Die Substitution para- und nonverbaler Elemente in der computervermittelten Kommunikation

Der Spezialfall der Emoticons und ihre Rolle bei der Vermeidung von Missverständnissen


Bachelorarbeit, 2006
47 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Computervermittelte und Nonverbale Kommunikation
1.1 Definition und Eigenschaften der Computervermittelten Kommunikation 1.2 Non- und paraverbale Elemente der Kommunikation
1.3 Das Problem der Kanalbeschränkung

2. Die empirische Untersuchung
2.1 Der Untersuchungsgegenstand: Das Forum
2.2 Die Fragebögen
2.3 Demographie der Befragten
2.4 Einstellung zum Ring*Con-Unterforum

3. Missverständnisse in der Computervermittelten Kommunikation
3.1 Ein Beispiel aus dem Forum
3.2 Die unterschiedliche Interpretation von Beispielsätzen
3.3 Mögliche Gründe für die Missverständnisse
3.3.1 Verschiedene Nutzer-Gruppen
3.3.2 Ironie
3.3.3 Theoretische Ansätze zur Erklärung
3.3.3.1 Austin
3.3.3.2 Habermas
3.3.3.3 Grice
3.4 Erklärungsansätze der befragten Teilnehmer
3.5 Zusammenfassung

4. Vermeidung von Missverständnissen in Computervermittelter Kommunikation
4.1 Möglichkeiten der Substitution non- und paraverbaler Elemente
4.1.1 Handlungen beschreiben
4.1.2 Tonfall
4.1.3 Pseudo-UBB-Code
4.1.4 Mimik und Gestik
4.1.5 Verteilung der Möglichkeiten im Datenmaterial
4.2 Die Substitution durch Emoticons
4.2.1 Emoticons im Forum
4.2.2 Die Bewertung der Beispielsätze mit Emoticons

Schluss

Literaturverzeichnis

Anhänge
Fragebogen 1
Fragebogen 2 - Testgruppe 1
Fragebogen 1: Bewertung von Beispielsätzen
Zitierte Fragebögen

Einleitung

Aus dem einst militärischen Netz, in dem das heutige Internet seine Ursprünge hat, ist ein Kommunikationsmedium entstanden, das neben dem direkten Kontakt, dem Telefonat und vielen anderen Kommunikationsformen immer wichtiger wird. Mit diesem wachsenden Einfluss des Internets wächst auch das Interesse an den spezifischen Problemen der Computervermittelten Kommunikation.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich an einem konkreten Beispiel mit den möglichen Gründen für auftretende Kommunikationsschwierigkeiten und ihrer Behebung durch die Substitution der fehlenden non- und paraverbalen Elemente. Dies soll am Spezialfall der Emoticons näher betrachtet werden. Der aktuelle Anlass für diese Entscheidung war eine Diskussion um die Einführung neuer Emoticons im untersuchten Forum. In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Frage, wie wirkungsvoll diese Art der Substitution überhaupt ist oder ob es sich vielleicht doch nur um eine "Spielerei" handelt. Die empirische Grundlage für diese Untersuchung waren zwei Fragebögen, die von Besuchern des betreffenden Forums ausgefüllt wurden.

Nach den theoretischen Grundlagen der Computervermittelten Kommunikation und dem damit einhergehenden Problem der Kanalbeschränkung beschäftigt sich diese Arbeit mit möglichen Missverständnissen und Ansätzen zu ihrer Erklärung. Auf dieser Basis erfolgt eine nähere Betrachtung der Möglichkeiten zur Vermeidung dieser Missverständnisse auf der Basis der Substitution para- und nonverbaler Elemente Abschließend soll auf den Spezialfall der Emoticons und ihren Einfluss auf die Verständlichkeit von Äußerungen in der Computervermittelten Kommunikation eingegangen werden.

