Die thematische Relevanz des Titels in Julio LLamazares' "La Lluvia amarilla"


Seminararbeit, 2003
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Polyfunktionalität der gelben Tönung
2.1 Die Progression der gelben Tönung
2.2 Die zentralen Kapitel für die Bedeutung des Titels
2.2.1 Kapitel 9
2.2.2 Kapitel 15

3 Zusammenfassung

Bibliographie

1 Einleitung

Wie auch in seinen anderen Romanen bedient sich Julio Llamazares in La Lluvia amarilla einer sehr poetischen Sprache, die sich durch die Verwendung zahlreicher Stilmittel wie vor allem Bildern, Metaphern und Antropomorphi-sierungen auszeichnet. Der Roman thematisiert ähnlich den übrigen Werken Llamazares‘ die Verbundenheit zur Heimaterde, die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung und die damit verbundene Problematik der Landflucht sowie Aspekte von Erinnerung und Vergessen. La Lluvia amarilla ist die Geschichte des letzten Einwohners Ainielles, eines verlassenen Bergdorfes in den Pyrenäen. Nach dem Weggang seines letzten Nachbarn und dem Suizid seiner Frau Sabina, bleibt Andrés in völliger Abgeschiedenheit und Einsamkeit in seiner Heimat zurück. Im Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefühle stehen seine Erinnerungen und die damit verbundene Ambivalenz von Trost und Schmerz.

Die Farbe Gelb taucht schon im Titel auf und zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Roman. Auch wenn dem Leser die vielschichtige Bedeutung dieser Gelbtönung erst beim Lesen des Romans offenbart wird, so wird er doch durch den Titel für diese Tönung sensibilisiert und wird nun den Roman beim Lesen nach der Farbe Gelb „scannen“. Das Gelbliche erlangt im Handlungsverlauf eine immer stärkere Präsens und wird zur Beschreibung zahlreicher Gegenstände, aber auch Gefühle, in sehr unterschiedlichen Kontexten neu aufgegriffen und facettenreich ausgeführt. Indem diese gelbe Tönung immer wieder kehrt und sich auf zahlreiche Aspekte der Außen- und Innenwelt Andrés‘ ausweitet, erfährt sie im Laufe des Romans eine starke Bedeutungsaufladung und bildet so das Leitmotiv. Dem gelben Regen wird die immer deutlicher werdende Rolle einer vereinnahmenden, zerstörerischen Kraft zugeschrieben. Llamazares bedient sich ganz bewusst dieser metaphorischen Gelbtönung, weil sie sich gut eignet, dem Leser die Erlebnisse und Gefühle des Protagonisten durch die vielschichtig eingesetzte Farbsymbolik sinnlich nahe zu bringen. So stellt La Lluvia amarilla keine bloße Dokumentation der Situation Andrés‘ dar, sondern vielmehr eine Erfahrung, die der Leser auch sinnlich nachvollzieht. Die gelbe Tönung berührt jedoch nicht nur immer wieder neue Facetten der äußeren und inneren Umgebung Andrés‘, sie erfährt durch ihre sukzessive Verdichtung auch eine deutliche Steigerung.

2 Die Polyfunktionalität der gelben Tönung

Dem Leser begegnet das Motiv des Gelben in zahlreichen unterschiedlichen Kontexten. Es kommt dabei zunächst zur Schaffung einer von Zerfall und Verlassenheit geprägten Atmosphäre zum Einsatz und legt sich nach und nach auch auf physische und äußere Gegebenheiten sowie auf die geistige und seelische Verfassung des Protagonisten. Dieser facettenreichen Darstellung der wechselseitigen Beeinflussung von Außen und Innen sind zusätzlich zahlreiche Metakommentare zum Thema der Erinnerung und des Vergessens zwischen geschaltet. All diese Elemente erfahren im Handlungsverlauf nicht nur eine Steigerung, sondern werden auch auf verschiedene Weise miteinander verwoben. Die Progression der Polyfunktionalität und der Bedeutung der gelben Tönung sowie deren Zusammenhang mit dem Titel selbst sollen im Folgenden anhand von Zitaten aus dem Primärtext dargestellt und erläutert werden. Hierbei sollen die Kapitel 9 und 15 herausgestellt werden, da sie für die Bedeutung des Titels eine zentrale Rolle spielen.

