kapitels unter 2.4.3 behandelt.

Erste Annahme: Es wird unterstellt, dass sich der Verlauf der zusammengefassten Geburtenquoten von knapp 1,4 Kindern je Frau bis 2050 fortsetzt und, dass sich gleichzeitig, das Alter der Frauen bei der Geburt um 1,6 Jahre erhöht[29]. Dieser Trend schreibt die aktuellen Bevölkerungszahlen fort und wird als Basisannahme definiert. Setzt sich dieser Verlauf fort, bewegt sich die Geburtenhäufigkeit, von den heutigen Entwicklungen ausgehend, auf einem annähernd konstanten Niveau. Gleichzeitig erhöht sich das Alter der werdenden Mütter um 1,6 Jahre (siehe oben). Dies müsse sich aber nicht auf das Gebärverhalten von ein bis zwei Kindern je Frau auswirken.

Die zweite Annahme: Die Entwicklungsvermutung geht bis 2025 von einem leichten Anwachsen der Geburtenziffer auf 1,6 pro Frau aus. In den Jahren von 2026 bis 2050 wird die Quote von 1,6 als konstant angenommen. Das Gebäralter steigt um ca. ein Jahr. Um ein Eintreffen des Modells zu ermöglichen, müsste sich die Zahl der Neugeborenen erhöhen. Aktuellen Trends zufolge ist zu beobachten, dass viele Frauen die Geburt ihres ersten Kindes zeitlich weit hinausschieben. Somit verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass diejenigen Frauen sich aufgrund ihres Alters für weitere Kinder entscheiden. Da bei dieser Modellrechnung das Gebäralter um ca. ein Jahr angehoben wird, muss folglich der Kinderwunsch der über 30-jährigen, größer werden, um langfristig gesehen einen leichten Anstieg der Geburtenziffern zu garantieren.

Dritte Annahme: Hierbei wird prognostiziert, dass Frauen insgesamt weniger Kinder zur Welt bringen und sich der Quotient von derzeit 1,4, auf 1,2 Kinder pro Frau verringert. Gleichzeitig würde sich das Alter der werdenden Mutter um ca. zwei Jahre erhöhen. Würden sich Frauen erst im Alter von -/+ 30 für ihr erstes Kind entscheiden, würde dies langfristig zu einem Geburtenrückgang führen. Ursache dafür ist die, medizinisch gesehen, stetig sinkende Wahrscheinlichkeit, dass Frauen ab einem Alter von 30, schwanger werden. Dies hätte zur Folge, dass entweder die meisten Frauen nur ein Kind hätten oder kinderlos blieben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: StBA (2006a)

2.3.3 Mortalität

Seit über einem Jahrhundert verzeichnet Deutschland eine kontinuierlich sinkende Anzahl an Sterbefällen bei einer gleichzeitigen Zunahme der Lebenserwartung. Dies liegt vor allem an verbesserten medizinischen Leistungen, der besseren Arbeits-, Ernährungs-, Hygiene- und Wohnsituation, sowie an dem gestiegenen materiellen Wohlstand der Bevölkerung[30]. Für die Zukunft wird weiterhin eine Steigerung der Lebenserwartung angenommen, da Fortschritte auf den genannten Gebieten zu erwarten sind.

Der Studie zur künftigen Mortalität des StBA unterliegen zwei Annahmen. Die Basisannahme geht davon aus, dass sich die Lebenserwartung bis 2050 im Vergleich zu 2002/2004 bei Männern um 7,6 Jahre auf 83,5 Jahre beziehungsweise bei Frauen um 6,5 Jahre auf 88,0 Jahre erhöhen wird. Aus lang[31] - und kurzfristigen[32] Entwicklungen ergeben sich diese Ergebnisse. Es wird davon ausgegangen, dass sich die durchschnittliche Zunahme der Lebenserwartung langsamer als in den Jahren zuvor ausprägen wird. In Deutschland sind die Gesundheitsleistungen bereits auf einem Höchststand, so dass in naher Zukunft keine gravierenden Verbesserungen erwartet werden können. Die Sterblichkeitsrate der jüngeren Bevölkerung ist bereits minimal. Bei der älteren Generation findet ein Aufschub des Sterberisikos um die gestiegene Lebenserwartung statt. Weiterhin ist generell festzustellen, dass sich der Abstand der Lebenserwartung für Männer und Frauen, bei gleichzeitig gestiegener Lebenserwartung, um gut ein Jahr von 2002/2004 bis 2050, verringert.

Die zweite Annahme des StBA berücksichtigt lediglich die kurzfristigen Trends seit 1970. Sie geht von einer zukünftig starken Erhöhung der Lebenserwartung aus. Es wird vorausgesetzt, dass sich die medizinischen Entwicklungen der vergangenen 37 Jahre fortschreiben und dass die Sterblichkeit der älteren Bevölkerungsschichten zurückgehen wird. Im Jahr 2050 würden Männer eine um 9,5 Jahre und Frauen eine um 8,3 Jahre höhere Lebenserwartung erzielen als noch 2002/2004. Die Lebenssaussichten bei der Geburt von Männern würden somit auf durchschnittlich 85,4 Jahre und bei Frauen auf 89,8 Jahre ansteigen.