1. Computervermittelte und Nonverbale Kommunikation

1.1 Definition und Eigenschaften der Computervermittelten Kommunikation

Es erweist sich als schwierig, eine allgemeine Definition von Computervermittelter Kommunikation (CvK) zu geben, zu verschieden sind ihre Ausprägungen. Festzuhalten ist, dass es sich bei dieser Art der Kommunikation um eine "indirekte textbasierte Kommunikation zwischen zwei oder mehreren Personen, die Computernetze zur wechselseitigen Verständigung nutzen" (Rauchfuß 2003: 51) handelt. Da jedoch die CvK kein einheitliches Phänomen ist, muss bei allem, was über diese grundlegende Definition hinausgeht, der genaue Kontext beachtet werden. Eine grobe Unterscheidung lässt sich durch eine Aufteilung in asynchrone und synchrone Kommunikation vornehmen, wie sie bei Batinic erfolgt ist. Die asynchrone Kommunikation definiert er als eine Art der Kommunikation, "bei der die Botschaften aufgezeichnet oder aufgeschrieben, mit zeitlicher Verzögerung zum Adressaten transportiert und erst dann (vielleicht) von diesem rezipiert werden" (Batinic 2000: 346). Zum anderen wird die synchrone Kommunikation von ihm als Kommunikation definiert, bei der "eine wechselseitige Kommunikationsverbindung hergestellt wird, die Kommunikationspartner zur gleichen Zeit aktiv sind und unmittelbare Rückkopplung möglich ist" (Batinic 2000: 346). Die hier untersuchte Form der Computervermittelten Kommunikation, ein Forum, liegt bei genauerer Betrachtung genau zwischen diesen beiden Ausprägungen: Zwar ist es darauf angelegt, dass eine Botschaft aufgezeichnet und dann mit zeitlicher Verzögerung gelesen wird (asynchrone Kommunikation), gleichzeitig ist es aber durchaus möglich, durch die schnelle Abfolge von Einträgen eine Art synchrone Kommunikationssituation zu erstellen.

Die Computervermittelte Kommunikation weist Eigenschaften auf, die sie klar von der als Regelfall angesehenen Face-to-Face-Kommunikation abgrenzt. Sie setzt "räumliche und zeitliche Beschränkungen der natürlichen Kommunikation außer Kraft" (Stuke 2002: 1); wo bei der Face-to-Face-Kommunikation die Kommunikationspartner in beiden Aspekten anwesend sein müssen, ist dies hier nicht mehr zwingende Voraussetzung. Durch die Verschriftlichung der Sprache können die Äußerungen, die bei Face-to-Face-Kommunikation flüchtig sind, aufgezeichnet und auch zeitversetzt wieder abgerufen werden. Hieraus ergeben sich jedoch auch Gefahren. Durch die geringe soziale Präsenz entfallen die für die Kommunikation sehr wichtigen nonverbalen Elemente fast vollkommen. Dies kann vor allem problematisch werden, wenn es um das Erkennen der Intention einer Äußerung geht. Neben diesen fehlenden Hinweisreizen spielt auch die in der CvK in verschiedenen Ausprägungen vorhandene Anonymität eine wichtige Rolle. Im üblichen Sinne definiert sich laut Bahl Anonymität dadurch, "daß sich Menschen zwar körperlich begegnen, aber darüber hinaus wenig oder nichts voneinander wissen" (Bahl 1997: 81). In der Computervermittelten Kommunikation kommt es jedoch zu einer Auflösung dieser personalen Unmittelbarkeit (Vgl. Weingarten 1989: 61), wodurch sich auch der Charakter der Anonymität verändert. Im Gegensatz zur Face-to-Face-Kommunikation sind hier z.B. Name oder auch Wohnort bekannt, doch es fehlt der physische Kontakt zum Gegenüber. Dies führt zu einer ganz eigenen Art der Anonymität, die jedoch mit all ihren feinen Abstufungen betrachtet werden muss. Von ausführlichen Informationen über den Kommunikationspartner - eventuell sogar mit einem persönlichen Treffen verbunden - bis hin zur flüchtigen Begegnung mit jemandem, von dem man nur den Namen kennt, ist alles vertreten.

