Zeit-Gestalten - Gottfried Keller: "Die Zeit geht nicht" und Martin Opitz: "Ach Liebste, laß uns eilen"

Ein Gedichtvergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Erster Teil - Gottfried Keller: Die Zeit geht nicht
1. Textgrundlage
2. Das Thema des Gedichts
3. Formale Analyse
4. Inhaltliche Analyse
4.1.Perspektive, Zeit und Raum
4.2 Bilder
5. Einordnung in die Epoche

Zweiter Teil – Martin Opitz: Ach Liebste, laß uns eilen
1. Textgrundlage
2. Das Thema des Gedichtes
3. Formale Analyse
4. Inhaltliche Analyse
4.1 Perspektive und Raum
4.2 Argumentationsstruktur und Zeitperspektive
5. Einordnung in die Epoche

Dritter Teil – Vergleich der beiden Gedichte

Literaturverzeichnis

Einleitung

Sieht man einmal von Einsteins Relativitätstheorie ab, darf die Zeit als die große Konstante menschlichen Lebens gelten. Zumindest das irdische Dasein wird von ihr absolut determiniert: Es gibt einen klaren Anfangs- und einen klaren Endpunkt dieser Zeitspanne. Ob sich davor oder dahinter die zeitlose Ewigkeit verbirgt, bleibt unserer Erkenntnis verschlossen. Zwischen diesen Punkten beherrscht die Zeit als objektiv messbare und bestimmende Größe unser Leben.

Das individuelle Zeitempfinden mag nun dieser Feststellung häufig vehement widersprechen. Die Vorweihnachtszeit (insbesondere dann, wenn die Geschenke noch in den Märkten liegen) oder auch die Lernzeit vor einer schweren Prüfung scheinen zu rasen; die halbe Stunde auf dem Zahnarztstuhl kommt einem dagegen vor wie eine nicht enden wollende Ewigkeit.

In dieser Diskrepanz zwischen Messbarkeit einerseits und Empfindung andererseits bewegen sich auch die beiden Gedichte, die ich in dieser kleinen Arbeit näher untersuchen möchte. Gedichte sind Zeit-Gestalter, sie besitzen die Macht, in wenigen Worten und Zeilen beliebige Zeitspannen einzufangen. Sie beherbergen Sekunden für die Ewigkeit und lassen Jahrhunderte in einer Silbe verpuffen. Unsere beiden Gedichte beschäftigen sich darüber hinaus noch auf ihre je eigene Art mit der Gestalt der Zeit an sich, sie formulieren Zeit-Gestalten.

Erster Teil - Gottfried Keller: Die Zeit geht nicht

1. Textgrundlage

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Das Thema des Gedichts

„So wird ich manchmal irre an der Stunde,
An Tag und Jahr, ach, an der ganzen Zeit!“[2]

Gleich dem lyrischen Ich, welches in den ersten beiden Zeilen dieses Sonetts von Gottfried Keller an der Zeit verzweifeln möchte, mag es auch dem Interpreten gehen, der der Bilderflut unseres Textes gegenübersteht und verzweifelt die Zeit anhalten, den „Bildersturz“[3] stoppen möchte, um so die Zeit zu gewinnen, derer es bedarf, den Text nach seiner Zeit zu fragen.

Das Thema des Gedichts geht schon aus der Überschrift, beziehungsweise spätestens aus der ersten Zeile hervor: Die Zeit geht nicht, sie stehet still (Z.1). Für den Menschen, der seit je geneigt ist, sich selbst als Mittelpunkt seiner ganz eigenen Welt zu betrachten, beinhaltet dieser Satz eine Umkehrung der gewohnten Verhältnisse, Jens Tismar spricht von einer „verdrehten Haltung“[4] des Subjekts und beginnt sogleich zu hinterfragen, worin diese gründen mag. Der Blick auf den Sekundenzeiger einer Uhr sagt uns, dass auch wenn wir sitzen oder stehen, die Zeit unaufhaltsam gleichförmig voran schreitet. Dieser Zeile ist also ein Widerspruch immanent, mit dem wir uns sicher noch ausführlicher beschäftigen müssen.

Wenden wir den Blick aber noch mal auf die Thematik unseres Gedichtes. Der Vorstellung „einer stillstehenden und insofern zeitlosen Zeit“[5] liegt die Frage zu Grunde, welcher Gestalt die Zeit sei. Ist sie Ein Etwas, form- und farbenlos (Z.5) oder doch ein weißes Pergament (Z.13)? Ein Strom (Z.16), der die Menschen mitreißt und schließlich vom Erdboden vertreibt (Z.16)? Ist das Leben eine Blüte, die Welt ein Kraz“ (Z.22) und die Zeit die Quelle (Z.23) des Lebens?

