Die Datierungsproblematik der Dichtung Oswalds von Wolkenstein am Beispiel des so genannten Hussitenliedes "Ich hab gehört durch mangen granns"


Hausarbeit, 2007

35 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Historischer Kontext: Jan Hus, Oswald von Wolkenstein, das Konstanzer
Konzil und die Hussitenkriege

2. Das „Hussitenlied“ als politische Lyrik

3. Die Überlieferungssituation des „Hussitenliedes“

4. Ältere Datierungsansätze
4.1. Beda Weber, 1850
4.2. Max Herrmann, 1890
4.3. Josef Schatz, 1902
4.4. Werner Marold, 1926

5. Neuere Datierungsansätze
5.1. Norbert Mayr und George F. Jones , 1961 und 1973
5.2. Mathias Feldges, 1977
5.3. Ute Monika Schwob, 2001

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis
A. Quellen
B. Untersuchungen
C. Links

8. Anhang

Einleitung

Die Verbrennung des Prager Gelehrten Jan Hus (ca. 1370–1415) auf dem Konstanzer Konzil am 6. Juli 1415 glich einem Fanal und bildete den eigentlichen Ausgangspunkt zur Verbreitung der hussitischen Lehre. Bereits Leopold von Ranke betont die beschleunigende Wirkung des Märtyrertods für die hussitische Bewegung: „Erst da Hus tot war, wurden seine Gedanken lebendig.“[1] Im Gefolge der Konstanzer Ereignisse erfuhren die Anhänger des Hussitismus erheblichen Zuspruch. Überwiegend böhmische Bauern schlossen sich der religiös motivierten Bewegung an, die durch ihre Grundsätze die mittelalterliche Gesellschaftsordnung in Frage stellte, indem sie u. a. die Erteilung von Sakramenten durch Laien billigte oder die Vorrangstellung des Papstes bestritt und ihn als Bischof unter Bischöfen betrachtete. Nach der Beendigung des Konzils im Jahr 1419 folgten blutige Kämpfe von König und Kirche gegen die sich abgrenzenden Anhänger des Prager Lehrmeisters. Ihr unbotmäßiges Verhalten konnte bzw. wollte der König nicht tatenlos hinnehmen. Die daraus resultierende Auseinandersetzung zwischen Hussiten und Katholiken dauerte bis in die dreißiger Jahre des 15. Jahrhunderts an. Erst da gelang es dem 1433 zum Kaiser gekrönten Luxemburger Sigismund, die auf-ständische Bewegung niederzuschlagen.[2]

Die „Causa Hus“ des Konstanzer Konzil hatte 1415 die europäische Bevölkerung des Spätmittelalters polarisiert und provozierte noch viele Jahre nach Exekution des Urteils neben entschlossener Ablehnung besonders in Böhmen rege Zustimmung.[3] Bereits während des Konzils setzte um die Person des Jan Hus eine Mythenbildung ein, die durch bildliche Rezeption und literarische Verarbeitung noch Jahrhunderte genährt wurde. Die politische Mythologisierung des böhmischen Lehrmeisters ist bis heute allgegenwärtig und „gehört zum Bestand der europäischen Erinnerung“.[4] Im „kulturellen Gedächtnis“ (Jan Assmann) der meisten Deutschen stellen Jan Hus und der Hussitismus lediglich eine unbedeutende Größe dar, dafür kommt ihr jedoch in dem der Tschechen eine wesentlich höhere Bedeutung zu, wovon nicht nur das Hus-Denkmal aus dem Jahr 1915 auf dem Altstädter Ring in Prag zeugt. Es verwundert daher nicht, dass sowohl die Aufsehen erregenden Vorgänge auf dem Konstanzer Konzil als auch die politischen Entwicklungen in der Folgezeit zum Gegenstand von Chroniken, Stichen und Schlachtgemälden, musikalischen Werken und politischer Lyrik erhoben wurden. Aus dem Jahr 1433 ist z. B. ein achtzehn Strophen umfassendes Volkslied Vom Hussitenkrieg ein Gesang überliefert.[5] Martin Luther, der mehr als hundert Jahre nach den Konstanzer Ereignissen seine Lehre entwickelte, bekannte sich zu der Inspiration, die er durch den böhmischen Reformator erfahren hatte.[6] Auch musikalisch wurden die Auswirkungen der hussitischen Bewegung rezipiert: Franz Liszt und Antonin Dvořak vertonten 1840 und 1883, mehr als vierhundert Jahre nach dem Tode Hus’ „Hussitenlieder“.[7]

