Die Verbrennung des Prager Gelehrten Jan Hus (ca. 1370–1415) auf dem Konstanzer Konzil am 6. Juli 1415 glich einem Fanal und bildete den eigentlichen Ausgangspunkt zur Verbrei-tung der hussitischen Lehre. Bereits Leopold von Ranke betont die beschleunigende Wirkung des Märtyrertods für die hussitische Bewegung: „Erst da Hus tot war, wurden seine Gedanken ledeutung zu, wovon nicht nur das Hus-Denkmal aus dem Jahr 1915 auf dem Altstädter Ring in Prag zeugt. Es verwundert daher nicht, dass sowohl die Aufsehen erregenden Vorgänge auf dem Konstanzer Konzil als auch die politischen Entwicklungen in der Folgezeit zum Gegenstand von Chroniken, Stichen und Schlachtgemälden, musikalischen Werken und politischer Lyrik erhoben wurden. Aus dem Jahr 1433 ist z. B. ein achtzehn Strophen umfassendes Volkslied Vom Hussitenkrieg ein Gesang überliefert. Martin Luther, der mehr als hundert Jahre nach den Konstanzer Er-eignissen seine Lehre entwickelte, bekannte sich zu der Inspiration, die er durch den böhmi-schen Reformator erfahren hatte. Auch musikalisch wurden die Auswirkungen der hussiti-schen Bewegung rezipiert: Franz Liszt und Antonin Dvořak vertonten 1840 und 1883, mehr als vierhundert Jahre nach dem Tode Hus’ „Hussitenlieder“.
Oswald von Wolkenstein (um 1376–1445) verarbeitete wesentlich zeitnäher in dem ungewöhnlichen Lied Ich hab gehört durch mangen granns , dem so genannten Hussitenlied, die politischen Ereignisse um den böhmischen Reformator und die Folgen, die sich aus dessen Lehre ergaben. Der Verfasser bezieht mit dem Lied eindeutig gegen die hussitische Bewegung Stellung, – er entwickelt gar einen „fanatischen Hass auf diese bürgerlich-bäuerlichen Aufrührer und Ketzer.“ Die politische Stoßrichtung des Liedes kommt bereits durch die Verwendung des pejorativ aufgeladenen Begriffs „Gans“ zum Ausdruck. Oswald verwendet dieses Bild aus der Ornithologie und zielt damit auf den böhmischen Gelehrten ab, denn Hus bedeutet im Tschechischen soviel wie Gans. Diese Übersetzung war bereits den Teilnehmern am Konstanzer Konzils geläufig und für sie negativ besetzt. Die Gegner des Hus’ verwendeten die Beschreibung deshalb schon zu Beginn des Konzils und verhöhnten den böhmischen Lehr-meister als „Ganskopf“. Während des Prozesses blieb die anklagende Seite, namentlich die Bischöfe von Brixen und Konstanz im Bild, indem sie forderten, dass die Gans „geröstet“ und „gerupft“ werden solle.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Historischer Kontext: Jan Hus, Oswald von Wolkenstein, das Konstanzer Konzil und die Hussitenkriege
2. Das „Hussitenlied“ als politische Lyrik
3. Die Überlieferungssituation des „Hussitenliedes“
4. Ältere Datierungsansätze
4.1. Beda Weber, 1850
4.2. Max Herrmann, 1890
4.3. Josef Schatz, 1902
4.4. Werner Marold, 1926
5. Neuere Datierungsansätze
5.1. Norbert Mayr und George F. Jones , 1961 und 1973
5.2. Mathias Feldges, 1977
5.3. Ute Monika Schwob, 2001
6. Resümee
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Datierungsproblematik des „Hussitenliedes“ von Oswald von Wolkenstein, welches die politischen Ereignisse um den böhmischen Reformator Jan Hus thematisiert. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, anhand des historischen Kontexts, der Überlieferungsgeschichte und der Auswertung verschiedener Forschungsansätze vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart eine möglichst präzise zeitliche Einordnung des Liedes vorzunehmen und die damit verbundenen Interpretationsspielräume aufzuzeigen.