1.2 Non- und paraverbale Elemente der Kommunikation

Bei der Beschäftigung mit Kommunikation stößt man immer wieder auf die Wichtigkeit der non- und paraverbalen Elemente. Greis zum Beispiel stellt fest, dass sie ein "wesentlicher Zweig der Kommunikation in der interpersonalen Begegnung" (Greis 2001: 63) sind, und dass "bis zu zwei Drittel aller Informationen in interpersonalen Kommunikationsprozessen [...] aus nonverbalem Verhalten erschlossen" (Greis 2001: 63) werden. Weiterhin hält sie die Wichtigkeit der paraverbalen Elemente fest: "Mittels parasemantischer Funktionen wird eine Äußerung unterstrichen oder verändert, ihr wird widersprochen oder sie wird sogar ersetzt" (Greis 2001: 64). Darüber hinaus tragen sie "in besonderer Weise zur Verständigung der Kommunikationspartnern über die bloße Vermittlung von Informationen hinaus bei" (Greis 2001: 63). Carter spricht gar von "nonverbal behaviour as the primary messenger" (Carter 2003: 32). Zu den nonverbalen Elementen zählen Gestik, Mimik, Augenbewegungen, Bewegungen des Körpers - kurz gesagt alles, was nicht mit der Stimme des Sprechers zu tun hat. Die paraverbalen Elemente wie Satzmelodie (Prosodie), Betonungen, flüssiges oder stockendes Sprechen, Tonhöhe, Lautstärke oder auch der Sprechrhythmus werden von Carter kurz und prägnant zusammengefasst: "Paralanguage includes all stimuli produced by the human voice (with the exceptions of words themselves) that can be heard by another human" (Carter 2003: 32). Durch all diese Elemente wird eine Äußerung akzentuiert und gegliedert und es werden Informationen vermittelt, die über das eigentlich Gesagte hinausgehen. Besonders wichtig sind diese Elemente z.B. bei Ironie. Aus dieser Notwendigkeit der para- und nonverbalen Elemente ergibt sich auch eines der größten Probleme der Computervermittelten Kommunikation: Die Kanalbeschränkung.

1.3 Das Problem der Kanalbeschränkung

Im Gegensatz zur vorhandenen Vielfalt der Kanäle (Worte, para- und nonverbale Elemente, ...) in der Face-to-Face-Kommunikation kommt es in der CvK zur sogenannten Kanalbeschränkung:

Während nichtmedial vermittelte Kommunikation über eine Vielzahl von Kommunikationskanälen erfolgt, Hören, Sehen, Riechen, Fühlen und z.B. das gesprochene Wort durch die anderen Kanäle gestützt wird, beschränkt sich die Interaktion in internetvermittelten Sozialräumen auf einen einzigen Kanal (Stegbauer 2000: 25).

Durch diese Reduktion entsteht nun das Problem, dass die oft wichtigen (und unbewusst ausgesandten und aufgenommenen) analogen Informationen wie z.B. Mimik und Gestik fehlen, die dabei helfen, die eigentliche Aussage hinter den gebrauchten Worten zu verstehen. Die Möglichkeiten der Ersetzung dieser fehlenden Kanäle stellt eine der großen Herausforderungen der Computervermittelten Kommunikation dar.

2. Die empirische Untersuchung

2.1 Der Untersuchungsgegenstand: Das Forum

Gegenstand dieser Untersuchung ist das unter der Adresse http://forum.herr-der-ringe-film.de/ zu erreichende Herr der Ringe-Forum, das in den Jahren seines Bestehens einige tausend Mitglieder hat gewinnen können. Schon diese Größe war ein Kriterium für die Auswahl als Untersuchungsgegenstand, da dies die Erhebung repräsentativer Daten für einen eng eingegrenzten Raum ermöglicht. Von den fünf Unterforen, in die das Forum aufgeteilt ist - Mittelerde & andere phantastische Welten; Gesellschaft, Kultur, Freizeit; Spiel & Spaß; Unsere Community und Ring*Con - wird sich diese Untersuchung auf letzteres konzentrieren, in dem es um die jährliche Veranstaltung Ring*Con geht. Wohl wichtigster Grund für die Auswahl gerade dieses Unterforums war eine große Zahl von Missverständnissen und daraus folgenden verbalen Auseinandersetzungen, die hier zu finden sind.