Oswald von Wolkenstein (um 1376–1445) verarbeitete wesentlich zeitnäher in dem ungewöhnlichen Lied Ich hab gehört durch mangen granns[8], dem so genannten Hussitenlied, die politischen Ereignisse um den böhmischen Reformator und die Folgen, die sich aus dessen Lehre ergaben. Der Verfasser bezieht mit dem Lied eindeutig gegen die hussitische Bewegung Stellung, – er entwickelt gar einen „fanatischen Hass auf diese bürgerlich-bäuerlichen Aufrührer und Ketzer.“[9] Die politische Stoßrichtung des Liedes kommt bereits durch die Verwendung des pejorativ aufgeladenen Begriffs „Gans“ zum Ausdruck. Oswald verwendet dieses Bild aus der Ornithologie und zielt damit auf den böhmischen Gelehrten ab,[10] denn Hus bedeutet im Tschechischen soviel wie Gans.[11] Diese Übersetzung war bereits den Teilnehmern am Konstanzer Konzils geläufig und für sie negativ besetzt. Die Gegner des Hus’ verwendeten die Beschreibung deshalb schon zu Beginn des Konzils und verhöhnten den böhmischen Lehrmeister als „Ganskopf“. Während des Prozesses blieb die anklagende Seite, namentlich die Bischöfe von Brixen und Konstanz im Bild, indem sie forderten, dass die Gans „geröstet“ und „gerupft“ werden solle.[12]

Oswalds von Wolkenstein Polemik basiert also auf einer Allegorie aus der Tierwelt, die einem Großteil seiner Zeitgenossen, wie gesagt, vertraut gewesen war. Die Verunglimpfung Hussens mündet im „Hussitenlied“ in der politisch motivierten Gegenüberstellung von Gänsen und Jagd- bzw. Greifvögeln. Wie das lyrische Ich des „Hussitenliedes“durch mangen granns gehört haben will, sei der lippel[13] eine prächtige Gans, die jedoch nicht über Federn zum Fliegen verfüge. Dieser Ausspruch des Bedauerns stammt allem Anschein nach aus der hussitischen Bewegung, die sich im übertragenen Sinn mit Federn, sprich Waffen, auszustatten anschickt. Im Gegensatz zu diesem „Aufrüsten“ der Gänse verharren die Feinde der Gans, die Adler, Falken, Habichte, Sperber und Zwergfalken in apathischer Ruhe. Deshalb fordert das lyrische Ich die edlen falcken auf, ihre alten federn abzuwerfen und die Gans ihre militärische Überlegenheit spüren zu lassen.[14] Das edel geviecht der christenhait, also der Stand der wehrfähigen Ritter, möge nun auf der Hut sein, da er mit einer ganzen Schar an Gänsen konfrontiert wird. Deshalb solle der mächtige Adler aufsteigen und verwegen auf die Gänse herabstoßen, so dass ihr die rügk erkrache![15] Das lyrische Ich wünscht sich, dass alles Leid den Hus verfolgen möge, und dass Lucifer ihn packe.[16] Der Prager Lehrmeister solle sich von den Ideen des als Häretiker verurteilten Oxforder Theologen John Wyclif (um 1330–1384) distanzieren, da sonst das Unglück auf ihn zurückschlagen werde. Außerdem habe die Gans, wie jeder Vogel, seinen Stand einzubehalten, der ihm von Geburt an zustand, und er solle fest an seinem Glauben halten.[17] Die Gans genieße im Gegensatz zu althergebrachten Traditionen keinen guten Ruf mehr, seit sie sich in Böhmen in ihr Gegenteil verkehrt habe. Diese Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung durch die Gans sei eine Strafe Gottes, die aufgrund von Verfehlungen der Christen erfolge. In der letzten Strophe appelliert das lyrische Ich an die guten Christen, damit der Zorn des Himmelfürsten, der sich besonders in den grassierenden Seuchen und Krankheiten äußert, abgewendet werden kann. Darum bittet das Ich, das sich an dieser Stelle als Wolkenstein zu erkennen gibt, und das nicht überzeugend klingende Gebet am Ende des Liedes schließt mit einem Amen.[18]