In Zukunft wird sich der Altersaufbau innerhalb der Bevölkerung durch den Anstieg der Lebenserwartung stark verändern. Der Anteil der „relativ jungen“ Bevölkerung von 0 bis 20 Jahren[33] wird sich aufgrund der sinkenden Geburtenzahlen zurück entwickeln, wogegen sich ein starkes Ansteigen der „relativ alten“ Bevölkerung, ab 65 Jahren und älter[34], verzeichnet. Unter Annahme des derzeitigen Verlaufs für die mittlere Bevölkerung, wird, im Vergleich zu heute, die Anzahl der relativ jungen Bevölkerung von 16,5 Millionen an der Gesamtbevölkerung bis 2050 um mehr als 30%, auf ca. 11 Millionen, sinken. Ebenso geht die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter, zwischen 20 und 64 Jahren, bis 2050 von 22% bis auf 29% zurück. Eine exakte Prognose ist aufgrund der unklaren Höhe an Zuwanderungen nicht möglich. Durch die nachkommende Generation kann die derzeitige Erwerbspersonenanzahl zahlenmäßig nicht ersetzt werden, wodurch es zu einer Verschiebung der Altersstruktur kommt. Der Anteil der Bevölkerung im Rentenalter ab 65 Jahren und älter wird von heute ca. 16 Millionen im Jahre 2050 auf 23 Millionen steigen. Unter der Annahme von konstanten Geburtenziffern, einem jährlichen Wanderungssaldo von 100 000 und einer höheren Lebenserwartung bis 2050, hätte der starke Anstieg der älteren Personen, bei gleichzeitig niedrigen Geburtenzahlen, eine Verdopplung des Altersquotienten[35] bis 2050 von derzeit 32 auf 64 zur Folge. Mit der Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre könnte einer zu schnellen Verschiebung der Altersstruktur entgegen gewirkt werden und eine höhere Anzahl der Erwerbspersonen kurzfristig erhalten bleiben.

[...]


[1] Vgl. BMBF (2002), S. 20.

[2] Vgl. FEICHTINGER (1979)

[3] Vgl. BIB (2004), S.7.

[4] V erschiebung des Alters bei Erstgeburt. Vgl. BIB (2004), S.20.

[5] Vgl. StBA (2006a), S. 31.

[6] Vgl. BIB (2004), S. 89.

[7] Vgl. StBA (2006a)

[8] Vgl. HÖHN, S. 751.

[9] Vgl. StBA (2006a), S. 36.

[10] Vgl. StBA (2006a), S. 38.

[11] Beschreibt wie viel Jahre ein Mensch, nach Erreichen eines bestimmten Alters, in der Regel zwischen 60 und 65 Jahren, durchschnittlich noch leben wird. Vgl. StBA (2006), S. 65.

[12] Vgl. BIB (2004), S. 44.

[13] Vgl. BIB (2004), S. 44.

[14] Vgl. BIB (2004), S. 44.

[15] Bis 1990 früheres Bundesgebiet

[16] Vgl. BIB (2000), S. 20.

[17] Vgl. BIB (2004), S. 49.

[18] „Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler, deren Ehegatten und Nachkommen sind Personen, die die deutsche Staatsbürgerschaft erworben haben, ihre Herkunftsgebiete in den Staaten Osteuropas und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion aufgegeben und ihren neuen Wohnsitz im Geltungsbereich des Grundgesetzes begründet haben.“ Vgl. StBA, S. 65.

[19] Vgl. WAHL (2004)

[20] Vgl. BRETZ (2000), S. 643.

[21] Vgl. BRETZ ( 2000), S. 43.

[22] Vgl. StBA (2006a), S.9.

[23] Vgl. StBA (2006a), S.9.

[24] Vgl. BRETZ (2000), S. 647.

[25] Vgl. BRETZ (2000), S. 647ff.

[26] Vgl. BRETZ (2000), S. 658.

[27] Vgl. BRETZ (2000), S. 658.

[28] Vgl: BRETZ (2000), S. 643.

[29] „Gebäralter“. Vgl. StBA (2006a), S. 27.

[30] Vgl. StBA 2006a), S. 36.

[31] Vgl. StBA (2006a), S. 41. langfristig: Entwicklungen seit 1871.

[32] Vgl. StBA (2006a, S. 41. kurzfristig: Entwicklungen seit 1970.

[33] Vgl. StBA (2006a), S. 17

[34] Vgl. StBA (2006a), S.17

[35] Der Altersquotient bildet das Verhältnis der Personen im Rentenalter zu 100 Personen im erwerbsfähigen Alter. Vgl. StBA (2006a), S. 65

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Der demographische Wandel und dessen Einfluss auf den Arbeitsmarkt
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
90
Katalognummer
V77119
ISBN (eBook)
9783638741439
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandel, Einfluss, Arbeitsmarkt
Arbeit zitieren
Fatima Kuruköse (Autor), 2007, Der demographische Wandel und dessen Einfluss auf den Arbeitsmarkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77119

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