2.2 Die Fragebögen

Eine wichtige Basis für diese Arbeit sind die Ergebnisse zweier Online-Fragebögen, die an eine Gruppe von Forums-Nutzern herausgegeben wurden. Die Form der Online-Fragebögen wurde gewählt, um die Befragungsumgebung möglichst nah an der Realität, dem Forum, zu halten. Um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu gewähren, wurde jeder der Benutzer gebeten, beide Fragebögen auszufüllen. Neben statistischen Angaben wie Alter, Geschlecht, Zeitraum der Forums-Zugehörigkeit etc., arbeitete der erste Fragebogen zunächst die Einstellung zum Ring*Con-Unterforum heraus. Diese war für die Auswertung der folgenden Angaben von Bedeutung, da je nach Einstellung zum Untersuchungsgegenstand auch die gegebenen Antworten variieren können. Kernstück dieses Fragebogens jedoch war eine Reihe von Sätzen (ohne jeglichen Gebrauch von Ersetzungen para- und nonverbaler Elemente), die hinsichtlich ihrer Aussage bewertet werden sollten. Abschließend folgte eine weitere Frage zur möglichen Vermeidung von Missverständnissen. Da bei der Optimierung von Kommunikation die Kommunikationsteilnehmer natürlich an erster Stelle stehen, dient dies auch dazu, um die Akzeptanz der verschiedenen Problemlösungen in Erfahrung zu bringen

Auf der Basis der Ergebnisse dieses ersten Fragebogens erfolgte die Erstellung eines zweiten. Der Schwerpunkt lag hier deutlich - aufgrund der Fragestellung dieser Arbeit aber auch der Antworten aus dem ersten Fragebogen - auf den Möglichkeiten der Substitution von para- und nonverbalen Elementen der CvK. Nachdem zunächst eine Einstufung der Wirksamkeit verschiedener Möglichkeiten der Substitution stattfand, konzentrierte sich im folgenden der Fragebogen auf die Nutzung verschiedener Emoticons, die das Forum zur Verfügung stellt. Den abschließenden Teil dieses Fragebogens bildeten die selben Sätze, die bereits im ersten Verwendung fanden, diesmal jedoch mit der Verwendung von Emoticons. Dies erfolgte in zwei getrennten Testgruppen (jeweils 50% derer, die den ersten Bogen ausgefüllt hatten), um einen direkten Vergleich zwischen der Bewertung der Sätze aus dem ersten Fragebogen und der Bewertung der Sätze aus dem zweiten Fragebogen (unter besonderer Berücksichtigung der verschiedenen Emoticons) zu gewährleisten.

2.3 Demographie der Befragten

Bereits bei den statistischen Daten der Befragten zeigten sich mögliche Gründe für auftretende Missverständnisse: Schon die Altersspanne der Befragten ist beachtlich, während das Durchschnittsalter bei 26,05 Jahren liegt, befinden sich nur etwa 50% der Befragten in dieser Altersgruppe der 20- bis 29jährigen. Der Rest verteilt sich zwischen 15 und 49 Jahren. Diese weite Streuung kann aufgrund unterschiedlicher Lebenswelten und variierender Lebenserfahrung zu einigen der auftretenden Missverständnissen führen. Die Tatsache, dass 97% der Befragten Frauen sind, ist für die Vergleichbarkeit der Daten von Vorteil, da hier die eventuellen geschlechtsspezifischen Unterschiede der Deutung einer Aussage nahezu ausgeschlossen werden können. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Unterscheidung nach "normalen" Benutzern und Moderatoren/Administratoren. Letztere könnten durch ihre tägliche Arbeit (u.a. in der Konfliktbewältigung und - moderation) Äußerungen eher auf ihre Aussage hin hinterfragen. Doch da auch hier die große Mehrheit (97%) zu der Gruppe der Benutzer gehört, kann dieser Aspekt ebenfalls unbeachtet bleiben.