Der Forschungsstand zu Oskars Werken kann als gut bezeichnet werden. Seit der Neuauflage seiner Lieder durch Karl Kurt Klein im Jahr 1962, die eine wahre „Oswald-Renaissance“ auslöste, erfuhr der Autor ein besonderes Interesse der Mediävistik.[19] Dennoch bleiben im Hinblick auf die Erforschung des Oeuvres Oswalds besonders die Datierungsfragen umstritten. Diese Problematik besteht nicht nur für ich hab gehört durch mangen granns, sondern gilt für mehr als dreißig weitere Gedichte und Lieder, deren zeitliche Einordnung sich aufgrund einer strittigen Kontextualisierung als schwierig, wenn nicht gar als unmöglich erweist.[20] Die Frage nach der korrekten Datierung der Lieder ist deshalb von besonderer Bedeutung, da durch sie und die „relativ gut dokumentierten Lebensdaten“ sowohl Leben als auch Werk des Autors „erhellt“ werden können.[21] Darüber hinaus lassen sie womöglich Rückschlüsse auf seine „stilistische Entwicklung und seine Interaktion mit den Adressaten zu.“[22]

Die politische Botschaft des „Hussitenliedes“ Wolkensteins ist eindeutig – die Datierungsfrage kann jedoch immer noch nicht als entschieden gelten. Fehlende oder mehrdeutige historische Bezüge lassen unterschiedliche Datierungsmöglichkeiten und somit auch unterschiedliche Nuancen in den Interpretationen zu. Aufgrund des nicht präzis bestimmten geschichtlichen Kontexts kristallisierten sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts in der germanistischen Forschung unterschiedliche Auffassungen über den Entstehungszeitpunkt heraus. Es entwickelte sich zwar keine Forschungskontroverse im engeren Sinne, jedoch führten und führen verschiedene Ansätze und die Auswertung unterschiedlicher Quellen und Informationsmaterialien zu abweichenden Ergebnissen. Dabei stützen die Mediävisten ihre Datierungen auf die überlieferten Handschriften, Hinweise in anderen Texten, anderweitig dokumentierte Ereignisse und historische Quellen wie z. B. Urkunden und Bilder. Im Rahmen dieser Arbeit werden in einer knappen Skizze die Ereignisse um das Konstanzer Konzil sowie die nachfolgenden Kriege dargestellt, dann erfolgt eine knappe Einordnung des „Hussitenlieds“ in die politische Lyrik des späten Mittelalters und schließlich werden die unterschiedlichen Ansätze und Begründungszusammenhänge zur Datierung des Liedes aufgezeigt. Anhand der Darstellung der unterschiedlichen Forschungsansätze vom 19. Jahrhundert bis heute soll die Beziehung zwischen Leben und Dichtung des Autors verdeutlicht und die aus den unterschiedlichen Datierungen resultierenden Interpretationen herausgearbeitet werden.

1. Historischer Kontext: Jan Hus, Oswald von Wolkenstein, das Konstanzer Konzil und die Hussitenkriege

Jan Hus wurde um 1370 in Husinec im Böhmerwald geboren und besuchte im dem kleinen Ort Prachatitz die Lateinschule. Als Sohn eines Fuhrmannes kam er ohne materielle Mittel in die Weltstadt Prag, wo er bis 1396 an der 1348 gegründeten Karlsuniversität studierte. Nach dem Studium der Theologie ließ er sich im Jahr 1400 zum Priester weihen, stieg zum Dekan der philosophischen Fakultät auf und stand der gesamten Universität ab 1409 als Rektor vor. Seit 1402 predigte Hus in der Prager Bethlehemskapelle vor mitunter 3.000 Zuhörern in tschechischer Sprache und kritisierte, durch die Thesen Wyclifs beeinflusst, weltlichen Besitz und Habsucht des Klerus. Hus wandte sich explizit gegen den Kreuzzugsablass des Pisaner Papstes Johannes XXIII. Dieser hatte durch die Teilnahme an einem Kreuzzug gegen den König von Neapel den „Gotteskriegern“ einen Ablass ihrer gesamten Sünden verheißen. Die Kritik des Hus’ traf nicht nur die religiöse Lehre der Kirche, sondern erschütterte das Selbstverständnis und die Ordnung der mittelalterlichen Gesellschaft insgesamt, nach der die drei ordines in gottgegebener Harmonie miteinander lebten, wie auch Oswald sie in KL 127 beschreibt: Gott hat drei tail geordent schon […] . gaistlich, edel und arbaiter.[23]