Kellers Gedicht behandelt demnach Vorstellungen von der Zeit, oder kurz Zeitgestalten. Höllerer glaubt, im Widerstreit zwischen den „beweglichen und den statischen Bildfeldern“[6] die „Bemühung um ein Denksystem“[7] zu erkennen. Es ist deutlich erkennbar, dass wir bei der inhaltlichen Analyse dieses Textes den Fokus auf die verwendeten Bilder richten müssen und darauf, wie sich das lyrische Ich zu diesen Bildern verhält.

Zuvor wende ich den Blick aber in der gebotenen Kürze einer Analyse der äußeren Form zu, um im Anschluss bei der inhaltlichen Analyse den Rückgriff auf formale Erkenntnisse zu ermöglichen.

3. Formale Analyse

Das Gedicht besteht aus sechs Strophen mit je vier Versen. Das Metrum von abwechselnd vier- und dreihebigen jambischen Versen mit männlichen Kadenzen ist formal durchgehalten und erfährt lediglich an einigen Stellen Bewegung durch Tongipfel auf eigentlich unbetonten Silben[8]: Allein in der ersten Strophe steht in Zeile 1 und 3 ein Bedeutung tragendes Wir am normalerweise unbetonten Zeilenanfang.

Das durchgehaltene Reimschema xaxa ist uns aus der Volksliedtradition vertraut, die Strophenform kann man als Abart der normalerweise mit durchgängigem Kreuzreim versehenen Chevy-Chase-Strophe identifizieren.

Als Zwischenergebnis halten wir fest, dass unser Gedicht äußerlich streng regelmäßig durchkomponiert erscheint. In der weiteren Analyse wird zu klären sein, wie sich der Inhalt dazu verhält.

4. Inhaltliche Analyse

4.1.Perspektive, Zeit und Raum

Gleich in der ersten Strophe meldet sich das lyrische Ich, noch verborgen im umfassenden Wir (Z.2.4), zu Wort. Es zählt sich also zu einer noch nicht näher bezeichneten Masse an Menschen, die wie Pilger in einer Karawane unterwegs sind. Im Bezug auf die weltumfassende Thematik des Gedichtes, sowie der Hinwendung an die Welt in Zeile 17 dürfen wir aber annehmen, dass dieses Wir die gesamte Menschheit umschließt. In der zweiten Strophe verändert sich nun die Perspektive deutlich, das lyrische Ich, welches nicht mehr selbst benannt wird, distanziert sich von einem angesprochenen ihr (Z. 7,8). Gleichzeitig verändert sich auch der Blick auf die Zeit: Nicht mehr in ihrer Mitte befangen, ist dem lyrischen Ich ein ungewöhnlicher Blickwinkel möglich, es sieht die Menschen „aus einiger Entfernung wie Schemen auf- und niedertauchen“.[9]

[...]


[1] Hahn, Ulla: Stimmen im Kanon. Deutsche Gedichte. Stuttgart 2003. Im Folgenden zitiert als „Hahn 2003“.

[2] Anfang des zweiten Sonnets unter dem Titel: Was ist es an der Zeit? Zitiert aus Staiger, Emil: Die Zeit als Einbildungskraft des Dichters. Untersuchungen zu Gedichten von Brentano, Goethe und Keller. Zürich 19633, S.167.

[3] Höllerer, Walter: Gottfried Keller: Die Zeit geht nicht. In: Höllerer, Walter: Zurufe, Widerspiele. Aufsätze zu Dichtern und Gedichten. Berlin 1992, S. 82-100, S. 84. Im Folgenden zitiert als „Höllerer 1992“.

[4] Tismar, Jens: Zeit im Gedicht. Über Keller, Celan und Bobrowski. In: N. Miller, V. Klotz, M. Krüger (Hrsg.): Bausteine zu einer Poetik der Moderne. Festschrift für Walter Höllerer. München, Wien 1987, S. 409-417, S. 410. Im Folgenden zitiert als „Tismar 1987“.

[5] Nürnberger, Helmut: Ein Liebesbrief. In: Frankfurter Anthologie (25), Frankfurt am Main. Leipzig 2002, S.73-78, S. 75. Im Folgenden zitiert als „Nürnberger 2002“.

[6] Höllerer 1992, S. 92.

[7] Höllerer 1992, S. 94.

[8] Vgl. Höllerer 1992, S. 85.

[9] Tismar 1987, S. 410.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zeit-Gestalten - Gottfried Keller: "Die Zeit geht nicht" und Martin Opitz: "Ach Liebste, laß uns eilen"
Untertitel
Ein Gedichtvergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Analyse von deutschsprachigen Gedichttexten
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V77125
ISBN (eBook)
9783638825856
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeit-Gestalten, Gottfried, Keller, Zeit, Martin, Opitz, Liebste, Hauptseminar, Analyse, Gedichttexten
Arbeit zitieren
Tobias Schreiner (Autor), 2004, Zeit-Gestalten - Gottfried Keller: "Die Zeit geht nicht" und Martin Opitz: "Ach Liebste, laß uns eilen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77125

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