2.4 Einstellung zum Ring*Con-Unterforum

Eine wichtige Grundlage für die vorliegende Untersuchung ist, wie bereits zuvor genannt, die Einstellung zum Ring*Con-Unterforum, da diese die Antworten beeinflussen kann. Zunächst war die Häufigkeit der Besuche in diesem Unterforum von Interesse. Hier zeigte sich, dass mehr als die Hälfte (60%) dieses Unterforum nahezu jeden Tag besuchten und darüber hinaus noch weitere 20% recht oft. Dieser große Anteil der Befragten (80%) wird also mit den "Spielregeln" dieses Unterforums vertraut sein und die impliziten Regeln, die dort in Bezug auf den Umgang miteinander herrschen, kennen. Der nächste Punkt war eine Frage nach der Meinung zum Ring*Con Forum, da diese - wie bereits erwähnt - in nicht zu unterschätzendem Maße die Antworten auf die folgenden Fragen beeinflussen konnte. Auf einer Skala, die die Abstufungen von 1 (Furchtbar) bis 5 (Toll!!!!) beinhaltete erreichten die gewählten Werte einen Mittelwert von 4,09, der eine durchaus positive Einstellung zu diesem Unterforum vermuten lässt. Nahezu 80% der Befragten ordneten das Forum auf der zur Verfügung stehenden Skala bei einem Wert von 4 oder gar 5 (39%) ein, so dass dieser Teil der Befragten überwiegt. Dies lässt den Schluss zu, dass negative Antworten bezüglich des Unterforums nicht auf eine generelle Antipathie zurückzuführen sind. Selbiges gilt wegen des nicht ganz erreichten Maximal-Wertes von 5 für ausfallend positive Bewertungen. Darüber hinaus bestand die Möglichkeit, Gründe für die abgegebene Bewertung zu nennen. Auch in den Antworten auf diese offene Frage spiegelte sich die Tendenz aus der Skala wieder. Betont wurden vor allem die positiven Aspekte, so zum Beispiel die Schnelligkeit, mit der aktuelle Ereignisse in dieses Unterforum finden oder auch der Austausch mit Gleichgesinnten, die Planungen für die nächste Veranstaltung oder auch die gemeinsame Nachbereitung der Vergangenen.

Doch neben diesen positiven Bewertungen fanden sich auch einige, die auf das zu behandelnde Problem hindeuteten. Antworten wie "Leider gibt es dort öfter Streit und Meckereien" (Anhang: VIII) oder auch "Nervig ist manchmal, dass sich die Leute so schnell angiften gegenseitig. Man muss oft wirklich aufpassen, was man wie sagt" (Anhang: VIII), weisen auf die oft angespannte Lage in diesem Teil des Forums hin. Besonders hilfreich für die Erklärungsversuche dieser Problematik erwies sich ein einzelnes kleines Kommentar: "Leider gibt es in der GH eine Art Cliquen-Bildung und damit VIELE Insider, die ein außenstehender User eben nicht versteht" (Anhang: IX). Auf der Basis dieser "Insider" (Witze und Anmerkungen, die nur ein "eingeweihter" Kreis von Benutzern versteht), auf denen oft auch ironische Bemerkungen basieren, kommt es oft zu Missverständnissen die in genanntem Streit enden. Bei näherer Betrachtung des Begriffes "Insider" wird deutlich, dass ein möglicher Erklärungsansatz - natürlich neben anderen - das Konzept der gemeinsamen Wissensbasis darstellt, das im folgenden im Zusammenhang mit einigen relevanten Theorien erläutert wird.

3. Missverständnisse in der Computervermittelten Kommunikation

3.1 Ein Beispiel aus dem Forum

Das folgende Beispiel zeigt, wie aufgrund fehlender Kennzeichnung der genauen Intention eines Satzes Missverständnisse entstehen. Vor dieser Diskussion fand in einem weiteren Thread (=Diskussionsstrang) eine Debatte über die als überteuert empfundenen Preise für Autogramme von Gästen (Schauspielern) der Veranstaltung Ring*Con statt. Grund für den Start dieses Threads[1] war eine weitere Frage von User 1 zu dem Thema der Autogramme. Durch die bereits ausführlich stattgefundene Diskussion dieses Themas ließ sich einer der Mitarbeiter zu einer Bemerkung hinreißen, die im Folgenden zu großer Verwirrung führte:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Was ist in diesem Beispiel nun passiert? Die Bemerkung des Mitarbeiters, so absurd der Vorschlag an sich auch ist - bei einer Rücksendung über den Postweg entstehen höhere Kosten als der eine Cent, der zurückerstattet wird -, so erkennt User 2 zwar noch den Scherz in dieser Aussage, doch bereits bei User 3 ist die Intention des Satzes nicht deutlich geworden. Es folgt eine Diskussion über die Aussage des Mitarbeiter. In den Beiträgen der einzelnen Teilnehmer finden sich bereits Aspekte wieder, die auch im weiteren Verlauf dieser Arbeit Bedeutung gewinnen werden. So wird unter anderem Folgendes angesprochen: "Aber wenn Du - als alter Hase - schon auf den Scherz reinfällst, wie soll dann ein Newbie den Humor von Herrn Neumann verstehen ???" (verbrachte Zeit im Forum) oder auch "Darüber könnte ich jetzt mit Dir streiten, mag aber nicht. Es stand nix von Ironiemodus da oder grinse Smilies" (fehlende Kennzeichnung der Intention der Aussage).