2.1 Die Progression der gelben Tönung

Bereits in Kapitel 1 taucht die Gelbtönung erstmals auf. Auch wenn dem Leser die besondere Bedeutung dieser Farbe für den Roman zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar ist, so setzt Llamazares sie hier ein, um die Atmosphäre in Ainielle zu beschreiben:

Y, entonces, al contraluz amarillento y fantasmal de las linternas [...] descubrirán entre los chopos la silueta del molino [...] y, luego, al fondo, recortándose en el cielo, el perfil melancólicio de Ainielle. (Kap.1/S.11)

In diesem Zusammenhang wird das gelbliche Licht der Taschenlampe beschrieben, in dessen Schein die Suchenden das Bergdorf Ainielle entdecken. Durch die Wahl dieser Beschreibung erzeugt Llamazares schon in der Einführung in das Geschehen eine von Verlassenheit, Zerfall und Einsamkeit geprägte Stimmung, welche sich ja beim Lesen des Romans noch deutlich verstärken wird. Indem Llamazares an dieser Stelle sogar das Wort fantasmal, d.h. gespenstisch gebraucht, antizipiert er, wenngleich nur implizit die unheimlichen Ereignisse, die Andrés zu einem späteren Zeitpunkt im Roman schildert, wie beispielsweise die Erscheinungen der Geister seiner Mutter, seiner Frau und vieler anderer früherer Bewohner Ainielles. Die von Zerfall und Einsamkeit geprägte Atmopsphäre in diesem Bergdorf wird vor dem Hintergrund des Herbstes für den Leser noch stärker spürbar und erzeugt so ein melancholisches, tristes Stimmungsbild:

Durante varios dias, por la ventana de la cuadra, Sabina y yo le [el otoño] vimos recorrer los campos solitarios, inclinar a su paso las cercas de los huertos y las empalizadas, arrancar con crueldad las hojas de los chopos antes aún de que amarillearan. (Kap.2/S.18)

Die allgemein sehr deprimierende Stimmung wird hier für den Leser explizit wie implizit über die gelbe Tönung erfahrbar und spürbar gemacht. Der Herbst als Symbol für Alter und Zersetzung verstärkt dieses Bild des Zerfalls und der von Verlassenheit und Melancholie geprägten Stimmung Andrés‘, aber auch Ainielles, umso mehr:

A través de la ventana, podía ver el portalón hundido y devorado por el musgo del molino y los reflejos temblorosos de los chopos sobre el rio: inmóviles, solemnes, como columnas amarillas bajo la luz mortal y helada de la luna. (Kap.9/S.81)

Auffällig sind auch die zahlreichen Metakommentare zur Thematik von Erinnerung und Vergessen, in denen der Protagonist den gelben Regen oft als Sinnbild für diese Thematik verwendet:

El tiempo acaba siempre borrando las heridas. El tiempo es una lluvia paciente y amarilla que apaga poco a poco los fuegos más violentos. (S.51/Kap.6)

Im weiteren Handlungsverlauf werden immer mehr Gegenstände mit der Farbe Gelb in Verbindung gebracht. Während die Farbe Gelb im Zusammenhang mit dem Herbst eine natürliche menschliche Assoziation ist, derer sich Llamazares hier sinnhaft und symbolisch bedient, so erfährt sie im Folgenden eine semantische Entgrenzung. Denn die Gelbtönung legt sich nun auf immer mehr physische Gegenstände im Umfeld Andrés‘ und zeigt sich als eine zerstörerische und zermürbende Kraft, die nun nicht mehr nur zur Erzeugung einer bestimmten Atmosphäre eingesetzt wird, sondern sich sehr konkret in unterschiedlichen Ausprägungen dokumentiert:

Por eso, aquella noche, cuando, de pronto, reparé en la presencia amarillenta del retrato, los ojos de Sabina se clavaron en los míos, como si, en ese instante, ambos se hubieran visto por primera vez. (Kap.3/S.34)

Hier hat Andrés den Eindruck, dass die Augen seiner Frau auf einem Foto ihn anstarren, was wiederum eine gespenstische und zugleich von Einsamkeit und Melancholie bestimmte Atmosphäre schafft:

Los ojos amarillos de Sabina me miraban. Su soledad antigua se extendía como una mancha húmeda por toda la pared. (Kap.3/S.35)

Zugleich wird hier der Leser zum ersten Mal auf die Möglichkeit einer verzerrten Wahrnehmung Andrés aufmerksam, die sich seinen Ausführungen zufolge später noch verstärken wird. Es fällt auf, dass die Fotografie als ein Erinnerungsträger von der Vergilbung „befallen“ und somit ebenfalls dem Zerfall und der Zersetzung geweiht ist. Llamazares beschreibt hier einen einzelnen Gegenstand, dessen Schicksal jedoch auch symptomatisch ist, sowohl für die Innenwelt Andrés‘ wie auch für sein Umfeld, vor allem für sein Dorf, Ainielle. Ein besonders deutliches Symbol für die wechselseitige Beeinflussung der tristen und zerfallenden Außenwelt Andrés‘ und seiner zunehmend getrübten Wahrnehmung ist das Fenster:

La perra había dejado de ladrar y su silencio me alarmaba más aún que aquel extraño eco de palabras. Más, incluso, que la lluvia amarilla teñía por completo de amarillo la ventana. (Kap.10/S.81)

