Roland Jahn und die Friedensgemeinschaft in Jena

Nicht schweigen, sondern die Öffentlichkeit suchen!


Hausarbeit, 2006

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Jena in den 1970er Jahren

3. Die Biermann-Ausbürgerung 1976 - Katalysator für die Opposition in Jena

4. Wie die Sympathie für Biermann zur Exmatrikulation Roland Jahns führte

5. Exkurs: Kindheit und Jugend Roland Jahns

6. Vom Einzelgänger zum Gruppenmitglied - Das Leben Roland Jahns bis zur Gründung der Jenaer Friedensgemeinschaft
6.1 Der Tod von Matthias Domaschk - Zäsur im Leben Roland Jahns
6.2 Neuer Schutzraum - Öffentlichkeit
6.3 Die Westmedien - Das Sprachrohr Roland Jahns
6.3.1 Die verschwundene Skulptur und der Hausabriss
6.3.2 Roland Jahns Einzelaktionen im Jahr 1982
6.4 Verhaftung, Protest und Haftentlassung
6.5 Öffentliche Auftritte der „Jenaer unabhängigen Friedensgemeinschaft“

7. Die Zwangsausbürgerung Roland Jahns

8. Das Leben nach der DDR

9. Fazit

10. Literatur und Quellen

11. Bildquellen

Nicht Schweigen, sondern die Öffentlichkeit suchen! Roland Jahn und die Friedensgemeinschaft in Jena

1. Einleitung

Die Geschichte der DDR-Opposition zählt zu den spannendsten Themenbereichen auf dem Gebiet der neueren Geschichtsforschung. Solche Fälle, wie die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann oder auch die Zwangsausbürgerung des Jenaers Roland Jahn, zählen mitunter zu den spektakulärsten Ereignissen, die sich in den 1970er und 1980er Jahren ereignet haben. Sie riefen auf beiden Seiten der Mauer ein breites Echo in der Öffentlichkeit hervor. In dieser Arbeit soll es speziell um die Ereignisse in Jena gehen, die sich bis zur Wende einer immer größeren Aufmerksamkeit vor allem durch die West-Medien erfreuten. Am Beispiel Roland Jahns und der sich zur damaligen Zeit neu formierenden „unabhängigen Jenaer Friedensgemeinschaft“ wird gezeigt werden, wie eine neue Generation Jugendlicher sich kritisch mit dem DDR-System auseinandersetzte und dabei auch neue Wege des Protests für sich entdeckte, die die Staatsführung mehr als ein Mal zum Einlenken gezwungen haben. Ein wesentlicher Faktor, der zum Erfolg der durchgeführten Aktionen beigetragen hatte, war die breite Unterstützung durch die Medien, die immer wieder die notwendige Öffentlichkeit erzeugten, um das Schicksal der DDR- Bevölkerung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Doch bevor es um die Akteure der Friedensgemeinschaft, ihre Aktionen und die Rolle der Medien gehen wird, soll zunächst die Situation in Jena in den 1970er Jahren beschrieben werden.

2. Jena in den 1970er Jahren

Die Stadt Jena, die heute wieder über 100.000 Einwohner zählt, kann auf eine bewegte DDR-Vergangenheit zurückblicken. Auffällig am Stadtbild ist die große Anzahl von jungen Menschen, die Jena ein jungendliches Image verleihen. Das liegt vor allem an den über 20.000 Studenten, die hier sowohl an der Fachhochschule als auch der Universität einem Studium nachgehen. Für die Jenaer selbst ist das keineswegs eine neue Situation. Bereits zum Ende der 1960er Jahre wurde die 100.000 Einwohnermarke erstmals überschritten und Jena wurde zur jüngsten Großstadt der damaligen DDR. Zu dieser Zeit war es zum Teil auch ein Verdienst der hier ansässigen Großbetriebe Zeiss, Schott und Jenapharm, die zeitweise an die 3.000 Lehrlinge ausbildeten.1 Zusammen mit den Studenten „war in der Stadt eine überdurchschnittlich hohe Konzentration junger Leute entstanden.“2 Ein Forum fand dieses Miteinander von jungen Facharbeitern, Lehrlingen, Oberschülern und Studenten bei den Veranstaltungen der Jungen Gemeinde Stadtmitte. Hier war es möglich, ungezwungen über Vorstellungen und Probleme zu reden, die entweder einen selbst oder die Allgemeinheit betrafen. Von Beginn an waren die Voraussetzungen dazu vorhanden, sich kritisch mit den Zuständen in der DDR auseinander zu setzen. Das lag einfach daran, dass sich zu dieser Zeit eine neue Jugendkultur herausbildete. Lange Haare und Jeans waren markante Erkennungszeichen der Jugendlichen, welche dazu führten, dass sie schnell von der älteren Generation ins Abseits gestellt wurden. Die Folge waren Verweise aus Jugendclubs und andere Diskriminierungen. Schnell wurden die Treffen in der JG Stadtmitte zu einem Politikum.3 Die Offene Arbeit wurde zur Wiege der Opposition, wobei an dieser Stelle betont werden muss, dass die Leute selbst sich nicht als Oppositionelle verstanden. Erst aus der heutigen Perspektive erscheint dieser Begriff sinnvoll. Dennoch ist er mit Vorsicht zu gebrauchen, da sich „Gegner“ des Regimes häufig selbst nicht als Oppositionelle verstanden.4 Vielmehr „ist festzustellen, dass sie nicht nur lange davor zurückscheuten, sich als Opposition zu begreifen, sondern bis zum Fall der Mauer auch keinen definitiven Bruch mit dem sozialistischen System vollzogen.“5