Als Konsequenz aus seiner Lehre verurteilte die Kirche Hus und bannte ihn 1410 als Häretiker. Die Exkommunikation veranlasste Hus 1412 zur Flucht zunächst auf die Ziegenburg in Südböhmen und dann auf die Burg Kozí in Mittelböhmen. Der Prager Magister hielt jedoch weiterhin unbeirrt an seiner Lehre fest, arbeitete an einer Übersetzung der Bibel in die Landessprache und führte ein Leben als Wanderprediger. Unter dem Schutz des böhmischen Adels traute er sich trotz des Banns schließlich wieder nach Prag.[24]

Auf europäischer Ebene gerieten Religion und Politik ebenfalls in Bewegung. Johannes XXIII. berief auf Geheiß Sigismunds am 9. Dezember 1413 in Lodi das Konzil von Konstanz ein, nachdem es auf dem Konzil von Pisa 1409 nicht gelungen war, das aus der Doppelwahl 1379 resultierende Große Abendländische Schisma, mit den in Rom und Avignon residierenden Päpsten, zu überwinden. König Sigismund sah in der Einigung der Kirche die unablässige Voraussetzung zur Abwehr äußerer Gefahren, die durch die expandierenden Ungarn und Türken drohten. In der Tradition des Beschützers der Kirche, in der der Kaiser seit der Kaiserkrönung Karls des Großen (748–814) im Jahr 800 stand, entsprach es Sigismunds Selbstverständnis, die Teilung der Kirche zu überwinden. Seine Krönung sollte durch einen allgemein anerkannten Papst in Rom abgesichert werden.[25]

Mit der Eröffnung des Konzils am 5. November 1414 in Konstanz fand erstmals eine solche Versammlung kirchlicher Repräsentanten im deutschsprachigen Raum statt. Die Stadt am Bodensee gelangte somit für vier Jahre in den Fokus des Interesses europäischer Politik. An der Synode, die auch eine politische Versammlung europäischer weltlicher Fürsten darstellte und gleichzeitig auch als deutscher Reichstag fungierte, nahmen drei Patriarchen, 29 Kardinäle, 35 Erzbischöfe, über 150 Bischöfe, 124 Äbte, 578 Theologen und andere Vertreter des geistlichen Standes mit mehr als 18.000 Bediensteten teil. Als Repräsentanten des weltlichen Standes hielten sich neben Sigismund zeitweise zehn Delegierte von Herrschern, hundert Grafen und Fürsten, 2.400 Ritter und 116 Vertreter einzelner Städte in Konstanz auf. Die Versammlung der Großen verhandelte drei große Themenkomplexe: Die Beendigung des Schismas (causa unionis), den Kampf gegen Ketzerei (causa fidei) und die Durchführung kirchlicher Reformen (causa reformationis).[26]

Jan Hus kam am 3. November 1415 mit der Intention nach Konstanz, eine möglichst große Zuhörerschaft für seine Vorstellungen gewinnen zu können und reiste gewiss nicht mit der Überlegung, dort sein Martyrium zu finden. Obwohl er sich immer noch im Zustand der Exkommunikation befand, hatte ihm König Sigismund ein „salvus conductus“, also freies Geleit gewährt – ein ungewöhnlicher Vorgang für eine außerhalb der christlichen Gemeinschaft stehende Person. Hus war sich trotz dieser Zweifelhaftigkeit und auch mit dem Schutzbrief Sigismunds durchaus der Gefahr bewusst, in die er sich begeben hatte. Der Prager Gelehrte versprach sich jedoch durch sein Erscheinen in Konstanz ein Fortschreiten der von ihm angestoßenen Reformation. Drei Wochen nach seiner Ankunft ließen seine Gegner den predigenden Jan Hus jedoch einkerkern.[27] Seine theologischen Gegner, im besonderen Michael de Causis, unterbreiteten dem Papst eine Liste von acht Anklagepunkten gegen Hus, die sich überwiegend auf seine Lehren über die Sakramente, besonders aber auf die Auffassung, dass auch Laienpriester Sakramente erteilen können, bezog.[28] Ob die anfänglichen Teilnehmer des Konzils überhaupt die Legitimation besaßen, Exekutionen vorzunehmen, ist in der Forschung heute umstritten. Bereits Zeitgenossen hegten daran Zweifel, da einige gewichtige „partes christianitatis“ von Konstanz ferngeblieben waren[29] und sich mit Hus somit ein „zweifelhaft Exkommunizierter vor einem zweifelhaften Konzil“ befand.[30]