Indem das Fenster sich durch den „gelben Regen“ der herbstlichen Pappelblätter gelb färbt, nimmt es Andrés die Möglichkeit zu einer klaren Sicht. Sieht er die Dinge alle durch den gelben Schleier, der sich auf sein Fenster und somit auch auf seine Fähigkeit zu einer deutlichen, unverfälschten Wahrnehmung legt, so färben sie sich für ihn ebenfalls gelb und er ist nicht mehr imstande, zwischen Dingen zu unterscheiden, die tatsächlich gelb sind und jenen, die nur er als gelb wahrnimmt, weil seine Sicht vom „gelben Regen“ getrübt und verfälscht ist:

Era una noche fría, de finales de otoño, y la lluvia amarilla cegaba, como ahora, la ventana. (S.87/Kap.10)

Das getrübte Wahrnehmung wird allerdings nicht nur dem Protagonisten zum Verhängnis, sie hat auch auf den Leser Einfluss: Indem Llamazares sich der gelben Tönung zur Veranschaulichung und Erfahrbarmachung des inneren und äußeren Zerfalls bedient, spricht er die Sinne des Lesers an und ermöglicht ihm so, diesen sich steigernden Prozess des Verfallens nach zu vollziehen. Ähnlich der Methode, in Filmen Rückblenden oder Erinnerungen in schwarz-weiß Aufnahmen darzustellen, ist auch in La Lluvia amarilla die subjektive und unter Umständen verfälschte Wahrnehmung Andrés‘ durch die gelbliche Tönung gekennzeichnet.

Auch Andrés selbst glaubt sich auf einer Ebene zwischen Wirklichkeit und Imagination und zweifelt seinen Verstand wiederholt an:

Todo había sucedido tan deprisa, tan confusa y bruscamente, que todavía no me hallaba muy seguro de estar viviendo un sueño. (Kap.10/S.88)

Diese zunehmende Schwierigkeit für den Protagonisten wie für den Leser, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden wird durch die Präsenz des gelben Schleiers, der sich auf die Wahrnehmung Andrés‘ gelegt hat, noch verstärkt:

[...] el viento me cegaba y me empujaba hacia los lados y, sobre los tejados y las tapias de las casas, el cielo era amarillo como en las pesadillas. Pero no. Aquello no era un sueño. (Kap.19/S.88)

Aufgrund der schmerzvollen Erinnerung an die Vergangenheit und der immer stärker werdenden Einsamkeit wird Andrés zunehmend depressiver und zweifelt seinen Verstand immer häufiger an. Im Zusammenhang mit zahlreichen Metaphern der Fäulnis und der Zersetzung erlangt die gelbe Tönung die Rolle einer ihn auffressenden und zersetzenden Kraft, der sein Geist nicht standhalten kann:

Después de aquella noche - aquella larga noche, en que, por primera vez, la locura depositó sus larvas amarillas en mi alma -, la paz regresó al fuego [...] (S.47/Kap.5)

Diese gelben Larven, die seinen Verstand und seine Seele langsam auffressen und ihn zunehmend verwirren, sind ein weiteres deutliches Symbol für den geistigen und seelischen Zerfall Andrés‘, der immer wieder von unheimlichen Erscheinungen, wie den Geistern seiner Angehörigen oder der früheren Einwohner von Ainielle heimgesucht wird. Im fortschreitenden Prozess der Verwirrung verkörpert der gelbe Regen die Situation Andrés‘, die von Todesnähe und völliger Isolation bestimmt ist, und scheint nach und nach nicht nur seine geistige und seelische, sondern auch seine körperliche Gesundheit zu beeinträchtigen:

Me sirve ahora, al cabo de los años, cuando el dolor encharca mis pulmones como una lluvia amarga y amarilla, para escuchar sin miedo a la lechuza que anuncia ya mi muerte entre el silencio a las ruinas de este pueblo, que dentro de muy poco, morirá también conmigo. (S.74/Kap.8)

Der „gelbe Regen“ wird von Andrés mit seinem inneren Schmerz um den Verlust seines Dorfes und damit eines Stücks seiner eigenen Identität verglichen. Dieser Vergleich veranschaulicht in hohem Maße die zerstörerische, zersetzende Kraft, die Andrés dem gelben Regen immer wieder zuschreibt. Seine zunehmende Verwirrung und Entfremdung von der Realität wirken sich so extrem auf die Wahrnehmung seiner Außenwelt aus, dass er auch diejenigen Gegenstände und Naturphänomene mit Zerfall und Verderben assoziiert, die das genaue Gegenteil davon bedeuten:

Unas manzanas grandes, carnosas, amarillas, que dejé que se pudrieran en el árbol, sin probarlas, porque sabía que nutrían su esplendor con la savia putrefacta de la muerte. (S116/Kap.14)

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die thematische Relevanz des Titels in Julio LLamazares' "La Lluvia amarilla"
Hochschule
Universität Mannheim  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V77213
ISBN (eBook)
9783638804332
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Relevanz, Titels, Julio, LLamazares, Lluvia, Proseminar
Arbeit zitieren
Eva Fernández Ammann (Autor), 2003, Die thematische Relevanz des Titels in Julio LLamazares' "La Lluvia amarilla", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77213

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