Der fehlgeleitete Kreuzzug - Warum Richard Löwenherz Jerusalem nicht angegriffen hat


Hausarbeit, 2007
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der erste Marsch auf Jerusalem Januar 1192

3. Der zweite Marsch auf Jerusalem Juli 1192

4. Interpretationen der Forschung

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„I want to get right to my subject for it is a story that should be told, a story which tells of the misadventure that happened to us..“[1] schreibt Ambroise in den ersten Zeilen der Estoire de la guerre sainte, seiner Erzählung des Dritten Kreuzzuges. Zweimal – im Januar und Juli 1192 - stand das Kreuzfahrerheer 12 Meilen vor Jerusalem. Zweimal hat das Heer die Stadt nicht angegriffen. Warum hatten die Kreuzfahrer diesen Schritt nicht gewagt? Warum hatte ihr Anführer Richard Löwenherz, einer der wagemutigsten Ritter des 12. Jahrhunderts, nicht auf einen Angriff gedrängt? Das Ziel dieser Arbeit ist es, diesem Problem anhand der Quellen und Forschungsmeinungen näher auf den Grund zu gehen.

Zuerst werden die Quellenausschnitte untersucht, welche uns von den Kreuzfahrer vor Jerusalem erzählen. Im ersten Abschnitt wird der Fokus auf dem Januar 1192 liegen – im zweiten auf dem Juli.

Anschließend werden zwei Forschungsmeinungen über diese Ereignisse diskutiert.

Die Bewertung Richard Löwenherz ist ein viel diskutiertes Thema in der Forschung. Dass Richard Löwenherz an dem Ziel Jerusalem zu erobern gescheitert ist, wird dabei nur als ein Ereignis unter vielen diskutiert. Doch ein Blick in die Quellen wird zeigen, dass einige Chronisten sich genötigt sahen, Richard genau dafür zu rechtfertigen. Diese Arbeit wird auch untersuchen inwieweit die (Nicht-)Eroberung Jerusalems ein Kriterium für die Bewertung Richards ist.

2. Der erste Marsch auf Jerusalem Januar 1192.

Am 8. Juni 1191 traf Richard Löwenherz im Feldlager vor Akkon ein.[2] Nach der erfolgreichen Eroberung Akkons beschloss König Philipp Augustus die Heimreise anzutreten, wodurch Richard der uneingeschränkte Oberbefehlshaber des Kreuzfahrerheeres wurde.[3] Sowohl der Tod Friedrich Barbarossas als auch die militärischen Erfolge in Akkon verliehen ihm, als letzten Monarchen auf Kreuzzug, Autorität im Heer. Das militärische Geschick Richards bescherte den Kreuzfahrern eine Reihe von Erfolgen gegen das islamische Heer: Er dirigierte das christliche Heer sicher die Küste entlang, schlug Saladins Heer bei Arsuf[4] und besetzte Jaffa.[5] Geoffrey Regan resümiert: „ In a very real sense Richard was the supreme warrior of his time.“[6] Doch durfte er dabei das eigentliche Ziel der Kreuzfahrer – Jerusalem – nicht vergessen. Insbesondere die französischen Truppen waren ins Heilige Land gekommen, um Jerusalem zu erobern – nicht für Richards Eroberungen.[7] Am 3. Januar 1192 wurde der Befehl erteilt nach Beit Nuba vor Jerusalem zu ziehen[8] bzw. erreichte das Heer die Festung.[9] Doch warum hat das Heer Jerusalem nicht angegriffen?

Einen Anhaltspunkt gibt uns die Chronik Itinerarium Peregrinorum et Gesta regis Ricardi, deren Autor nicht einwandfrei bekannt ist[10], und die Estoire de la guerre sainte von Ambroise. Beide sind mit geringem zeitlichem Abstand zu den Ereignissen verfasst – das Itinerarium ist vermutlich zwischen 1216 und 1222 entstanden. Beide Werke weisen nur geringe Unterschiede auf, so dass die Vermutung nahe liegt, dass ihnen beiden eine dritte Quelle zu Grunde lag, welche heute verloren ist. Allerdings könnte auch die Estoire die Grundlage für die letzten fünf Bücher des Itinerariums sein, wobei die Unterschiede durch Probleme bei der Übersetzung entstanden sein könnten.[11] Sowohl die detaillierte Darstellung der Ereignisse als auch die sprachliche Ausgestaltung haben den Charakter eines Augenzeugenberichtes, so dass die Autoren selbst oder der Autor ihrer Quelle zum Heer von Richard gehörten. Beide Quellen sind im romanischen Stil abgefasst.[12]

Beide Quellen sehen Richard Löwenherz als einen Helden im Kreuzzug und beschreiben seine heroischen Eigenschaften und Taten. Allerdings stellen sie auch ein gutes historisches Zeugnis dar, in dem die Fehler von Richard Löwenherz nicht verleugnet werden. Die Loyalität gilt dabei in erster Linie dem Kreuzzug. Im Itinerarium sind dabei Abschnitte über die Administration Richards enthalten, welche in der Estoire fehlen. Das zeigt, dass der Autor ein größeres Interesse für den Hof Richards hatte.[13] Insgesamt liefern uns das Itinerarium und die Estoire ein von Richard unabhängiges Bild, auch wenn die Sympathie für Richard sowie die Stilisierung des Kreuzzuges kritisch hinterfragt werden muss.