- Historischer Hintergrund: Jan Hus und das Konstanzer Konzil
- Das „Hussitenlied“ als Beispiel mittelalterlicher politischer Lyrik
- Analyse der Überlieferungsgeschichte und Handschriften
- Kritische Aufarbeitung älterer und neuerer Datierungsansätze
- Untersuchung der verwendeten Tiermetaphorik als politisches Instrument
Auszug aus dem Buch
Die Datierungsproblematik der Dichtung Oswalds von Wolkenstein am Beispiel des so genannten Hussitenliedes Ich hab gehört durch mangen granns
Oswald von Wolkenstein (um 1376–1445) verarbeitete wesentlich zeitnäher in dem ungewöhnlichen Lied Ich hab gehört durch mangen granns, dem so genannten Hussitenlied, die politischen Ereignisse um den böhmischen Reformator und die Folgen, die sich aus dessen Lehre ergaben. Der Verfasser bezieht mit dem Lied eindeutig gegen die hussitische Bewegung Stellung, – er entwickelt gar einen „fanatischen Hass auf diese bürgerlich-bäuerlichen Aufrührer und Ketzer.“ Die politische Stoßrichtung des Liedes kommt bereits durch die Verwendung des pejorativ aufgeladenen Begriffs „Gans“ zum Ausdruck. Oswald verwendet dieses Bild aus der Ornithologie und zielt damit auf den böhmischen Gelehrten ab, denn Hus bedeutet im Tschechischen soviel wie Gans. Diese Übersetzung war bereits den Teilnehmern am Konstanzer Konzils geläufig und für sie negativ besetzt. Die Gegner des Hus’ verwendeten die Beschreibung deshalb schon zu Beginn des Konzils und verhöhnten den böhmischen Lehrmeister als „Ganskopf“. Während des Prozesses blieb die anklagende Seite, namentlich die Bischöfe von Brixen und Konstanz im Bild, indem sie forderten, dass die Gans „geröstet“ und „gerupft“ werden solle.
Oswalds von Wolkenstein Polemik basiert also auf einer Allegorie aus der Tierwelt, die einem Großteil seiner Zeitgenossen, wie gesagt, vertraut gewesen war. Die Verunglimpfung Hussens mündet im „Hussitenlied“ in der politisch motivierten Gegenüberstellung von Gänsen und Jagd- bzw. Greifvögeln. Wie das lyrische Ich des „Hussitenliedes“ durch mangen granns gehört haben will, sei der lippel eine prächtige Gans, die jedoch nicht über Federn zum Fliegen verfüge. Dieser Ausspruch des Bedauerns stammt allem Anschein nach aus der hussitischen Bewegung, die sich im übertragenen Sinn mit Federn, sprich Waffen, auszustatten anschickt. Im Gegensatz zu diesem „Aufrüsten“ der Gänse verharren die Feinde der Gans, die Adler, Falken, Habichte, Sperber und Zwergfalken in apathischer Ruhe.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Dieses Kapitel führt in den historischen Hintergrund der Verbrennung von Jan Hus auf dem Konstanzer Konzil ein und erläutert die Bedeutung dieser Ereignisse für die Zeitgenossen und die literarische Verarbeitung, insbesondere durch Oswald von Wolkenstein.
1. Historischer Kontext: Jan Hus, Oswald von Wolkenstein, das Konstanzer Konzil und die Hussitenkriege: Hier werden die Lebensdaten von Jan Hus und Oswald von Wolkenstein sowie die politischen Entwicklungen des Konzils und der nachfolgenden Hussitenkriege detailliert skizziert.
2. Das „Hussitenlied“ als politische Lyrik: Der Abschnitt diskutiert die theoretische Einordnung des „Hussitenliedes“ in den Kontext mittelalterlicher politischer Lyrik und definiert das Politische in der Literatur dieser Epoche.