Sigismund, der zu diesem Zeitpunkt Konstanz noch nicht erreicht hatte, protestierte zunächst gegen die Festsetzung und versuchte die angekündigte Hinrichtung des Hus’ zu verhindern, da dies für ihn einen Machtverlust bedeutet hätte. Der König stand also zunächst auf Seiten des Pragers, konnte aber die Fortsetzung der Verhandlungen nicht verhindern. Im Verlauf des Prozesses bekräftigte Hus seine Auffassungen und weigerte sich, das Tribunal anzuerkennen. Die Anklage gewährte ihm zwar öffentliche Audienzen, während dieser schrieen die Kläger ihn jedoch meist nieder, womit sie mögliche religiöse Diskussionen unmittelbar erstickten. Dem Prager Lehrmeister gelang es trotzdem, eine Reihe von Anklagepunkten zu widerlegen. Ein Konzilsmitglied ließ ihm in den vier Wochen von den Verhören bis zur Exekution eine Widerrufsformel zukommen, die der Böhme allerdings nicht annahm und seine Lehre nicht widerrief. Am Tag der Verurteilung belegten ihn die Repräsentanten im Konstanzer Münster erneut mit dem Bann. Hus blieb aber weiterhin standhaft. Er bezeichnete sich immer noch als „inconvictus et inconfessus – nicht überführt und nicht geständig.“[31]

Sigismund hatte Hus Anfang Juni 1415 fallen lassen. Den Hintergrund für diesen Sinneswandel des Königs bildete die Verurteilung der parvischen Lehre durch die Pariser Universität, zu deren brisanten Inhalt sich Hus bekannte. Der Luxemburger sah sich durch diese Lehre unmittelbar bedroht, denn sie erklärte den Tyrannenmord für legal. Somit stellte Hus nun eine unmittelbare Bedrohung für den König dar.[32]

Hus wurde schließlich am 6. Juli 1415 als Ketzer verbrannt. Die Mythenbildung, die bereits zu diesem Zeitpunkt eingesetzt hatte, verdeutlicht die Überlieferung eines der letzten Aussprüche des Gelehrten. Über die Bäuerin, die das Holz für den Scheiterhaufern herbeitrug, soll der zum Tode Verurteilte lächelnd gesagt haben: „Sancta simplicitas“.[33] Hus starb schließlich, der Überlieferung nach, laut betend in den Flammen. Damit keine Reliquien erhalten blieben, streuten die Henker seine Asche nach der Verbrennung schließlich in den Rhein, der in der Nähe des Hinrichtungsortes durch den Bodensee fließt.[34] Ein ähnliches Schicksal ereilte den Mitbegründer der hussitischen Lehre, Hieronymus von Prag, ein knappes Jahr später, am 30. Mai 1416 in Konstanz. Hieronymus, der zum Teil radikalere Ansichten vertreten hatte als Hus, war diesem nach Konstanz zu Hilfe geeilt. Auch er wurde festgenommen. Im Angesicht des Scheiterhaufens widerrief Hieronymus zunächst, um sich kurze Zeit später aber von diesem Widerruf zu distanzieren, woraufhin er ebenfalls verbrannt wurde.[35]

Der König selbst hatte Konstanz, wie erwähnt, erst spät, nämlich am Heiligabend des Jahres 1414 erreicht. Oswald von Wolkenstein zog im Gefolge des Tiroler Herzogs Friedrich IV. kurze Zeit später, zu Beginn des folgenden Jahres, also 1415, in Konstanz ein, wo er vermutlich bis Februar blieb. Der Dichter hielt sich dann vermutlich von April 1416 bis Herbst 1417 noch einmal in der Stadt am Bodensee auf.[36] Oswalds zweite Teilnahme an dem Konzil, nun im Aufgebot des Pfalzgrafen Ludwig II., ist in der Konzilschronik des um 1360 geboren Konstanzer Stadtschreibers Ulrich von Richental sogar bildlich belegt. Zwar zeigt das Bild in der Chronik einen Mann mit geschlossenem linken Auge, statt des rechten, aber die Physiognomie lässt im Vergleich mit dem bekannten Porträt, das sich in der Biographie des „Wolkensteiners“ befindet, kaum Zweifel zu: Es handelt sich bei der abgebildeten Person um Oswald.[37]