3.2 Die unterschiedliche Interpretation von Beispielsätzen

Um ein genaueres Bild von der sehr unterschiedlichen Deutung einzelner Sätze zu erhalten, bestand der Hauptteil des ersten Fragebogens darin, vorgegebene Sätze bezüglich ihrer Aussage zu bewerten. Um auszuschließen, dass die Sätze aufgrund ihrer kommunikativen Einbettung verstanden wurden, traten sie im Fragebogen isoliert auf. Durch die große Menge an Beiträgen und auch die Parallelität verschiedener Diskussionsstränge innerhalb eines Threads finden sich Äußerungen auch hier oft aus dem Zusammenhang gerissen wieder. So kann es vorkommen, dass zwischen einer Äußerung und der Reaktion darauf zehn, zwölf oder auch fünfzehn Beiträge liegen. Sehr häufig werden somit nur direkt die Äußerungen gelesen, ohne dass der Rahmen, in dem sie sich befinden, beachtet wird. Zudem bestehen viele Beiträge nur aus einem einzelnen Satz. In dieser Hinsicht ist die Bewertung der isolierten Sätze näher an der Realität der Kommunikation in einem Internetforum als solcher Sätze, die in eine passende Umgebung eingebettet werden. Die genauen Ergebnisse dieser Frage befinden sich in Diagrammform im Anhang: VI .

Schon beim ersten Beispielsatz "Was für ein tolles Wetter" zeigten sich Probleme in der Deutung der Aussage. 71%, die absolute Mehrheit, fanden, dass der Satz sowohl die Bedeutung "Das Wetter ist toll" als auch "Das Wetter ist furchtbar" tragen kann. Nur ein knappes Drittel konnte sich für eine der beiden Bedeutungen entscheiden. Ein sehr ähnliches Bild zeigte sich beim zweiten Beispiel, dem Satz "Das will ich doch mal hoffen!!!!". Vermutlich aufgrund der benutzten Ausrufezeichen ordneten 28% der Befragten dies als eine Genervte Aussage ein - doch auch ganze 19% sahen dies als einen Scherzhaften Ausruf an. Über die Hälfte konnte sich auch hier für keine der beiden Aussagen wirklich entscheiden.

Das dritte Beispiel ("Damit alle zufrieden sind, haben wir die Kosten für ein Foto von 30 Euro auf 29,99 Euro gesenkt. Den Cent gibt es gegen Rücksendung des Fotos auf dem Postweg") ist direkt aus dem Forum und dem obigen Beispiel entnommen. Hier zeigt sich im Gegensatz zu den vorhergehenden Beispielen eine klare Tendenz dazu, dass diese Aussage als Scherz verstanden wird - 97%. Bei einem Portopreis von 1,45 Euro (der für die Größe der angesprochenen Fotos von Nöten wäre), übersteigt dieser natürlich den Nutzen, einen einzelnen Cent heraus zu bekommen. Doch noch ganze 3% konnten diese Aussage nicht richtig einordnen (verteilt sich auf "Kann beides sein" und "Weiß nicht").