Was sagt uns das Itinerarium über die Ereignisse im Januar 1192? Zuerst gibt uns die Quelle ein plastisches Bild vom Zustand des Heeres, welches durch Stürme und heftigen Regen enorm geschwächt war.[14] Jedoch wäre die Kampfmoral und die Vorfreude Jerusalem einzunehmen innerhalb des Heeres enorm gewesen.[15] Nur die Hospitaliter und die Templer rieten Richard aus zwei Gründen vom Angriff auf Jerusalem ab. Ihre Gründe sind laut Itinerarium erstens: „exercitus Turcorum exterior, qui non procul inde in montanis sedebat, obsidentibus repentinas moliretur incursiones, et periculosior pugna committeretur hinc ab externis, inde ab exeuntibus obsessis; tum et si omnia succederent ad votum, et obtinerent civitatem Jerusalem, nec hoc etiam epedire visum est, nisi statim viri robustissimi deputarentur qui custodirent civitatem; quod quidem autumabant non facili posse compleri, præsertim cum plebem perpendissent avidissimam ad peregrinationem consummandam, ut inde sine mora repatriarent singuli, turbationis rerum jam ultra modum pertæsi.“[16]

Die Führer der Armee inklusive Richard schlossen sich diesem Rat am 6. Januar 1192 an, da sie es für sicherer hielten, vorher Askalon zu erobern, um ihre Linien zu sichern.[17] Interessant ist dabei, dass schon im Itinerarium rückblickend die Schwäche der muslimischen Truppen beschrieben wird, was in der Aussage gipfelt: „procul dubio de facili civitas ill diu desiderata Jerusalem expugnaretur.“[18] Der Grund Jerusalem nicht einzunehmen, lag also an diesem Punkt in einer rein militärisch-taktischen Erwägung: Dass mit den bisherigen Kräften Jerusalem nicht einzunehmen oder zu halten sei und dafür weitere Eroberungen notwendig wären. Diese Entscheidung hat sich anscheinend schon für Zeitgenossen als Fehlentscheidung herausgestellt. Eine besondere Absicht der Hospitaliter und Templer die Kreuzfahrer von ihrer Entscheidung Jerusalem zu erobern abzubringen, ist nicht erkennbar.

Ein eher merkwürdiges Bild dieses Ereignisses gibt uns dagegen Baha al-Din Ibn Shaddad. Er war einer der engsten Vertrauten Saladins, von 1188 bis zum Tode des Sultans. Seine Geschichte Saladins ist kurz nach dem Tod Saladins entstanden, während er im Dienst dessen Sohnes Zahir Ghazi stand.[19] Die Geschichte spricht deshalb stark zu Gunsten Saladins, wobei sie an vielen Stellen einen guten Einblick in die Sichtweise Saladins und die Wahrnehmung des Kreuzzuges durch die Muslime liefert. Jedoch verblüfft die Beschreibung des zu betrachtenden Ereignisses.

[...]


[1] Ambroise, The History of the Holy War. Marianne Ailes (Übers. Hrsg.), Woodbridge 2003, S. 29.

[2] Vgl. Steven Runciman, Geschichte der Kreuzzüge. München 1995, 819. (folgend zitiert als Runciman, Kreuzzüge)

[3] Vgl . Runciman, Kreuzzüge, 824-825.

[4] Vgl. Runciman, Kreuzzüge, 829.

[5] Vgl. Runciman, Kreuzzüge, 830.

[6] Geoffrey Regan, Lionhearts. Saladin and Richard I. London 1998, 174. (folgend zitiert als Regan, Lionhearts).

[7] Vgl. Regan, Lionhearts, 185.

[8] Vgl. Regan, Lionhearts, 192.

[9] Vgl. Runciman, Kreuzzüge, 834. [Die Angaben unterscheiden sich in der Literatur]

[10] Über den Verfasser des Itinerariums gibt es in der Forschung unterschiedliche Auffassungen, welche der Autor nicht abschließend untersuchen kann. Es ist für die gegebene Fragestellung auch nicht weiter relevant. Eine gute Diskussion der Urheberschaft liefert Hans Eberhard Mayer, Das Itinerarium peregrinorum. (Schriften der Monumenta Germaniae Historica, Bd. 18). Stuttgart 1962, 80 - 103.

[11] Vgl. Antonia Gransden, Historical Writing in England. c.550 – c.1307. London / New York 1996, 239 - 240. (folgend zitiert als Gransden, Writing).

[12] Vgl. Gransden, Writing, 241-242.

[13] Gransden, Writing, 241 - 242.

[14] Vgl. Itinerarium Peregrinorum et Gesta regis Ricardi, Liber IV Capitulum. XXXIV. (folgend zitiert als Itenerarium)

[15] Vgl. Itinerarium, Liber IV, Capitulum XXXV.

[16] Itinerarium, Liber IV, Capitulum XXXV.

[17] Vgl. Itinerarium , Liber V, Capitulum I,

[18] Itinerarium , Liber V, Capitulum I.

[19] Baha al-Din Ibn Shaddad, The Rare and Excellent History of Saladin. D.S. Richards (Hrsg.), Hampshire / Burlington 2002, 2 – 5. (folgend zitiert als Ibn Shaddad)

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der fehlgeleitete Kreuzzug - Warum Richard Löwenherz Jerusalem nicht angegriffen hat
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V77202
ISBN (eBook)
9783638804301
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreuzzug, Warum, Richard, Löwenherz, Jerusalem
Arbeit zitieren
Michael Koschitzki (Autor), 2007, Der fehlgeleitete Kreuzzug - Warum Richard Löwenherz Jerusalem nicht angegriffen hat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77202

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