Der König nahm Oswald am 16. Februar 1415 offiziell als niederen „Rat und Diener“ für das übliche Jahresgehalt von dreihundert ungarischen Gulden in sein Hofgesinde auf.[38] Die Aufenthalte in der illustren Konzilsgesellschaft scheinen Oswald zwar einiges gekostet zu haben, sie waren aber seiner der künstlerischen Produktivität durchaus förderlich: Die Forschung geht von über vierzig Liedern aus, die Oswald in dem knappen Jahr geschrieben hat.[39]

Absetzung, Flucht und Gefangennahme des Konzilpapstes stellte zwar den weitaus dramatischeren Stoff dar als der Prozess und das Martyrium des Prager Magisters Jan Hus, aber auch dessen Auftreten erzeugte eine gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit. Bereits auf dem Konzil entwickelte sich eine politische Propaganda. Die Anti-Hus-Fraktion bediente sich der Tiermetaphorik, welche in der Polemik des Bischofs von Brixen gipfelt: „Einer Gans geschiehet zu viel, wann sie gerupfet und gebraten wird. Haben wir sie nun rupfig gemacht, so sei sie auch gebraten und zwar – heut noch!“[40] Oswald hielt sich während der Hinrichtung des Böhmen in Perpignan auf, sie dürfte aber auch für ihn, wenn nicht unmittelbar, dann aber doch in der Rückschau als Teilnehmer an den Hussitenkriegen von gesteigertem Interesse gewesen sein.[41]

In der Folge der Hinrichtung des Hus’ organisierten sich in Böhmen die Anhänger seiner Lehre, die Kalixtiner und es bildete sich eine weitere, radikalere Anhängerschaft, die Taboriten heraus. Aber erst im Juli 1419 mündete die Formierung der Hussiten in einem aktiven Aufstand. Nach dem Tode des böhmischen Königs Wenzel, einem Bruder Sigismunds, vertraten Kalixtiner und Taboriten die Ansicht, dass der Mörder Hussens nicht den böhmischen Thron erlangen solle.[42] Ein Großteil der böhmischen Bauern hatte sich zu diesem Zeitpunkt zu einer Aufgabe ihrer Tätigkeit entschieden und gruppierte sich unter dem legendären Reiterführer Jan Žiška zum Widerstand gegen den König. Am 9. Juli 1419 stürmten die Hussiten das Neustädter Rathaus in Prag und warfen zur Befreiung zweier Glaubensgenossen sieben katholische Ratsherren aus dem Fenster – ein Vorgang, der bis heute unter dem so genannten „Ersten Prager Fenstersturz“ bekannt ist. In Folge des Todes Wenzels und der Defenestration rief König Sigismund zu dem bereits auf dem Konzil von Konstanz angekündigten Hussitenfeldzug auf, um seinen Anspruch auf den nunmehr verwaisten böhmischen Thron zu untermauern. Papst Martin V. unterstützte mit einer Kreuzbulle das Vorgehen gegen Wiklifisten und Hussiten, forcierte damit aber auch die Solidarisierung unter den Böhmen, die 1420 Prag unter ihre Gewalt gebracht hatten.[43]

Die Kreuzzugsbulle ließ den Aufstand zu einer kriegerischen Auseinandersetzung werden. Die katholischen Truppen erlitten dabei in der Schlacht bei Sudomĕř eine empfindliche Niederlage gegen die Hussiten unter Jan Žiška. Nachdem Sigismunds Verhandlungstaktiken ohne Erfolg geblieben waren, gelang es ihm erst im Juni 1420 – nun in einem regelrechten Reichskrieg – die Prager Burg, den Hradschin einzunehmen. Der Versuch, ganz Prag zu besetzen, scheiterte allerdings. Da Sigismund noch über die Prager Königsburgen verfügte, ließ er sich 28. Juli 1420 im Veitsdom zum König der böhmischen Länder krönen.[44]

[...]


[1] Leopold von Ranke: Weltgeschichte Bd. 9, Leipzig 1888, S. 187.

[2] Umfassende Informationen zur Hussitenbewegung in Europa geben die Beiträge in: Ferdinand Seibt (Hrsg.): Jan Hus zwischen Zeiten, Völkern, Konfessionen. Vorträge des internationalen Symposions in Bayreuth vom 22. bis 26. September 1993, München 1997.