Bei den Beispielen vier und fünf zeigten sich im Gegensatz hierzu wieder klare Tendenzen. Beispielsatz 4 ("Ihr seid irre") hielten gute 2/3 für liebevolles Necken, etwa ein Drittel jedoch antwortete, dass in dieser Aussage auch eine Beschimpfung vorliegen könnte. Satz 5, "Ich liebe dieses Forum", zeigte eine ähnliche Tendenz: Etwa die Hälfte der Befragten war der Meinung, dass dieser Satz sowohl eine Sympathiebekundung als auch eine genervte Aussage sein konnte. Die Anteile derjenigen, die ihn klar als Sympathiebekundung (42%) oder Genervte Aussage (10%) ansehen war geringer.

Wie diese Ergebnisse zeigen, kann ein und derselbe Satz vollkommen unterschiedlich interpretiert werden. Versteht nun jeder Benutzer des Forums einen geschriebenen Satz anders, kann es leicht zu Missverständnissen kommen.

3.3 Mögliche Gründe für die Missverständnisse

Interessant wird nun die Frage, woher diese verschiedenen Interpretationen kommen können. Im Folgenden soll versucht werden, einige Ansätze zur Erklärung dieses Phänomens und auch der daraus entstehenden Missverständnisse vorzustellen.

3.3.1 Verschiedene Nutzer-Gruppen

Wie bereits zuvor deutlich wurde, setzen sich die Benutzer des Forums aus den verschiedensten Bereichen zusammen. Neben der großen Altersspanne ist hier besonders das Problem der unterschiedlichen Dauer, in der das Forum bereits genutzt wird, von Bedeutung. Bereits im obigen Beispiel findet sich dieser Aspekt wieder: "Aber wenn Du - als alter Hase - schon auf den Scherz reinfällst, wie soll dann ein Newbie den Humor von Herrn Neumann verstehen". Es existiert eine grobe Unterscheidung zwischen den sogenannten Newbies, den Benutzern, die noch nicht lange dabei sind, und den Alt-Usern, die oftmals schon seit Öffnung des Forums, zumindest aber seit einem längeren Zeitraum dabei sind. Wo die genaue Grenze zwischen den Newbies und den Alt-Usern liegt, ist schwierig zu definieren. Klar ist jedoch, dass aufgrund dieser verschiedenen Spannen vollkommen andere Kenntnisse bezüglich der Themen, um die es geht, oder auch der forumsinternen Regeln - die selten explizit genannt werden, deren Missachtung aber sozial bestraft wird - bestehen. Von den Alt-Usern werden - für einen Newbie völlig normale - Verstöße gegen diese Regeln oder auch für sie albern erscheinendes Verhalten oder wiederholt auftretende Fragen oft als störend empfunden, was zu einer zusätzlichen Spannung führt.

Daneben ist auch der Aspekt der mangelnden Vertrautheit von Bedeutung. Durch verschiedene Bereiche, die besonders oft besucht und daher als "Heimat" angesehen werden, werden zusätzlich zu der Unterscheidung zwischen Newbies und Alt-Usern weitere Probleme in Bezug auf eine gemeinsame Wissensbasis erzeugt. Durch die mangelnde Vertrautheit und fehlende Bindung zwischen den Benutzern ergibt sich auch eine Art Anonymität - zwar sind Name und auch Profil (teilweise mit Geburtstag, Geschlecht, e-mail-Adresse etc.) bekannt, doch alles, was über diese Informationen hinaus geht, ist durch den fehlenden Kontakt zwischen diesen verschiedenen Bereichen nicht vorhanden - so zum Beispiel der Stil, wie ein Benutzer schreibt, wie oft und gerne er Ironie benutzt und ähnliches Wissen, das für eine problemlose Kommunikation vorteilhaft und manchmal sogar von Nöten ist.

[...]


[1] http://archiv.herr-der-ringe-film.de/showflat.php/Cat/0/Number/2541555/an/0/page/4#2541555

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Die Substitution para- und nonverbaler Elemente in der computervermittelten Kommunikation
Untertitel
Der Spezialfall der Emoticons und ihre Rolle bei der Vermeidung von Missverständnissen
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
47
Katalognummer
V77404
ISBN (eBook)
9783638786256
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Substitution, Elemente, Kommunikation
Arbeit zitieren
Claudia Sieber (Autor), 2006, Die Substitution para- und nonverbaler Elemente in der computervermittelten Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/77404

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