3. Die Biermann-Ausbürgerung 1976 - Katalysator für die Opposition in Jena

Bis in die Mitte der siebziger Jahre herrschte in der DDR ein entspanntes Klima. Nachdem Erich Honecker das Amt von seinem Vorgänger Walter Ulbricht übernommen hatte, machte sich die Hoffnung in der DDR-Bevölkerung breit, dass sich einiges ändern könnte. Das hatte mehrere Gründe. Die DDR brachte es in diesen Jahren zu einer wachsenden Anerkennung in der internationalen Politik. Die staatliche Führungsebene erfreute sich einer erhöhten Akzeptanz durch die Bevölkerung, weil sie sozialpolitische Verbesserungen vornahm und andere innenpolitische Lockerungen umsetzte. Die materielle Bedürfnisbefriedigung bekam ein stärkeres Gewicht. Doch sollte diese Zuversicht bald ein jähes Ende erfahren. Abgesehen davon, dass in dieser Zeit eine Generation Jugendlicher heranwuchs, die allein durch eine augenscheinliche Erhöhung des Lebensstandards nicht ruhig zu stellen war, wurde die positive Grundstimmung bei dem Rest der Bevölkerung dadurch getrübt, dass sich trotz der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki durch die DDR, innenpolitisch keine Konsequenzen abzeichneten. Die oft bemängelte Missachtung der Menschenrechte blieb bestehen.6

Einen dramatischen Höhepunkt erreichte das Ganze, als der Liedermacher Wolf Biemann 1976 ausgebürgert wurde. Das Regime zeigte zum ersten Mal öffentlichkeitswirksam, wie die neue Marschroute der DDR-Führung aussieht. Ungeliebte Querdenker wurden nicht länger hinter Gitter gebracht, was in der Vergangenheit immer wieder zu Protesten seitens des Westens geführt hatte, sondern des Landes verwiesen. Dieses Vorgehen wiederum führte nach heutiger Auffassung zu einem „geistigen Erosionsprozess“ in der DDR.7