[3] Winfried Baumann: Die Niederlage der Hussiten als multimediales Ereignis, in: Deutsche Literatur des Mittelalters in Böhmen und über Böhmen, Bd. 2, Tagung in Ceské Budejovice/Budweis 2002 (Schriften zur Mediävistik, 2004), S. 265–277.

[4] Ferdinand Seibt: Jan Hus – Das Konstanzer Konzil im Urteil der Geschichte, München 1972, S. 6.

[5] Baumann: Niederlage, S. 265.

[6] Vgl. Ferdinand Seibt: Jan Hus – zwischen Zeiten, Völkern, Konfessionen, in: Seibt, Ferdinand (Hrsg.): Hus; S. 11–26.

[7] Vgl. http://www.baerenreiter.com/html/download/pdfs/KAK2004.pdf (zuletzt besucht am 5. Mai 2007).

[8] Im Folgenden wird die Wolkensteinausgabe nach der Ausgabe von Karl Kurt Klein zitiert: Die Lieder Oswalds von Wolkenstein. Unter Mitwirkung von Walter Weiß und Notburga Wolf hrsg. von Karl Kurt Klein. Musikanhang von Walter Salmen. 3., neubearbeitete und erweiterte Aufl. von Hans Moser, Norbert Richard Wolf und Notburga Wolf, Tübingen 1987 (=Altdeutsche Textbibliothek 55). Die Arbeit folgt somit in Orthographie und Zeichensetzung der Handschrift B, auf die Klein sich bezieht und die nur geringfügig von den anderen Überlieferungen abweicht. Eine Abschrift befindet sich im Anhang dieser Arbeit.

[9] Anton Schwob: Oswald von Wolkenstein. Eine Biographie, 3Bozen 1982, S. 162.

[10] Vgl. Klein 27, Zeile 3. Ob die Bezeichnung „Gans“ allein Jan Hus meint, oder auf das Kollektiv aller Hussiten abzielt, ist, wie noch zu zeigen sein wird, nicht eindeutig geklärt. Nachfolgend wird jedoch davon ausgegangen, dass sie nur den Vordenker der Bewegung meint.

[11] Wobei Gans im Tschechischen husa heißt und feminin ist. Vgl. Langenscheidt Universalwörterbuch Tschechisch, Berlin und München 2001, S. 44.

[12] Vgl. Matthias Feldges: Lyrik und Politik am Konstanzer Konzil. Eine neue Interpretation von Oswald von Wolkensteins Hussitenlied, in: Gert Kaiser (Hrsg.): Literatur – Publikum – historischer Kontext. Bern, Frankfurt, Las Vegas 1977. S. 137–181, S. 137 f.

[13] Eine Kurzform für Philipp, die ähnlich wie Heini oder dem deutschen Michel eine dümmliche Person bezeichnet und bei Oswald so viel wie „Bauerntölpel“ meint. Vgl. ebd. S. 149 und KL 27, Zeile 3.

[14] Vgl. ebd., Zeile 21 ff.

[15] Vgl. ebd., Zeile 40.

[16] Vgl. ebd., Zeile 42.

[17] Vgl. ebd., Zeile 41 ff.

[18] Vgl. ebd., Zeile 51 ff.

[19] Zum Forschungsstand vgl. auch Alan Robertshaw: Zur Datierung der Lieder von Oswald von Wolkenstein, in: Jürgen Jaehrling (Hrsg.): Röllwagenbüchlein. Festschrift für Walter Röll zum 65. Geburtstag, Tübingen 2002, S. 107–135, S. 107.

[20] Vgl. Werner Marold: Kommentar zu den Liedern Oswalds von Wolkenstein, Diss. Göttingen 1926. Bearb. und hg. von Alan Robertshaw, Innsbruck 1995 (=Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft). S. 295.

[21] Robertshaw: Datierung, S. 108.

[22] Vgl. Walter Röll: Oswald von Wolkenstein, Darmstadt 1981 (=Erträge der Forschung), S. 119.

[23] Zitiert nach Feldges, Lyrik, S. 172.

[24] Zu Leben und Werk des Jan Hus vgl.: Ferdinand Seibt: Jan Hus, S. 11–26, in: Ferdinand Seibt (Hrsg.): Jan Hus zwischen Zeiten und Josef Macek: Jan Hus, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 5, München und Zürich 1990, Sp. 229–231.