3. Die Überlieferungssituation des „Hussitenliedes“: Dieses Kapitel widmet sich der handschriftlichen Überlieferung der Lieder Oswalds und den Problemen, die sich aus der zeitlichen Einordnung der verschiedenen Codices für die Datierung ergeben.
4. Ältere Datierungsansätze: Hier werden die frühen wissenschaftlichen Versuche der Datierung durch Beda Weber, Max Herrmann, Josef Schatz und Werner Marold kritisch vorgestellt und bewertet.
5. Neuere Datierungsansätze: Dieser Abschnitt analysiert moderne Forschungsbeiträge von Norbert Mayr, George F. Jones, Mathias Feldges und Ute Monika Schwob, die neue methodische Ansätze und historische Kontexte in die Diskussion einbringen.
6. Resümee: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und betont die anhaltende Schwierigkeit einer exakten Datierung des Liedes trotz unterschiedlicher Forschungszugänge.
Schlüsselwörter
Oswald von Wolkenstein, Hussitenlied, Jan Hus, Konstanzer Konzil, politische Lyrik, Mittelalter, Datierung, Handschriften, Tiermetaphorik, Hussitenkriege, Literaturwissenschaft, Mediävistik, Ideologie, politische Propaganda, Wirkungsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit befasst sich mit der komplexen Datierungsproblematik des sogenannten „Hussitenliedes“ von Oswald von Wolkenstein, einem politisch motivierten Gedicht aus dem 15. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Schwerpunkte sind die historische Einordnung der Ereignisse um Jan Hus und das Konstanzer Konzil, die literarische Analyse als politische Lyrik sowie die quellenkritische Auseinandersetzung mit der handschriftlichen Überlieferung.
Welches wissenschaftliche Ziel verfolgt der Autor?
Ziel ist es, die Entwicklung der verschiedenen Datierungsansätze vom 19. Jahrhundert bis heute nachzuvollziehen, Widersprüche in der Forschung aufzuzeigen und die Beziehung zwischen dem Leben des Dichters und seinem Werk zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zur Anwendung?
Der Autor nutzt primär die philologische Methode der Textanalyse, den historischen Quellenvergleich und die Auswertung sowie kritische Würdigung der mediävistischen Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Hinführung, die Einordnung des Liedes als politische Lyrik, eine Untersuchung der Überlieferungssituation durch verschiedene Handschriften sowie eine chronologische und methodische Diskussion der älteren und neueren Datierungsansätze.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Oswald von Wolkenstein, Hussitenlied, Tiermetaphorik, Datierungsforschung und Konstanzer Konzil.
Welche Bedeutung kommt der „Gans“-Metaphorik in diesem Dokument zu?
Die „Gans“ ist eine zentrale Tiermetapher für Jan Hus, die Oswald von Wolkenstein nutzt, um den Reformator abzuwerten und eine politisch-religiöse Front gegen die hussitische Bewegung zu formieren.
Wie bewertet der Autor den Quellenwert der Chronik von Eberhard von Windecke?
Der Autor stellt dar, dass der Quellenwert Windeckes in der Forschung umstritten ist, da seine Darstellung der Ereignisse parteiisch ist, er jedoch von einigen Forschern, wie Ute Monika Schwob, als verlässliche Quelle für die historische Kontextualisierung angesehen wird.
Was ist das zentrale Argument zur Datierung in den neueren Ansätzen?
Neuere Ansätze wie die von Mathias Feldges oder Ute Monika Schwob versuchen, das Lied stärker durch externe historische Ereignisse, wie etwa die Belagerung von Schloss Vyšehrad im Jahr 1420 oder die politische Propaganda der Zeit, präziser zu verorten als dies frühere, eher subjektive Ansätze taten.
- Quote paper
- Jens Tanzmann (Author), 2007, Die Datierungsproblematik der Dichtung Oswalds von Wolkenstein am Beispiel des so genannten Hussitenliedes "Ich hab gehört durch mangen granns", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77189