4. Wie die Sympathie für Biermann zur Exmatrikulation Roland Jahns führte

Diese Aktion sorgte in der Jenaer Szene für Unruhe. Viele hier solidarisierten sich mit Wolf Biermann. Bereits kurz nachdem die Informationen über dessen Ausbürgerung nach Jena gelangt waren, wurde durch die bereits oben erwähnte JG Stadtmitte eine breit angelegte Unterschriftensammlung initiiert. Mehrere hundert Leute unterzeichneten dieses Schriftstück, worin die sofortige Rücknahme der Ausbürgerung gefordert wurde. Der damals 23-jährige Roland Jahn, der zu dieser Zeit Wirtschaftswissenschaft an der Friedrich-Schiller Universität studierte, unterschrieb ebenfalls. Diese Unterschrift sollte ihm jedoch zum Verhängnis werden. Außerdem hatte er „in einem der für alle Studienrichtungen in der DDR obligatorischen Marxismus-Leninismus-Seminare seiner Seminargruppe am 23. November Wolf Biermann verteidigt.“8 In einer schriftlichen Stellungnahme formulierte er seinen Standpunkt wie folgt: „Es ist notwendig, daß jeder seine Meinung frei und ehrlich äußert. Ich bin der Meinung, man müsste die Aberkennung der Staatsbürgerschaft des DDR-Bürgers Wolf Biermann noch einmal überdenken. Biermann hat sich kritisch, scharf und verallgemeinert über die DDR geäußert. Er zeigte richtig einige Schwächen in unserem Land auf, begeht dabei den Fehler, sie zu scharf verallgemeinert und unrealistisch darzustellen. Ich sage meine Meinung offen und ehrlich, damit auch mir meine Fehler gezeigt werden können.“9 Die Universitätsleitung folgerte daraus eine negative Haltung Jahns zum politischen System der DDR. Im Februar 1977 folgte die Exmatrikulation für ihn und einige andere seiner Kommilitonen. Das bedeutete, dass er von diesem Zeitpunkt an von einem Studium an allen Universitäten und Hochschulen der DDR ausgeschlossen war. Heute sagt Roland Jahn selbst: „Mein Rausschmiss aus der Uni war kein Zufall. Das begann im Herbst `76 mit den Wahlen zur Volkskammer.“10 Hier hatte er nämlich bewusst alle Kandidaten auf dem Stimmzettel durchgestrichen, um seine Haltung deutlich zu machen. Er musste realisieren, dass demokratische Rechte für die Bürger der DDR nicht existierten.11 Gegen seine Exmatrikulation protestierte er, da das Vorgehen, selbst nach der damals bestehenden Studienordnung, nicht rechtmäßig war. Der Disziplinarausschuss änderte die Entscheidung jedoch nicht und Roland Jahn musste zur Bewährung als Transportarbeiter in den VEB Carl Zeiss, ein Job, den sein Vater ihm vermittelt hatte. Seine Arbeit dort erledigte er zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Nachdem die Bewährungszeit verstrichen war, versuchte Roland Jahn erneut ein Studium aufzunehmen. Mit dem Argument, dass seine politische Haltung nach wie vor keine Änderungen zeige, wurde ihm ein Direktstudium an der Universität verweigert. Als Alternative wurde ihm lediglich ein Fernstudium, welches einer sozialen Isolation gleichkam, angeboten. Dies lehnte er jedoch ab. Eine schriftliche Begründung für dieses Verhalten ihm gegenüber hat er nie erhalten.12

[...]


1 Vgl. Auerbach, Thomas/ Neubert, Ehrhart, „Es kann anders werden“. Opposition und Widerstand in Thüringen 1945-1989, Köln 2005, S. 120.

2 Ebd., S.120.

3 Vgl. Ebd., S. 121.

4 Vgl. Geisel, Christof, Auf der Suche nach einem dritten Weg. Das politische Selbstverständnis der DDR-Opposition in den achtziger Jahren, Berlin 2005, S. 9.

5 Ebd., S. 14.

6 Vgl. Poppe, Ulrike, „Der Weg ist das Ziel“. Zum Selbstverständnis und der politischen Rolle oppositioneller Gruppen der achtziger Jahre, in: Dies./ Eckert, Rainer/ Kowalczuk, Ilko-Sascha (Hrsg.), Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Formen des Widerstandes und der Opposition in der DDR, Berlin 1995, S. 244-272, hier S. 244-245.

7 Vgl. Jander, Martin, Der Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung - Stimulans der Opposition, in: Henke, Klaus-Dietmar/ Steinbach, Peter/ Tuchel, Johannes (Hrsg.), Widerstand und Opposition in der DDR (=Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung, Bd. 9), Köln/ Weimar 1999, S. 281-294, hier S. 281.

8 Scheer, Udo, Vision und Wirklichkeit. Die Opposition in Jena in den siebziger und achtziger Jahren, 2., durchgesehene Aufl., Berlin 1999, S. 163.

9 Jahn, Walter, Du bist wie Gift. Erinnerungen eines Vaters, Erfurt 1996, S. 6.

10 Scheer, Vision und Wirklichkeit, S. 165.

11 Vgl. Ebd., S. 165f.

12 Vgl. Jahn, Walter, Du bist wie Gift, S. 8-9.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Roland Jahn und die Friedensgemeinschaft in Jena
Untertitel
Nicht schweigen, sondern die Öffentlichkeit suchen!
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V77136
ISBN (eBook)
9783638821599
ISBN (Buch)
9783638822718
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Roland, Jahn, Friedensgemeinschaft, Jena
Arbeit zitieren
Ralf Huisinga (Autor), 2006, Roland Jahn und die Friedensgemeinschaft in Jena, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77136

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