[25] Vgl, Baum, Kaiser, S. 204.

[26] Walter Brandmüller: Das Konzil von Konstanz 1414–1418, Paderborn 1991, S. 1–11.

[27] Vgl. Walter Brandmüller: Hus vor dem Konzil, in: Seibt, Ferdinand (Hrsg.): Jan Hus zwischen Zeiten, Völkern, Konfessionen. Vorträge des internationalen Symposions in Bayreuth vom 22. bis 26. September 1993. München 1997, S. 235–242, S. 235.

[28] Vgl. Brandmüller: Konzil, S. 328.

[29] Vgl. Brandmüller: Hus, S. 236.

[30] Ebd.

[31] Peter Mladoniowitz: Hus in Konstanz. Der Bericht des Peter von Mladoniowitz. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Josef Bujnoch, Graz 1963, S. 251.

[32] Vgl. Feldges: Lyrik, S. 166–168.

[33] „Heilige Einfachheit“ – Hieronymus bezeichnet damit die schlichte Sprache der Jünger im Neuen Testament. Vgl. Josef Dirnbeck: Die Inquisition, München 2001, S. 327.

[34] Zur Gefangennahme, Verurteilung und Hinrichtung des Hus vgl. Ulrich Richental: Chronik des Konstanzer Konzils 1414 – 1418, unveränderte reprographierter Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1882, Konstanz 1965, S. 56–59 und Brandmüller: Konzil, S. 323–359.

[35] Vgl. ebd., S. 59.

[36] Der genaue Ankunftstermin bleibt widersprüchlich. Der Chronist des Konstanzer Konzils Ulrich von Richental datiert das Erscheinen auf den 4. Februar, eine andere Urkunde spricht jedoch davon, dass Oswald am 9. Februar noch in Ensisheim im Elsass war. Wilhelm Baum nimmt an, dass Oswald am 10. Januar in Konstanz eingezogen sein könnte. Vgl. Baum: Kaiser, S. 204f.

[37] Vgl. Kühn: Ich, S. 173f und Richental: Konzil, S. 76 (Abbildung).

[38] Die genauen Gründe für die Anstellung Oswalds sind nicht überliefert. Oswald versprach sich durch die gewonnene Königsnähe aussichtsreichere Karrieremöglichkeiten und Sigismund, der über keine Hausmacht im Reich verfügte, benötigte einen Stamm verlässlicher Männer. Zur Beziehung Oswalds mit Sigmund vgl.: Wilhelm Baum: Kaiser Sigmund von Luxemburg und Oswald von Wolkenstein, in: Jahrbuch der Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft, Bd. 4 1986/87, S. 201–228, zur Aufnahme Oswalds besonders die Quelle, S. 214.

[39] Kühn, Ich, S. 174 f. und Karen Baasch/Helmuth Nünberger (Hrsg.): Oswald von Wolkenstein, S. 61. Zu der Klage über die hohen Kosten seines Konstanzaufenthalts, vgl. Karl Kurt Klein, Lieder, S. 311.

[40] Todesgeschichte des Johannes Hus und des Hieronymus von Prag, geschildert in den Sendbriefen des Poggius Florentinus, nach der Munderschen Bearbeitung, Konstanz, o. J., S. 30f., zitiert nach Feldges, Lyrik, S. 138.

[41] Vgl. Kühn: Ich, S. 148.

[42] Anton Schwob: Oswald, S. 160.

[43] Vgl. Joerg K. Hoensch: Kaiser Sigismund. Herrscher an der Schwelle zur Neuzeit 1368–1437, München 1996, S. 279–310.

[44] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Datierungsproblematik der Dichtung Oswalds von Wolkenstein am Beispiel des so genannten Hussitenliedes "Ich hab gehört durch mangen granns"
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Hauptseminar Prof. Göttert: Oswald von Wolkenstein
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
35
Katalognummer
V77189
ISBN (eBook)
9783638812740
ISBN (Buch)
9783638814508
Dateigröße
772 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Datierungsproblematik, Dichtung, Oswalds, Wolkenstein, Beispiel, Hussitenliedes, Hauptseminar, Prof, Göttert, Oswald
Arbeit zitieren
Jens Tanzmann (Autor), 2007, Die Datierungsproblematik der Dichtung Oswalds von Wolkenstein am Beispiel des so genannten Hussitenliedes "Ich hab gehört durch mangen granns", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77189

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